Die Pubertät spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen mit ADHS. Dies liegt zum einen an den neurobiologischen Veränderungen, die das Gehirn in dieser Phase durchläuft, zum anderen an den besonderen Herausforderungen, denen Jugendliche in dieser Zeit ausgesetzt sind.
Die Quellen betonen, dass das Gehirn in der Pubertät einen strukturellen Umbau erfährt. Es kommt zu einem Prozess, den Dr.med. Ursula Davatz als „synaptic pruning“ bezeichnet, bei dem Synapsen abgebaut und neue neuronale Verbindungen gebildet werden. Das Gehirn wird effizienter, indem es ungenutzte Verbindungen kappt und wichtige Verbindungen stärkt. Dieser Umbau macht das Gehirn in der Pubertät besonders anfällig für negative Einflüsse.
Gleichzeitig stellt die Pubertät Jugendliche vor grosse Herausforderungen: Sie müssen lernen, mit ihren Emotionen umzugehen, ihre eigene Identität zu entwickeln und sich von den Eltern abzulösen. Jugendliche mit ADHS haben aufgrund ihrer hohen Sensitivität und starken Reaktivität oft besondere Schwierigkeiten, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Sie reagieren empfindlicher auf Kritik und Stress und haben möglicherweise Schwierigkeiten, ihre Impulse zu kontrollieren.
Kommt es in dieser sensiblen Phase zu negativen Erfahrungen im Umfeld, kann dies die Entstehung psychischer Erkrankungen begünstigen. Ein übermässig kontrollierendes Umfeld, das den Jugendlichen wenig Freiraum für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit lässt, kann zu Angststörungen, Depressionen und Essstörungen führen. Mädchen mit ADHS neigen eher dazu, sich anzupassen und ihre eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen, was zu einem Anpassungssyndrom führen kann. Jungen mit ADHS reagieren auf restriktive Erziehung eher mit Aggression und oppositionellem Verhalten.
Dr.med. Ursula Davatz betont, dass psychische Erkrankungen bei Jugendlichen mit ADHS oft eine Folge von fehlgeleiteten Interaktionen mit dem Umfeld sind. Sie kritisiert, dass in Institutionen häufig versucht wird, die Jugendlichen an die Norm anzupassen, anstatt ihnen zu helfen, ihre individuellen Stärken zu entwickeln und ihre Herausforderungen zu bewältigen. Statt auf Kontrolle und Bestrafung sollte die Unterstützung von Jugendlichen mit ADHS in der Pubertät auf Verständnis, Akzeptanz und die Förderung von Selbststeuerung und Selbstverwirklichung ausgerichtet sein.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Pubertät eine kritische Phase für die Entstehung psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen mit ADHS darstellt. Die neurobiologischen Veränderungen des Gehirns und die besonderen Herausforderungen, denen Jugendliche in dieser Zeit ausgesetzt sind, machen sie besonders anfällig für negative Einflüsse. Ein unterstützendes Umfeld, das den Jugendlichen hilft, mit ihren Emotionen umzugehen, ihre Identität zu entwickeln und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, kann dazu beitragen, die Entstehung psychischer Erkrankungen zu verhindern.
https://ganglion.ch/pdf/Wie%20und%20wann%20entgleisen%20Jugendliche.pdf
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