Dr. med. Ursula Davatz befasst sich seit über 40 Jahren mit ADHS/ADS. Früher wurde dafür der Begriff POS (frühkindliches POS) verwendet, heute hat sich ADHS/ADS allgemein durchgesetzt. Dr. Davatz selbst verwendet beide Begriffe. Sie sieht ADHS/ADS nicht als Krankheit, sondern als genetischen Ursprung oder genetische Voraussetzung für mögliche Folgekrankheiten. Sie spricht von einem Genotyp oder Neurotyp, bei dem das Gehirn „ein bisschen anders“ funktioniert. Anders bedeutet für sie nicht krank.

Einige charakteristische Merkmale und Eigenschaften von ADHS/ADS, wie in der Quelle beschrieben:

  • Breite Aufmerksamkeit: ADHS/ADSler haben eine „breite Aufmerksamkeit“, was bedeutet, dass sie an allem interessiert sind. Sie nehmen sofort alles wahr, wenn sie einen Raum betreten, einschliesslich Stimmungen. Sie sind nicht nur visuell und kognitiv breit interessiert, sondern auch emotional. Diese breite Aufmerksamkeit kann dazu führen, dass sie ihre Aufmerksamkeit woanders hinlenken, besonders wenn ein Thema (z. B. in der Schule oder bei Frontalunterricht) uninteressant ist. Die leichte Ablenkbarkeit hängt auch mit einer schlechten Filterfunktion des Gehirns zusammen, das weniger gut Reize ausblenden kann. Das Gehirn ist stärker vernetzt, was zur breiten Aufmerksamkeit und leichten Störbarkeit führt.
  • Hyperfokus: Wenn sie sich für ein Thema interessieren, können ADHS/ADSler einen Hyperfokus entwickeln und Hyperperformance zeigen. In solchen Momenten sei nichts mehr von einem Defizit zu merken. Dies wird auch im Zusammenhang mit ADS in der Forschung erwähnt, wo die Person dann nicht loslässt. Albert Einstein, der als ADS-Kind beschrieben wird, wird als Beispiel für Hyperfokus genannt.
  • Sensorische Sensibilität: Sie besitzen eine hohe Sensibilität. Sie sind sehr sensibel auf Verletzungen und Kränkungen.
  • Starkes Gerechtigkeitsempfinden: Mit der hohen Sensibilität geht oft ein starkes Gerechtigkeitsempfinden einher. Sie können Ungerechtigkeiten kaum ertragen und müssen sich dazu äussern, selbst wenn es andere betrifft.
  • Hohe Impulsivität: Ein weiteres Merkmal ist die hohe Impulsivität, oft als „schlechte Impulskontrollen“ bezeichnet. Bei kleinen Kindern zeigt sich dies in unkontrollierten Bewegungen. Bei älteren Kindern oder Erwachsenen kann es bedeuten, dass sie anderen ins Wort fallen oder nicht warten, bis ein Satz beendet ist. Dies kann zu Störungen führen und sie als „Störenfriede“ erscheinen lassen. Positiv formuliert ist es eine grosse Spontanität. Die Impulskontrolle entwickelt sich bei ADHS/ADSlern später.
  • Bewegungsdrang (ADHS) vs. Interne Aktivität (ADS): ADHSler haben einen starken Bewegungsdrang. ADSler hingegen zeigen eher eine starke interne Aktivität, sie denken viel. Diese interne Aktivität kann dazu führen, dass sie sich ständig Geschichten ausdenken oder ein „Kino im Kopf“ haben, besonders wenn es langweilig ist.
  • Spätere Hirnreifung: Neurologisch betrachtet reift das Gehirn von ADHS/ADSlern später. Der Prozess des „Synaptic Pruning“ (Abbau von Synapsen) in der Pubertät, der das Gehirn vereinfacht und das schnelle Lernen und Reagieren ermöglicht, findet bei ihnen verspätet statt. Dies könnte zur anhaltenden breiten Aufmerksamkeit beitragen.
  • Kreativität: ADHS/ADSler sind in der Regel kreativer. Sie können besser Grenzen überschreiten, sowohl gesetzliche als auch Denkgrenzen. Kreativität braucht Platz und kann in sehr rigiden Umfeldern eingeschränkt werden. In einem Umfeld mit Offenheit und Experimentiermöglichkeiten können sich Kinder mit ADHS/ADS gesund entwickeln und zu Forschern werden.
  • Geschlechtsunterschiede: Bei Mädchen wird ADHS/ADS oft später oder gar nicht diagnostiziert. Mädchen sind tendenziell angepasster, fügen sich eher in der Schule ein, wollen gefallen und haben eine starke soziale Kompetenz, wodurch sie weniger auffallen als hyperaktive Knaben. Knaben fallen eher durch Hyperaktivität, Stören oder Herumwerfen von Dingen auf. Früher wurde ein Verhältnis von 5 Knaben zu 1 Mädchen angenommen, heute ist es eher 1.5 Knaben zu 1 Mädchen. Hyperaktivität ist vermehrt bei Knaben zu finden. Mädchen zeigen Hyperaktivität eher nach innen, was dem ADS entspricht. Wenn sie beschämt werden, ziehen sich Mädchen eher zurück, während Knaben eher aggressiv werden.
  • Komorbiditäten/Folgeerscheinungen: ADHS/ADS tritt häufig zusammen mit Legasthenie (LRS) und Dyskalkulie auf. Diese Kombinationen sind unterschiedlich und nicht vorhersehbar. Dr. Davatz spricht lieber von „Folgekrankheiten“ als von „Komorbidität“, da sie ADHS/ADS als genetischen Ursprung dafür sieht. Dazu gehören nicht nur psychische, sondern auch körperliche Erkrankungen. Bei Frauen sind dies häufig Fibromyalgie, Gelenkschmerzen, Allergien. Männer neigen eher zur Delinquenz oder können einen Herzinfarkt erleiden. Prokrastination („Aufschibitis“) ist im Erwachsenenalter verbreitet. Sie wissen, was zu tun ist, aber sie tun es nicht und ärgern sich darüber. Sie schieben auf. Viele ADHS/ADSler haben zu Hause ein Messi-Syndrom, auch wenn sie bei der Arbeit überstrukturiert sein können. Schlafstörungen sind häufig, da unerledigte Dinge mit ins Bett genommen werden. Es gibt einen sehr starken Zusammenhang zwischen ADHS/ADS und Sucht. Suchtmittel können als schnelle (aber gefährliche) Lösung für unangenehme Gefühle dienen und ein Pseudo-Wohlbefinden oder Pseudo-Selbstwertgefühl erzeugen.
  • Umgang mit Feedback und Kritik: ADHS/ADSler reagieren gar nicht gut auf Kritik oder wenn sie „zusammen geschissen werden“; ihr Gehirn schaltet dann ab. Sie spüren sofort, wie jemand auf sie eingestellt ist, und nehmen den emotionalen Ton stärker wahr als den Inhalt. Ihre Empathie kann verloren gehen, wenn sie zu viel kritisiert werden. Beschämung führt dazu, dass sich das Kind abschottet oder aggressiv wird. Bestrafung von Fehlern fördert Ausweichverhalten und Lügen. Validierung (Verständnis zeigen für die Perspektive oder Gedanken der Person) ist ein wichtiger Ansatz im Umgang.
  • Berufswahl: Eintönige Fliessbandarbeit ist für ADHS/ADSler nicht gut, da die Aufmerksamkeit schnell abwandert. Berufe mit viel menschlicher Interaktion, die Empathie und gute Wahrnehmung erfordern, sind oft gut geeignet, z.B. Arzt, Lehrer, Krankenschwester, Verkäufer. Viele streben die Selbstständigkeit an, da sie ungern Vorgesetzte haben. Multitasking kann gut gelingen, wenn die Arbeit Spass macht und das Dopamin hochfährt, aber zu viel kann zum Zusammenbruch führen (System Overload).

Dr. Davatz betont, dass der Umgang mit ADHS/ADS-Merkmalen erlernt werden kann, oft durch Selbstdisziplin, klare Strukturen und Regeln (nicht zu eng), das Setzen von Gewohnheiten, und die Suche nach einem persönlichen Fokus. Sie plädiert stark dafür, dass das Umfeld lernt, mit ADHS/ADS umzugehen („persönlichkeitsgerechte Menschenführung“). Coaching wird als wichtige Begleitung, auch neben Medikamenten, empfohlen.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf