Dr. med. Ursula Davatz hinterfragt in ihren Ausführungen die Bedeutung der Diagnosefindung in der Psychiatrie, insbesondere im Kontext von ADHS, ADS und ASS. Sie argumentiert, dass die Diagnose nicht im Vordergrund stehen sollte, sondern der Umgang mit dem individuellen Menschen und seinen Bedürfnissen.
Hier einige zentrale Punkte zu ihrer Sichtweise auf die Diagnosefindung:
- Veränderlichkeit des Gehirns: Das Gehirn ist ein lernfähiges Organ, das sich durch Interaktion mit dem Umfeld ständig verändert. Daher sind Diagnosen in der Psychiatrie nicht so starr wie in der Medizin und können sich im Laufe der Zeit wandeln.
- Ganzheitlicher Ansatz: Dr. Davatz plädiert für einen ganzheitlichen Ansatz, der die individuellen Bedürfnisse, Stärken und Herausforderungen des Einzelnen berücksichtigt.
- Fokus auf den Leidensdruck: Anstatt sich auf die Diagnose zu fixieren, sollte der Fokus auf dem Leidensdruck des Betroffenen liegen. Erst wenn dieser erkannt und validiert wurde, ist die Person bereit für Veränderung.
- Bedeutung des Umfelds: Das Umfeld spielt eine entscheidende Rolle für den Leidensdruck und den Verlauf der Entwicklung. Ein unterstützendes Umfeld kann den Betroffenen helfen, ihre Herausforderungen zu meistern.
- Ablehnung von Bestrafung: Bestrafung und Drohungen sind kontraproduktiv und verstärken den Leidensdruck. Stattdessen sollten kreative Lösungen gefunden werden, die die individuellen Bedürfnisse berücksichtigen.
Dr. Davatz kritisiert die Tendenz in der Medizin, sich über Diagnosen zu profilieren. Sie bemängelt, dass viele Diagnosen nach Personen benannt sind, was das Verständnis der zugrundeliegenden Funktionsweise erschwert. Sie plädiert dafür, sich auf die Funktion zu konzentrieren und nicht auf den Namen.
Im Zusammenhang mit Hypersensibilität betont Dr. Davatz, dass es sich dabei nicht um eine Diagnose handelt, sondern um eine Beschreibung einer Fähigkeit. Sie ordnet Hypersensibilität dem ADHS/ADS-Spektrum zu, da sie beobachtet, dass diese Menschen besonders sensibel auf Reize reagieren.
Die Unterscheidung zwischen ADHS und ADS wird in der Praxis nicht immer klar getroffen. Dr. Davatz selbst verwendet die Begriffe zwar differenziert, räumt aber ein, dass die Grenzen fliessend sind und die Übergänge manchmal schwer zu definieren sind.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dr.med. Ursula Davatz die Diagnosefindung in der Psychiatrie kritisch betrachtet und einen Paradigmenwechsel fordert. Anstatt sich auf die Diagnose zu fokussieren, plädiert sie für einen individuellen und ganzheitlichen Ansatz, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Die Diagnose sollte als Werkzeug dienen, um das Verständnis für die Person zu verbessern und die bestmögliche Unterstützung zu bieten.
https://ganglion.ch/pdf/ADHS_ADS_Hypersensibilitaet_und_Autismus.m4a.pdf