Dr.med. Ursula Davatz spricht im Interview das Thema Vernachlässigung in Familienstrukturen an und gibt konkrete Hinweise zum Umgang mit betroffenen Kindern. Sie beschreibt zwei Hauptszenarien:
1. Bedürftigkeit und Anhänglichkeit:
- Ursache: Kinder aus vernachlässigenden Familien, in denen möglicherweise beide Elternteile arbeiten und wenig Zeit für das Kind haben, kommen oft mit einer grossen Bedürftigkeit in die Betreuung. Sie suchen nach Aufmerksamkeit und Zuwendung.
- Verhalten: Diese Kinder neigen dazu, stark an den Betreuenden zu kleben, schnell eifersüchtig zu werden, wenn sich die Aufmerksamkeit auf andere Kinder richtet, und möglicherweise aggressiv zu reagieren. Sie können auch versuchen, Spielsachen zu horten, da sie möglicherweise zu Hause nicht viele besitzen.
- Umgang: Wichtig ist hier, nicht mit Kritik oder Bestrafung zu reagieren. Stattdessen sollte man dem Kind Ruhe und Zeit vermitteln. Verständnis zeigen für die Bedürftigkeit des Kindes und ihm versichern, dass es später auch noch Zeit und Aufmerksamkeit bekommt. Nicht sofort eingreifen und korrigieren, sondern dem Kind das Gefühl geben, dass genügend Zeit und Ressourcen für alle da sind.
2. Untergehen oder Dominieren:
- Ursache: Kinder, die zu Hause aufgrund ihrer Position in der Familie (z.B. als Schwächstes) immer untergehen, können dieses Verhalten auch in der Tagesstruktur fortsetzen. Umgekehrt können Kinder, die zu Hause vernachlässigt wurden, versuchen, in der Tagesstruktur die dominante Rolle einzunehmen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.
- Verhalten: Entweder zieht sich das Kind zurück und geht in der Gruppe unter, oder es versucht, alles zu dominieren, zu befehlen und sich durchzusetzen.
- Umgang: Bei Kindern, die untergehen, ist es wichtig, sie im Blick zu behalten und aktiv in die Gruppe einzubeziehen. Bei dominanten Kindern sollte man ebenfalls Ruhe bewahren und versuchen, das Verhalten durch spielerische Aktivitäten, z.B. Rollenspiele, zu lenken. In chaotischen Situationen kann es notwendig sein, eine autoritäre Führungsrolle zu übernehmen, um die Situation zu strukturieren und den Kindern Orientierung zu bieten. Dabei geht es nicht um Bestrafung, sondern um eine klare, strukturierende Führung, die den Kindern hilft, sich zurechtzufinden.
Zusätzliche Punkte aus dem Interview, die für den Umgang mit Kindern aus vernachlässigenden Familien relevant sind:
- Gefühle benennen: Dr. Davatz betont die Wichtigkeit, Gefühle zu benennen, sowohl die eigenen als auch die der Kinder. Dies hilft, Emotionen zu verarbeiten und den Stress zu reduzieren.
- Authentische Autorität: Eine authentische, wertebasierte Autorität ist im Umgang mit Kindern essentiell. Kinder spüren, ob man hinter den Regeln steht, die man aufstellt, und reagieren entsprechend.
- Konfliktstrategien: Kindern beibringen, Konflikte konstruktiv auszutragen, ist ebenfalls wichtig. Dabei geht es darum, Gefühle wahrzunehmen, zu benennen und alternative Handlungsstrategien zu entwickeln.
- Geduld und Übung: Es braucht Zeit und Geduld, bis Kinder neue Verhaltensweisen erlernen. Wiederholung und Übung sind wichtig, um neue Strategien zu festigen.
Dieses Wissen kann Ihnen helfen, die Bedürfnisse von Kindern aus vernachlässigenden Familien besser zu verstehen und angemessen auf ihr Verhalten zu reagieren.
https://ganglion.ch/pdf/Umgang_Kindern_schwierigem_privatem_Umfeld.pdf
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