Multiple Family Therapie: Ein Ansatz zur Behandlung von Schizophrenie

Die Multiple Family Therapie ist eine Form der Familientherapie, bei der mehrere Familien gleichzeitig therapiert werden. Dr.med. Ursula Davatz lernte diesen Ansatz während ihrer Facharztausbildung in den USA kennen und wandte ihn in der Behandlung von Familien mit schizophrenen Mitgliedern an.

Der Ansatz der Multiple Family Therapie:

  • Gleichzeitige Therapie von drei Familien: In der von Dr. Davatz durchgeführten Gruppe nahmen drei Elternpaare mit jeweils einem schizophrenen Kind teil.
  • Alle Familienmitglieder im selben Raum: Die Therapie fand mit allen Familienmitgliedern gleichzeitig im selben Raum statt.
  • Fokus auf gemeinsame Herausforderungen: Die Multiple Family Therapie ermöglichte den Familien, ihre gemeinsamen Erfahrungen und Herausforderungen im Umgang mit der Schizophrenie zu teilen und voneinander zu lernen.

Theoretischer Hintergrund:

Die Multiple Family Therapie basiert auf der Annahme, dass die Familie ein emotionales und funktionales System darstellt, in dem alle Mitglieder miteinander verbunden sind. Demnach beeinflusst die Erkrankung eines Familienmitglieds das gesamte System.

Dr. Davatz‘ Ansatz zur Behandlung von Schizophrenie orientiert sich an der Theorie von Murray Bowen, den sie während ihrer Ausbildung am Ackermann Institut in New York kennenlernte.

Bowens Konzept:

  • Die Familie als Organismus: Bowen betrachtete die Familie als einen Organismus, in dem alle Mitglieder, einschliesslich der Kinder, miteinander verbunden sind.
  • Fokus auf die Eltern: Bowen betonte die Wichtigkeit, bei den Eltern anzusetzen, da sie die stärkeren Mitglieder des Familiensystems sind. Veränderungen bei den Eltern könnten sich positiv auf den Patienten auswirken.
  • Dysfunktionale Beziehungen: Bowen identifizierte dysfunktionale Beziehungsmuster in Familien mit schizophrenen Mitgliedern. Er sah die enge symbiotische Beziehung zwischen Mutter und Kind sowie die Triangulierung des Kindes in den elterlichen Konflikten als problematisch an.

Kritik und Abgrenzung:

Die Familientherapie, insbesondere im Zusammenhang mit Schizophrenie, wurde oft kritisiert, da sie den Eindruck erwecken könnte, dass die Eltern die Schuld an der Erkrankung ihres Kindes tragen. Dr. Davatz wehrt sich gegen diese Schuldzuweisung und betont, dass es in der Therapie nicht um Schuld, sondern um Interaktion und Balance geht. Sie betrachtet die familiären Beziehungsmuster als Reaktionen aufeinander und nicht als bewusste Entscheidungen.

Dr. Davatz kombiniert Bowen’s systemischen Ansatz mit anderen Theorien:

  • Pseudomutualität (Theodore Litz): Das Konzept der Pseudoeinigkeit beschreibt die Tendenz von Paaren, ihre Unterschiede zu leugnen und nach aussen hin Harmonie vorzutäuschen. Dr. Davatz sieht die Aufgabe der Therapie darin, diese Unterschiede herauszuarbeiten und den Konflikt an die Oberfläche zu bringen.
  • Double Bind (Gregory Bateson): Der Double Bind beschreibt eine Kommunikationssituation, in der eine Person widersprüchliche Botschaften erhält und sich in einer ausweglosen Situation befindet. Dieses Muster kann in Familien mit schizophrenen Mitgliedern auftreten und zur Verwirrung und Destabilisierung des Patienten beitragen.

Bedeutung der Multiple Family Therapie heute:

Obwohl die Familientherapie in den 1970er und 1980er Jahren sehr populär war, spielt sie in der heutigen Psychiatrie eine eher untergeordnete Rolle. Die Neurobiologie und die genetische Forschung haben an Bedeutung gewonnen, und die Ursachen psychischer Erkrankungen werden oft vorwiegend in den Genen und der Hirnfunktion gesucht.

Dr.med. Ursula Davatz plädiert jedoch weiterhin für einen integrativen Ansatz, der die biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren berücksichtigt. Sie sieht die Multiple Family Therapie als eine wertvolle Methode, um die komplexen Dynamiken in Familien mit schizophrenen Mitgliedern zu verstehen und positive Veränderungen zu bewirken.

https://ganglion.ch/pdf/Vulnerabilitaet_Erziehung_Krankheit.pdf