Gerne erläutere ich die Aspekte von Erziehung und Umfeld im Zusammenhang mit ADHS/ADS, basierend auf den vorliegenden Quellen und unserer Konversation.

Dr. med. Ursula Davatz, die sich seit über 40 Jahren mit ADHS/ADS befasst, sieht ADHS/ADS nicht primär als Krankheit, sondern als genetischen Ursprung oder genetische Voraussetzung („Genotyp“, „Neurotyp“) für mögliche Folgekrankheiten. Das Gehirn funktioniere bei ADHS/ADSlern einfach „ein bisschen anders“. Dieses „Anders“ bedeutet für sie nicht krank. Entscheidend für die Entwicklung ist laut Dr. Davatz das Umfeld.

Einige zentrale Punkte zu Erziehung und Umfeld:

  • Der Einfluss des Umfelds: Das Umfeld hat einen erheblichen Einfluss darauf, wie sich ADHS/ADS entwickelt. Es hängt vom Umfeld ab, ob sich aus der genetischen Veranlagung Folgekrankheiten entwickeln oder ob sich die Fähigkeiten gut entfalten können. Die negativen Erscheinungen von ADHS/ADS nehmen laut Dr. Davatz zu, weil das Umfeld nicht geschickt damit umgeht.
  • Persönlichkeitsgerechte Menschenführung und Schulgebung: Dr. Davatz plädiert sehr stark dafür, dass das Umfeld – seien es Eltern, Lehrpersonen oder Führungspersonen – lernt, mit ADHS/ADSlern umzugehen. Sie verwendet dafür den Begriff der „persönlichkeitsgerechten Menschenführung oder Schulgebung“. Jede Person müsse nach ihrer Art behandelt werden, vergleichbar mit der artgerechten Tierhaltung.
  • Regeln und Strukturen, aber nicht zu eng: ADHS/ADSler brauchen einen gewissen Halt, Regeln und Strukturen. Allerdings dürfen diese Strukturen nicht zu eng sein. Eine rein autoritäre oder eine Laissez-faire-Erziehung sind nicht gut. Die sogenannte „authoritative Erziehung“ wird empfohlen, bei der es Regeln gibt, die klar kommuniziert werden, aber ohne ein „du musst“ oder „du sollst“. Stattdessen formuliert man eigene Prinzipien und Wünsche klar, z.B. „Ich will, dass…“.
  • Vermeidung von Beschämung und Bestrafung: Beschämung und Bestrafung von Fehlern sind schädlich. Unter Beschämung wird überhaupt nicht gelernt. Es führt dazu, dass sich das Kind abschottet, aggressiv wird, ausweicht oder lügt. Beschämung sollte nur eingesetzt werden, um Aversionsverhalten bei lebensgefährlichen Situationen auszulösen, wie im Eskimo-Beispiel beschrieben. Vorgesetzte dürfen Fehler nicht bestrafen, sonst weicht man aus.
  • Validierung: Ein wichtiger Ansatz im Umgang, besonders bei ADHS/ADSlern, ist die Validierung. Das bedeutet, herauszufinden, aus welchem Grund die Person etwas so gemacht hat („Was hast du dir überlegt?“). Man muss das Gegenüber zuerst akzeptieren und verstehen, aus welcher Perspektive es handelt, bevor man sagt, wie man es selbst möchte. Das Gehirn von ADHS/ADSlern schaltet ab, wenn sie kritisiert oder „zusammen geschissen“ werden. Man muss sie „zurückholen in die Beziehung“, dann können sie sich weiterentwickeln.
  • Die Bedeutung von Beziehung: Eine gute Beziehung ist entscheidend, insbesondere im Bildungsumfeld. Es gibt keine Erziehung ohne Beziehung. ADHS/ADSler sind sehr sensibel und spüren sofort, wie jemand auf sie eingestellt ist. Sie nehmen den emotionalen Ton stärker wahr als den Inhalt. Die Empathie, die ADHS/ADSler oft haben, kann verloren gehen, wenn sie zu viel kritisiert werden. Es muss ein Lernklima entstehen, wo man sich selber sein darf und zurückgebunden werden kann, um zu lernen.
  • Fehlerkultur: Eine gute Fehlerkultur ist wichtig. Aus Fehlern lernt man. Man sollte Fehlüberlegungen nachgehen und den Weg des Fehlers genau anschauen, ohne zu beschämen.
  • Förderung von Selbstdisziplin und Struktur: ADHS/ADSler müssen lernen, sich stärker persönlich zu fokussieren. Das erfordert Disziplin. Eltern und Begleitpersonen sollten die Kinder darin unterstützen zu lernen, ihre Dinge selbst zu tun und sich zu strukturieren, anstatt ständig zu erinnern oder die Strukturierung komplett zu übernehmen. Das Anlegen von Gewohnheiten („Gewohnheiten zulegen“) hilft dabei, da Prinzipien, die mehrmals gleich angewendet werden, im Gehirn integriert und zur Routine werden, was Energie spart.
  • Einfluss der Digitalisierung: Die Digitalisierung wird als grosses Problem gesehen. Wenn Kinder nur mit dem Handy interagieren, vernetzen sich weniger Bereiche im Gehirn, und sie verlernen Sozialkompetenz und das Lesen von Gesichtern. Die Online-Welt nutzt psychologische Mechanismen (Sensation, Angstzentrum im Gehirn), um zu verkaufen. Dies fördert eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und eine Tendenz zum Abkapseln. Dr. Davatz betont, dass man dadurch keine ADHS/ADS-Gene erwirbt, aber ungeschickter Umgang mit dem Gehirn durch das Umfeld schlechte Eigenschaften entwickeln kann. Eltern sollten sich für menschliche Interaktion einsetzen.
  • Umgang mit System Overload und Reizüberflutung: Wenn ADHS/ADSler, z.B. im Berufsalltag, von Reizen überschwemmt werden („System Overload“), brechen sie zusammen. Führungspersonen müssen in solchen Momenten eingreifen und ordnen. Die Kunst ist, frühzeitig und klar einzugreifen („autoritär zu sein“), um Struktur zu geben, und sich dann wieder zurückzuziehen.
  • Unterstützung durch Coaching: Medikamente wie Ritalin sollten laut Dr. Davatz nie ohne eine Begleitung eingenommen werden. Coaching wird als wichtige Unterstützung empfohlen. Es muss ein Coach sein, der sich mit ADHS/ADS auskennt. Coaching kann helfen, den eigenen Typ kennenzulernen und Selbstreflexion zu üben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Umfeld und die Erziehung einen prägenden Einfluss darauf haben, wie gut ADHS/ADSler ihre genetischen Eigenschaften nutzen und sich gesund entwickeln können. Eine unterstützende, strukturierte (aber nicht rigide), beziehungsorientierte und wertschätzende Umgebung, die Fehler toleriert und Validierung bietet, ist entscheidend, um die Stärken zu fördern und negativen Folgeerscheinungen entgegenzuwirken.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf