Geschwisterliebe Geschwisterstreit, 30.4.2011

Dieses Seminar wurde in der Schule Wallbach am 30.4.2011 um 12.09 Uhr von Dr.med. Ursula Davatz zum Thema Geschwisterliebe, Geschwisterstreit gehalten.

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Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

30.4.2011
Geschwisterstreit, Geschwisterliebe.
Audio

[00:00:02.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommt der Workshop Geschwisterstreit, Geschwisterliebe, Elternbildung Fricktal
vom 30.4.2011 in der Schule Wallbach.

[00:00:28.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema heisst: Geschwisterstreit, Geschwisterliebe.

[00:00:32.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe bewusst zuerst Geschwisterstreit erwähnt.

[00:00:32.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich mit Eltern arbeite, höre ich immer wieder wie die Eltern Angst haben, dass
ihre Kinder streiten könnten.

[00:00:33.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo ich sehe, dass dieser Streit wieder hervorkommt, ist erst eine Generation später.
Das ist dann meistens der Erbstreit.

[00:00:54.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich genau hinschaue, warum der Erbstreit entsteht, dann sehe ich, dass schon
früh etwas schief gelaufen ist. Eltern haben zuviel eingegriffen in die Geschwisterreihen,
oder sie haben ihre eigenen Probleme von ihrer Geschichte, von ihrer Familie her auf
ihre Kinder übertragen und haben so dann auch wieder die Hierarchie, die Struktur
gestört.

[00:01:27.150] – Dr.med. Ursula Davatz

Um das Ganze anzuschauen, versuche ich zuerst nochmal ein paar allgemeine
Gedanken zu sagen.

[00:01:35.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Eltern haben immer Angst, unsere Kinder könnten streiten und speziell in Bezug auf die
Erbstreitigkeit, sagen die Eltern: ich möchte nur nicht das ihr streitet.

[00:01:43.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Dabei haben die Eltern davor alles mögliche gemacht, was den Streit gefördert hat.

[00:01:48.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Thema, dass die Eltern Angst haben, dass ihre Kinder streiten könnten, sage ich:
sie können getrost sein, der Mensch ist ein soziales Wesen, er wird geboren mit
sozialen Genen.

[00:02:03.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben soziale Gene, die uns zur Kooperation verhelfen, genau gleich, wie wir auch
kompetitive Gene haben, die uns dazu verleiten, dass wir wettkämpferisch sind.

[00:02:16.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke in der heutigen Gesellschaft wird der Wettkampf ein bisschen mehr gefördert,
aber die Kooperation ist etwas genau so wichtiges.

[00:02:26.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerade wenn sie ihren Kindern Sozialkompetenz beibringen wollen, das ist eine
Aufgabe der Eltern, dann dürfen sie sich schon darauf verlassen, alle ihre Kinder, sie
auch, haben soziale Gene und die kommen zum Ausdruck.

[00:02:59.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Um das noch mehr zu erläutern: es gibt viele soziale Tierarten. Schimpansen, Gorillas,
das sind alles soziale Wesen.

[00:03:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Delfine helfen einander. Sie helfen auch einer artfremden Gattung. Sie helfen sogar
einem Menschen, ohne dass sie in den Anstandsunterricht, den Kindergarten oder in
den Religionsunterricht besucht haben.

[00:03:00.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie machen das wegen ihren Genen. Der Wille zur Kooperation ist da.

[00:03:28.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein bekannter Affenforscher der Frans de Waal sagt: wir können Vertrauen in unsere
sozialen Gene.

[00:03:37.280] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Frans_de_Waal

[00:03:37.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen als Menschen noch ein bisschen mehr kooperatives Lösungsverhalten und
nicht nur kompetitives Lösungsverhalten lernen.

[00:04:01.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Probleme müssen wieder aufgelöst werden können.

[00:04:01.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage wird in der Schule auch Sozialkompetenz benotet.

[00:04:05.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist früher nicht gemacht worden.

[00:04:09.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, man hat gemerkt, die Sozialkompetenz ist etwas wichtiges. Nicht nur die
intellektuelle Leistung ist etwas wichtiges.

[00:04:15.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte sagen, zum Teil müssen Leute die Sozialkompetenz bei den Kindern
benoten, die sie selber noch nicht so gut haben.

[00:04:25.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist kritisch.

[00:04:26.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich finde es trotzdem gut, dass man heutzutage eine Sozialkompetenz benotet. Anhand
von dem sieht man: wir schauen das als etwas wichtiges an.

[00:04:42.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, alle Eltern sind daran interessiert, dass ihre Kinder eine Sozialkompetenz
entwickeln.

[00:04:48.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher ist man nur benotet worden in Betragen und betragen hat es geheissen, wenn
man es gefolgt hat, ruhig gewesen ist brav gewesen ist, alle Anweisungen vom Lehrer
befolgt hat, dann hat man eine gute Note im Betragen gehabt.

[00:05:03.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst also die Sozialkompetenz ist nur über die Unterordnung beurteilt worden,
also ein gutes sich Unterordnen ist als korrekt als sozial kompetent angeschaut worden.

[00:05:15.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage weiss man, das reicht nicht.

[00:05:17.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn unsere Kinder nur Lernen sich unterzuordnen, wenn sie sich dann einem Tyrann
unterordnen, oder wie die Lemminge von jemanden ins Offside geführt werden, wie
durch den Rattenfänger von Hameln. Das kann gefährlich werden.

[00:05:37.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Zur Sozialkompetent gehört nicht nur Gehorsamkeit sondern auch Eigeneinschätzung
der Situation und dann vernünftig handeln können.

[00:05:42.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die übergeordnete Autorität keine vernünftigen Befehle raus gibt, braucht es
einen gewissen sozialen Widerstand um Sozialkompetenz an den Tag zu legen.

[00:05:57.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit kommt ein anderes Thema zur Sprache. Die Hierarchie.

[00:06:01.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle sozialen Strukturen haben auch Hierarchien.

[00:06:06.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Art von sozialer Ordnung ist die Hierarchie. Das ist etwas wichtiges.

[00:06:11.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher war die Hierarchie sehr steil, sie wurde sehr streng eingehalten.

[00:06:19.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage wird sie eher verflacht. Auch Unternehmen machen manchmal so hin und
her zwischen sehr steiler Hierarchie und sogenannter Matrix.

[00:06:36.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Matrix Organisation ist nahe bei der Mutter. Mütterlich, wo alle auf der gleichen
Ebene sind.

[00:06:37.030] – Dr.med. Ursula Davatz

Das stimmt natürlich nicht. Es gibt kein Kollektiv ohne Hackordnung. Es gibt immer eine
Hierarchie.

[00:06:48.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen haben die Tendenz eine flache Hierarchie zu machen. Wenn man eine Gruppe
von Frauen in einen Raum sperrt und sagt: ihr müsst untereinander eine Hierarchie
herstellen, dann brauchen die relativ lange und sie stellen eine flache Hierarchie her.

[00:07:06.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen schmeissen die Hierarchie auch immer wieder über den Haufen.

[00:07:10.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das machen Frauen, weil sie immer Lösungen finden müssen.

[00:07:15.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man bei der Kindererziehung beim Umgang mit Kindern nur hierarchisch arbeitet,
kann man nur Soldaten erziehen und das wollen wir nicht. Das funktioniert auch nicht
mit allen Kindern.

[00:07:26.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Männer haben die Tendenz schneller eher eine steilere Hierarchie herzustellen.

[00:07:26.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind typische Unterschiede zwischen Mann und Frau.

[00:07:39.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Männer in einen Raum hinein sperrt und sagt, ihr müsst jetzt eine Hierarchie
herstellen, dann haben die relativ schnell ihre Hackordnung hergestellt und wissen, wer
das Alphatier ist und welche unten dran sind.

[00:07:57.090] – Dr.med. Ursula Davatz

Unsere Welt ist lange sehr bestimmt gewesen durch die männliche Hierarchie aber an
sich ist schon die Demokratie eine Art und Weise, wie man die Hierarchie immer wieder
auf den Kopf stellen kann.

[00:08:09.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann einen Höchsten abwählen.

[00:08:17.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch bei den Tierformen, gibt es solche, die sehr strenge Hierarchien haben. Die ganz
stur an dem festhalten. Zum Beispiel die Gorillas.

[00:08:18.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Tierformen, welche die Hierarchie durcheinander machen und in dem Sinn
könnte man sagen, demokratischer oder revolutionärer sind. Die machen immer wieder
eine Volksrevolution. Ein Unterer kann sich durch irgendwelche geschickten Tricks hoch
spielen.

[00:08:45.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Beide Formen von sozialen Ordnungen haben ihre Vorteile.

[00:08:50.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Die stark hierarchische Struktur ist stabil, jedoch nicht so lern- und entwicklungsfähig.

[00:08:59.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Die demokratische Struktur ist nicht ganz so stabil, ist dafür lernfähiger und
entwicklungsfähiger.

[00:09:06.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind alle in unterschiedlichen Systemen aufgewachsen.

[00:09:12.680] – Dr.med. Ursula Davatz

Je nachdem wie sie aufgewachsen sind, haben sie dann die Tendenz entweder genau
das gleiche zu verwenden, weil sie das gut gefunden haben oder eine Gegenstrategie
zu verwenden, weil sie gelitten haben.

[00:09:25.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Sagen wir, sie haben eine sehr eine autoritäre Erziehung gehabt und sie haben
darunter gelitten, dann probieren sie vielleicht lascher zu sein.

[00:09:33.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig tut man dann überkorrigieren und ist auf der zu laschen Seite.

[00:09:35.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder man findet, dass man zu lasche Eltern hatte und das es einem keinen Halt
gegeben hat. Dann versucht man eher strenger zu sein.

[00:09:40.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die allgemeine Tendenz läuft eher von sehr streng zu lascher, demokratischer.

[00:09:40.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man keine starke Hierarchie hat, dann werden Problemlösungen schwieriger,
dann werden die individuell und immer situativ.

[00:10:10.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht es auch spannender und macht unsere Aufgabe der Erziehung und vom
Sozialisieren von unseren Kindern, von der Sozialkompetenz, welche wir unseren
Kindern beibringen wollen, das macht es interessanter.

[00:10:32.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Um sich in einer nicht hierarchischen, sozialen Gruppe zu bewegen, braucht es mehr
Sozialkompetenz, als sich in einer hierarchischen Struktur richtig zu bewegen.

[00:10:43.440] – Dr.med. Ursula Davatz

Das heisst in einer nicht so hierarchischen Gruppe muss man immer wieder die
Situation anschauen. Es gibt viel mehr individuelle Lösungen.

[00:10:52.710] – Dr.med. Ursula Davatz
In einer stark hierarchischen Umgebung muss man einfach folgen. Dann weiss man,
was man zu tun hat. Das ist einfach.

[00:11:02.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Versteht man das so allgemein?

[00:11:03.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Thema Geschwisterstreit, Geschwisterliebe.

[00:11:10.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Angst vor dem Geschwisterstreit entsteht oft schon mit der Geburt vom zweiten
Kind.

[00:11:23.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange man nur ein Kind hat, ist die einzige Hierarchie: Eltern, Kind.

[00:11:24.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind hierarchisch höher, sie sind stärker, sie wissen mehr und sie können
sich in dem Sinn beim Kind durchsetzen, wenn sie das wollen.

[00:11:35.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein zweites Kind dazukommt, dann gibt es schon eine Dreierhierachie.

[00:11:39.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern, das erste Kind und das zweite Kind.

[00:11:40.920] – Dr.med. Ursula Davatz

Vielmals haben Eltern Angst, wenn es um Kinder und die Auseinandersetzung zwischen
Kindern geht. Sie haben Angst, das ältere, stärkere Kind könnte dem jüngeren,
schwächeren Kind etwas antun.

[00:11:56.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann schon beginnen nach der Geburt vom kleinen Kind.

[00:11:56.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus lauter Schutzbedürfniss für das kleine Kind, haben dann ein Teil der Eltern Angst
und halten das jüngere Kind vom grösseren Kind fern, aus Angst, das ältere Kind
könnte etwas falsch machen.

[00:12:17.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder haben miteinander eine natürliche Beziehung, das ältere Kind ist neugierig am
jüngeren Kind.

[00:12:34.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ihr jüngeres Kind, ihr schwaches, schutzbedürftiges Kind zu stark schützen
vor den älteren Kind zu stark schützen, dann machen sie das ältere Kind verrückt, das
heisst seine natürliche Neugier wird zu sehr zurück behalten. Wenn sie das zu sehr
zurück behalten, dann geht es einmal wenn sie nicht dabei sind zum Kleinen und macht
etwas Dummes.

[00:12:51.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte von Anfang an, das kleine einführen, d.h. dem Älteren das kleine vorstellen,
zeigen wie man mit dem jüngeren umgeht. Die Geschwisterbeziehung gleich als etwas
natürliches, funktionierendes anschauen. Nicht als etwas, das schon von Anfang an
gefährlich ist.

[00:13:13.780] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Kinder haben eine natürliche Beziehung zu einander. Das ältere Kind will dem
jüngeren Kind nichts antun. Vielleicht ist es etwas ungeschickt. Man kann es ihm ja
zeigen.

[00:13:22.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum das nicht das Ältere vom Jüngeren abhalten.

[00:13:22.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Familie mit drei Mädchen beraten. Dort hat der Frauenarzt die Mutter
falsch beraten aus meiner Sicht. Er hat der Mutter gesagt, als das zweite Kind auf die
Welt kam, dass sie ihre älteres Kind weggeben müsste. Für sie sei es viel zu viel, zwei
Kinder zu betreuen. Sie sei so schwach, dass sie das nicht könne.

[00:13:28.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter hat gefolgt, denn der Arzt weiss ja, was man machen soll und hat das Kind
der Grossmutter gegeben. Das Kind war dann ein halbes Jahr lang bei der Grossmutter
oder sogar noch ein wenig länger.

[00:14:08.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Arzt hat von Anfang an die Geschwisterkonstellation gestört.

[00:14:17.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hatte grosse Folgen. Ich kam erst an die Familie ran, als das älteste Kind 15 Jahre
alt war. Die Mutter hat das älteste Kind mit 15 Jahren in der Pubertät als Tyrann,
Bösewicht, dargestellt. Die Mutter sagte, dass sie unter der Tochter leide. Die schadet
meiner jüngsten, das ist schlimm. Die Tochter kam aus dieser Rolle nicht heraus, dass
sie die Böse ist.

[00:14:40.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war ein starkes, intelligentes Kind. Das Kind wollte sicher nichts Böses.

[00:14:56.430] – Dr.med. Ursula Davatz

Die jüngere Tochter war voll eingebunden bei der Mutter. Wenn die Mutter überfordert
war, musste das jüngere Kind die Mutter trösten, sie abhören, etc. Die jüngste war in
den Augen der älteren Schwester das Lieblingskind.

[00:14:56.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Älteste kam sich immer als die Böse vor. Sie wurde voll in eine Schwarze Peter
Rolle reingedrückt.

[00:15:12.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat lange gebraucht um die Geschwister Konstellation wieder hinzukriegen, damit
die Älteste und die Jüngste eine gute Beziehung zu einander hatten.

[00:15:19.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mittlere hat sich aus dem ganzen Zeugs raus genommen und ging einfach weg.

[00:15:28.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Konflikt war dann zwischen der Ältesten und der Jüngsten.

[00:15:32.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Konflikt zwischen Ältester und Jüngster ist entstanden durch den falschen
Ratschlag der Mutter.

[00:15:36.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Vom Tag eins an, vom zweiten Kind an, wurde die gesamte Geschwisterkonstellation
gestört.

[00:15:53.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich hatte die Älteste mit der Jüngsten dann noch gute Beziehung.

[00:15:55.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir hatten dann noch eine Sitzung mit alle drei Mädchen, auch mit der ganzen Familie.

[00:16:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat sich dann wieder geordnet. Es war relativ viel Arbeit. Es hat allen drei Mädchen
viel Substanz gekostet.

[00:16:21.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, wie man das zweite Kind einführt. Es ist wichtig, dass sie versuchen dem
älteren Kind das Kleinere vorzustellen. Dass sie dem älteren Kind sofort versuchen
Sozialkompetenz beizubringen, wie es mit dem jüngeren Geschwister umgehen kann.

[00:16:36.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Mutter die sagte: ich wollte kein zweites Kind haben, weil ich alle meine
Liebe meinem einen Kind geben wollte, weil ich Angst hatte, dass ich meine Liebe nicht
teilen kann. Das ist auch eine Vorstellung.

[00:16:48.750] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich halten die Kinder das sehr gut aus, dass man allen etwas gibt und nicht immer
zur gleichen Zeit jedem gleich viel gibt.

[00:17:04.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder können natürlicherweise damit umgehen, dass die Eltern nicht immer nur für ein
Kind zuständig sind.

[00:17:04.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas weiteres, das man immer antrifft.

[00:17:29.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um Sozialkompetenz.

[00:17:34.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit man Sozialkompetenz lernen kann, muss man streiten dürfen.

[00:17:35.060] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn Kinder zusammen streiten, ist das ein Übungsplatz. Die müssen mit einander
streiten dürfen, damit sie dann auch Sozialkompetenz erlernen können. Hier kommt es
darauf an, wieviel sie streiten durften, wie der Streit verlaufen ist, wie schnell man
eingegriffen hat oder was für eine Rolle sie hatten im Streit. Waren sie immer der Böse
oder waren sie immer das arme Opfer, dem man helfen musste.

[00:17:40.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nach dem was sie erlebt haben, haben sie die Tendenz schneller einzugreifen.

[00:18:02.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Eltern dann eingreifen, greifen sie meistens als Richter ein. Sie gehen schauen
was los ist. Dann heisst es: das ist der Böse, das ist der Arme, das ist der Täter, das ist
das Opfer. Von unserem sozialen Gefühl her müssen wir das Opfer schützen und den
Täter bestrafen.

[00:18:14.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine juristische Sache und läuft unser Gesetz.

[00:18:14.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber sie sind keine Juristen.

[00:18:19.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sollten ihren Kindern keine Sozialkompetenz beibringen mit juristischen Methoden.

[00:18:42.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe immer wieder das Eltern zu schnell juristisch eingreifen und verurteilen. Arm,
Böse.

[00:18:59.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist keine gute Methode. Das verhindert andere Problemlösungen.

[00:19:03.530] – Dr.med. Ursula Davatz

Was sollte man dann tun?

[00:19:03.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte schauen, was die Problematik ist. Was läuft da ab.

[00:19:04.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist der Prozess?

[00:19:07.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht richten: wer ist böse und wer ist arm?

[00:19:13.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Prozess anschauen und versuchen den Kindern eine bessere Sozialkompetenz
beizubringen.

[00:19:22.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie können wir den Konflikt jetzt prozesshaft lösen?

[00:19:28.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz wichtig, damit wir gut überleben, damit wir viel Sozialkompetenz haben,
muss über den Prozess die Dinge lösen, nicht juristisch.

[00:19:40.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Juristisch ist die allerletzte Form. Man sollte nicht mit der letzten Form beginnen.

[00:19:42.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere Zeit ist sehr stark vom Juristischen geprägt. Ich versuche hier dagegen zu
steuern und ihnen als Eltern zu sagen, lösen sie ihre Probleme nicht verurteilend und
beurteilend, sondern lösen sie die Probleme ihrer Kinder, die Streitprobleme, die
Auseinandersetzungsprobleme eher prozessorientiert und problemlösungsorientiert.

[00:20:11.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Interessanterweise wird das heutzutage sogar auch wieder mehr gemacht.

[00:20:16.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ganz viele aussergerichtliche Vergleiche.

[00:20:21.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch ein Prozess. Man handelt zusammen etwas aus. Das ist dann eine Win-
Win Situation.

[00:20:25.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch bei öffentlichen Sachen kommt man zum Schluss: dass man es eher zusammen
löst, als dass man sagt: das ist der Böse, der Schuldige, der Arme, das Opfer.

[00:20:56.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt können sie mir Fragen stellen.

[00:20:56.980] – Bemerkung 1
Die Tochter wird neun, der Sohn wird elf Jahre alt. Die Tochter ist schmächtig, der Sohn
ist kräftig. Ich habe das Gefühl, dass ich die Kleine schützen muss, sonst kriegt sie
Haue. Sie streiten zusammen. Er sagt das, sie sagt das. Ich versuche einen Nenner zu
finden. Die Tochter ist frustriert und logisch. Der Sohn ist gewitzt.

[00:20:57.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein dominanter, aggressiver Junge, der älter ist und ein jüngeres, feines, zartes
Mädchen. Eine typische Konstellation. Böser, grosser Mann, armes, kleines Mädchen.

[00:22:05.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie an das herantreten, sage ich: versuchen sie wegzukommen von dieser
klassischen Konstellation böser Junge, armes Mädchen.

[00:22:49.690] – Dr.med. Ursula Davatz

Versuchen sie den Zankapfel zu finden. Um was geht es?

[00:22:54.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Versuchen sie nicht zu richten. Nicht nach Gerechtigkeit suchen, sondern nach der
Problemlösung suchen.

[00:23:05.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Lassen sie sich das Problem schildern.

[00:23:05.630] – Bemerkung 1
Das mache ich. Die Tochter sagt dann: er lügt. Der Sohn sagt: sie lügt.

[00:23:13.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald die Kinder sagen, der lügt, die lügt, sind die Kinder auch schon im
Gerechtigkeitssinn drinnen. Die Kinder haben gemerkt, dass die Mutter auf
Gerechtigkeit schaut. Dann streiten beide Kinder um das Recht auf ihre Seite zu ziehen.

[00:23:38.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde sagen: mir ist es egal wer lügt, ich will das Problem kennen.

[00:23:43.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Worum habt ihr gestritten. Wer wollte was?

[00:23:52.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehen sie weg vom Prozess, wer hat Recht und wer hat Unrecht.

[00:23:57.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie stecken schon von Anfang an in dem drinnen. Sie müssen wegkommen von dem.
Was will der eine und was will der andere? Worum streiten sie eigentlich?

[00:24:09.590] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn sie immer wieder bei dem bleiben: der lügt, der lügt. Ich verstehe das nicht. Was
habt ihr eigentlich für ein Problem?

[00:24:14.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen immer wieder sagen: ich verstehe nicht, was das Problem ist.

[00:24:18.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Gar nicht darauf eingehen wer lügt und wer die Wahrheit sagt. Das ist schon das
Richtermodell. Das Richtermodell bringt gar nichts.

[00:24:27.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht verstehen sie nicht, ob sie um einen Apfel oder um ein Buch gestritten haben,
oder sonst etwas. Falls sie das nicht herausfinden, spielt das auch keine Rolle. Bleiben
sie einfach dort und sagen sie: ich verstehe das nicht, ich weiss nicht worum es geht.

[00:24:45.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Lassen sie sich nicht in die Richter Rolle reinziehen.

[00:24:46.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Offensichtlich ist es immer so abgelaufen, dass sie versuche zu schauen, wer Recht
hat. Auf diese Rolle dürfen sie nicht mehr gehen.

[00:24:54.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht darum wer Recht hat, sondern es geht darum: was ist eigentlich das
Problem?

[00:24:54.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Haben sie um einen Platz gestritten, um eine Sache.

[00:25:02.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Um was haben sie eigentlich gestritten?

[00:25:05.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist mir egal wer lügt.

[00:25:17.160] – Bemerkung 1
Ich habe Angst davor, dass er sie schlägt.

[00:25:17.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann immer fragen, was vorne dran war und was war davor und was war davor?
Was ist zuerst? Das Huhn oder das Ei?

[00:25:31.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei all diesen Prozessen ist es immer ein zirkulären Kreislauf.

[00:25:43.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Der eine hat zuerst provoziert und der andere hat dann gehauen. Vor dem Schlagen ist
etwas gewesen. Meistens sieht man nur das Grobe, derjenige, welcher drein
geschlagen hat und etwas falsch gemacht hat. Derjenige, welcher fein provoziert hat,
das sieht man nicht. Das ist weg.

[00:26:02.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das habe ich auch zwischen Mann und Frau, Ehepaare, Ehestreit.

[00:26:03.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Derjenige, welcher zuschlägt ist der Böse. Derjenige, welcher Widerhaken geschickt
hat, ganz fein provoziert hat, das hört man nicht mehr, davon weiss das Gericht auch
nichts.

[00:26:17.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind die Mutter, sie können genauer fragen: was war vorne dran? Was war dort die
Situation? Fragen sie weiter. Verbreitern sie den Prozess. Verbreitern sie ihre Sicht.
Gehen sie völlig weg vom Juristischen.

[00:26:39.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist verrückt, wie die schnell Eltern in das Juristische hineingehen.

[00:26:44.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe es immer wieder. Macht das Sinn für sie?

[00:26:44.290] – Bemerkung 1
Wie ist das mit dem Entschuldigen?

[00:26:44.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich funktioniere nicht mit Entschuldigen. Ich habe viele Erwachsene Leute mit
Problemen. Sobald man sagt: entschuldigen, dann geht es um Schuld.

[00:27:08.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann weisst man sich selber Schuld zu.

[00:27:13.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Erwachsene Menschen, die Probleme haben mit Schuld.

[00:27:17.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Schuldgefühle gehören zu den schlimmsten Gefühlen, welche man fast nicht erträgt.

[00:27:26.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Schuldgefühle machen viele psychosomatische Krankheiten.

[00:27:42.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher arbeite ich nicht mit Entschuldigen.

[00:27:49.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sich selber Schuld zuweisen ist eine schwere Belastung.

[00:27:59.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Entschuldigen ist Unterordnungsverhalten. Man muss sich einer Regel unterordnen
oder man muss sich einer Autorität unterordnen.

[00:28:00.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Unterordnungsverhalten ist immer demütigend. Ich will Kinder nicht demütigen. Ich
möchte sie eher zu mehr Sozialkompetenz anleiten.

[00:28:11.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Über eine Demütigung Schuld bekennen müssen, das ist nicht unbedingt
Sozialkompetenz.

[00:28:33.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gesetz funktioniert auch so.

[00:28:33.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Gutachten mache, werde ich gefragt: Schuldeinsicht oder nicht?

[00:28:33.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Psychiaterin suche ich nach Problemlösungen und nach Sozialkompetenz.

[00:28:40.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verlange eher keine Entschuldigung sondern suche eher neue Möglichkeiten: wie
könnte man es besser lösen?

[00:28:40.790] – Bemerkung 1
Am Schluss geben sie sich die Hand und entschuldigen sich und machen ein steinernes
Gesicht.

[00:28:45.220] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie entschuldigen sich nur weil sie sich entschuldigen müssen aber es kommt
überhaupt nicht von Herzen. Es ist eine Unterordnung.

[00:28:52.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine erzwungene Unterordnung.

[00:28:56.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Bild kommen mir immer die Römer in den Sinn, die Untertanen, welche sie
bekämpft haben, musste unter einem Joch durchlaufen, gebückten Hauptes.

[00:29:11.000] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich haben wir nicht mehr die starke Hierarchie wo sich der hierarchisch tiefere beim
hierarchisch höheren entschuldigen muss, respektive unterordnen. Wir wollen
Sozialkompetenz.

[00:29:20.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind sagt: es tut mir leid, das ist ein Unterschied. Das ist ok. Es tut mir leid,
dass ich dir weh getan habe. Ich wollte dir nicht weh tun.

[00:29:32.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Entschuldigen ist schon Schulkompetenz. Sich selber Schuld zuweisen.

[00:29:38.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das nimmt sehr viel von der Kraft von der Persönlichkeit weg.

[00:29:38.220] – Bemerkung 2
Das gibt später noch mehr Aggressionen und das kommt wieder zurück.

[00:29:43.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut.

[00:29:51.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einen Menschen demütigt in dem man sich entschuldigen muss und man
will es eigentlich nicht, dann gibt es Ressentiments.

[00:29:51.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Im unbeobachteten Moment kommt wieder die Aggression zurück. Sie haben Recht.
Das ist so. Das kann man überall sehen, auch bei Nationen. Wenn Nationen unten
durch müssen, gibt das Ressentiments, dann geht man aufeinander los.

[00:30:18.260] – Bemerkung 1
Ich muss es mal versuchen.

[00:30:22.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Sind sie sehr juristisch erzogen worden?

[00:30:30.910] – Bemerkung 1
Ich wurde sehr autoritär erzogen.

[00:30:32.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sehr autoritär erzogen worden sind, ist es klar, die Hierarchie oben hat
Recht, die anderen müssen sich dem unterordnen.

[00:30:32.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das nicht funktioniert, dann versucht man das wieder herzustellen.

[00:30:35.690] – Bemerkung 1
Ich versuche schon dran zu bleiben. Die Konzentration und der Wille der Kinder sind
dann nicht vorhanden, eine Lösung zu finden.

[00:30:35.800] – Dr.med. Ursula Davatz

Gehen sie mal nur dazwischen mit dem Gedanken: ich muss keine Lösung finden, ich
muss nicht richten. Ich will einfach wissen um was sie eigentlich streiten. Lassen sie
sich nicht mehr auf die juristische Schiene ziehen.

[00:30:56.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Sagen sie auch: ich verstehe es nicht.

[00:31:10.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder werden so erstaunt sein, wenn sie so argumentieren, dass die Kinder sagen:
dich kann man nicht brauchen, wir lösen das selber.

[00:31:15.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Ziel. Das ist gut.

[00:31:18.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht mehr mitmachen bei dem Juristischen. Nicht mehr darauf eingehen.

[00:31:18.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur sagen: ich verstehe es nicht. Worüber habt ihr gestritten? Was wollte jeder? Ich
verstehe es nicht richtig. Was wollte jeder?

[00:31:40.280] – Bemerkung 1
Streiten die Kinder so weniger am Schluss?

[00:31:40.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder merken dann, dass man die Mutter nicht mehr reinziehen kann auf die
eigene Seite mit Aussagen wie: ich habe Recht und der ist falsch. Dann streiten die
Kinder vielleicht auch weniger. Dann schicken sie die Mutter vielleicht wieder weg und
sagen: wir lösen das selber.

[00:31:59.340] – Dr.med. Ursula Davatz

Alleine in dem die Mutter so lange anwesend war und nicht draus gekommen ist, wird
das Ganze diffundiert und die Kinder finden selber wieder einen Weg.

[00:32:04.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Methode einen Streit zwischen Kindern zu schlichten, ist einfach dazwischen
liegen. Einfach anwesend sein und damit den Streit ein bisschen unterbrechen. Dann
können die Kinder nicht im gleichen Stil weitermachen.

[00:32:22.760] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem sie die Kinder auf eine Seite ziehen wollen, streiten sie mit. Dann geht genau
das gleiche weiter.

[00:32:38.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das Sinn?

[00:32:38.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Üben!

[00:32:39.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit sie das können, müssen sie von der Prägung von ihrer Erziehung weg kommen.

[00:32:38.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Übung macht den Meister.

[00:32:39.150] – Bemerkung 3
Ich habe zwei Kinder elf und neun. Der Junge ist elf und kommt in eine
heilpädagogische Schule. Die arbeiten von der Entwicklung her gleich wie die Schule
von der neunjährigen Schwester. Die Schwester hat dann immer das Gefühl, dass sie
eine führende Rolle übernehmen muss. Sie denkt, sie sei intelligenter. Das gibt sehr
viele Streitereien. Das ist sehr schwierig.

[00:33:28.400] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie haben das Problem, dass die Geschwisterhierarchie gestört ist, dadurch dass er ein
bisschen weniger intelligent ist und ein Handicap hat. Das ist natürlich, obwohl sie die
Jüngere ist, weil sie intelligenter ist, meint sie, dass sie die Führung übernehmen
müsse.

[00:33:35.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist allgemein ein bisschen das Problem, wenn eine gewisse Ungleichheit herrscht,
es könnte auch umgekehrt sein, dann verdrängt sie die Rolle der Mutter. Damit stört sie
ihre Hierarchie. Darauf kann man reagieren: geh weg, tu das nicht und mit ihr
schimpfen. Dann fühlt sie sich nicht wertgeschätzt in dem was sie tut. Indem sie
einspringt und ihm etwas sagt, eigentlich will sie hilfreich sein, eigentlich ist ist
kooperativ. Sie übernimmt natürlich eine Mutterrolle.

[00:33:40.000] – Bemerkung 3
Ich habe ihr auch schon gesagt: tu das nicht, das ist mein Aufgabe. Widme dich dir
selber, tu etwas für dich.

[00:34:30.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nicht als erstes sagen: du musst das nicht machen.

[00:34:51.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes müssen sie die Tochter validieren, wertschätzen und sagen: aha, du willst
ihm helfen, das ist nett von dir, dass du ihm helfen möchtest. Erst danach sagen: wenn
ich hier bin, dann ist das meine Aufgabe und dann mache ich es.

[00:34:51.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie validieren, schätzen in dem und dann erst sagen: ich tue es.

[00:35:34.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie gleich sagen: du musst das nicht tun, dann tun sie sie nicht wertschätzen.
Das tut ihr wieder weh und dann muss sie wieder dagegen vorgehen. Sehen sie den

Unterschied? Wir greifen meistens zu schnell ein und gleich eine Lösung. Nicht
langsam genug.

[00:35:41.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wertschätzen und erst dann die Regeln bringen.

[00:35:44.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich nicht hier bin, dann darfst du das. Wenn ich hier bin, möchte ich es machen.

[00:35:49.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist meine Aufgabe als Mutter.

[00:35:50.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wertschätzen. Die Kinder sind so geartet, dort wo ein Loch ist, wo etwas fehlt, greifen
sie ein und ersetzen das. Sei es bei einem schwachen Kind, sei es wenn ein Elternteil
krank ist, wenn ein Elternteil fehlt. Dann übernimmt das stärkste, das älteste Kind die
Rolle von anderen Elternteil und drückt einem fast ein bisschen raus. Hier muss man
auch wieder sagen: das ist nett von dir, vielen Dank! Das ist sehr gut gemeint. Ich
möchte jetzt aber hier bestimmen.

[00:35:50.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst wertschätzen, dann die Regeln rein bringen.

[00:35:50.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer die gleiche Regel. Zuerst die Situation wahrnehmen, anerkennen,
validieren, wertschätzen, dann die eigene Regel bringen.

[00:36:20.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht gleich die eigene Regel über das andere Verhalten drüber stülpen. Damit wird der
Prozess übereilt. Man wird denen nicht gerecht. Die Kinder kommen sich falsch und
ungerecht behandelt vor, runtergedrückt, überrannt.

[00:36:51.290] – Bemerkung 4
Grundloser Streit. Wenn die Ältere müde ist provoziert sie die Kleinere, bis die etwas
macht und die schlägt grausam zurück. Man sieht es schon im voraus kommen. Es geht
immer abends los, wenn die Ältere müde ist am Abend und ihre Aggressionen an der
kleineren Schwester auslässt. Ist das ein grundloser Streit?

[00:37:03.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Streit ist nie grundlos. Das ist eine Betrachtungsweise. Für das Kind ist der Streit
nie grundlos. Der Streit hat eine gewisse Funktion. Sie erkennen ja, was läuft. Die
Ältere ist überfordert oder schon ein bisschen müde. Dann braucht sie eine Situation
um irgendwie Energie abzulassen. Sie holt sich diese Situation. Man kann sagen, das
ist der Kleineren gegenüber ungerecht. Oder man kann sagen: das ist eine Chance für
beide, um Sozialkompetenz zu erlernen.

[00:38:16.780] – Bemerkung 4
Dann sollte man sich wohl besser entfernen?

[00:38:19.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie den jungen Hunden zuschauen, die rennen einander nach, beissen einander,
streiten zusammen. Streiten ist ein soziales Lernfeld. Auch das ist für alle beide ein
Lernfeld. Beide werden später im Leben Menschen begegnen, die einem quälen oder
plagen, wenn sie schlechter Laune sind. Wenn es der Chef ist, dann darf er das. Wenn
man der Untergebene ist, dann darf man es nicht.

[00:38:31.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Chef darf man die schlechte Laune an den Untergebenen auslassen. Als
Untergebener darf man es eigentlich nicht. Das ist falsch aber es wird gemacht. Das ist
gang und gebe.

[00:38:56.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können es laufen lassen. Wenn sie es ertragen, lernen beide etwas davon. Wenn es
ihnen zuviel ist und wenn sie merken, jetzt kommt es dann und sie wollen es nicht,
haben sie das Recht, präventiv einzugreifen.

[00:39:04.390] – Bemerkung 4
Was würden sie dann tun? Das Eingreifen klappt meistens nicht.

[00:39:30.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie greifen sie ein bevor es entstanden ist?

[00:39:30.668] – Bemerkung 4
Ich sage: jetzt hörst du auf. Du schlägst deine Schwester nicht.

[00:39:30.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja das geht nicht geht.

[00:39:37.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann seinen Kindern keine Sozialkompetenz beibringen durch Verbote. Das ist
wieder der autoritäre Stil. Der funktioniert nicht.

[00:40:05.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann dem Hund das Bellen nicht verbieten. Man muss den Hund tot schlagen,
damit er nicht mehr bellt. Das wollen wir nicht.

[00:40:17.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Verboten können sie sicher nicht steuren.

[00:40:24.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie es steuren wollen und denken, jetzt kommt es dann bald, dann müssen sie
das Abendessen aufbrechen oder sie müssen mit der Älteren etwas machen, ins
Zimmer gehen und etwas fragen.

[00:40:25.150] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie müssen den Prozess steuern. Nicht durch Verbote, sondern durch etwas anderes
machen.

[00:40:25.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müssen sie den Willen und die Zeit haben.

[00:40:26.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Sprechen sie die Ältere an, gehen sie mit ihr in ihr Zimmer und sie zeigt ihnen, was sie
in der Schule gemacht hat, spielt Klavier vor oder sonst etwas.

[00:40:53.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen mit dem Kind etwas machen. Dann kann sich das Kind mit ihnen
auseinandersetzen und muss nicht auf die Kleine los.

[00:41:11.660] – Bemerkung 4
Ich versuche das Mal.

[00:41:13.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es am nächsten Tag wieder kommt, ist das normal.

[00:41:21.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann auch sein: jetzt lösen wir auf und ich komm mit dir die Zähne putzen und wir
schwatzen noch ein bisschen zusammen.

[00:41:22.100] – Bemerkung 5
Das will das Kind ja. Das will das Kind ja, dass sich der Elternteil speziell um sie
kümmert.

[00:41:42.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass sie noch ein wenig vom Tag erzählen kann. Was anstrengend war, was schön war.
Komm wir gehen dort und dort hin, erzähl mir noch ein wenig von deinem Tag.

[00:41:43.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben sie es unterbrochen. Dann haben sie eine soziale Interaktion, zwischen
sich und dem Kind und geben dem Kind spezielle Aufmerksamkeit. Dann verhindern sie
sicher, dass sie nicht auf die kleine losgeht.

[00:42:01.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen untereinander abmachen mit ihrer Frau, wer macht das jetzt mit der Älteren
Tochter? Einmal machen sie es und einmal macht es die Frau.

[00:42:01.700] – Bemerkung 5
Ich muss das ausprobieren.

[00:42:09.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach den Prozess mit: nein, das darfst du nicht unterbrechen.

[00:42:22.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Prozess anders lenken. Sich in den Prozess rein versetzen und sagen: komm, wir
machen das zusammen.

[00:42:35.260] – Bemerkung 6
Ich finde das gefährlich. Das Kind kriegt für eine negative Reaktion eine positive
Belohnung.

[00:42:35.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das denke ich nicht. Er soll vor dem Streit eingreifen, präventiv.

[00:42:36.050] – Bemerkung 6
Die Provokation findet schon davor statt.

[00:42:36.320] – Bemerkung 5

Die Provokation ist nicht gegenüber mir. Die Provokation ist immer gegenüber der
Schwester.

[00:42:52.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind mit einem anderen Kind zu streiten beginnt, das bedeutet, dass dieses
Kind etwas braucht.

[00:43:06.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bedeutet nicht, dass sie den Streit belohnen.

[00:43:19.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Streit passiert natürlicherweise, gehört zur Sozialkompetenz erlernen.

[00:43:25.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie belohnen nicht streiten. Man soll Streiten auch nicht bestrafen. Es ist ein natürlicher
Impuls.

[00:43:32.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann beim Streit eingreifen und das Auseinander nehmen und anders steuern.

[00:43:37.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Es macht keinen Sinn zu sagen: ihr dürft nicht streiten.

[00:43:42.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle streiten, auch die Erwachsenen streiten, auf der ganzen Welt wird gestritten.

[00:43:43.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist menschliches Verhalten, das sind Auseinandersetzungen.

[00:43:50.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es als Streit bezeichnen, dann findet man es schlimm.

[00:43:55.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sagen: das ist eine Auseinandersetzung und dann ist es ok.

[00:43:59.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher ist es kein belohnen, sondern es ist nur den Prozess anders steuern.

[00:44:04.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder brauchen zum Teil eine einzelne Betreuung von einem einzelnen Elternteil.

[00:44:06.420] – Dr.med. Ursula Davatz
In gewissen Situationen braucht es das und das ist auch sinnvoll.

[00:44:15.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gehört auch zur Verbesserung der Sozialkompetenz.

[00:44:15.880] – Bemerkung 6
Was ganz oft geschieht ist, dass die Kinder in einer Essenssituation mit dem Streiten
beginnen, am Tisch. Ich als Mutter habe dann auch ein Bedürfnis am Tisch zu sein,
nach Harmonie, nach Familie. Wenn ich dann immer unterbrechen muss um mit dem
Kind etwas alleine zu machen, das hat für mich nicht mehr mit Streiten zu tun. Das hat
mit dem Familiensystem zu tun.

[00:44:15.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine andere Situation. Es sind ganz viele verschiedene Nuancen. Ich ging
davon, dass das Essen schon vorbei ist. Man kann ein bisschen früher oder ein
bisschen später auflösen. Vielleicht möchte man noch ein bisschen zusammensitzen
und schwatzen, die Situation erlaubt dies aber nicht, die Kinder brauchen etwas. Dann
muss man früher auflösen und mit dem einen Kind etwas machen.

[00:44:53.670] – Bemerkung 5

Die Gewalt stört mich in meinem Harmoniebedürfnis. Wenn sich die Schwestern
schlagen. Der Grossen passiert nichts.

[00:45:29.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sehen, dass es kommt, können sie präventiv eingreifen.

[00:45:57.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor den Schlägen können sie präventiv eingreifen und zu älteren Tochter sagen: komm,
wir gehen dorthin und erzähl mir noch ein wenig von deinem Tag. Dann schlägt die
ältere Tochter sicher nicht zu.

[00:45:57.520] – Bemerkung 5
Wenn die eine der anderen etwas wegnimmt und dann gibt es einen Streit, finde ich:
das ist verständlich. Der grundlose Streit stört mich.

[00:46:12.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Streit ist nie grundlos. Das ist eine Ermessenssache, wie man das beurteilt. Das kann
einem stören.

[00:46:27.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht sofort sagen: ich möchte nicht, dass du zuschlägst. Da kommt man nur mit der
Regel und sagt: nein.

[00:46:35.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst das Problem erfassen. Das Problem auf eine andere Art lösen. Erst am Schluss
sagen: im übrigen, du weisst, ich möchte das nicht.

[00:46:51.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es funktioniert nicht, wenn sie einfach nein sagen. So können sie den Prozess nicht
steuern.

[00:46:52.060] – Dr.med. Ursula Davatz

Man kann dem Hund das bellen nicht verbieten. Man kann den Kindern das Streiten
nicht verbieten. Man muss einen anderen Weg finden, um es zu steuern.

[00:47:08.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wieder die Prozesssteuerung, die Prozessbegleitung, ohne Verbote und
Befehle.

[00:47:08.580] – Bemerkung 7
Gibt es unter den Geschwistern eine natürliche Hierarchie oder wird diese Hierarchie
von den Eltern hergestellt? Wenn es eine natürliche Hierarchie gibt, wie reagiert man
darauf, wenn sie nicht akzeptiert wird?

[00:47:26.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, es gibt eine natürliche Hierarchie, das ist ganz klar. Das Älteste ist am höchsten,
auch bei Zwillingen gibt es eine Hierarchie. Es gibt einen erst geborenen Zwilling und
einen zweit geborenen Zwilling.

[00:48:10.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort frage ich dann jeweils immer noch, welcher ist zuerst geboren und welcher ist
schwerer gewesen? Welcher ist der Anführer?

[00:48:36.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei eineiigen Zwillingen gibt es immer einen der mehr führt und der andere, welcher
mehr folgt. Das kann auch ändern.

[00:48:42.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei eineiigen Zwillingen ist die Hierarchie am schwierigsten herzustellen. Dort kommt
sie auch vor. Die Zwillinge stellen untereinander immer wieder die Hierarchie her. Das
ist ein bisschen komplizierter.

[00:48:59.290] – Dr.med. Ursula Davatz

Wir Eltern sollten die natürliche Hierarchie unter den Geschwistern beachten und ernst
nehmen.

[00:49:06.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das jüngere Kind gescheiter ist, als das ältere Kind, dann wird die Hierarchie
gestört. Dann wird alles komplizierter.

[00:49:17.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass man die Hierarchie immer wieder wahrnimmt.

[00:49:19.120] – Bemerkung 7
Ich hatte auch schon das Gefühl, dass es keinen Sinn ergibt, wenn man versucht diese
Hierarchie künstlich zu stützen. Der Jüngere sagt dann auch: nur weil mein Bruder zwei
Jahre älter ist, ist er nicht mehr wie ich. Wieso ist er hierarchisch höher. Der Jüngere will
das nicht akzeptieren.

[00:49:19.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie betonen sie die Hierarchie?

[00:49:40.990] – Bemerkung 7
Das ist unterschiedlich. Ich habe nicht das Gefühl, dass der Ältere mehr Rechte hat in
der Familie. Wenn ich weggehe, gebe ich dem Ältere den Schlüssel.

[00:50:17.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ok, weil er zwei Jahre älter ist. Wenn er sagt, das finde ich nicht gerecht, dann
dürfen sie als Mutter sagen: aber ich möchte das so.

[00:50:29.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Gorillas halten die Hierarchie sehr gut ein, die Schimpansen nicht so gut. Wir Menschen
sind eine Mischung dazwischen.

[00:50:29.480] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Menschen halten die Hierarchie auch nicht so gut ein. Die Menschen stellen die
Hierarchie immer wieder in Frage. Frauen tun dies. Buben können es auch tun. Der
jüngere stellt hier die Hierarchie immer wieder in Frage. Das darf er. Sie können als
Mutter sagen: und ich möchte es so.

[00:50:39.310] – Bemerkung 7
Ich darf die natürliche Hierarchie verstärken?

[00:51:14.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können auch einmal eine Ausnahme machen. Zum Beispiel beim Essen verteilen,
damit nicht immer der Älteste das Essen zuerst kriegt, können sie sagen: heute beginne
ich einmal beim Jüngsten. Welches Stück Kuchen möchtest du?

[00:51:25.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Schlüssel würde ich ganz klar dem Ältesten den Schlüssel geben.

[00:51:25.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich absolut in Ordnung.

[00:51:25.860] – Bemerkung 7
Ich fühle mich bestärkt, besten Dank!

[00:51:39.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihr jüngerer Sohn hat das Recht, sie in Frage zu stellen.

[00:51:40.120] – Bemerkung 7
Wieso sitzt der Vater immer hier?

[00:51:47.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Weil er der Vater ist. Hierarchische Systeme haben ihre Vorteil. Man darf sie aber auch
in Frage stellen. Man kann sie auch mal durcheinander machen und schauen wie es
dann ist.

[00:51:47.350] – Bemerkung 7
Wir haben auch schon versucht dem Jüngeren mal Verantwortung zu übergeben. Er
merkte, dass sich das schwierig anfühlt.

[00:52:00.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Dem oberen am Stuhl zu sagen oder an sein Bein zu pinkeln ist einfach. Die
Verantwortung übernehmen ist ein bisschen schwieriger. Das sieht man auch in der
Politik.

[00:52:19.880] – Bemerkung 8
Ich habe zwei Mädchen. Fünf und sieben. Die Kleine war immer sehr laut und hat viel
geweint. Mich stresst das total, wenn die Kleine so weint. Ich hatte dann immer Mitleid
mit der Kleinen. Heute ist es so, dass die Grosse die kleine oft auch plagt. Darum bin
ich hier. Ich schimpfe dann mit der grossen. Jetzt habe ich ein schlechte Beziehung mit
der Grossen. Das ist schwierig.

[00:53:18.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das nächste Mal den automatischen Reflex: die Kleine beschützen und die Grosse
bestrafen, unterbinden. Sie müssen sich sagen: dieses Mal mache ich es nicht so. Sie
müssen sich dann ein Bild von der Situation machen. Was ist gewesen, wer wollte was?
Fragen sie zuerst einmal die Grosse, was gewesen ist. Die ist immer zu kurz
gekommen. Sie haben immer gleich die Kleine beschützt und die Grosse war die Böse.
Drehen sie das einmal um. Verlangsamen sie alles. Setzen sie sich hin mit der Grossen
und sagen: erzähl mir mal, was gewesen ist, aus deiner Sicht. Wenn dann die Kleine
rein schreit, zuerst die Grosse anhören. Die Hierarchie einhalten. Zuerst die Grosse
anhören, was geschehen ist.

[00:54:30.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sich ein Bild gemacht haben, fragen sie die Kleine, was die erzählt.

[00:54:41.720] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann versuchen sie sich ein Bild daraus zu machen, was hier abläuft.

[00:54:52.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann nicht nach dem Schema: das ist die Böse und das ist das arme Opfer, sondern:
wie wollen wir das zusammen lösen.

[00:55:10.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen sogar nachdenklich sein.

[00:55:14.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Verlangsamen sie sich total und sagen sie: wie wollen wir jetzt das lösen? Hast du
einen Vorschlag? Fragen sie das zuerst die Grosse. Wie wollen wir das lösen? Machen
sie wie einen gemeinsamen Rat. Verlangsamen sie den ganzen Prozess.

[00:55:20.470] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem sie das machen, werden beide aus ihren Rollen raus fallen und sie werden
beide in Erstaunen bringen, sodass eine neue Lösung kommt.

[00:55:31.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht mehr das Schnelle: du bist der Täter und du bist das Opfer. Sonst machen sie
sich die Beziehung mit der Grösseren kaputt. Das ist schade.

[00:56:02.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Sitzen sie wirklich ruhig hin und sagen: ich will mir jetzt mal schildern lassen von dir:
wie ist es gewesen? Ganz langsam. Nehmen sie es als Experiment, als Lernobjekt.
Haben sie nicht gleich zum Ziel: es muss sofort gelöst werden. Sie müssen aus ihrem
Muster rauskommen.

[00:56:11.600] – Bemerkung 8
Es braucht Geduld.

[00:56:18.140] – Dr.med. Ursula Davatz

Nehmen sie sich das ein einziges Mal vor. Wenn sie es ein einziges Mal erreichen, dass
das anders läuft, läuft es schon anders weiter. Sie werden Zeit sparen. Jetzt
verschwenden sie sehr viel Zeit mit eingreifen, auf eine Art und Weise die gar nichts
bringt.

[00:57:02.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Nehmen sie sich das wirklich vor. Stellen sie sämtliche Kochtöpfe ab. Es ist jetzt alles
egal. Das Telefon wird ausgeschaltet. Sie nehmen sich jetzt Zeit und sie setzen sich
jetzt hin.

[00:57:03.050] – Bemerkung 8
Wenn ich nicht bei den Mädchen bin, verschlagen sich die Mädchen weiter. Sie sind
fünf und sieben Jahre alt.

[00:57:33.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Setzen sie sich mit beiden hin und sagen: so jetzt machen wir zusammen eine Sitzung
und fragen zuerst die Grosse und lassen es sich schildern. Machen sie es ganz
offiziell. Nehmen sie sich Zeit. Denken sie nicht: das muss so schnell wie möglich gelöst
sein. Sobald sie sich beeilen wollen, läuft es im alten Muster weiter. Dann erreichen sie
gar nichts. Sie lassen zuerst die grosse schildern was geschehen ist.

[00:57:56.530] – Bemerkung 8
Ich bestrafe die Kinder nicht physisch. Das wissen die Kinder auch.

[00:58:04.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die eine ist links, die andere ist rechts. Sie sitzen dazwischen und dann wird geredet.

[00:58:42.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Kleine rein schlägt, müssen sie wie ein Löwenbändiger reagieren. Jeder
kommt auf seinen Stuhl. Immer wieder unterbrechen und sagen: nein, ich möchte es
zuerst von ihr hören und dann von ihr.

[00:59:02.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagen sie aha: ich sehe, das und das ist das Problem. Ich mache jetzt eine
Konfliktsitzung. Wir haben ein Problem. Wie lösen wir das? Fragen sie nach einem
Vorschlag, auch wenn es kleine Kinder sind. Kinder sind oft viel kompetenter als wir
denken.

[00:59:02.970] – Bemerkung 8
Viel sagen: schön, du hast zwei Mädchen, das ist doch wunderschön. Ja, Zickenkrieg
par excellence. Im Teenageralter ist das wohl noch viel schlimmer. Ich hätte lieber zwei
Jungs.

[00:59:20.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Knaben streiten anders miteinander als Mädchen. Knaben verprügeln sich und
verbrüdern sich dann wieder. Da geht es auch heiss zu und her.

[00:59:44.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Mädchen reissen eher und es zieht sich länger raus. Mädchen sind häufig intriganter.

[01:00:05.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den gemischten, verwendet das Mädchen die Intrige und der Junge seine Gewalt.

[01:00:05.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir dürfen nicht auf diese Schemas eingehen. Wir müssen neue Prozess Steuerungen
finden.

[01:00:10.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas wichtiges um etwas anderes zu machen, ist den Prozess verlangsamen. Selber
nicht mehr das gleiche tun wie das, was man immer gemacht hat.

[01:00:10.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht dem Kind sagen: du darfst nicht. Sie selber sagen: ich muss hier anders
eingreifen.

[01:00:41.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Methode, welche bisher angewendet wurde, hat es nicht gebracht.

[01:00:47.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei ihrer Konstellation könnte man noch etwas dazu sagen. Machen sie ein Sit-In.
Fragen sie nach einer Problemlösung. Fragen sie die Ältere und die Jüngere. Immer die
Hierarchie einhalten.

[01:00:49.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Um die Beziehung mit der Grösseren zu verbessern, können sie mit ihr etwas separates
unternehmen. Eine Stunde, ein Tag, ein halber Tag mit ihr verbringen, mir ihr ganz
spezifisch etwas unternehmen.

[01:01:21.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt ist ihre Beziehung zur Älteren Tochter gestört durch die Funktion, dass sie immer
die Kleine schützen müssen. Das ist nicht gut. Ich wünsche ihnen ein schönes Sit-In.
Sie lernen. Und dann einen schönen Nachmittag mit der Älteren Tochter. Wenn sie beim
ersten Mal nicht ankommen, versuchen sie es ein zweites Mal. Irgendwann kommen sie
durch, sie fühlt sich geehrt. Es ist auch für sie gut. Die wollen ihre Beziehung wieder
herstellen.

[01:01:53.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehung ist zur Zeit nur durch den blöden Streit gestört.

[01:02:23.170] – Bemerkung 9
Ich komme nochmals auf das Thema zurück wegen Streit am Mittagstisch. Wir möchten
Mittagessen. Am Abend ist die grosse müde von der Schule. Am Mittagstisch haben wir
immer einen grossen Streit. Die Grosse sagt zur Kleinen: schau mich nicht an. Du
musst mich nicht einmal anschauen. Die Grosse ist elf Jahre alt und die Kleine ist fünf
Jahre alt.

[01:02:23.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie sitzen sie? Gegenüber?

[01:03:29.630] – Bemerkung 9
Die Kleine sitzt oben am Tisch, die Grosse am anderen Ende vom Tisch.

[01:03:52.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde beide so setzen, dass sie sich gar nicht anschauen können und zwischen
rein sitzen. Sie können alle auf eine Reihe setzen. In die Mitte sitzen, die eine links und
die andere rechts. Nicht so, dass sie sich anschauen können. Jede kann die Wand
anschauen. Wie im Zug.

[01:04:21.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagen: jetzt machen wir mal eine andere Sitzordnung. Ich habe gesehen, dass dich
das stört. Du sitzt links von mir und rechts und ich in der Mitte. Jede schaut an die
Wand.

[01:04:22.340] – Bemerkung 9
Die eine sagt: ich finde die Kartoffeln gut. Die andere sagt: ich finde die Kartoffeln nicht
gut.

[01:04:43.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist gut möglich.

[01:04:43.430] – Bemerkung 10
Du schnaufst zu laut.

[01:04:43.480] – Bemerkung 11
Die eine zur Grossmutter senden.

[01:04:43.530] – Bemerkung 9

Ich lasse die beiden streiten, ich greife nicht schnell ein aber das nervt mich.

[01:05:16.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben das Recht, dass sie beim Essen eine gewisse Ruhe haben wollen. Das ist
ein Prinzip, eine Regel. Essen ist ein Moment, wo man zusammensitzt, wo man es
ruhig hat, wo man etwas austauscht.

[01:05:55.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage auch allen Eltern: beim Essen werden keine Probleme besprochen.

[01:06:00.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Essen nicht das Kind zurecht weisen und Probleme besprechen. Sie dürfen
sagen: ich will beim Essen Ruhe. Es ist nicht gut für den Magen, man verdaut nicht so
gut. Dies als Regel bringen.

[01:06:00.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit den Mädchen eine Sitzung machen. Ich habe ein Problem. Beim Essen will ich
Ruhe haben sonst kriege ich einen Knopf im Magen. Wie machen wir das? Fragen sie
die Kinder: wie machen wir es, dass wir in Ruhe miteinander essen können, ohne dass
wir immer streiten?

[01:06:44.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes die Ältere fragen: wie müssen wir es machen, dass nicht sofort der Streit
beginnt. Nicht fragen, wenn sie schon beim Essen sitzen. Dann die Jüngere fragen: was
meinst du?

[01:07:08.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man sagen: was haben wir abgemacht? Versuchen wir das auf morgen.
Was denkt ihr, wie das geht? Sie müssen sie mit einbeziehen in die Problemlösung.
Jetzt sind immer sie die, welche sie unten behalten wollen. Nein, die kommen natürlich.
Dann mal schauen was geschieht.

[01:07:27.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Sinne eines Elternrates. Die Oberregel ist ein ruhiges Essen, weil das andere
ungesund ist. Wenn sie streiten wollen, dürfen sie ins Zimmer gehen und dort streiten.
Beim Essen will ich es nicht. Ich will diese Regel. Wie erreichen wir das? Was ist Dein
Lösungsvorschlag?

[01:07:37.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der Sitzordnung her, können sie es so machen, dass sie einander nicht mehr
anschauen können. Dann mal umgekehrt, die eine hier und die andere dort. Links und
rechts vertauschen. Sie sitzen zwischen rein. Wir sprechen alle an die Wand. Wenn wir
verrückt sind, sprechen wir an die Wand aber nicht auf die anderen. Nicht vor einen
Fernseher stellen. Ist das eine Möglichkeit?

[01:08:16.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind zwei Prinzipien: einerseits holen sie die Kinder rein als Problemlöser, wir
wollen Sozialkompetenz, Kinder haben gute Problemlösungsstrategien, man muss sie
nur miteinbeziehen. Andererseits verändern sie die Struktur, rein visuell, sie können
einander nicht anschauen. Sie schauen beide an die Wand. Ist das eine Möglichkeit?
Sie haben zwei Methoden.

[01:09:13.010] – Bemerkung 12
Ich habe zwei Knaben zu Hause. Elf und neun Jahre alt. Sie können 24 Stunden am
Tag streiten. Es ist die ganze Palette, von verbal bis körperlich. Gehört das zu den
Knaben? Die sind wie Hund und Katze.

[01:09:13.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Knaben sind häufig schneller körperlich.

[01:10:06.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kenne Erwachsene, die sagen sie hätten sich als Kinder fürchterlich bekämpft und
gestritten wie verrückt und haben danach das beste Verhältnis. Das ist nicht so
abnormal.

[01:10:29.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist abhängig davon, wie stark sie das stört. Sie können als Mutter sagen: ihr könnt
hier üben, mit euren Wettkämpfen lernt ihr kompetitiv sein, streiten. Ich will euch auch
noch eine andere Strategie beibringen.

[01:10:42.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie eine andere Strategie beibringen wollen, können sie irgendeinmal eingreifen
und sagen: um was geht es?

[01:10:47.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann schauen, wie man das Problem anders lösen könnte.

[01:10:54.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sich alles schildern lassen, zuerst vom Älteren dann vom Jüngeren. Dann
schauen, wie man das noch anders lösen könnte, als nur mit dreinschlagen, schreien
und machen.

[01:11:20.690] – Bemerkung 13
Der Grosse denkt ich liebe den Kleinen zu viel und der Kleine denkt ich liebe den
Grossen zu viel, als Mutter. Es ist ein Eifersuchtsproblem zwischen den zwei Knaben.

[01:11:21.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Eifersucht ist ein Wort, das die Eltern oft verwenden. Meistens steckt hinter der
Eifersucht noch etwas anderes. Sprechen sie mit jedem einzeln und schauen: was willst
du von mir.

[01:11:45.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens wird von Eifersucht gesprochen, wenn die Ressourcen ungenügend sind,
wenn die Kinder denken, dass man nicht genügend Zeit für sie hat.

[01:12:18.450] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn sie ständig streiten kann es sein, dass jeder etwas von ihnen möchte. Es wäre
auch eine Methode um sie reinzuholen.

[01:12:28.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Versuchen sie das Problem anders zu lösen, als mit Geprügel und Geschrei.

[01:12:28.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Über Kooperation und nicht über Kompetition versuchen das Problem zu lösen. Das
wäre etwas weibliches. Wir wollen Kooperation und nicht Kompetition.

[01:12:58.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur Wettkampf. Ich will ihnen noch etwas anderes beibringen.

[01:13:08.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Achten sie auch darauf, wie ihre Beziehung zu jedem einzelnen ist. Diese Beziehung
zum Einzelnen gut pflegen. Weg vom Streit und zu jedem einzeln eine Beziehung
herstellen.

[01:13:09.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Bewusst jedem Einzelzuwendung, wo der andere nicht dabei ist.

[01:13:35.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Aufteilen, jeden der beiden Jungs versuchen besser zu verstehen, in seinem Wesen.
Ohne, dass sie eingehen darauf: du hast den anderen mehr gerne. Nicht mit dem
Blickwinkel der Eifersucht.

[01:14:02.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange sie den Blickwinkel der Eifersucht haben, lösen sie das Problem nicht. Dann
sind sie immer mit dem Geschwisterstreit beschäftigt. Das sind zwei verschiedene
Dinge.

[01:14:12.390] – Dr.med. Ursula Davatz

Probleme zwischen Menschen werden nie im Dreieck gelöst, sondern wenn man
wirklich nahe ans Problem herankommen will, muss man in der Zweierbeziehung das
Problem lösen.

[01:14:33.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Knaben lösen ihre Problematik schon in ihrer Zweierbeziehung.

[01:14:39.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen als Mutter versuchen zu jedem einzelnen eine individuelle Beziehung
herzustellen und den anderen draussen lassen.

[01:14:45.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Was für eine Rolle hat der Vater.

[01:14:58.190] – Bemerkung 14
Ich bin alleinerziehend. Sie sind auch ab und zu beim Vater. Sie gehen immer zu zweit
zum Vater.

[01:14:58.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde die Kinder auch mal einzeln zum Vater schicken. Dann haben sie die Chance
mit dem einen alleine zu sein. Dann haben sie nicht frei.

[01:15:17.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die gehen immer zusammen und sie haben nie die Möglichkeit zu einem anderen
Elternteil Bezug zu nehmen. Es fehlt die individuelle Beziehung. Ich würde sie mal
aufteilen. Einmal geht der eine zum Vater, das andere Mal geht der andere zum Vater.

[01:15:42.310] – Dr.med. Ursula Davatz
So stören wir das eingefleischte Muster.

[01:15:47.740] – Bemerkung 15

Zum Thema Zwillinge. Wir haben zwei neunjährige Knaben. Die haben noch einen
fünfjährigen jüngeren Bruder. Seit die Zwillinge auf der Welt sind, haben die einen
Machtkampf.

[01:16:02.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist typisch für Zwillinge.

[01:16:14.830] – Bemerkung 15
Der eine ist älter aber kleiner. Der Ältere war auch leichter bei der Geburt. Wir lassen
den Machtkampf über uns ergehen.

[01:16:14.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat keinen Sinn, diesen Machtkampf unterbinden zu wollen. Er gehört zu den
Zwillingen. Die lieben sich und die hassen sich. Die setzen sich ständig miteinander
auseinander.

[01:16:24.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Je weniger Hierarchie vorhanden ist zwischen zwei, umso grösser ist das
Konfliktpotential. Ich denke das müssen sie akzeptieren. Wenn sie das zu fest stört,
können sie auch sagen: so ich will jetzt nichts mit dem zu tun haben und entweder
streitet ihr hinter geschlossenen Türen oder ich trenne euch und jeder ist für sich. Ich
habe auch mal Recht auf meine Ruhe. Sie können sich hierarchisch durchsetzen für
ihre Ruhe, nicht aber um den Konflikt zu lösen. Da sind sie hoffnungslos verloren.

[01:17:15.110] – Bemerkung 15
Zwischen dem neunjährigen und dem fünfjährigen ist es klar. Der gibt dem fünfjährigen
einfach auf die Kappe. Der Zweite gibt es dem Dritten weiter.

[01:17:47.600] – Dr.med. Ursula Davatz
So läuft es.

[01:17:54.240] – Dr.med. Ursula Davatz

Zwillinge sind auch stärker als die Eltern. Die sind immer zu zweit. Dann hat man kein
Bier.

[01:18:15.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen sagen: ich will hier in Ruhe gelassen werden. Ich habe auch das Recht auf
Ruhe.

[01:18:28.620] – Bemerkung 16
Der erste Kind ist drei Jahre alt, das zweite ist sechs Wochen alt. Der Ältere zieht dem
jüngeren die Socken aus oder beisst ihm in die Zehen. Wie soll ich reagieren? Wenn ich
mit ihm schimpfe, ist der Kleine wieder im Vordergrund.

[01:19:00.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Schimpfen in dem Moment geht nicht so gut. Es verstärkt es eher.

[01:19:40.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Eher wissen, dass er das tun könnte.

[01:19:46.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Umdefinieren (reframing). Willst du ihm eine Fussmassage machen? Du hast ihm die
Socken ausgezogen, ziehst du ihm die Socken jetzt wieder an? Den Älteren in einen
Prozess involvieren, wo er mitmachen kann.

[01:19:57.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Mehr involvieren. Nicht bestrafen, mit einbeziehen in allen Dingen. Er soll dem
Jüngeren auch die Socken anziehen dürfen.

[01:20:51.530] – Bemerkung 16
Wie ist es mit Schimpfworten?

[01:20:51.810] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Sprache ist heutzutage viel mehr vandalisiert. Es wird viel mehr geflucht und
gemacht. Sie hören alles auf der Strasse, sie wissen gar nicht was es bedeutet. Sie
verwenden es als Imponiergehabe und um einen zu stören.

[01:21:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Herausfinden, warum er genau in diesem Moment so einen Kraftausdruck verwenden
muss. Was will er bewirken? Nicht auf das Wort eingehen, sondern auf den Prozess.
Dann den Prozess anders leiten. Erst an zweiter Stelle sagen: ich möchte das nicht.

[01:21:57.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr man sagt: ich möchte das nicht, umso mehr wird es verwendet.

[01:22:01.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wissen: so können sie einem provozieren.

[01:22:06.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ruhig bleiben. Irgendwann geht es weg. Die Kinder nehmen die Schimpfworte von
irgendwo mit. Wenn man zu Hause nicht so spricht, lernen die Kinder auch die normale
Sprache.

[01:22:22.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie nicht zu stark imponieren lassen, nicht zu stark darauf herum reiten. Selber eine
gepflegte Sprache verwenden. Ab und zu sagen: ich möchte eine gepflegte Sprache
haben.

[01:22:39.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Beispiel ist der Zinedine Zidane.

[01:22:39.632] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Zin%C3%A9dine_Zidane

[01:22:39.740] – Dr.med. Ursula Davatz

So Wörter können dann solche Sachen bewirken und das ist nicht so gut. Darum macht
man es nicht. Hier kommen die allgemeinen Regeln. Das sind Höflichkeitsregeln. Das
ist wieder Sozialverhalten, dass man sich höflich verhält, damit man sozial kompetent
ist und das nicht unnötig Konflikte gibt.

[01:23:14.150] – Bemerkung 17
Ich möchte noch anknüpfen an das Trennen der Zwillinge. Manchmal sage ich: macht
die Türe zu und geht ins Zimmer streiten. Oder ich sage: jetzt trenne ich euch einmal,
damit ich mal Ruhe habe.

[01:23:57.950] – Bemerkung 17
Ich interveniere erst, wenn sie handgreiflich werden. Das geschieht nicht so viel. Das
akzeptiere ich nicht. Soll man schon früher eingreifen?

[01:24:18.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist in Ordnung. Sie haben das Recht auf ihre Ruhe, sie dürfen auch sagen, gehen
sie in ihre Zimmer, hinter verschlossene Türen. Die haben das Recht auf ihre Ruhe.

[01:24:18.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie den Kinder mehr Sozialkompetenz beibringen wollen, ist das die Möglichkeit,
dass sie so intervenieren und sagen: wie finden wir eine andere Lösung? Nur wenn sie
die Energie und die Zeit dazu haben. Ich sage nicht, dass sie mehr eingreifen müssen.
Die Mädchen lernen auch so.

[01:25:15.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Schauen wir zum Fenster raus, oder schauen wir in die Küche. Jedes Kind kann für sich
eine eigene Zeichnung aufhängen ans Fenster. Es darf nur diese anschauen. Ein
kleines Seminar machen, ein Meditationsseminar.

[01:25:42.590] – Bemerkung 18

Ich habe das Gefühl, sie sind eifersüchtig auf einander. Die Kleine ist sehr intelligent,
bei der klappt alles. Sie sind auf dem gleichen Niveau. Ich habe das Gefühl, dass die
Grosse auf die Kleine eifersüchtig ist.

[01:25:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe immer wieder gestaunt, wie unterschiedlich begabte Geschwister nicht
aufeinander eifersüchtig sind. Wie Geschwister eigentlich natürlicherweise die Situation
akzeptieren, so wie sie ist. Sie sind damit aufgewachsen.

[01:26:50.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erwachsenen haben oft mehr Angst vor dieser Eifersucht, als bei den Kindern
wirklich der Fall ist.

[01:26:54.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, wenn so unausgeglichene Fähigkeiten da sind, könnte das schon sein.

[01:27:02.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin sehr vorsichtig mit dem Wort Eifersucht, dieses Wort vor den Kindern in den
Mund zu nehmen. Man kann schnell etwas heraufbeschwören, das eigentlich gar nicht
ist.

[01:27:06.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Um die Eifersucht nicht zu stärken, jedes Kind hat seine Kompetenz. Es gibt keine
allgemein anerkannte Kompetenz.

[01:27:39.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass man bei jedem Kind seine Kompetenz wertschätzt.

[01:27:39.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht werten: das ist besser und das ist schlechter.

[01:27:39.720] – Bemerkung 18

Der Kleine kommt nach Hause und hat überall Sechser. Ich versuche dann den
Grossen zu motivieren.

[01:27:49.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Moment ist sehr kompetitiv.

[01:28:04.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Grosse einen Sechser nach Hause bringt und die Kleine kommt und sagt: ich
auch, ich könnte das auch. Hier dürfen sie die Kleine ein bisschen stoppen und sagen:
ja das stimmt du hast auch Sechser, aber jetzt sprechen wir von deinem Sechser. Ich
will jetzt von deinem Sechser sprechen.

[01:28:29.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kommen sie rein mit ihrer Hierarchie, mit ihrer Autorität. Hier dürfen sie die Kleine
stoppen. Sonst stiehlt die Kleine der Grossen schon wieder die Show. Das dürfen sie
ruhig unterbrechen.

[01:29:07.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier dürfen sie die Kompetition unterbrechen. Sie wollen der Grossen Anerkennung
geben und sprechen nicht von den Sechsern der Kleinen.

[01:29:12.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht sagen: jetzt nicht provozieren. Damit machen sie die Kleine runter.

[01:29:31.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will nicht darüber sprechen. Ich will darüber sprechen.

[01:29:35.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Später oder ein anderes Mal spreche ich gerne mit dir über deine Sechser. Die sind
auch gut.

[01:29:39.520] – Bemerkung 19

Die Kinder sagen immer sofort: du willst nur ablenken.

[01:30:10.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Du siehst das absolut richtig. Ich habe auch das Recht auf meine Ruhe. Ich möchte
einen ruhigen Mittagstisch.

[01:30:29.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder durchschauen unsere Strategien.

[01:30:35.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke für das aktive Mitmachen.

[01:30:41.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich übergebe das Wort.