Die Ausführungen von Dr.med. Werner Saameli und Dr.med. Ursula Davatz in der Aufzeichnung zum 30-jährigen Jubiläum des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie ambulant (ZPPA) geben Einblicke in die Entwicklung der Sozialpsychiatrie in Königsfelden.
Dr. Saameli betont, dass es keine Zukunft ohne Herkunft gibt. Er selbst wurde 1975 von Prof. Dr. med. F. Gnirss, dem damaligen Chefarzt der Klinik Königsfelden, mit der Leitung des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPD) beauftragt, dessen Aufbau bereits 1971 in der Spitalkonzeption des Kantons Aargau unter dem freisinnigen Gesundheitsdirektor Bruno Hunziker vorgesehen war.
Die Psychiatrie war in der Folge der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform in Italien politisiert. Der Begriff „sozial“ im SPD wurde dabei auch im Sinne von „sozialistisch“ missverstanden. Der SPD wurde nach der Ambulanz-KF (1973) im Jahr 1974 mit einem Wohnheim (später Nachtklinik genannt) und geschützten Werkstätten eröffnet, um die damals 800 Betten zählende Klinik von Langzeitpatienten mit chronischer Psychose zu entlassen. Ziel war eine verantwortbare Entlassung und Rückfallprophylaxe durch ambulante Nachbetreuung. Bei seinem Stellenantritt am 1. Juni 1976 bestand der Dienst aus Pflegefachkräften, Werkstattleitern, einer Sekretärin, einer Sozialarbeiterin und zwei Assistenzen der ärztlichen Leitung. Später kamen eine Drogenberatungsstelle „Kontakt“ in Brugg und eine Tagesklinik hinzu. Der SPD hatte auch explizit die Aufgabe, ein Suchtambulatorium zu führen. Bereits 1976 führte der SPD in Zusammenarbeit mit dem Kantonshaus und in Anlehnung an Prof. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen vom SPD Zürich Substitutionsbehandlungen mit Methadon bei Heroinabhängigen durch. Die Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvollzugs wie Aaburg und Birr sowie der Arbeitskolonie Murimoos wurde als sehr hilfreich erlebt. Der SPD war auch in der psychosomatischen Abteilung der Klinik Barmerwaid tätig. Die 1980 eröffnete Tagesklinik im alten Spital Königsfelden war laut Dr. Saameli die erste an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz. Die Arbeitsmethoden orientierten sich an der milieu- und modellwerktherapeutischen Gemeinschaft nach Professor Edgar Heim. Ambulant wurde systemisch orientierte Therapie in Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich eingeführt.
Dr. Saameli betont, dass der SPD im Wesentlichen eine Übergangseinrichtung war, die eine Nahtstelle zwischen stationär und ambulant bildete. Die netzwerkartige Unterstützung in nicht-psychiatrischen Institutionen trug zur Früherfassung und Verhinderung von vollstationären Hospitalisationen bei. Eine Studie von Dr. Saamelis damaligem Oberarzt Alfred Ruhoff zeigte, dass von 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten, die durchschnittlich 14 Jahre in der Klinik hospitalisiert waren, zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung 72 außerhalb der Klinik lebten, mehrheitlich selbstständig und ambulant vom SPD betreut wurden. Drei Fünftel dieser Langzeitpatienten benötigten seit der Entlassung aus der Nachtklinik keine Rehospitalisation mehr, 50 gingen einer entschädigten Arbeit nach, und 46 empfanden ihre Lebensqualität außerhalb der Klinik als besser.
Dr. Saameli erinnert sich an Fälle, in denen die Klinik die Entlassung stabilisierter Patienten verhinderte. Er fragt selbstkritisch, ob der „Furor Rehabilitativus“ manchmal zu forsch gewesen sei, insbesondere bei Patienten, die in Königsfelden eine neue Heimat gefunden hatten. In solchen Fällen wäre eine Betreuung in der früheren Herkunftsgegend wichtig gewesen. Dies führt zum Thema der Dezentralisierung ambulanter Einrichtungen, die 1981 noch schwierig war. Öffentliche Vorbehalte gegen die Dezentralisierung wurden im Zusammenhang mit der Gründung des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes (KJPD) geäußert. Trotz dieser Vorbehalte war der Wunsch nach Dezentralisierung aus Sicht des SPD vorhanden, da die konsiliarischen Dienstleistungen über den ganzen Kanton verstreut waren und die Teilnahme an der Tagesklinik für Patienten außerhalb der näheren Umgebung illusorisch war.
Dank der Initiative von Herrn Siemers, einem Sozialarbeiter, konnte mit Unterstützung der Sozialarbeiterinnen des Ambulatoriums KF bei der Firma Möbel Pfister ein berufliches Integrationsprogramm in der freien Wirtschaft lanciert werden. Langzeitpatienten konnten in „beschützende“ Arbeitsplätze eingegliedert werden. Dr. Saameli betont, dass dies zeigte, dass berufliche Rehabilitation nicht nur in klinikinternen Werkstätten möglich ist und dass dieses Konzept dem späteren „Supported Employment“ ähnelte. Eine wissenschaftliche Publikation darüber wurde von der Direktion untersagt. Dr. Saameli betont die Wichtigkeit des Einbezugs des familiären und beruflichen Umfeldes für das Verständnis und die Behandlung psychischen Krankseins. Er sprach sich für die Dezentralisierung ambulanter und Übergangseinrichtungen aus, anstatt in einen zentralen Neubau für stationäre Behandlungen zu investieren. Die damalige Kantonsärztin glaubte jedoch, dass das Pavillonsystem der Klinik bereits ausreichend dezentralisiert sei, und der Regierungsrat argumentierte aus politischen Gründen für die Beibehaltung des Zentrums in Königsfelden.
Dr. Ursula Davatz kam 1980 aus Amerika und begann am 1. April im SPD zu arbeiten. Sie hatte in Amerika Familientherapie bei Murray Bowen gelernt. Die Systemtherapie war damals aktuell. Dr. Davatz führte eine einfache Kostenberechnung durch, die zeigte, dass ambulante Behandlung deutlich günstiger war als stationäre. Sie übernahm die Leitung des SPD, nachdem Dr. Saameli wegging. Damals waren im SPD hauptsächlich Psychiater und Psychiatriepfleger/Schwestern tätig. Dr. Davatz berichtete von ihren Bemühungen, den Bau eines großen Klinikneubaus zu verhindern, da sie eine rückläufige Entwicklung der stationären Patientenzahlen sah. Sie beschreibt die Unterschiede zwischen dem Klinikambulatorium (AMBI) und dem SPD, wobei das AMBI eher „vornehmere“ und leichter zu behandelnde Patienten hatte, während der SPD sich um Schizophrene, Langzeitpatienten und Drogensüchtige kümmerte und das einzige Methadonprogramm führte.
Dr. Roman Vogt und Dr. Frank Marohn reflektieren die Anfänge der Spezialisierung und Regionalisierung in der Psychiatrie. Dr. Vogt erinnert sich an die Schwierigkeiten als Hausarzt, Patienten dem SPD oder dem AMBI zuzuweisen. Auf die Frage nach der Entwicklung des Erwachsenenpsychiatrischen Dienstes (EPD) berichtet Dr. Vogt, dass Dr. Urs Fromm 1995 Chefarzt des EPD wurde. Es wurden Standorte in Baden (unter Leitung von Dr. Davatz), Aarau (unter Leitung von Dr. Sobhani), Wohlen (unter Manfred Ries) und im Fricktal (unter Dr. Vogt selbst) geschaffen. Die Teams bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern. Die Zusammenarbeit in den Teams funktionierte gut, jedoch gab es Reibungen auf der Achse Baden, Aarau, Königsfelden. Dr. Vogt und Manfred Ries konnten im Fricktal und Freiamt relativ frei arbeiten.
Dr. Davatz betont abschließend, dass die Psychiatrie ihrer Ansicht nach zu stark im medizinischen Modell verankert ist und plädiert für einen systemischeren Ansatz unter Einbezug des Umfelds. Sie sieht die Anfänge der Psychiatrie bereits in der Schule und nicht erst in der Jugendpsychiatrie.
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