ADHS-Eigenschaften: Ein Blick auf Fähigkeiten statt Defizite

Dr.med. Ursula Davatz, eine Psychiaterin mit über 40 Jahren Erfahrung im Bereich ADHS, beschreibt ADHS nicht als Krankheit, sondern als genetisch vererbten Neurotyp mit einer veränderten Hirnfunktion. Sie betont, dass es sich bei ADHS um eine Abweichung vom Normtyp handelt, die jedoch nicht pathologisiert werden sollte.

Anstatt sich auf die Defizite zu konzentrieren, die mit ADHS verbunden sind, lenkt Dr.med. Ursula Davatz den Blick auf die Fähigkeiten, die dieser Neurotyp mit sich bringt. Sie spricht von zwei wichtigen Eigenschaften:

1. Breite Aufmerksamkeit:

  • Was oft als Ablenkbarkeit oder Aufmerksamkeitsstörung bezeichnet wird, beschreibt Dr. Davatz als breite Aufmerksamkeit.
  • Diese kann in bestimmten Situationen von Vorteil sein, beispielsweise beim Suchen oder bei der Erkennung von Gefahren.
  • In der Lehre kann die breite Aufmerksamkeit dazu führen, dass Studierende mit ADHS abschalten, wenn der Unterricht zu langweilig ist.
  • Dozierende sollten daher darauf achten, die Aufmerksamkeit der Studierenden immer wieder zu gewinnen und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen.

2. Starke Impulsivität:

  • Diese Eigenschaft äussert sich in einer schnellen Reaktionsfähigkeit auf Reize.
  • Menschen mit ADHS haben oft eine schlechtere Impulskontrolle und reagieren schneller mit Reden, Handeln und Neugier.
  • Die Impulsivität kann sich auch in Entscheidungsschwierigkeiten zeigen, da ADHS-ler dazu neigen, lange zu überlegen, was die beste Option ist.

Weitere Eigenschaften:

Neben diesen beiden Hauptmerkmalen nennt Dr. Davatz auch weitere Eigenschaften, die häufig bei ADHS-lern auftreten:

  • Sensibilität: Menschen mit ADHS sind oft hochsensibel und reagieren empfindlich auf Kritik und Verletzungen.
  • Aggression: Als Reaktion auf Verletzungen können ADHS-ler, insbesondere Männer, aggressives Verhalten zeigen.
  • Anpassung: Frauen neigen eher dazu, sich anzupassen und ihre eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen, was zu Depressionen und Burnout führen kann.
  • Lernprobleme: Einige ADHS-ler haben zusätzlich Lernprobleme wie Legasthenie oder Dyskalkulie.
  • Zwangsverhalten: Wenn ADHS-ler streng erzogen werden und wenig Raum für Fehler haben, können sie zwanghaftes Verhalten entwickeln, um ihren Eltern zu gefallen und Kritik zu vermeiden.
  • Ess-Störungen: In der Pubertät können ADHS-ler, insbesondere Mädchen, Ess-Störungen wie Anorexie oder Bulimie entwickeln, um ihre Emotionen zu kontrollieren.
  • Suchtverhalten: Sowohl Männer als auch Frauen mit ADHS können zu Suchtmitteln greifen, um ihre Emotionen zu regulieren oder sich von Konflikten mit ihren Eltern abzulenken.

Fazit:

Dr.med. Ursula Davatz‘ Ausführungen zeigen, dass ADHS nicht auf Defizite reduziert werden sollte. Es ist wichtig, die individuellen Stärken von Menschen mit ADHS zu erkennen und zu fördern. Sie plädiert für einen verständnisvollen und respektvollen Umgang mit ADHS, der auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen eingeht.

https://ganglion.ch/pdf/fachhochschule_ost.pdf