https://adhs.expert/wp-content/uploads/2026/01/Jugend-heute-25.1.2026.mp4.pdf
ADHS/ADS in der Jugend: Herausforderungen und Lösungsansätze
Dr. med. Ursula Davatz spricht in ihrem Vortrag über die Besonderheiten von ADHS und ADS bei Jugendlichen. Sie betont, dass es sich nicht um Krankheiten handelt, sondern um Neurotypen, also Persönlichkeitsvarianten mit spezifischen Eigenschaften. Diese machen die Jugendlichen anfälliger für psychische und physische Probleme, besonders in Kombination mit Stress und ungünstigen Interaktionen mit ihrem Umfeld.
Wichtige Eigenschaften von ADHS/ADS Jugendlichen
- Hypersensibilität: Sie nehmen ihr Umfeld sehr intensiv wahr und reagieren empfindlich auf Stress und negative Emotionen. Das kann sowohl ein Vorteil (schnelle Auffassungsgabe) als auch ein Nachteil (erhöhte Verletzlichkeit) sein.
- Breite Aufmerksamkeit: Im Gegensatz zur fokussierten Aufmerksamkeit im Frontalunterricht haben ADHS/ADS Jugendliche eine breite Aufmerksamkeit, die ihnen erlaubt, viele Reize gleichzeitig wahrzunehmen. Dies kann im Unterricht störend wirken, ist aber in anderen Situationen, z.B. im Handel, von Vorteil.
- Unterschiedliche Aktivitätsmuster: ADHS-Jugendliche zeigen ihre Aktivität eher nach aussen (Zappeligkeit, Stören), während ADS-Jugendliche eher nach innen aktiv sind (Tagträumen, intensives Nachdenken).
- Impulsivität: ADHS/ADS-Jugendliche reagieren impulsiv auf emotionale Verletzungen und Ungerechtigkeiten. ADHS-Jugendliche reagieren oft mit Wutausbrüchen, ADS-Jugendliche ziehen sich zurück.
- Kombination mit anderen Störungen: ADHS/ADS tritt oft in Kombination mit Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Lernstörungen auf, z.B. Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) und Rechenschwäche (Dyskalkulie).
Herausforderungen in der Jugend
Die Pubertät ist eine Phase grosser Veränderungen im Gehirn. Während des sogenannten „Synaptic Pruning“ werden neuronale Verbindungen neu geordnet und gefestigt. In dieser Phase ist es besonders wichtig, dass Jugendliche mit ADHS/ADS ein stabiles und unterstützendes Umfeld haben, in dem sie sich individuell entfalten können.
Geschlechtsspezifische Unterschiede: Mädchen mit ADHS/ADS passen sich oft besser an, unterdrücken aber dabei ihre eigene Persönlichkeit. Das kann im späteren Leben zu Depressionen und Selbstzerstörung führen (z.B. Magersucht, Bulimie, Drogenkonsum). Jungen mit ADHS/ADS rebellieren eher gegen zu enge Grenzen und entwickeln oft oppositionelles Verhalten, was zu Konflikten mit Autoritäten und Delinquenz führen kann.
Umgang mit ADHS/ADS Jugendlichen
- Verständnis und Geduld: Erwachsene sollten die Besonderheiten von ADHS/ADS-Jugendlichen verstehen und ihnen mit Geduld und Nachsicht begegnen. Es ist wichtig, ihnen „Welpenschutz“ zu gewähren und ihnen Raum für Fehler zu lassen.
- Kooperation statt Gehorsam: Anstatt auf Gehorsam zu pochen, sollten Erwachsene ADHS/ADS-Jugendliche zur Kooperation motivieren, indem sie ihr Interesse wecken und sie in Entscheidungsprozesse einbeziehen.
- Autoritativ statt autoritär: Erwachsene sollten klare Grenzen setzen, aber gleichzeitig die Eigenständigkeit der Jugendlichen respektieren. Befehle und Unterordnung lösen Widerstand aus und verstärken die Verweigerungshaltung.
- Offene Kommunikation: Es ist wichtig, offen über die Schwierigkeiten zu sprechen und die Gefühle des Jugendlichen ernst zu nehmen. Erwachsene sollten ihre eigenen Emotionen kontrollieren und sie nicht als Erziehungsmethode einsetzen.
- Systemische Betrachtung: Die Interaktion zwischen dem Jugendlichen und seinem Umfeld spielt eine entscheidende Rolle. Es ist wichtig, das gesamte System (Familie, Schule, Freunde) zu betrachten und die Interaktionsmuster zu analysieren.
- Individuelle Unterstützung: Je nach Bedarf können Medikamente, Therapie und andere Unterstützungsmassnahmen hilfreich sein. Der Fokus sollte jedoch immer auf der Stärkung der Ressourcen des Jugendlichen und seines Umfelds liegen.
Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit Schulen
Die Zusammenarbeit mit Schulen bei ADHS/ADS-Jugendlichen kann ebenfalls schwierig sein. Oftmals fehlt es an Verständnis für die Besonderheiten dieser Jugendlichen, und es kommt zu Machtkämpfen und Konflikten.
- Wissen und Verständnis: Es ist wichtig, Lehrer und Schulleitungen über ADHS/ADS aufzuklären und ihnen zu vermitteln, wie sie mit diesen Jugendlichen umgehen können.
- Individuelle Förderung: ADHS/ADS-Jugendliche benötigen oft individuelle Unterstützung, z.B. in Form von Nachteilsausgleich oder spezieller Förderung.
- Kooperation statt Konfrontation: Die Zusammenarbeit zwischen Eltern, Lehrern und Therapeuten sollte von Kooperation und gegenseitigem Respekt geprägt sein.
Bedeutung der Diagnose im Erwachsenenalter
Auch im Erwachsenenalter kann eine ADHS/ADS-Diagnose hilfreich sein. Sie kann zu einem besseren Selbstverständnis führen und helfen, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen. Eine neuropsychologische Abklärung kann Aufschluss über die individuellen Bedürfnisse und Herausforderungen geben.
Fazit
Der Umgang mit ADHS/ADS-Jugendlichen erfordert ein sensibles und individuelles Vorgehen, das die Besonderheiten dieser Persönlichkeitsvariante berücksichtigt. Verständnis, Geduld, Kooperation und die Einbeziehung des Umfelds sind zentrale Elemente für eine erfolgreiche Begleitung und Unterstützung.
https://ganglion.ch/pdf/adhs-bei-jugendlichen-wendepunkt-1.3.2022-1.pdf
Das jugendliche Gehirn im Umbau: Die Pubertät als sensible Phase
Die Pubertät ist eine entscheidende Entwicklungsphase, in der das Gehirn einen tiefgreifenden Umbau erfährt. Dieser Umbauprozess macht das Gehirn besonders empfänglich für äussere Einflüsse, was sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben kann.
- Synaptische Reorganisation: Während der Pubertät findet ein Prozess statt, der als „synaptic pruning“ bezeichnet wird. Dabei werden überflüssige Synapsen, also die Verbindungen zwischen Nervenzellen, abgebaut, während gleichzeitig wichtige Verbindungen gestärkt werden.
- Effizienzsteigerung: Dieser Abbauprozess ist notwendig, um das Gehirn effizienter zu machen. Es ist vergleichbar mit dem Aufräumen eines überfüllten Dachbodens, bei dem man sich von unnötigem Ballast trennt, um Platz für Neues zu schaffen.
- Fokussierung und Entscheidungskompetenz: Durch die Reduktion der Synapsen wird die Informationsverarbeitung im Gehirn optimiert und die Fähigkeit zur Fokussierung und Entscheidungsfindung verbessert.
- Vulnerabilität: Gleichzeitig macht dieser Umbau das Gehirn anfälliger für negative Einflüsse aus dem Umfeld. Stress, Konflikte oder ein Mangel an Unterstützung können den Umbauprozess stören und die Entwicklung des Gehirns negativ beeinflussen.
Das Umfeld als entscheidender Faktor
Die Quellen betonen die entscheidende Rolle des Umfelds während der Pubertät. Ein unterstützendes und verständnisvolles Umfeld kann den Umbauprozess positiv beeinflussen und die Jugendlichen in ihrer Entwicklung stärken.
- Positive Interaktionen: Positive Interaktionen mit Eltern, Lehrern und Gleichaltrigen fördern das Selbstwertgefühl, die emotionale Stabilität und die Entwicklung sozialer Kompetenzen.
- Stabilität und Sicherheit: Ein stabiles und sicheres Umfeld gibt den Jugendlichen den nötigen Halt und die Sicherheit, um sich mit den Herausforderungen der Pubertät auseinanderzusetzen.
Risiken bei ungünstigen Bedingungen
Ein ungünstiges Umfeld hingegen kann die Entwicklung des Gehirns negativ beeinflussen und das Risiko für psychische Probleme erhöhen.
- Stress und Konflikte: Chronischer Stress, Konflikte in der Familie oder in der Schule können den Umbauprozess im Gehirn stören und die Entwicklung von Angststörungen, Depressionen oder Suchtverhalten begünstigen.
- Mangelnde Unterstützung: Fehlt es den Jugendlichen an Unterstützung und Verständnis, können sie sich in dieser sensiblen Phase überfordert und alleingelassen fühlen. Dies kann zu Rückzug, Isolation und einem Verlust des Selbstwertgefühls führen.
Besonderheiten bei ADHS
Die Quellen weisen darauf hin, dass Jugendliche mit ADHS in der Pubertät besonders anfällig für negative Einflüsse des Umfelds sind.
- Erhöhte Sensibilität: Die ohnehin schon hohe Sensibilität von ADHS-Betroffenen wird in der Pubertät noch verstärkt, was sie besonders empfindlich für Kritik und negative Rückmeldungen macht.
- Gestörter Umbauprozess: Negative Erfahrungen und Konflikte können den Umbauprozess im Gehirn von ADHS-Betroffenen zusätzlich stören und die Entwicklung von psychischen Problemen wie Suchtverhalten, Essstörungen oder Delinquenz begünstigen.
Fazit: Unterstützung statt Stigmatisierung
Die Pubertät ist eine entscheidende Phase für die Entwicklung des Gehirns. Ein unterstützendes und verständnisvolles Umfeld ist in dieser Zeit besonders wichtig, um den Jugendlichen die bestmöglichen Voraussetzungen für ein gesundes und erfolgreiches Leben zu bieten. Dies gilt insbesondere für Jugendliche mit ADHS, die in dieser sensiblen Phase besondere Unterstützung benötigen. Anstatt sie zu stigmatisieren und zu pathologisieren, sollten wir ihnen mit Verständnis, Geduld und professioneller Hilfe begegnen.
https://ganglion.ch/pdf/Wie%20und%20wann%20entgleisen%20Jugendliche.pdf
Die Rolle digitaler Medien
Dr.med. Ursula Davatz betrachtet digitale Medien als eine starke, aber negative Kraft, die die Entwicklung von Jugendlichen stark beeinflusst und mit dem Bildungssystem und der Entwicklung sozialer Kompetenzen konkurriert.
Negative Aspekte:
- Ablenkung von der Persönlichkeitsbildung: Digitale Medien lenken Jugendliche von der Auseinandersetzung mit sich selbst ab und hindern sie daran, ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Die ständige Verfügbarkeit von Unterhaltung und die schnellen Belohnungssysteme der digitalen Welt führen dazu, dass Jugendliche sich weniger mit ihrer inneren Welt beschäftigen.
- Suchtgefahr: Dr. Davatz warnt vor der Suchtgefahr, die von digitalen Medien, insbesondere von Online-Spielen, ausgeht. Sie vergleicht diese Sucht mit der Drogensucht und betont, dass die schnelle Verfügbarkeit und die Reizüberflutung Jugendliche leicht in ihren Bann ziehen können.
- Verwöhnung und Verweichlichung: Die Nutzung digitaler Medien führt laut Dr. Davatz zu einer Verwöhnung und Verweichlichung von Jugendlichen. Sie werden passiv, lassen sich „füttern“ und entwickeln keine Frustrationstoleranz, was sie schlecht auf die Herausforderungen des Lebens vorbereitet.
- Abstumpfung gegenüber Sensationen: Die ständige Konfrontation mit sensationellen Inhalten im Internet führt zu einer Abstumpfung gegenüber realen Erlebnissen. Jugendliche brauchen immer stärkere Reize, um noch angesprochen zu werden.
- Oberflächlichkeit und Konsumorientierung: Dr. Davatz kritisiert die starke Kommerzialisierung des Internets. Jugendliche werden ständig mit Werbung konfrontiert und zum Konsum animiert, was eine oberflächliche Denkweise und materialistische Werte fördert.
- Mangelnde Sozialkompetenz: Die exzessive Nutzung digitaler Medien behindert die Entwicklung von Sozialkompetenz. Jugendliche lernen nicht, wie man in der realen Welt mit anderen Menschen interagiert, Konflikte löst oder Beziehungen aufbaut.
Herausforderungen und Chancen:
Dr.med. Ursula Davatz räumt ein, dass digitale Medien auch positive Aspekte haben können, konzentriert sich in ihren Ausführungen aber auf die negativen Auswirkungen. Sie stellt die Frage, wie man Jugendliche in einer Welt voller digitaler Verlockungen für die Entwicklung menschlicher Fähigkeiten und sozialer Kompetenzen begeistern kann.
Dr.med. Ursula Davatz‘ Lösungsansätze:
- Fokus auf menschliche Interaktion und soziale Kompetenzen: Sie plädiert für eine Stärkung menschlicher Interaktion und die Förderung von Sozialkompetenz, um den negativen Auswirkungen digitaler Medien entgegenzuwirken.
- Entwicklungsorientierte statt defizitorientierte Herangehensweise: Anstatt die Defizite von Jugendlichen zu betonen, sollten ihre Stärken und Potenziale gefördert werden.
- Bedürfnisorientierte Kommunikation und Begegnung auf Augenhöhe: Erwachsene sollten Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen, ihre Bedürfnisse ernst nehmen und ihnen zuhören.
- Authentizität und Empathie: Erwachsene sollten Jugendlichen gegenüber authentisch und empathisch sein und ihnen ein Vorbild in Sachen Sozialkompetenz sein.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dr.med. Ursula Davatz digitale Medien als eine ernstzunehmende Herausforderung für die Entwicklung von Jugendlichen betrachtet. Sie appelliert an Erwachsene, den Fokus auf die Förderung menschlicher Fähigkeiten und sozialer Kompetenzen zu legen, um den negativen Einflüssen der digitalen Welt entgegenzuwirken.
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