Die ADHS/ADS-Diagnose: Notwendig oder nicht?

Die Quellen, insbesondere das Interview mit Dr. med. Ursula Davatz, bieten interessante Einblicke in die ADHS/ADS-Diagnose und stellen dabei gängige Ansichten in Frage. Dr. med. Ursula Davatz, eine erfahrene Psychiaterin und ADHS/ADS-Expertin, plädiert für einen Beratungsansatz, der über die reine Diagnosestellung hinausgeht und das Umfeld der Betroffenen miteinbezieht.

Die Diagnose: Notwendig oder nicht?

Dr. med. Ursula Davatz vertritt die Meinung, dass eine formale Diagnose nicht immer notwendig ist. Sie argumentiert, dass viele Menschen sich selbst diagnostizieren können, indem sie sich mit den Informationen über ADHS/ADS auseinandersetzen und sich in den Beschreibungen der Symptome wiedererkennen. Sie rät davon ab, sich einer Abklärung zu unterziehen, nur um eine offizielle Diagnose zu erhalten.

Beratung statt Abklärung:

Stattdessen empfiehlt Dr. med. Ursula Davatz, sich an einen ADHS/ADS-Spezialisten zu wenden, der Erfahrung im Umgang mit Betroffenen hat und eine umfassende Beratung anbieten kann. Im Rahmen dieser Beratung können die individuellen Herausforderungen und Bedürfnisse der Person besprochen und geeignete Strategien zur Bewältigung entwickelt werden.

Wann ist eine Abklärung sinnvoll?

Dr. med. Ursula Davatz sieht die Notwendigkeit einer formalen Abklärung nur in bestimmten Fällen, beispielsweise wenn es um die Beantragung von Leistungen geht, die an eine Diagnose geknüpft sind. Dies kann zum Beispiel bei Kindern der Fall sein, die aufgrund von ADHS/ADS zusätzliche Unterstützung in der Schule benötigen.

Drei-Generationen-Anamnese statt neuropsychologische Tests:

In ihrer eigenen Praxis verzichtet Dr. med. Ursula Davatz auf die üblichen neuropsychologischen Tests zur Diagnose von ADHS/ADS. Stattdessen führt sie eine sogenannte Drei-Generationen-Anamnese durch, bei der sie die familiäre Vorgeschichte der Person berücksichtigt. Da ADHS/ADS genetisch bedingt ist, kann das Vorkommen von ADHS/ADS bei Verwandten ein wichtiger Hinweis auf eine mögliche Diagnose sein.

Der Wert einer Diagnose:

Obwohl Dr. med. Ursula Davatz die Notwendigkeit einer formalen Diagnose in Frage stellt, räumt sie ein, dass eine Diagnose für manche Menschen hilfreich sein kann. Insbesondere für Erwachsene, die erst im späteren Lebensalter mit ADHS/ADS diagnostiziert werden, kann die Diagnose ein Aha-Erlebnis darstellen. Sie ermöglicht es ihnen, ihr bisheriges Leben in einem neuen Licht zu sehen und ihre Schwierigkeiten besser zu verstehen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ADHS/ADS-Diagnose nicht immer notwendig ist und im Fokus eher die Beratung und die Entwicklung individueller Bewältigungsstrategien stehen sollten. Eine Diagnose kann jedoch in bestimmten Fällen sinnvoll sein, zum Beispiel um Leistungen zu beantragen oder um den Betroffenen ein besseres Verständnis für sich selbst zu ermöglichen.

https://ganglion.ch/pdf/srf_rec_adhs.m4a.pdf