Zielpublikum: Fachpersonen im Bildungs- und Therapiebereich (Logopädie, Psychomotorik), Eltern, und alle, die am Thema ADHS/ADS interessiert sind.

1. Einleitung: ADHS/ADS – Mehr als eine Krankheit

Dr. med. Ursula Davatz, mit über 40 Jahren Erfahrung, betont zu Beginn, dass ADHS/ADS keine Krankheit ist, sondern ein „Neurotyp“, eine genetisch bedingte Variante der Hirnstruktur. Sie sagt ganz klar: „Als Psychiaterin sage ich ganz klar: es ist keine Krankheit. Es ist nur ein Neurotyp.“ Sie erklärt, dass diese Neurotypen durch eine Kombination von 30 bis 100 Genen vererbt werden. Früher sprach man von „POS-Kindern“ (frühkindliches Psychosomatisches Syndrom), was auf eine Hirnstörung hinwies.

2. ADHS vs. ADS: Zwei Persönlichkeitstypen

Dr.med. Davatz unterscheidet zwischen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) als zwei unterschiedliche Persönlichkeitstypen:

  • ADHS: Der extrovertierte Typ, der bei Einschränkungen aggressiv wird und eine hohe Sensibilität besitzt. Sie reagieren stark auf „Nein“ und haben eine breite Aufmerksamkeit.
  • Zitat: „Der extrovertierte Typ, der aggressiv wird, wenn man ihn behindert in seiner Aktivität, der verrückt wird, wenn man nein sagt, der alles gerade übernimmt, der hat hinten dran eine hohe Sensibilität.“
  • ADS: Der introvertierte Typ, der eher nach innen flüchtet, mental hyperaktiv ist und dazu neigt, sich Geschichten auszudenken. Sie brauchen mehr Zeit zur Orientierung und reagieren sensibel auf Zwang. Sie tendieren eher zu negativen Gedankenspiralen.
  • Zitat: „ADsler, die werden nicht aggressiv, die flüchten eher nach innen. Die gehen in eine mentale Hyperaktivität hinein.“

3. Kernmerkmale von ADHS/ADS

  • Breite Aufmerksamkeit: Sowohl ADHS- als auch ADS-Betroffene haben eine breite, nicht-selektive Aufmerksamkeit, was in der Schule als „Aufmerksamkeitsstörung“ gesehen wird, aber in anderen Kontexten eine Stärke sein kann. Sie haben Schwierigkeiten zu unterscheiden, was wichtig ist.
  • Zitat: „Wenn man das Kind in die Natur raus schickt, dann ist es nicht eine Störung, sondern dann ist es eine breite Aufmerksamkeit.“
  • Teasing und Spielreflex: ADHSler nutzen Teasing, um Reaktionen zu testen. Dieses Verhalten kann in einem gut erzogenen Umfeld als frech oder unpassend wahrgenommen werden.
  • Zitat: „ADHSler sind viel mehr unterwegs mit Teasing, um herauszufinden, wie der andere reagiert.“
  • Impulsivität: ADHSler reagieren spontan und können ihre Impulse nicht sofort stoppen. Bestrafung ist in solchen Momenten ineffektiv.
  • Zitat: „Im Augenblick, wo die Impulsivität losgeht, kann der das nicht stören und da kann man sie nicht bestrafen. Da bringt das überhaupt nichts.“
  • Sensibilität: Menschen mit ADHS/ADS nehmen oft Dinge wahr, die anderen entgehen. Sie können auch hypersensibel auf Berührungen (z.B. Wolle), Geschmack und auditive Reize reagieren.

4. Regionale Unterschiede und kulturelle Wahrnehmung

Dr.med. Davatz deutet an, dass ADHS/ADS im Mittelmeerraum häufiger vorkommt und dort besser akzeptiert wird. Es wird oft als „südländisches Temperament“ betrachtet. In der Deutschschweiz hingegen werden diese Verhaltensweisen eher als problematisch angesehen. * Zitat: „In dem Sinn, weil das zum mittelmeerländischen Temperament gehört, sagen wir dann, wenn jemand so ist, das ist einfach das südländische Temperament.“

5. Die Rolle des Umfelds

  • Falscher Umgang führt zu Folgeerkrankungen: Eine zentrale Aussage ist, dass ADHS/ADS selbst keine Krankheit ist, aber ein falscher Umgang damit zu psychischen Erkrankungen (Depressionen, Sucht, Essstörungen, Delinquenz) führen kann.
  • Zitat: „Wenn man auf der anderen Seite ist, also ich sage, es ist keine Krankheit, aber viele werden dann krank, weil man nicht geschickt mit ihnen umgeht.“
  • Umfeld muss lernen, besser damit umzugehen: Das Umfeld (Eltern, Lehrpersonen, Therapeuten) muss lernen, ADHS/ADS-Kinder besser zu verstehen und zu unterstützen, anstatt sie zu „reparieren“. Hier in der Schweiz gibt es grossen Nachholbedarf.
  • Zitat: „Eigentlich müsste das Umfeld lernen mit diesen Kinder besser umzugehen.“

6. Verbindung zu anderen Entwicklungsstörungen

  • Kontinuum ADS-Autismus: Dr.med. Davatz sieht ADS als ein Kontinuum, das bis zum Autismus reichen kann. Sie vermutet, dass viele Autismusdiagnosen eigentlich ADS-Fälle sind.
  • Zitat: „Das Kontinuum ist ADS und das kann Richtung Autismus gehen. Das ist dann extrem.“
  • Komorbiditäten sind Folgeerkrankungen: Sie lehnt den Begriff „Komorbidität“ ab und betont, dass Depressionen, Sucht etc. Folgeerkrankungen des ADHS/ADS-Neurotyps sind, wenn dieser falsch behandelt wird.
  • Zitat: „Die Psychiatrie sagt Komorbidität, die reden dann immer von Komorbidität. Ich sage nein, es ist der Neurotyp, der zu dem und zu dem führen kann.“
  • Lernschwierigkeiten: ADHS/ADS kann mit Lernschwierigkeiten (LRS, Dyskalkulie) einhergehen. Sie betont, dass die emotionale Verfassung des Kindes einen Einfluss auf den Lernprozess hat und die Schwierigkeiten nicht nur kognitiv bedingt sind.

7. Bedeutung der Selbstwahrnehmung

  • Schamgefühle: Sie betont die Bedeutung von Schamgefühlen bei Kindern mit ADHS/ADS. Sie schlagen oft den Weg des Ausweichens ein, statt sich den Schwierigkeiten zu stellen. Dies ist ein wichtiger Punkt, an dem es anzusetzen gilt.
  • Zitat: „Es ist eigentlich immer die Scham.“
  • Fehlende Selbstwirksamkeit: Negative Erfahrungen können zu einem „Hamsterrad im Kopf“ führen, in dem sie ihre Misserfolge wiederholen.
  • Zitat: „Sie erzählen sich dann eigentlich ihre eigenen Misserfolge. Das dreht dann im Hirn. Das ist das Hamsterrad im Kopf. Da kommen sie fast nicht heraus.“

8. Umgangstipps und Strategien

Dr.med. Davatz gibt zahlreiche praktische Ratschläge:

  • Kein „Nein“ sagen: Anstatt „Nein“ zu sagen, sollte man sagen, was man will und die Kinder in die Lösungsfindung einbeziehen.
  • Zitat: „Man darf ihnen nie Nein sagen. Man muss sagen: Bei mir läuft es so, ich will es so.“
  • Validierung und Wertschätzung: Das Kind in seiner Wahrnehmung und seinen Fehlern ernst nehmen und diese validieren.
  • Zitat: „Man muss das ADHS Kind sogar wertschätzen in dem, wie es die Sache macht, indem wie das ADHS Kind es falsch macht und dann sagen: Aha, du hast das so gemacht.“
  • Kooperation statt Gehorsam: Die Kinder zur Kooperation auffordern, anstatt Gehorsam zu verlangen.
  • Zitat: „Man muss sie zur Kooperation auffordern und nicht zum Gehorsam.“
  • Appell und Kontakt: Sicherstellen, dass man die Aufmerksamkeit des Kindes hat, bevor man etwas sagt oder verlangt. Blickkontakt suchen und nachfragen, was in ihrem Kopf vorgeht.
  • Zitat: „Man muss vom ADHS/ADS Kind die Aufmerksamkeit haben. Man muss sehen, ist das Kind da?“
  • Flexibilität und Kreativität: Bei Problemen kreative Lösungen suchen und nicht auf starre Regeln bestehen.
  • Zitat: „Man muss dann immer kreative Lösungen finden.“
  • Distanz, aber nicht vergessen: Sich zurückziehen können (räumlich und mental), aber präsent bleiben.
  • Intrinsische Motivation: Das Kind in die Problemlösung einbeziehen, um die intrinsische Motivation zu stärken.
  • Zitat: „Sobald man das ADHS Kind miteinbezieht in Problemlösung, sind sie intrinsisch motiviert und man lernt sie auch besser kennen.“
  • Scham ansprechen und überwinden: Das Gefühl der Scham thematisieren und als Chance zur Überwindung und zum Wachstum nutzen.
  • Zitat: „Ich könnte mir vorstellen, dass du dich schämst. Aber weisst du, wenn du das überwindest, weisst du wie toll, weisst du wie stolz du dann bist?“

9. Bedeutung für Fachpersonen (Logopädie, Psychomotorik)

  • Weichenstellerrolle: Fachpersonen sollten sich ihrer Rolle als „Weichensteller“ bewusst sein und die Eltern für ADHS/ADS sensibilisieren.
  • ADHS/ADS-Abklärung bei LRS: Bei Lernschwierigkeiten (z.B. LRS) sollte auch eine Abklärung auf ADHS/ADS erfolgen.
  • Zitat: „Die Logopädinnen müssen dann sagen, dass man hinter dem LRS auch noch nach einem ADHS, ADS suchen muss, also abklären lassen.“
  • Zusammenarbeit: Vernetzung mit anderen Fachpersonen (Ärzte, Psychiater, Coaches) ist wichtig.
  • Zitat: „Man muss ein bisschen suchen gehen.“

10. Umgang mit Widerstand

  • Nicht stossen: Wenn das Kind blockiert, nicht stossen wollen, sondern sich selbst beruhigen und eine neue Idee entwickeln.
  • Zitat: „Wenn das Kind blockiert, nicht stossen wollen. Das ertragen sie überhaupt nicht.“
  • Nicht in Machtkämpfe geraten: Wenn das Kind sich dem Aufräumen verweigert, keine Konsequenzen androhen, sondern die Zeit so einteilen, dass zum Aufräumen genügend Zeit bleibt, oder die Aktivität in ein „Aufräumspiel“ umwandeln.
  • Zitat: „In der Psychiatrie werden ja auch viele Verträge gemacht. Bei ADHS Kinder funktionieren Verträge nicht.“

11. Fazit

ADHS/ADS ist ein Neurotyp und keine Krankheit. Der Schlüssel zum Erfolg im Umgang mit Betroffenen liegt in einem besseren Verständnis, einer wertschätzenden und validierenden Haltung, sowie einer positiven und kreativen Herangehensweise. Die Integration in die Lösungsfindung ist eine weitere Schlüsselkomponente. Die Psychiatrie und die Schule sollten weniger diagnostizieren und mehr auf den einzelnen Neurotyp eingehen.

Nächste Schritte:

  • Weiterbildung für Lehrpersonen und Eltern.
  • Frühzeitige Abklärung bei Verdacht auf ADHS/ADS.
  • Vernetzung von Fachpersonen.
  • Sensibilisierung der Öffentlichkeit.
  • Förderung einer persönlichkeitsgerechten Pädagogik und Therapie.