Sensibilität bei ADHS/ADS

Dr.med. Ursula Davatz betont, dass Menschen mit ADHS/ADS als „hochsensibel“ gelten. Diese Sensibilität ist ein zentrales Merkmal ihres „anderen Neurotyps“, der genetisch vererbt ist und nicht „wegerzogen“ werden kann. Diese erhöhte Sensitivität beeinflusst, wie ADHS/ADS-Kinder ihre Umwelt wahrnehmen, auf Interaktionen reagieren und wie sie erzogen werden sollten.

Manifestationen der Sensibilität bei ADHS/ADS-Kindern:

  • Emotionale Sensibilität:
    • ADHS/ADS-Kinder werden schnell verletzt.
    • Jungen reagieren auf Verletzungen tendenziell mit Aggression und Kampf.
    • Mädchen reagieren auf Verletzungen eher mit Flucht, Rückzug oder übermässiger Anpassung, um Konflikte zu vermeiden. Diese Überanpassung kann später im mittleren Alter zu Erschöpfung, Depressionen und Burnout führen.
    • Sie sind sehr sozial und möchten, dass es dem Kollektiv gut geht, was dazu führen kann, dass sie sich auf eigene Kosten überanpassen.
  • Breite Aufmerksamkeit und Reizüberflutung (System Overload):
    • ADHS/ADS-Kinder haben eine „sehr schnelle und breite Aufmerksamkeit“ und nehmen sofort alles in einem Raum wahr, einschliesslich der Stimmungen anderer Menschen.
    • Diese breite Aufmerksamkeit kann in grossen Menschenmengen oder Schulklassen zu einem „System Overload“ führen, bei dem das emotionale System überfordert und überlastet wird und zusammenbricht.
    • Wenn die Lernumgebung oder der Unterricht nicht spannend genug ist, sind sie schnell abgelenkt und suchen nach interessanteren Reizen.
  • Sensorische Sensibilität:
    • Sie können in verschiedenen sensorischen Bereichen sehr empfindlich sein.
    • Gehör: Manche mögen keinen Lärm und reagieren empfindlich auf Geräusche, andere haben ein absolutes Musikgehör, das durch Nebengeräusche gestört wird.
    • Tastsinn: Sie können bestimmte Materialien auf der Haut nicht ertragen, wie Kunstfasern oder Wolle, die „beissen“.
    • Lichtempfindlichkeit: Ein Kind war zum Beispiel so lichtempfindlich, dass es eine spezielle Brille benötigte, um besser lesen zu können.
    • Essverhalten: Einige sind sehr wählerisch beim Essen und essen nur wenige spezifische Dinge, was aber nicht unbedingt zu Mangelernährung führt.
  • Gerechtigkeitssinn:
    • ADHS/ADS-Kinder haben einen hohen Gerechtigkeitssinn und reagieren heftig auf Ungerechtigkeit.
    • Ein Mädchen verweigerte zum Beispiel die Schule, weil sie die Ungerechtigkeit der Lehrperson im Umgang mit der Klasse nicht ertragen konnte.

Implikationen der Sensibilität für Erziehung und Umgang:

  • Kommunikation im „Low Arousal“ Zustand: Es ist entscheidend, Botschaften in einem tiefen Erregungszustand (Low Arousal) zu übermitteln. Im hocherregten Zustand (High Arousal) laufen bei ADHS/ADS-Kindern nur Reflexe (Kampf, Flucht, Totstellen, Necken) ab, und es können keine vernünftigen Verhaltensweisen oder Belehrungen aufgenommen werden. Erziehende müssen zuerst selbst zur Ruhe kommen und dann dem Kind helfen, sich zu beruhigen.
  • Umgang mit Verletzungen: Wenn ein ADHS/ADS-Kind verletzt wurde, muss die Verletzung immer zuerst validiert werden („was hat dich dort verletzt?“), bevor gemeinsam nach Lösungen gesucht wird.
  • Vermeidung von Strafen und Beschämung: Strafen, Belohnungen und Drohungen funktionieren bei ADHS/ADS-Kindern nicht, da Reflexverhalten nicht durch Strafen verändert werden kann. Beschämung ist besonders schädlich und kann dazu führen, dass ein Kind die Schule verweigert, wenn es sich zum Beispiel wegen Legasthenie öffentlich gedemütigt fühlt. Stattdessen ist Führung und Unterstützung gefragt.
  • Persönlichkeitsgerechte Erziehung und Differenzierung: Es ist wichtig, eine „persönlichkeitsgerechte Erziehung“ und einen „bedarfgerechten Umgang mit neurodivergenten Kindern“ zu praktizieren. Dies bedeutet, das Kind individuell zu beobachten und zu verstehen, anstatt von Schemata auszugehen. Es ist erlaubt und notwendig, Kinder unterschiedlich zu behandeln und differenzierten Unterricht anzubieten, da nicht alles, was für alle funktioniert, auch für jedes einzelne Kind passt.
  • Umgang mit Risikobereitschaft: Die Risikofreudigkeit von ADHS/ADS-Kindern, die nach extremen Situationen und Dopaminausschüttung suchen, sollte nicht unterbunden, sondern begleitet werden. Ein Verbot führt oft zu heimlicherem und gefährlicherem Verhalten. Stattdessen sollte man dem Kind helfen, seine eigenen Grenzen zu spüren und verantwortungsvoll mit Risiken umzugehen.
  • Rolle der Beziehung: Lernen bei Menschen geschieht an erster Stelle über das emotionale Gehirn und die Beziehung. „Ohne Beziehung gibt es keine Erziehung“. Lehrer und Eltern sind heute wichtiger denn je, um Kindern emotionale Intelligenz zu vermitteln und die Beziehung zu pflegen, da diese nicht über digitale Medien erlernt werden kann. Auch Konflikte sollten in der Interaktion ausgetragen werden, da dies zum menschlichen Lernen gehört.
  • Eltern und Lehrer: Es besteht oft eine gegenseitige Angst zwischen Eltern und Lehrern, die die Zusammenarbeit erschwert. Dr. Davatz fordert mehr Unterstützung und Systemberatung für Lehrpersonen, um den Umgang mit schwierigen Kindern zu verbessern und sie nicht vorschnell in die Kinderpsychiatrie zu schicken.
  • Rituale zum Herunterfahren: Besonders für Kinder, die aufgrund ihrer Gedanken und Reizverarbeitung schwer einschlafen können, sind regelmässige Rituale zum Herunterfahren wichtig. Dies kann ein Bettritual sein oder für ältere Kinder das Aufschreiben von Gedanken, um Erlebnisse zu verarbeiten und abzulegen.

Zusammenfassend ist die Sensibilität ein grundlegendes Merkmal des ADHS/ADS-Neurotyps, das sowohl Herausforderungen als auch Stärken mit sich bringt. Ein angepasster, beziehungsorientierter und individueller Erziehungsansatz, der diese Sensibilität berücksichtigt, ist entscheidend für die gesunde Entwicklung dieser Kinder.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/07/Schule_Toess_3.7.2025.m4a.pdf

Weshalb ist die Sensibilität bei ADHS/ADS relevant?

Die Sensibilität ist bei ADHS/ADS aus mehreren Gründen relevant. Dr.med. Davatz betont, dass Menschen mit ADHS/ADS oft eine hohe, sensible Wahrnehmung haben.

Dies äussert sich wie folgt:

  • Wahrnehmung von Stimmungen und Veränderungen: ADHS/ADS-Kinder nehmen Stimmungen und kleine Veränderungen in ihrer Umgebung sehr schnell wahr. Wenn man eine Mutter frage, welches ihrer Kinder zuerst merkt, wenn es jemandem nicht gut geht, antworte sie meistens, dass es das ADHS/ADS-Kind sei.
  • Leichte Verletzlichkeit: Diese sensible Wahrnehmung kann jedoch auch dazu führen, dass sie schnell verletzt werden.
  • Aggressive Reaktionen bei Verletzungen: Besonders bei Jungen mit ADHS/ADS kann eine Verletzung zu einer aggressiven Reaktion führen. Es kommt dann oft zu Streit und Handgreiflichkeiten, wobei die zugrundeliegende Verletzung oft übersehen wird. Dr. Davatz betont, dass diese Aggressivität meist eine Selbstverteidigung ist.
  • Rückzug bei emotionalen Verletzungen (ADS): Im Gegensatz dazu ziehen sich Menschen mit ADS bei emotionalen Verletzungen eher zurück. In extremen Fällen kann dies bis zur Kommunikationsverweigerung führen.
  • Zusammenhang mit somatischen Erkrankungen: Die hohe Sensibilität von Menschen mit ADHS/ADS kann auch mit somatischen (körperlichen) Erkrankungen zusammenhängen. Da sie leichter erregbar sind und sich mehr aufregen, kann dies zu körperlichen Beschwerden führen. Frauen mit ADHS/ADS leiden beispielsweise häufiger unter Fibromyalgie, Allergien und unruhigen Beinen.

Die Relevanz dieser Sensibilität liegt darin, dass sie das Verhalten und die emotionalen Reaktionen von Menschen mit ADHS/ADS massgeblich beeinflusst. Es ist wichtig für Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen, sich dieser erhöhten Sensibilität bewusst zu sein, um angemessen auf ihre Reaktionen eingehen zu können. Anstatt nur auf das äussere Verhalten zu reagieren, sollte man versuchen zu verstehen, was zu der Reaktion geführt hat und ob eine Verletzung vorausgegangen ist. Dr. Davatz rät, immer zuerst zu fragen, was die Person verletzt hat, bevor es zu einem „Ausraster“ kam.

Zudem kann das Wissen um die hohe Sensibilität helfen zu erklären, warum sich ADHS/ADS-Betroffene in bestimmten Umgebungen oder durch bestimmte Verhaltensweisen schneller überfordert oder negativ beeinflusst fühlen können. Ein verständnisvoller Umgang, der diese Sensibilität berücksichtigt, ist entscheidend für eine positive Entwicklung und zur Vermeidung von Eskalationen oder Rückzug.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_Riedtli_13.3.2025.m4a.pdf

ADHS/ADS-Kinder: Sensibilität, Herausforderungen und Umgang

Die Quellen, insbesondere der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, bieten wertvolle Einblicke in die Besonderheiten von ADHS/ADS-Kindern und wie man am besten mit ihnen umgeht.

Hochsensibilität als Kernmerkmal

Dr.med. Ursula Davatz beschreibt ADHS/ADS als „Neurotyp“, also eine Normvariante der Persönlichkeit, die genetisch bedingt ist. Das zentrale Merkmal dieser Kinder ist ihre erhöhte Sensibilität:

  • Wahrnehmung von Emotionen: ADHS/ADS-Kinder sind besonders empfänglich für emotionale Signale und Stimmungen in ihrer Umgebung.
  • Reaktion auf Kritik und Verletzungen: Sie reagieren oft sehr empfindlich auf Kritik, Zurückweisungen oder Verletzungen und können dann aggressives Verhalten zeigen.
  • Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation: Es fällt ihnen schwerer, ihre Emotionen zu kontrollieren und angemessen auszudrücken.

Die zwei Typen: ADS und ADHS

Dr.med. Ursula Davatz unterscheidet zwischen zwei Typen:

  • ADS-Kinder: Eher introvertiert, nach innen gerichtet, verträumt und mit einer großen Fantasie ausgestattet.
  • ADHS-Kinder: Extrovertierter, impulsiver und oft mit Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren.

Mädchen mit ADHS sind möglicherweise weniger auffällig, da sie ihr Temperament besser unterdrücken können. Dies kann jedoch zu einem schlechten Selbstwertgefühl und Depressionen führen.

Bedeutung des Umfelds für die Entwicklung

Das Umfeld spielt eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von ADHS/ADS-Kindern.

  • Akzeptanz und Unterstützung: Sie brauchen ein Umfeld, das ihre Sensibilität akzeptiert und ihnen hilft, mit ihren Emotionen umzugehen.
  • Konsequente und authentische Bezugspersonen: Klare Regeln, die konsequent und mit emotionaler Überzeugung durchgesetzt werden, geben ihnen Orientierung und Sicherheit.
  • Verständnis für die Ursachen von Aggressionen: Anstatt aggressives Verhalten sofort zu bestrafen, sollten Bezugspersonen versuchen, die dahinterliegende Verletzung zu erkennen und dem Kind alternative Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Umgang mit ADHS/ADS-Kindern im Alltag

Dr.med. Ursula Davatz gibt konkrete Empfehlungen für den Umgang mit ADHS/ADS-Kindern:

  • Geduld und Zeit: Es braucht Zeit und Geduld, bis diese Kinder lernen, ihre Emotionen zu regulieren und angemessene Verhaltensweisen zu entwickeln.
  • Über Gefühle sprechen: Ermutigen Sie das Kind, seine Gefühle zu benennen und darüber zu sprechen. Dies hilft, den emotionalen Druck zu reduzieren und die Situation zu reflektieren.
  • Alternative Konfliktlösungsstrategien aufzeigen: Zeigen Sie dem Kind alternative Möglichkeiten, mit Konflikten und Frustrationen umzugehen.
  • Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen: Vermitteln Sie dem Kind Ruhe und Gelassenheit, besonders in Situationen, in denen es seine Bedürfnisse nicht sofort befriedigen kann.
  • Führungsrolle übernehmen: In chaotischen Situationen sollten Sie die Führung übernehmen und klare Anweisungen geben.
  • Authentisch sein: Kinder spüren, ob Erwachsene hinter ihren Regeln stehen. Setzen Sie nur Regeln durch, die Sie selbst vertreten und mit denen Sie sich identifizieren können.

Zusammenfassung

ADHS/ADS-Kinder sind hochsensibel und brauchen ein verständnisvolles und unterstützendes Umfeld, um ihre Stärken zu entfalten und ihre Herausforderungen zu meistern. Geduld, Empathie, klare Regeln und authentische Bezugspersonen sind wichtige Schlüssel für einen erfolgreichen Umgang mit diesen Kindern.

https://ganglion.ch/pdf/Umgang_Kindern_schwierigem_privatem_Umfeld.pdf

Erziehungsschäden: Ein Thema mit Sensibilität

Das Thema „Erziehungsschäden“ wird in den Quellen, insbesondere im Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, mit Vorsicht behandelt. Es wird deutlich, dass der Begriff negative Konnotationen hat und nicht leichtfertig verwendet werden sollte.

Was versteht man unter Erziehungsschäden?

Dr. Davatz umschreibt „Erziehungsschäden“ lieber mit dem neutraleren Begriff „Prägung“. Sie beschreibt Situationen, in denen die Erwartungen und Erziehungsmethoden der Eltern nicht zum Temperament und den Bedürfnissen des Kindes passen. Dies kann zu Konflikten, Verletzungen und langfristigen negativen Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes führen.

Beispiele für potenzielle „Erziehungsschäden“:

  • Überforderung durch zu hohe Erwartungen: Wenn Eltern von ihrem Kind Leistungen fordern, die es aufgrund seines Temperaments und seiner Fähigkeiten nicht erbringen kann, kann dies zu Frustration, Minderwertigkeitsgefühlen und Versagensängsten führen.
  • Unterdrückung der Individualität: Wenn Eltern versuchen, ihr Kind in ein bestimmtes Schema zu pressen und seine Individualität nicht zulassen, kann dies die Entwicklung des Selbstwertgefühls und der Selbstbestimmung beeinträchtigen.
  • Vernachlässigung emotionaler Bedürfnisse: Wenn die emotionalen Bedürfnisse des Kindes nicht erfüllt werden, kann dies zu Bindungsstörungen, emotionaler Instabilität und Beziehungsproblemen führen.

Folgen von „Erziehungsschäden“ im Erwachsenenalter:

Die Auswirkungen von „Erziehungsschäden“ können sich bis ins Erwachsenenalter erstrecken. Betroffene können unter:

  • Mangelndem Selbstvertrauen
  • Schwierigkeiten in Beziehungen
  • Angststörungen
  • Depressionen
  • Psychosomatischen Beschwerden
  • Suchtverhalten

leiden.

Die Plastizität des Gehirns: Hoffnung auf Veränderung

Dr. Davatz betont jedoch auch die Plastizität des Gehirns. Das bedeutet, dass sich das Gehirn ein Leben lang verändern und anpassen kann. Auch negative Prägungen aus der Kindheit können durch Therapie, Coaching und Selbsterziehung aufgearbeitet und überwunden werden.

Prävention von „Erziehungsschäden“:

Um „Erziehungsschäden“ zu vermeiden, sollten Eltern:

  • Das Temperament und die Bedürfnisse ihres Kindes verstehen und respektieren
  • Eine liebevolle und unterstützende Beziehung zu ihrem Kind aufbauen
  • Ihr Kind in seiner Individualität fördern
  • Realistische Erwartungen an ihr Kind stellen
  • Sich selbst reflektieren und ihre eigenen Erziehungsmethoden hinterfragen

Fazit

Das Thema „Erziehungsschäden“ ist komplex und sensibel. Es ist wichtig, den Begriff mit Bedacht zu verwenden und die individuellen Umstände jedes Kindes zu berücksichtigen. Negative Prägungen aus der Kindheit können langfristige Folgen haben, aber sie sind nicht irreversibel. Durch professionelle Hilfe und Selbsterziehung können Betroffene lernen, mit diesen Prägungen umzugehen und ein erfülltes Leben zu führen.

https://ganglion.ch/pdf/selbsterz.m4a.pdf