Folgeerkrankungen bei ADHS und ADS

Dr. med. Ursula Davatz vertritt die These, dass ADHS und ADS keine Krankheiten an sich sind, sondern genetisch bedingte Neurotypen, die eine Vulnerabilität für die Entwicklung von Folgekrankheiten darstellen. Sie betont, dass 75% der Erwachsenen mit ADHS im Laufe ihres Lebens eine psychiatrische Diagnose erhalten, was sie auf die negativen Folgen eines unangepassten Umfelds zurückführt.

Ungünstiges Umfeld als Risikofaktor

Ein Umfeld, das die besonderen Bedürfnisse von ADHS und ADS-Betroffenen nicht berücksichtigt, kann zu chronischem Stress, Verletzungen und negativen emotionalen Erfahrungen führen. Dies erhöht das Risiko für die Entstehung von Folgekrankheiten.

Besonders problematisch sind:

  • Rigide und kontrollierende Erziehungsstile: Starke Kontrolle und Bestrafung führen bei ADHS-Betroffenen oft zu Rebellion und Aggression. Bei ADS-Betroffenen kann es zur Unterdrückung der Persönlichkeit und Vermeidung kommen.
  • Mangelnde emotionale Unterstützung: Fehlende emotionale Unterstützung und Verständnis für die hohe Sensitivität von ADHS/ADS-Betroffenen kann zu Depressionen, Angststörungen und emotionaler Instabilität führen.
  • Überforderung durch Reize: Eine Reizüberflutung kann zu System Overload und psychosomatischen Beschwerden führen.

Beispiele für Folgekrankheiten

Dr. Davatz nennt in ihrem Vortrag verschiedene Beispiele für Folgekrankheiten, die sich aus ADHS und ADS entwickeln können:

Bei Jungen:

  • Antisoziale Persönlichkeitsstörung: Chronische Aggression und Konflikte mit Autoritätspersonen können zu einer antisozialen Persönlichkeitsstörung und Delinquenz führen.
  • Zwangsstörungen: Wenn Jungen versuchen, ihre Impulsivität und Aggression zu unterdrücken, um den Erwartungen ihres Umfelds zu entsprechen, können sie Zwangsstörungen entwickeln.

Bei Mädchen:

  • Depressionen: Mädchen mit ADHS/ADS neigen dazu, ihre Emotionen eher zu unterdrücken als sie aggressiv auszudrücken. Dies kann zu Depressionen führen.
  • Essstörungen: Bulimie und Anorexie können als dysfunktionale Strategien zur Emotionsregulation dienen.
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung: Instabile Emotionen, Impulsivität und Beziehungsschwierigkeiten können auf eine Borderline-Persönlichkeitsstörung hinweisen.

Bei beiden Geschlechtern:

  • Bipolare Störung: Extreme Stimmungsschwankungen zwischen Manie und Depression können sich im Erwachsenenalter entwickeln, insbesondere wenn die emotionale Entwicklung in der Jugend stark eingeschränkt war.
  • Autismus-Spektrum-Störung: ADS-Betroffene, die sich aufgrund von Überforderung und mangelnder Unterstützung sozial zurückziehen, können im Verlauf autistische Züge entwickeln.
  • Psychose: In extremen Fällen kann eine Reizüberflutung zu psychotischen Symptomen führen.

Genetische Studien

Dr. Davatz bezieht sich auf Genome Wide Association Studies (GWAS), die zeigen, dass ADHS/ADS, Schizophrenie, bipolare Störung, schwere Depression und Autismus eine gemeinsame genetische Grundlage haben. Sie sieht darin eine Bestätigung ihrer These, dass ADHS/ADS eine Vulnerabilität für verschiedene psychische Erkrankungen darstellt.

Bedeutung des Umfelds

Die Art und Weise, wie das Umfeld mit den besonderen Merkmalen von ADHS/ADS-Betroffenen umgeht, spielt eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von Folgekrankheiten. Ein verständnisvolles, unterstützendes und flexibles Umfeld, das Kooperation und individuelle Entfaltung fördert, kann das Risiko für Folgekrankheiten deutlich reduzieren.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_ADS_Jugendliche_Erwachsene.pdf