Wie können ADHS/ADS-Personen Entscheidungen treffen?

Das Treffen von Entscheidungen kann für Menschen mit ADHS/ADS eine besondere Herausforderung darstellen. Die Schwierigkeiten zeigen sich auf unterschiedliche Weise, je nachdem, ob die Person eher ADHS- oder ADS-Ausprägungen hat.

  1. Impulsivität und schnelle Entscheidungen (eher ADHS):
    • Ein Charakteristikum von ADHS/ADSlern ist die hohe Impulsivität. Dies kann sich positiv als grosse Spontanität äussern.
    • Negativ bedeutet es, dass sie zu schnellen, spontanen Entscheidungen neigen. Sie sehen etwas und sagen sofort: „Ich mache mit“. Dies führt oft dazu, dass sie sich zu viele Aufgaben aufladen und dann überfordert sind oder nicht mehr weiterwissen.
    • Der Rat lautet, diese Personen dazu anzuhalten, innezuhalten, zu warten und ein wenig nachzudenken, bevor sie enthusiastisch zusagen. Man sollte ihnen raten, „noch einmal darüber zu schlafen“.
  2. Unentschlossenheit (eher ADS):
    • ADSler, der denkende Typ mit stärkerer innerer Aktivität, tendieren dazu, gar nicht zu entscheiden.
    • Sie gehen im Kopf so viele Möglichkeiten durch und wägen ständig das Für und Wider ab.
    • Dr. Davatz betont, dass ein guter Entscheid immer mit dem Herzen verbunden sein muss. Rein auf kognitiver Ebene entscheiden zu wollen, funktioniert nicht.
    • Um sein Herz und seine eigentlichen Emotionen zu spüren, die für eine gute Entscheidung nötig sind, muss man ein bisschen innehalten und zuhören.
  3. Strukturierung und Umsetzung von Entscheidungen (Prokrastination):
    • Im Erwachsenenalter ist Prokrastination („Aufschieberitis“) bei ADHS/ADSlern häufig. Sie wissen, dass eine Aufgabe erledigt werden muss, tun es aber nicht und ärgern sich darüber. To-Do-Listen sind oft wenig effektiv, da die Aufgaben darauf verschoben werden.
    • Um dem entgegenzuwirken, ist eine sehr genaue Fokussierung der Aufgabe nötig: Man muss sich vornehmen, wann, an welchem Tag, zu welcher Zeit und an welchem Ort man die Aufgabe erledigt.
    • Dies erfordert eine starke persönliche Fokussierung und eine gewisse Disziplin, um es dann auch umzusetzen und nicht auszuweichen. Vage Formulierungen wie „ich sollte dann noch“ sind ineffektiv. Dr. Davatz vergleicht dies mit dem Adler, der seine Beute genau fokussiert.
  4. Umgang mit Ambivalenz nach einer Entscheidung:
    • Nachdem eine Entscheidung getroffen wurde, fallen viele ADHS/ADSler in Ambivalenz zurück und fragen sich, ob sie nicht anders hätten entscheiden sollen. Dieser Zustand wird als Katastrophe beschrieben, aus der man schwer herauskommt.
    • Der Rat ist, der Person zu sagen, dass sie zu diesem Zeitpunkt so entschieden hat und das in Ordnung ist. Jede Entscheidung hat Vor- und Nachteile, und es gibt viele Wege, die zum Ziel führen. Sie sollten bei ihrem Entscheid bleiben.
  5. Umentscheidungen:
    • Manchmal ist es notwendig, eine Entscheidung zu ändern. Wenn dies der Fall ist, muss man dies klar und begründet tun. Man sollte erklären, nach welchen Kriterien man ursprünglich entschieden hat und warum man sich jetzt, basierend auf neuen Überlegungen, klar umentscheidet. Dies ist akzeptabel, solange es nicht ein ständiges Hin und Her ist.
  6. Wichtigkeit von Prinzipien und Gewohnheiten:
    • Da ADHS/ADSler sich schwer tun, sich selbst zu strukturieren, ist es wichtig, dass sie lernen, dies zu tun.
    • Das Anlegen von Prinzipien und Gewohnheiten durch mehrmaliges gleiches Handeln integriert diese Abläufe ins Gehirn, macht Entscheidungen in diesen Bereichen einfacher und spart Energie. Klare Rituale, wie ein Morgenritual oder ein Ritual zum Herunterfahren am Abend, sind hilfreich.
  7. Rolle der Führung und Begleitung:
    • Bei der Führung oder Erziehung von ADHS/ADSlern ist eine autoritative Haltung hilfreich: Man sagt klar, was man will („ich will“), anstatt zu befehlen („du musst“, „du sollst“). Die Energie bleibt bei der Person, die etwas will.
    • Es ist wichtig, die Person zu validieren („Was hast du dir dabei überlegt?“) und ihre Gefühle zu verstehen, bevor man erklärt, wie die Situation gehandhabt werden muss.
    • Coaching wird als essenziell angesehen, um ADHS/ADSlern zu helfen, sich selbst und ihre Muster zu verstehen und zu lernen, mit sich selbst umzugehen. Ein Coach kann dabei unterstützen, Reflexionsfähigkeit zu entwickeln und den eigenen Typ kennenzulernen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Umgang mit Entscheidungen bei ADHS/ADSlern stark von ihren individuellen Ausprägungen abhängt. Während Impulsivität gebremst werden muss, braucht Unentschlossenheit eine Verbindung zur emotionalen Ebene. Für die Umsetzung ist präzise Planung wichtig, und das Anlegen von Gewohnheiten kann den Alltag erleichtern. Begleitung und Coaching spielen eine wichtige Rolle, um die nötige Selbstreflexion und die Fähigkeit zur Selbststrukturierung zu entwickeln.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf