Die Bedeutung der Beziehung

Dr. Ursula Davatz betont nachdrücklich die zentrale Bedeutung von Beziehung für das Verständnis und den Umgang mit ADHS/ADS, sowohl im familiären als auch im schulischen Kontext. Ihre systemische und familientherapeutische Perspektive legt den Fokus nicht nur auf das Individuum, sondern stets auf die Interaktion.

Die Bedeutung der Beziehung lässt sich in mehreren Schlüsselbereichen zusammenfassen:

  1. Lernen und Erziehung sind untrennbar mit Beziehung verbunden:
    • Der Mensch ist das lernfähigste Wesen auf der Erde. Doch Lernen läuft laut Dr. Davatz nicht primär kognitiv ab, sondern an erster Stelle über das emotionale Gehirn.
    • Ein zentraler Grundsatz ist: „Ohne Beziehung gibt es keine Erziehung“. Ein Kind lernt am besten über eine Beziehung.
    • Während reines Wissen heutzutage leicht über das Internet oder KI-Tools wie ChatGPT erworben werden kann, können emotionale Beziehungen und emotionales Lernen nicht aus dem Internet bezogen werden.
    • Emotionale Intelligenz wird ausschliesslich in der zwischenmenschlichen Beziehung gefördert und erlernt. Dr. Davatz kritisiert, dass KI-Antworten zwar korrekt, aber „nicht lebendig“ und „tot“ sind, weil ihnen die menschliche Beziehung fehlt.
    • Daher sind Lehrer und Eltern heutzutage wichtiger denn je, um Kindern emotionale Intelligenz zu vermitteln und die Beziehung zu pflegen. Die Beziehungspflege war noch nie so wichtig wie heute.
  2. Umgang mit ADHS/ADS-Kindern erfordert Beziehungsfähigkeit:
    • ADHS/ADS-Kinder (und Erwachsene) sind hochsensibel. Ihre Sensibilität führt dazu, dass sie schnell verletzt werden.
    • Mädchen sind von Natur aus sehr beziehungsorientiert. Diese Beziehungsorientierung kann dazu führen, dass sie sich dem Lehrer zuliebe übermässig anpassen, bis hin zur Selbstunterdrückung, was später zu Depressionen und Burnout führen kann. Jungen reagieren auf Verletzungen eher mit Aggression und Kampf.
    • Im Umgang mit ADHS/ADS-Personen ist es entscheidend, einen „tiefen Erregungszustand“ (low arousal) zu bewahren. Im hocherregten Zustand ist das Gehirn noch erregter, und es laufen nur Reflexe ab (Kampf, Flucht, Totstellreflex, Necken), keine vernünftigen Verhaltensweisen.
    • Man darf ADHS/ADS-Personen im erregten Zustand nicht belehren oder moralisieren. Der erste Schritt ist immer, sich selbst zu beruhigen und dann das Kind zur Ruhe kommen zu lassen, bevor kognitiv an Lösungen gearbeitet werden kann.
    • Strafen, Belohnungen und Drohungen funktionieren bei ADHS/ADS-Kindern nicht, da Reflexverhalten nicht durch Strafen verändert werden kann und Beschämung zu Rückzug, Phobien oder zwanghaftem Verhalten führt, aber nicht zu Lernbereitschaft.
    • Statt Befehle zu geben, sollten Regeln aufgestellt werden, die vom Kind internalisiert werden können, um intrinsische Motivation zu fördern.
    • Eltern sollten nicht endlos argumentieren, da dies zu einem „System Overload“ beim Kind führt und die Eltern als schwach erscheinen lässt. Stattdessen ist es besser, klar zu sagen, was man möchte, und notfalls mit mentaler Kraft durchzusetzen.
    • Es ist auch wichtig, als Erziehungsperson „verlieren“ zu können, um das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken und seine Persönlichkeitsentwicklung nicht einzuschränken.
    • Dr. Davatz befürwortet eine „persönlichkeitsgerechte Erziehung“ und einen „bedarfgerechten Umgang mit neurodivergenten Kindern“.
  3. Systemische Unterstützung und Zusammenarbeit:
    • Das Umfeld, einschliesslich Eltern und Lehrpersonen, muss lernen, mit ADHS/ADS-Kindern umzugehen. Dies ist die Hauptsache.
    • Dr. Davatz, als Systemtherapeutin und Familientherapeutin, berät die Erziehungspersonen (Eltern) im Umgang mit dem Kind. Sie kritisiert, dass zu viel Geld in die Psychiatrie und zu wenig in die Unterstützung der Schulen und Lehrer investiert wird.
    • Lehrpersonen fühlen sich oft allein gelassen und brauchen Unterstützung in Form von Systemberatung und Familientherapie, nicht nur psychiatrische Diagnosen für die Kinder.
    • Es besteht oft eine Angst zwischen Eltern und Lehrern, die die Zusammenarbeit erschwert.
    • Wenn ADHS/ADS-Kinder gut in die Klasse integriert und angemessen behandelt werden, führt dies zu mehr Ruhe im Klassenzimmer.
    • Es ist wichtig und erlaubt, Kinder unterschiedlich zu behandeln und differenzierten Unterricht anzubieten.

Zusammenfassend ist die Beziehung der Grundpfeiler einer erfolgreichen Erziehung und des Lernens, insbesondere für ADHS/ADS-Kinder. Sie ist der entscheidende Faktor, um die einzigartigen Merkmale dieses Neurotyps zu würdigen, adäquat auf Herausforderungen zu reagieren und die Persönlichkeitsentwicklung zu fördern, anstatt Symptome zu pathologisieren oder zu unterdrücken. Die Qualität der Beziehung und die Fähigkeit der Erwachsenen, sich an die Bedürfnisse des Kindes anzupassen und in einem ruhigen Zustand zu interagieren, sind hierbei von grösster Bedeutung.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/07/Schule_Toess_3.7.2025.m4a.pdf

Die Bedeutung der Beziehung im Umgang mit Autisten

Dr.med. Ursula Davatz betont in ihrem Vortrag immer wieder, wie entscheidend der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung für den Umgang mit Autisten ist.

  • Autisten sind hochsensibel und reagieren stark auf die emotionale Verfassung ihres Gegenübers.
  • Sie brauchen Sicherheit und Stabilität, die ihnen durch eine stabile Beziehung gegeben werden kann.
  • Ohne eine tragfähige Beziehung reagieren Autisten mit Rückzug, Verweigerung oder Aggression.

Beziehung als Basis für alle Interaktionen:

Dr. Davatz vergleicht den Umgang mit Autisten mit der Arbeit von Primatenforschern wie Jane Goodall und Jörg Hess.

  • Um das Verhalten von Gorillas zu verstehen, mussten die Forscher eine Beziehung zu den Tieren aufbauen.
  • Genauso müssen wir auch bei Autisten zuerst eine Beziehungsebene schaffen, bevor wir etwas von ihnen erwarten oder fordern können.

Konkrete Beispiele aus dem Berufsleben:

Im Kontext der beruflichen Integration von Autisten wird die Bedeutung der Beziehung besonders deutlich.

  • Beispiel 1: Eine junge Frau, die sich aufgrund von Überforderung und Angstzuständen komplett zurückzog, konnte erst wieder Fortschritte machen, als sie eine vertrauensvolle Beziehung zu ihrer Betreuerin aufbaute.
  • Beispiel 2: Ein junger Mann, der sich gegenüber seinen Betreuern äusserst ablehnend verhielt, konnte erfolgreich als Busfahrer integriert werden, nachdem es gelungen war, eine stabile Arbeitsbeziehung zu ihm aufzubauen.

„Teilnehmende Beobachtung“ als Methode der Beziehungsgestaltung:

Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt die Methode der „teilnehmenden Beobachtung“ als Grundlage für die Interaktion mit Autisten.

  • Diese Methode beinhaltet aktives Zuhören, Validierung und das Einbringen eigener Gedanken und Gefühle ohne Erwartungen oder Druck.
  • Durch die teilnehmende Beobachtung signalisieren wir dem Autisten, dass wir ihn wahrnehmen und ernst nehmen.
  • Dadurch wird Vertrauen aufgebaut, das die Basis für eine stabile Beziehung bildet.

Beziehung als Schlüssel zum Lernen und zur Flexibilität:

  • Sobald eine Beziehung aufgebaut ist, sind Autisten offener für Neues und bereit zu lernen.
  • Durch die Sicherheit, die ihnen die Beziehung gibt, werden sie flexibler und können sich besser auf neue Situationen einstellen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Beziehung der wichtigste Faktor im Umgang mit Autisten ist. Nur durch den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung können wir ihnen die Sicherheit und Stabilität geben, die sie brauchen, um sich zu entfalten und ihre Potenziale zu nutzen.

https://ganglion.ch/pdf/Wendepunkt-ASS-26.11.2024.m4a.pdf