Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
13.2.2022
Autismus, Menschen mit Hochsensibilität
Audio
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema eurer Weiterbildung ist Menschen mit Hochsensibilität. Menschen mit Hochsensibilität
nehmen ihr Umfeld stärker wahr, intensiver wahr. Ich mache ich eine gedankliche Überlegung.
Wahrnehmung wird oft mit Wahrheit verknüpft. Wahrnehmung ist noch nicht Wahrheit. Hier hat man das
Gleichnis, wo fünf blinde Personen einen Elefanten berühren, jeder hat Recht. Man muss es
zusammensetzen und erst dann kommt das ganze Bild heraus. Wir Durschnittswahrnehmer denken
natürlich unsere Wahrnehmung ist Wahrheit. Die Wissenschaft macht das so. Das was sie wahrnehmen
ist in dem Moment wahr. Dann hat man die Tendenz, diese Wahrnehmung dem anderen aufzudrücken.
Das geht nicht.
[00:01:00.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Wahrnehmung läuft über unsere Sinne. Wir haben verschiedene Sinne. Den Geschmackssinn, den
Geruchsinn und den emotionalen Sinn. Also wir nehmen auch emotionale Stimmungen um uns herum
wahr. Kinder sind dort besser in dieser Wahrnehmung, Tiere sind auch besser in der emotionalen
Wahrnehmung. Wir überdecken unsere Wahrnehmung dann häufig mit intellektueller Wahrnehmung. In
unserer westlichen Gesellschaft ist die intellektuelle Wahrnehmung sehr hoch gewertet. Das heisst, wir
gehen dann schlussendlich nur noch nach dieser intellektuellen Wahrnehmung. Die intellektuelle
Wahrnehmung, die ist dann gleich "wahr". Da hat man dann Glaubenskämpfe zwischen dieser
Wahrnehmung und dieser Wahrnehmung. Das sieht man zwischen den verschiedenen Kulturen. Das
sieht man zwischen den verschiedenen Religionen. Das gibt dann diese Glaubenskriege. Das ist etwas
vom Gefährlichsten.
[00:02:19.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Gefüttert werden diese aber von der Emotionalität. Wir tun unsere Wahrnehmung emotional unterlegen.
Wenn unsere Wahrnehmung nicht durchkommt, dann versuchen wir nochmals aufzudrehen und die
Wahrnehmung emotional durchzudrücken. Dann sollte sie mehr wahr sein. Das stimmt natürlich nicht.
Wenn ihr alle diese verschiedenen Sinne anschaut und wenn ihr Menschen mit Hochsensibilität habt,
Kinder oder Erwachsene, ich kategorisiere sie in der Regel unter ADS. Bei den ADHSler, die, wenn sie
gestört werden, reagieren aggressiv. Dann nehmen wir nur noch ihre Aggression wahr. Ihre
Hochsensibilität nehmen wir oft nicht mehr wahr und diesbezüglich werden sie auch übergangen. Wenn
wir ein Kind oder einen Erwachsenen gegenüber von uns haben, der hochsensibel ist – und nicht alle sind
in diesen Sinnbereichen gleich hochsensibel, manchmal sind es mehrere Sinne, manchmal ist es nur
einer – dann passiert bei diesen, wenn wir mit unserer normalen Kommunikation reinkommen, passiert bei
diesen sehr viel schneller ein Systemoverload. Sie werden überfordert, von unseren sogenannten
normalen Verhaltensweise. Wir haben die Haltung, was geht denn hier, ich verstehe das nicht, das ist
verkehrt. Als Reaktion, ich bleibe immer noch beim Hochsensiblen, haben sie die Tendenz sich
zurückzuziehen, um sich zu schützen, sie wollen ihr Systemoverload abstellen, sie müssen weggehen,
sie weichen aus, sie ziehen sich zurück und im Extremfall werden sie auch autistisch. D.h. sie ziehen sich
völlig ihre eigene Welt zurück und man erreicht sie nicht mehr. Sie suchen ihre Ruhe. Wenn man sie nicht
lässt sich zurückziehen, also wenn man ihnen den Fluchtweg abschneidet, können sie auch aggressiv
werden.
[00:04:39.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann können die bravsten, rügsten Individuen auf einmal umschlagen in eine riesige Aggression. Das
kann bei den kleinen Kindern passieren und das kann auch bei den Erwachsenen passieren. Die
Aggression ist eigentlich immer eine Schutzabwehr gegen System Overload. Ich bringe ein praktisches
Beispiel.
[00:05:10.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war ein Junge, der viel plapperte, den ganzen Tag geredet hat. Ich würde auch sagen, er war
hochsensibel. Die Mutter hat sich oft aufgeregt über sein vieles Sprechen. Man konnte es fast nicht
aushalten. Dann ist in seinem Umfeld in der Schule, etwas passiert, wo er ungerecht behandelt wurde.
D.h, er wurde ungerecht behandelt, d.h. für etwas schuldig gemacht wurde, was er nicht handhaben
konnte. Was ist passiert? Er ist in einen autistischen Zustand gefallen Er hat jetzt von 14 Jahren weg,
also 6 Jahre lang einfach nicht mehr kommuniziert. Er war vorher ein Überkommunikator und hat nicht
mehr kommuniziert. Man hat alles mögliche probiert, um an ihn ran zu kommen und es hat einfach nicht
funktioniert. Da müsste ich noch etwas dazu sagen, bei dieser Wahrnehmung, ich habe gesagt, es geht
um emotionale Wahrnehmung, aber auch um Gerechtigkeitswahrnehmung. Hochsensible Menschen sind
viel empfindlicher auf Ungerechtigkeiten. Das sagt man auch viel von den ADHS/ADS Kindern. Nur die
ADS Kinder zeigen es nicht. Die ADHS Kinder rasten dann aus.
[00:06:25.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat eine Wahrnehmung vom sozialen Gefüge. Wenn irgendetwas ungerecht läuft, nicht nur einem
gegenüber, sondern auch den anderen gegenüber, also das soziale Netz funktioniert nicht gerecht, dann
wird reagiert auf das. Also sie sind sehr sensibel auf Ungerechtigkeiten. Bei dem ist das passiert, dass
der das nicht mehr verarbeiten konnte und man konnte es nicht einrenken. Jetzt fängt er wieder an von
Ja und Nein zu sagen. Vorher nur den Daumen nach oben und den Daumen nach unten, gesprochen hat
er nicht mehr. Innerhalb von seinem Hirn laufen ganz viele Kommunikationen und Argumentationen. Die
Wahrnehmung ist absolut anders.
[00:07:22.160] – Dr.med. Ursula Davatz
In meinem Buch über ADHS und Schizophrenie habe ich ein Zitat von Eugen Bleuler, dem Begründer von
der Terminologie Schizophrenie. Da sagt er, die Schizophrenen nehmen Sachen wahr, die wir gar nicht
sehen. Ich denke, da merkt er schon, dass da so etwas wie ein ADHS dahinter steckt. Ich sage das so.
Diese sensible Wahrnehmung, die kann auch in Bezug auf visuelle Wahrnehmung, also viel eine
differenziertere Wahrnehmung, wo wir darüber hinweg schauen. Die Menschen sehen zum Teil auch
Details, die wir nicht sehen. Wir haben schnell eine allgemeine Wahrnehmung. Das erwachsene Hirn
lernt Dinge schnell zu prozessieren und lässt dann all diese Details weg.
[00:08:27.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Hochsensible haben auch eine hochdifferenzierte Wahrnehmung. Da kann man auch wieder sagen,
visuell, auditiv und optisch. Was löst das im Umfeld aus? Das Umfeld hat eine Reaktion auf die
Hochsensiblen. Das Umfeld fühlt sich dann oft selber nicht verstanden, wenn sich das Gegenüber
zurückzieht und nicht zuhört oder nicht das macht was man von ihm erwartet. Dann verstärkt das Umfeld
seinen Reiz. Ich habe es Dir doch bereits einmal gesagt. Das Umfeld macht einen Overkill. Mit dem
Overkill geschieht, dass der sensible Wahrnehmer den Schirm zumacht und gar nichts mehr hört. Also es
passiert dann sofort ein System Overload.
[00:09:24.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die andere Reaktion vom Umfeld ist, der hört mir nicht zu, der nimmt mich nicht ernst, ich bin beleidigt.
Der akzeptiert meine Autorität nicht und dann ist man enttäuscht und zieht sich zurück. Also bricht die
Beziehung ab. Beleidigung und Beziehungsabbruch. Das ist natürlich nicht das, was die Kinder brauchen.
Sie brauchen eine Beziehung, aber nicht so eine intensive und nicht so eine überfordernde. Oder das
Umfeld kommt zum Schluss, der nimmt gar nichts wahr in seinem Umfeld, der ist nicht empathisch. So
sagt man ja, Autisten haben keine Empathie. Das wird gesagt, aber das stimmt nicht. Sie haben eine
Überempathie. Sie haben eine Überwahrnehmung, aber sie kommen sehr schnell in ein System
Overload. Im Augenblick, wo sie in diesen System Overload kommen, müssen sie sich abschirmen,
kapseln sich ab und nehmen dann gar nichts mehr wahr.
[00:10:29.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Also nichts mehr wahrnehmen ist schon eine Schutzreaktion. Das ist eigentlich nicht die ursprüngliche
Haltung dieser Leute. Henry Markram, ein Forscher in Lausanne, der selber einen autistischen Sohn hat,
wollte dann über die künstliche Intelligenz den Autismus erklären oder verstehen. Der sagt selber auch,
es stimmt überhaupt nicht, dass die Kinder nicht empathisch sind. Im Gegenteil, sie sind überempathisch.
Man hat sogar Versuche gemacht mit Mäusen oder Ratten, die überempathisch sind. Also die sind auch
ins System Overload reingekommen und haben dann abgeblockt. Also das Abblockieren, der Mangel an
Empathie, ist eine Schutzreaktion gegen die Überlastung.
[00:11:18.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie reagiert dann das psychiatrische Umfeld? Wir sind an sich eine medizinische Disziplin, aber wenn
man in andere Länder schaut, zum Beispiel Russland, dann ist Psychiatrie auch eine soziale
Disziplinarmaßnahme, eine politische Disziplinarmaßnahme. Wir Psychiater müssen dann quasi die Norm
vertreten. Im Augenblick, wenn wir mit der Norm an diese Menschen heran treten, dann überfordern wir
sie wieder. Wir versuchen sie mit allen möglichen Therapien in Richtung Normalität zu manipulieren, dass
sie doch in die normale Wahrnehmung oder Verhaltensweise hineinkommen. Die Wahrnehmung sehen
wir ja gar nicht. Wir wollen sie in die normale Verhaltensweise hineindrücken. Da geschieht wieder eine
Überstimulierung. Die andere gegenteilige Reaktion ist, wir packen sie in Watte, wir getrauen uns gar
nichts, wir müssen wahnsinnig Rücksicht nehmen auf sie. Man mutet ihnen gar nichts mehr zu, sodass
sie auch nichts mehr lernen.
[00:12:42.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie nur in den Watte packt, passiert keine Auseinandersetzung mehr. Dann kann man sie
sogar zu kleinen Tyrannen erziehen. Sobald etwas nicht passt, wird ausgerastet. Dann vermeidet man
das alles, damit keine Ausraster passieren, weil man selber den Ausraster nicht aushält. Das ist natürlich
auch nicht gut. In diesem Sinne ist die Tendenz oft da, weil wir von der sogenannten Norm ausgehen,
dass man die Pathologie eher fixiert und die Dysfunktion fixiert.
[00:13:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einen hochbegabten, musikalisch, hochsensiblen Patienten. Ich bin angesprochen worden von
seiner Ergotherapeutin an einem Vortrag. Ich habe die Familie übernommen. Als erstes kam er mit der
Mutter. Ich fragte, was er gerne möchte. Dann hat er gesagt, er wolle, dass Mutter nicht so viel Rücksicht
auf ihn nehme und ihn ganz normal behandle und nicht so viel ein Theater um ihn herum mache. Ich
habe lange Zeit nur Mutter behandelt, oder beraten würde ich jetzt sagen. Sie hat natürlich dann alle die
Beispiele von früher gebracht, wo er ausgerastet ist, wo er nicht normal reagiert hat. Und um ihn herum
war er eine Ergotherapeutin, eine Psychiaterin, eine Gruppentherapeutin, ein Coach der IV und natürlich
die Mutter und der Vater. Alle haben um mich herum haben gehypert und haben auf eine Art seine
sensible Wahrnehmung verstärkt und vom ganzen System ein System Overload gemacht.
[00:15:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sind dann alle weggefallen. Die Ergotherapeutin ist abgefallen. Er ist noch in eine Gruppentherapie
gegangen. Die Psychiaterin ist abgefallen. Die Gruppentherapeutin ist abgefallen. Der IV Coach hat sich
nicht mehr so fest involviert. Was ich gemacht habe, ist eigentlich an erster Stelle die Mutter beraten. Und
seine Geigenlehre. Ein Geigenlehrer hat es sehr gut mit ihm gekonnt. Er hat ihn schon von Kindheit her
gekannt. Aber er ist auch verzweifelt und hat gesagt, er soll gescheiter irgendeine Lehre machen. Von mir
aus eine Schuhmacherlehre. Er ist handwerklich natürlich sehr begabt. Zum Geigen spielen muss man ja
mit seinen Fingern sehr geschickt sein. Der ist verzweifelt und hat gesagt, er soll gescheiter eine Lehre
machen. Das klappt nicht mit dem Musizieren. Ich habe dann dem Geigenlehrer angerufen und gesagt,
Blödsinn, das Kind ist enorm begabt, musikalisch. Das ganze Leben war darauf ausgerichtet und wir
machen weiter. Aber wir dürfen nicht so viel stören. Ich habe dann dem privaten Geigenlehrer
beigebracht, dass er das anders macht. Er hat dann auf mich gehört und hat gemerkt, es läuft auf einmal
sehr viel besser läuft. Er war sehr dankbar für den Ratschlag. Er hat sich nicht dagegen gewehrt. Dann
musste aber wieder in die Schule gehen, also in den Musikunterricht zu einem bekannten Geigenlehrer.
Er hatte riesige Angst vor dem bekannten Geigenlehrer.
[00:16:40.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich schildern lässt, wie die Stunde gelaufen ist, dann hatte er Angst vor der Verurteilung des
Geigenlehrers und der Geigenlehrer hatte Angst vor seinem Schüler. Ja, der war auch sensibel und hatte
Angst, das gehe nicht. Dann hat er ihm gesagt, ich bin nicht sicher, dann hat er ihm so Ratschläge
gegeben und hat ihm gesagt: "Ich bin nicht sicher, ob du für eine Musikerkarriere gemacht bist, denn dort
da muss man doch einigen Stress aushalten." Also er hat ihn demotiviert.
[00:17:14.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich mir die Telefonnummer von diesem Geigenlehrer von diesem Professor geben lassen und
habe ihn dann auch mal erreicht und habe ihm probiert zu erklären. Dann ist herausgekommen, der
Geigerlehrer möchte natürlich Erfolg haben mit seinem Schüler, das ist klar. Man möchte nicht investieren
in einen Schüler der misslingt. In diesem Sinne ist er auch unter der Beobachtung der ganzen Schule
gestanden. Er hat sich unter Druck gefühlt. Ich habe ihm dann auch ein wenig Ratschläge gegeben. Wir
haben das so angeschaut. Er spürt seinem Schüler seine Nervosität und der Schüler spürte seinem
Geigenlehrer seine Nervosität und dann schaukelte sich das auf bis zur Dysfunktion.
[00:18:08.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe versucht zu beruhigen und zu sagen, er soll einfach nur mal Geigenstunde geben, aber nicht
noch irgendwelche psychologische Bemerkungen machen. Das ist meine Sache, also die Psychologie,
die behandle ich. Er soll einfach Geigenstunde geben. Wir hatten regelmässig Kontakt gehabt und ich
habe ihm auch gesagt, dass er einfach so spielen soll, wie es für ihn stimmt. Er hatte einen
emotionaleren Stil, der Geigenlehrer einen technischeren. Aber da kann man auch etwas lernen. Und
diese Kombination ist sogar gerade sehr interessant. In diesem Sinne habe ich mich dann auch immer
mit dem Patienten unterhalten und jetzt läuft das sehr gut. Vorher hat er nicht geübt. Die Mutter wollte ihn
immer zum Üben bringen. Ich musste X mal sagen, dass ich sie aufhören muss. Das Kind ist begabt. Die
Begabung geht nicht weg. Auch wenn er drei Monate keinen Ton spielt. Die Begabung ist immer noch da.
Die Mutter war sehr engagiert im vorwärts bringen. Jetzt läuft es gut. Er hat Freude daran. Er übt
genügend, ohne dass man es ihm sagt. Ich musste das Umfeld so büscheln, dass es keine
Überfokussierung macht
[00:19:31.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir mussten nur sein Umfeld so gestalten, dass er sich entfalten kann. Das ist das Typische bei den
Hochsensiblen. Man muss sie wahrnehmen. Man darf nicht die Beziehung abbrechen. Man darf sie aber
auch nicht in irgendeine Norm hineindrücken wollen, dass sie dann gut an die Norm angepasst sind. Man
darf also keine politische Funktion übernehmen, sondern muss sie dort abholen, wo sie sind.
[00:20:02.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man eine gute Beziehung hat, man kann auch Fehler machen, sie melden sich einem ja zurück,
indem sie verrückt werden oder nicht in die nächste Stunde kommen oder irgendeine Reaktion haben.
Man darf einfach die Beziehung nicht abbrechen. Man muss, wie soll ich sagen, eine flexible Beziehung
haben, eine tolerante Beziehung haben und, und da komme ich wieder mit einem Spruch, mit dem
sokratischen Lernen, man muss selber lernbereit sein. Also man muss von ihnen auch etwas lernen.
[00:20:33.930] – Bemerkung 1
Maria Montessori hat doch gesagt, dass die Kinder so sind.
[00:20:40.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht denken, ich muss diesen Menschen erziehen zur Norm, zur Gesundheit, weiss ich nicht
was. Sondern man muss mit diesem Menschen interagieren, man muss gut auf diesen Menschen hören,
verstehen wie er wahrnimmt und dann ist es auch für uns eine Horizonterweiterung. Aha, so kann man es
ja auch anschauen. Aha, der sieht das jetzt so. Dann ist es hochinteressant. Also ja, das Kind oder diese
Person ist eigentlich der Chef von seiner eigenen Wahrnehmung und wir müssen lernen diese
wahrzunehmen.
[00:21:24.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Jean Piaget war Biologe und kam dann in die Psychologie rein. Seine Entwicklungstheorie hat er anhand
der Beobachtung seiner 3 Kinder entwickelt und zwar anhand der Fehlwahrnehmung, also der anderen
Wahrnehmung der Kinder. Ein berühmtes Beispiel ist, wenn man einem kleinen Kind ein Gefäß zeigt,
welches einen kleinen Durchmesser hat und hoch ist. Und ein breites und grosses Durchmesser hat und
dann Wasser hin und her leert und dann fragt, wo mehr Wasser drin ist. Dann sagt es immer, dann geht
es von der visuellen Wahrnehmung aus, und denkt im grösseren Gefäss ist mehr Wasser drin. Erst ab
einem gewissen Alter kann das Kind sagen, dass es gleich viel ist.
[00:22:22.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann dem Kind zeigen, wie man das Wasser hinüber leert und es sagt trotzdem, da ist mehr drin.
Weil es sich von der visuellen Wahrnehmung leiten lässt und nicht von der transformativen, also von der
logischen Wahrnehmung. Je nachdem, welcher Wahrnehmungstyp man ist, hört man besser auf das oder
das oder das. Dann kann die eine Wahrnehmung die andere überschatten und verzerren. Das macht
man auch mit den Vexierbildern. Da muss man so ein bisschen vage schauen und dann sieht man auf
einmal die Figur. Und wenn man zu genau schaut, sieht man gar nichts.
[00:23:08.480] – Bemerkung 2
Die Eltern beruhigen. Den Eltern auch die Sicherheit geben, dass sie dem Kind auch Zeit lassen können.
Auch Zuversicht vermitteln. Das machen wir viel. Wir werden ja mehr Familien haben im Kontext der
Schule. Dort sind ja auch die Lehrer und die Schulleitung ein grosser Teil. Vielleicht kannst Du auch dazu
etwas sagen? Wie vermitteln wir zwischen Eltern und Schule?
[00:24:27.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss zuerst die Fehlwahrnehmungen anschauen. Ich habe viel mit Schulen, mit Lehrern und den
Eltern gearbeitet. Ihr als Aussenstehende müsst zuerst die Wahrnehmung Wenn man zum Lehrer geht,
muss man zuerst seine Wahrnehmung anschauen. Man muss zuerst den Lehrer validieren in seiner
Wahrnehmung. Er sagt, er hat einen ganze Klasse, er kann nicht auf jedes Kind Rücksicht nehmen,
darum muss er alle normieren. Man muss den Lehrer genügend wertschätzen. Dann eine Pause. Dann
schauen wir von der anderen Seite her.
[00:25:32.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe dann immer das Beispiel vom Knie, von dem, der die Pferde dressiert hat. Er hatte eine freie
Pferdeshow, in der sie verschiedene Figuren laufen mussten. Dann ging es nicht. Dann hat er gesagt,
jetzt ist es nicht gegangen, jetzt probieren wir es noch einmal. Aber wenn es nicht geht, dann trainieren
wir es am Mittwoch Nachmittag. Dann hat er gesagt, es gibt solche Pferde, die alles ganz genau so
machen wollen, wie man es von ihnen will. Andere sind eher störisch und eigenwillig. Also die
Pferdeherde hat unterschiedliche Individuen, das gleiche mit einer Schulklasse. Ich würde jetzt sogar so
weit gehen, dass es hilfreich wäre, wenn der Lehrer lernt, mit diesen unterschiedlichen Individuen
umzugehen. Wenn er nicht Rücksicht nimmt auf das eine Individuum und das der Norm anpassen will,
verbraucht er die ganze Zeit, um das Individuum zu disziplinieren und anzupassen.
[00:26:42.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man aber überlegt, was man mit dem störenden Kind machen könnte und eine bessere
Handhabung innerhalb des Kollektivs hat, dann spart man so viel Energie und Zeit. Es braucht am
Anfang eine kleine Investition, aber nachher kommt ein Rendement. Er spart nachher, er spart Kräfte etc.
Da könnte natürlich die Mutter fragen, was macht sie, wenn das und das und das passiert. Vielleicht kann
es die Mutter, vielleicht kann sie es auch nicht. Dann kann man den Vater fragen, wie macht er es. Alle
die Ressourcen, die im System drin sind, kann man dann nutzen. Aber ich denke, wenn man in die
Schule geht, muss zuerst den Lehrer wahrnehmen.
[00:27:34.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Lehrer und Eltern haben voreinander Angst. Der Lehrer hat Angst vor den Eltern, es kommen auch viele
Eltern in die Schule, die reklamieren. Und die hat natürlich nur das Interesse von ihrem Kind. Dann
wehren sich die Lehrer oft sehr schnell gegen die Eltern. Die Eltern kommen dann wieder zu einem und
klagen, wie die Lehrer sich nichts sagen lassen wollen und sie wissen doch, dass ihr Kind anders ist und
das muss man anders behandeln etc. Also beide wollen voneinander nichts lernen. In dem Sinn seit ihr
dann die Vermittler, also ihr versteht zuerst die Lehrer, die Eltern habt ihr schon verstanden, als ihr den
Besuch zuhause gemacht habt und dann die beiden Wahrnehmungen zur Darstellung bringen, also zum
Ausdruck bringen.
[00:28:29.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sucht man nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Der kleinste gemeinsame Nenner ist, die
Eltern wollen das Beste für das Kind will, und der Lehrer will das Beste für das Kind. Also, ihr wollt ja
beide das Beste für das Kind. Wie machen wir das jetzt? Dann kann man eher zu einem Konsens
kommen, als zu einem debattierenden Gespräch. Denn das bringt überhaupt nichts. Denn das Kind
merkt, dass es eine Spannung zwischen Lehrer und Eltern gibt und kommt in einen Loyalitätskonflikt.
Denn eigentlich will das Kind seinen Lehrer lieben. Er will ja gerne in die Schule gehen. Man sagt immer,
man lernt nicht für den Lehrer. Aber man lernt sehr wohl. Innerhalb der Lehrer/Schüler Beziehung. Die
Beziehung ist das Wichtigste. Ohne Beziehung ist auch kein Lernen möglich. In diesem Sinne würde ich
sagen, wenn ihr in die Schule geht, muss man zuerst den Lehrer respektieren, validieren, dann die Eltern,
dann den kleinsten gemeinsamen Nenner und dann miteinander ein Ziel führende Sache.
[00:29:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein Beispiel von Vater und Mutter. Die Eltern kamen wegen einem ADHS Kind, das in der Schule
immer gestört hat. Sie haben immer miteinander gekracht. Sie hatte einen sehr autoritären Vater. Sie war
auch ein ADHS Kind, aber Frauen können sich besser anpassen. Sie hat sich dann halt einfach
untergeordnet, dem autoritären Vater. Der Junge hat das nicht gemacht. Sie haben ständig miteinander
gestritten und waren schon kurz vor der Scheidung. Dann habe ich ihnen einfach nur gesagt, ihr müsst
nicht gleichzeitig die Verantwortung für das Kind übernehmen. Einen Tag macht es die Mutter, einen Tag
der Vater. Dann wird nicht drein geredet. Dann hat die Mutter gesagt, dass es der beste Ratschlag war,
den sie je gehört hat. Und sie wollten nicht mehr scheiden. Dies nach einer Sitzung.
[00:30:30.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her ist es sehr wichtig, dass wir die verschiedenen systemischen Wahrnehmungen herausholen
können, aufzeigen, dass sie recht sind. Also wie beim Elefant. Der hat recht und der hat recht und wie
bringen wir es jetzt zusammen? Also dass man nicht aus allen Unterschieden einen Kampf macht.
[00:30:54.070] – Bemerkung 3
Könnte man in gewissen Fällen den Eltern sagen, dass sie aufhören dem Lehrer drein zu reden?
[00:31:15.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf jeden Fall. Man kann den Eltern sagen, sie dürfen gerne mal einen Schulbesuch machen und
zuschauen wie das Ganze läuft, wie sich das Kind benimmt. Das Kind erzählt zu Hause natürlich nur
seine Seite und nicht die andere. Dass sie einen Schulbesuch machen, das sie aber nur beobachten,
aufschreiben und dann könnten sie das vielleicht mit euch besprechen, was dort abgelaufen ist, was sie
wahrgenommen haben, was ihnen weh getan hat, was sie gut gefunden haben. Dass ihr wieder als
Vermittler zwischen Eltern und Lehrern sagen könnt, dass das die Interaktion ist. Es geht nie um richtig
oder falsch, es geht nur um eine Interaktion. Den Eltern muss man ganz allgemein sagen, ja sie sind
interessiert an ihrem Kind, aber das Kind wird auch sozialisiert in der Schule. Dort geht es nicht nur um
intellektuelles Zeugs zu lernen, sondern auch um Sozialisierung. Der Lehrer ist beauftragt, auch die
Sozialisierung voranzubringen.
[00:32:34.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass Eltern und Lehrer eine gewisse Wertschätzung voneinander haben. Ich habe mit einer
Lehrerin gesprochen und dort haben die Eltern immer drein geredet, das war eine BEZ Lehrerin, immer
gekracht zwischen Eltern und Lehrern. Da hat sie gesagt, im Augenblick, wo wir einen Stammtisch für
Eltern und Lehrer eingeführt haben, am diesem Stammtisch konnte man dann Probleme diskutieren
zwischen Lehrer und Schülern. Dann ging das ganze Reklamieren zurück. Sie haben ein Gefäß
eingerichtet, in das die beiden sehr engagierten Bezugspersonen, Lehrer und Eltern, miteinander in Ruhe
austauschen konnten und dann zu einer Konfliktlösung kamen. Schlussendlich muss man helfen.
Systemtherapie zwischen Lehrer und Eltern. Ein wenig so.
[00:33:39.560] – Bemerkung 4
So wie ich verstanden habe, würdest Du empfehlen, dem störenden Kind zuerst einmal die
Aufmerksamkeit zu schenken und mit ihm eine Regelung zu finden. Danach hat der Lehrer wieder den
Raum für die ganze Klasse. Es gibt ja auch Phänomene von Kindern, von denen ich höre, dass sie immer
die ungeteilte Aufmerksamkeit des Lehrers haben. Und den anderen gar keine Möglichkeit geben, um
sich einzubringen.
[00:34:37.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier würde ich sagen, dass es schon aus dem Ruder gelaufen ist. Ich würde nicht sagen, der Lehrer soll
dem Kind die Aufmerksamkeit geben, aber er muss es besser verstehen. Wenn der Lehrer nur bei der
Norm bleibt, wird das Kind nicht gehört. Ein Störverhalten ist immer eine Appellation, dass etwas nicht
recht läuft. Von daher muss man das Kind besser verstehen. Er muss fragen, was war denn da? Vielleicht
kann es das Kind nicht sagen, vielleicht muss er beobachten. Er muss herausfinden, was für ein
Mechanismus abläuft. Er muss herausfinden wollen warum etwas geschieht. Ah, du hast das sagen
wollen. Ah, das hat dich verletzt, ok, ich kann es verstehen. Er muss dann das Kind validieren. Im
Augenblick, wenn er es validiert hat, kann er sagen, dass er es verstanden hat. Jetzt schildere ich meine
Situation. Meine Situation ist, dass ich vielen gleichzeitig etwas beibringen muss und dann bist Du sehr
störend. Du verhinderst dann alle anderen. Das will ich nicht und das willst Du wohl auch nicht. Das Kind
ist nicht absichtlich böse. Das Kind ist aus dem nicht verstanden werden schwierig. Nicht einfach nur
Aufmerksamkeit für das Kind, das reicht nicht, sondern auch Verständnis. Man muss wirklich selber
verstehen, was dort abläuft.
[00:36:31.390] – Bemerkung 5
Gewisse Lehrerinnen und Lehrer sagen dem Kind dann auch, dass das Kind früher kommen kann. So
konnte eine neue Beziehung entstehen. Das hat geholfen, dass sich das Kind im Unterricht
zurücknehmen konnte.
[00:37:00.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist genauso ein Beispiel. Die Lehrperson ist auf das Kind zu gegangen. Er hat dem Kind etwas Extra
angeboten. Das war eine zusätzliche Leistung des Lehrers. Aber das kam dem Lehrer wieder zu gut im
Klassenzimmer. Man muss vielleicht eine etwas grössere Leistung einsetzen. Aber nachher hat man auch
ein Rendement. Es kommt auch etwas zurück. Es lohnt sich so, diese extra Leistung einzusetzen. Wenn
man das System oder die Situation verändern will, muss man mehr investieren, um nachher mehr
Energie zu haben.
[00:37:35.600] – Bemerkung 5
Danke.
[00:37:35.800] – Bemerkung 6
Meine Erfahrung, was du sagst, bestätigt so fest, dass wenn Schule oder Eltern sich gegenseitig
beschuldigen, funktioniert das nie. Ich sehe meine Aufgabe bis jetzt immer in der Übersetzungsarbeit
zwischen Lehrer und Eltern. Wer ist wie überlastet? Wie gibt es einen gemeinsamen Nenner? Es ist so
erstaunlich, man kann bei den Kindern sofort einen Fortschritt sehen, wenn sich die Fronten wieder
entspannt haben. Es muss ja nicht harmonisch sein, aber doch eine Zusammenarbeit. Es ist fast wie ein
Wunder wie die Kinder einfach besser werden in der Schule und gerne in die Schule gehen.
[00:38:37.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, Du bist eine Übersetzerin zwischen Lehrer und Eltern. Wenn man Verständnis auf beiden Seiten
hinbekommt, denn das Kind leidet unter dieser Spannung. Wir sind ja soziale Wesen. Jedes Kind will
kooperativ sein und mitarbeiten. Wenn man das Kind besser versteht, den Lehrer besser versteht, die
Eltern besser versteht und dann den gemeinsamen Nenner sucht, dann auf einmal können alle
kooperativ werden. Das Kind kann die Situation für das Lernen verwenden und kann sich dann auch
zurücknehmen. Das Kind fühl sich wahrgenommen. Wenn ich sage, die Kinder sind sehr sensibel auf
Spannungen im Umfeld, die Spannungen gehen dann weg und das Kind kann sich wieder auf sich
konzentrieren.
[00:39:47.090] – Bemerkung 6
Ich finde man kann mit wenig ganz viel herausholen. Wenn die Lehrer merken, dass wir respektvoll ihnen
gegenüber sind, dann sind sie sehr offen. Ein Lehrer hat mich auch mal gefragt, gibt es denn einen
Weiterbildung? Der Bedarf ist vorhanden. Es ist immer eine Frage wie man es rüberbringt. HOTA wollte
mal etwas mit den Schulen machen.
[00:40:20.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Super, das kann ich nur unterstützen. Ich denke, es wäre super, wenn die HOTA eine Weiterbildung für
Lehrer anbietet. Ihr seid neutrale Gesprächspersonen, nicht die Eltern. Ihr seid Vermittler. Ich denke, viele
Lehrer wären so froh, wenn sie mehr Unterstützung erhalten würden. Ich habe versucht, etwas über den
offiziellen Kanal rein zu bringen, also über das Lehrerseminar oder die Weiterbildung, und ich bin nie
durchgekommen. Man hat sich immer schon bedroht gefühlt. Aber jetzt, wenn ihr schon im praktischen
Feld drin seid, dann hättet ihr viel mehr Echo und es gäbe sicher einige Lehrer, die kommen würden. Vor
Jahren haben wir mit meinem Oberarzt ein Seminar angeboten für Lehrer und das ist dann sogar in der
offiziellen Weiterbildung gekommen. Ihr könntet eure Weiterbildung in die offizielle Lehrer Weiterbildung
hineingeben. Das wird immer veröffentlicht. Man muss es einfach früh genug sagen, damit es publiziert
wird. Aber ich denke, es wäre sicher ein Bedarf da.
[00:41:30.830] – Bemerkung 6
Ich habe eine Frage zum vorherigen Beispiel: die Kinder, die so in Watte gepackt werden, werden werden
kleine Tyrannen. Jetzt habe ich eine Familie. Die Familie hat Angst vor dem Kind. Das Kind will immer die
Fernbedienung. Es ist wichtig, dass man das Ausraten aushält. Das ist ein wichtiger Teil.
[00:42:09.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Frauen hätten es immer gern sehr harmonisch und sensibel und ruhig aber bei Kindern mit
Temperament geht das nicht. Man muss es aushalten, wenn das Kind ausrastet, auch wenn das Kind
etwas kaputt macht. Man muss standhalten. Denn das Kind braucht ein Gegenüber, das stark ist und
nicht ein Gegenüber, das immer nachgibt.
[00:42:33.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist ja zum Teil die Summerhill Bewegung, die antiautoritäre Erziehung ist zum Teil falsch verstanden
worden, dass das Kind immer das Sagen hat. Das ist nicht. Man nimmt das Kind wahr, man nimmt in dem
Sinn auf seine Wahrnehmung Rücksicht, aber man setzt sich mit ihm auseinander. Da fällt jegliche
Auseinandersetzung weg. Und das ist nicht gut.
[00:43:02.815] – Bemerkung 6
Danke.
[00:43:03.310] – Bemerkung 7
In meiner Praxis mache ich hauptsächlich das, mit Schwerpunkt kleine Kinder. Es geht genau da los,
wenn die zwei werden oder noch jünger sind und die Eltern das gar nicht aushalten, dass dieses Kind
schreit. Also im schlimmsten Fall sind natürlich Schreibabies, die machen dich auch fertig. Wenn du
sowas schon in der Vorgeschichte hast, hältst du auch als Eltern nicht lang durch. Und ich sehe, es
werden immer mehr. Und das ist natürlich schwierig, finde ich. Wenn die Kinder in der Schule sind, dann
ist es schon sehr spät. Vorher ist es auch relativ gut behandelbar, wenn die Eltern das einmal verstanden
haben, um was es geht, haben die riesen Erfolgserlebnisse, weil die dann wirklich auch sich in die
Beziehung trauen. Darauf spricht das Kind ja sofort an. Je jünger desto besser.
[00:44:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ein sehr sensibles Baby hat und einen sensible Mutter, die Mutter kann das Kind nicht
beruhigen, wird sie immer nervöser und am Schluss ist es nicht mehr zu handhaben. Ich habe lange
Mütterberaterinnen beraten, die haben mir erzählt, dass sie in solchen Situationen eine soziale
Hospitalisation im Kinderspital machen mussten. Dann sind die Profimütter gekommen, die das Kind in
den Arm genommen haben und es wieder beruhigen konnten. Bei den sensiblen Schreikindern und
sensiblen Müttern läuft es wie bei meinem Geigenlehrer und Geigenschüler. Sie stecken sich gegenseitig
an, schaukeln sich gegenseitig hoch und machen sich gegenseitig nervös. Das muss man beruhigen.
Wenn die Eltern einmal erlebt haben, dass sie es können, dass es recht ist, dann werden sie
kompetenter.
[00:45:00.000] – Bemerkung 8
Etwas zur Hochsensibiltität. Was so ein bisschen auch speziell ist, finde ich, ist das ist auch so ein
Nimbus, der so ein Kind umgibt. Die Eltern brauchen das auch, damit ihr Kind was Besonderes ist. Das
erlebe ich als ganz, ganz schwierig, weil du musst ja quasi den Nimbus von diesem Kind zerstören. Wie
ist da deine Erfahrung? Die lassen sich, also die wollen das eigentlich nicht. Das muss ein besonderes
Kind sein. Das muss, weil sie sich manchmal auch selber darin sehen und es die Erklärung für ihren
eigenen Frust ist oder für eigene schwierige Schicksalsschläge.
[00:45:38.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache jetzt ein Schema. Die Mutter war oft auch hochsensibel, wurde aber nicht korrekt behandelt.
Sie hat sich schlecht und recht durchgeschlagen und angepasst als Frau. Wenn sie ein hochsensibles
Kind hat und sie findet, dass jemand das nicht recht behandelt, ist sie wie eine Löwenmutter und
verteidigt das. Sie überkompensiert ihre unkorrekte Behandlung, indem sie um das hochsensible Kind
einen Riesentäter macht.
[00:46:22.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich spreche auch die Psychiatrie schuldig. In den USA war eine lange Diskussion um die psychiatrische
Diagnose. Jemand hat beim DSM-5 mitgemacht und alle möglichen Diagnosen rausgeschmissen. In der
Medizin profiliert man sich, indem man seinen Namen in einem Symptom oder Syndrom gibt.
[00:46:43.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Hochsensibilität ist eine neue Modediagnose. Dabei ist es ein Symptom eines grösseren
Persönlichkeitsbildes. Dann wird das hochgeschaukelt und man ist besonders, das Kind ist besonders.
Hyperintelligent wird auch so gehandelt. Hochbegabt, und jetzt heisst es hochsensibel. Man ist auf die
Emotionen gerückt. Ich finde, man sollte es in das Ganze integrieren. Man sollte es nicht so
herausstreichen.
[00:47:23.160] – Bemerkung 8
Diese Eltern sind nochmals speziell finde ich. Da musst du eigentlich erst validieren, wie sie ihr Kind
sehen, damit sie sich da aufgehoben fühlen. Dass du dann nicht anfängst mit denen zu argumentieren,
sondern erst mal sie selber ernst nehmen. Es ist gar nicht so einfach genau diese Schulgeschichten mit
genau diesen Kindern und Eltern.
[00:48:01.670] – Bemerkung 8
Bisher war es so, wenn wir die Kinder kriegen, dann ist es ganz oft schon so gewesen, dass es völlig
verkachelt war und die Schule schon so da saß. Bei uns in der Schule, wir wissen wie wir es machen,
aber die Eltern machen es nicht richtig. Die Eltern, die fühlen sich ja dann nur bestätigt. Das tolle Kind
wird ja nicht gesehen. Da finde ich, wo die Systeme schon so aneinander vorbeischrappen, finde ich es
als Ehetherapeut ziemlich schwierig. Also auch für unsere Mitarbeiter.
[00:48:32.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist schwierig, ja. Da denke ich, man muss immer dann jeden Teil validieren. Also da hat ja der Iván
Böszörményi-Nagy den Begriff "Multi Directed Partiality" geprägt, vielgerichtete Parteilichkeit. Man ist
nicht einfach unparteilich. Man kann sagen, ich verstehe dich, ich verstehe dich, ich verstehe dich und ich
verstehe das Kind. Jetzt setzen wir es zusammen. Also da muss man als Systemtherapeut alle validieren.
Nicht nur einen. Das ist auch das Anstrengende, dass man alle validiert. Man muss den Lehrer validieren,
man muss die Eltern validieren, man muss die Mutter validieren, man muss den Vater validieren, man
muss die Kinder validieren und wie machen wir es? Oft ist dann auch, also solche Fälle habe ich auch,
wo dann zwischen Mutter und Vater, der Vater wäre auf der Seite von streng und bestrafen und weiss ich
was, die Mutter auf der Seite von verwöhnen und beide Extreme sind nicht gut und es braucht von beiden
ein bisschen. Also Bestrafen nicht, aber Führen. Grenzen setzen, Strukturen setzen.
[00:50:04.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Was du da sagst, wenn sich die Eltern selber nicht recht behandelt gefühlt haben und sie wollen es bei
dem Kind ganz recht machen, das ist ja auch ein Phänomen, das man oft erlebt. In der Kindheit wurde
man zu streng erzogen und selber wird man dann zu lasch. Das sind die Flipflopseiten der Medaille.
Denen muss man dann auch wieder helfen.
[00:50:30.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder, die in Watten gepackt werden, werden isoliert von der Umgebung. Michael Meaney, der mit
den high-licking Mothers und low-licking Mothers gearbeitet hat, hat herausgefunden, dass die Kinder, die
von ihren Müttern, also Rattenkinder, viel abgeleckt wurden, viel Interaktion war, die sind viel robuster.
Die Kinder haben eine grössere Resilienz. Als ich mit ihm gesprochen habe, hat er gesagt der
Kindergarten macht das gleiche. Aber es muss ein Lehrer oder eine Gruppenleiterin dabei sein, die das
Kind handhaben kann. Wenn sie es nur in den Arm hinein tut, dann kann es untergehen und dann
beschäftigt das Kind den ganzen Kindergarten. Haben Sie so einen Fall?
[00:51:37.180] – Bemerkung 9
Ich bin 20 Jahre Kindergärtnerin. Die Kinder in ihrer Individualität wahrnehmen, das ist sehr streng
umzusetzen. Das sind grosse Fragezeichen für mich. Die Gruppen sind sehr gross.
[00:52:06.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage ist es Mode, dass man auch auf die Individualität eingeht und theoretisch wird das alles mit
dem integrativen Schulsystem gesagt. Praktisch geht alles durcheinander.
[00:52:27.080] – Bemerkung 9
Zu wenige Ressourcen um das umzusetzen.
[00:52:32.270] – Bemerkung 9
Oder es wird ausgelagert. Also dass du nicht mehr als Kindergärtner zuständig bist, sondern es gibt eine
Assistentin, Psychomotorik, Ergotherapie.
[00:52:51.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich nicht so gut. Ich würde eher sagen, man muss den Lehrern mehr Skills beibringen, dass
sie es leichter können. Nicht, dass noch x Zusatzpersonen reinkommen. Aber das ist das medizinische
System der Spezialisten. Das ist in der Schule gar nicht so gut. Eine gute Lehrerweiterbildung wäre
hilfreicher als noch eine Zusatzperson.
[00:53:20.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Patientin, sie war 14 Jahre alt, die ist genau an dem Tag, an dem die Sozialpädagogin kam,
nicht in die Schule, weil sie nicht aussinguliert werden wollte.Du brauchst einen extra Helfer, weil du
verkehrt bist. Das ist keine gute Botschaft beim Integrierungsprozess. Da ist das medizinische System
viel zu stark und überlagert alles. Da muss man sich dagegen wehren.
[00:54:19.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast die Frage gestellt, wie Mutter und Kind oder Eltern und Kind aus dieser Teufelsspirale
herauskommen können?
[00:54:46.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Eltern sind ja immer darauf aus, dem Kind zu helfen, das zu erziehen, in die richtige Richtung zu
leiten. Wir wollen etwas von ihm. Ich sage meinen Müttern, wenn die Kinder so ausrasten, nicht
Beziehung abbrechen. Also viele machen dann, du gehst jetzt ins Zimmer geht und wenn du dich
beruhigt hast, kannst du wieder zurückkommen. Wenn du normal bist, kannst du wieder mit mir reden.
Beziehungsabbruch ist gefährlich. Das Kind ist in einer Verzweiflung und da dürfen wir nicht Beziehung
abbrechen. Ich würde auch nicht unbedingt die Haltetherapie empfehlen, das Kind in den Arm nehmen
und drücken. Die sind ja hochsensibel, das haben sie zum Teil gar nicht gerne. Von dort her sage ich, in
der Situation bleiben und ich sage sogar extra, meditieren. Also dort bleiben, sich auf sich konzentrieren,
ruhig durchatmen und anwesend sein. Alle emotionalen Ausbrüche haben eine Steigerung und kommen
irgendwann wieder runter. Das ist das Aktionspotenzial unserer Nerven. Sie werden gereizt und dann ist
es ein Höhepunkt und sie kommen wieder runter. Man sagt sogar bei der Depression, wenn man lange
genug wartet, geht sie irgendwann weg.
[00:56:07.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht noch Öl ins Feuer giessen oder ins Wasser schlagen, sondern einfach sich selbst
beruhigen. Sich selbst beruhigen, aber nicht die Beziehung abbrechen. In dem Eltern irgendetwas
verhindern wollen oder das Kind dirigieren, geht es genau verkehrt.
[00:56:28.000] – Bemerkung 10
Kann ich auch Öl ins Feuer werfen, wenn ich meditiere? Ruhig bleiben?
[00:56:35.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich gar keine Reaktion mehr zeige, dann ist das wie ein Beziehungsabbruch. Bei der Spitex
Krankenschwester habe ich immer gesagt, Bezug nehmen auf das Symptom auf eine ruhige Art, also nur
tangential. Man kann sagen ja, jetzt sind wir in einer schwierigen Situation. Du bist in einer schwierigen
Situation, ich auch, jetzt muss ich etwas überlegen. Dass man die Verbalbeziehung nicht abbricht. Wenn
man nur stoisch ruhig ist, dann ist das auch wieder ein Affront.
[00:57:12.220] – Bemerkung 10
Wenn ich vom Kind angegriffen werde?
[00:57:23.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder sind Kinder, die sind nocht so stark wie wir. Nicht zu nahe aufrücken.
[00:57:35.080] – Bemerkung 10
Wir hatte eine Familie, das ist der Junge mit dem Messer auf die Mutter los.
[00:57:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss ich jetzt fragen, was vorne dran war. Was hat das Ganze so aufgeheizt. Auch wenn er ein
Messer in der Hand hat, heisst das nicht, er geht auf sie los. Die Mutter denkt dann gerade, er will mit
dem Messer etwas gegen sie machen. Er denkt, mit dem Messer verteidige ich mich. Da ist der Spruch:
Angriff ist die beste Verteidigung. Das ist eine Schlachtszene, das ist männlich. Nein, einfach auf
genügend Distanz gehen, aber nicht Beziehung abbrechen, dann beruhigt sich das wieder. Nicht gleich
dem Messer schon eine Aktion geben. Ich kenne einige solche Szenen, wo Kinder, wo sie eigentlich ein
defensives Verhalten an den Tag gelegt haben, aber das Gegenüber nimmt es als aggressiv.
[00:58:44.950] – Bemerkung 10
Was ist wenn Geschwister dabei sind? Der kleine kommt immer voll drunter.
[00:58:49.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Teilen, auseinandernehmen.
[00:59:07.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es unter Geschwistern ist, muss man sie auseinandernehmen. Da muss man dazwischen stehen.
Dann langsam herausfinden, was eigentlich abläuft. Aber sicher nicht Täter/Opfer Verteilung machen,
dann läuft es immer weiter. Man muss sie immer prozessartig auseinandernehmen. Jeder hat seine Rolle
und jeder hat eine andere Sicht und das ist alles in Ordnung. Dann versuchen, den Prozess zu
verlangsamen und jedem seine Möglichkeiten zu geben, was er dazu beitragen kann, dass es besser
läuft.
[00:59:52.930] – Bemerkung 11
Wenn meine vierjährige Tochter völlig überladen ist, totmüde ist, dann gibt es manchmal eine Kleinigkeit
und dann überläuft das Fass. Dann bleibt sie beim Eingang stehen, beginnt zu schreien. Wenn ich zu
nahe gehe, schlägt sie um sich. Mein Strategie ist, dass ich sie dort schreien lasse und meine Sachen
weitermache und ihr immer wieder Angebot mache. Irgendwann ist es vorbei, abgehakt. Wenn ich stehen
bleibe und zuschaue, treibt sie das noch mehr an.
[01:00:56.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so. Wenn du im gleichen Raum bist, die kennt dich und du machst deine Sache, aber du bietest
dich immer wieder an. Das ist gut. Wenn man zu nahe ist, stört man sie. Da muss man herausfinden, da
sind Kinder auch unterschiedlich, dass man nicht zu nahe darf, andere mögen es, wenn man nahe ist.
Das stimmt, wenn du zu nahe bist und sie beobachtest, dann fühlt sie sich gestört. Aber du bleibst im
gleichen Raum. Also wenn man das Kind in sein Zimmer schickt, dann macht man
Beziehungsunterbruch, das ist ungesund. Beziehungsmässig, bindungsmässig ist das nicht so geschickt.
Im gleichen Raum ist gut. Und im gleichen Raum deine Sache machen ist auch gut.
[01:01:42.620] – Bemerkung 11
Ich kann es auch ankündigen.
[01:02:09.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du so bist, dann habe ich dich nicht gern. Dann musst du weggehen. Das ist ein schwieriges Signal
als Kind. Das ist ein Erziehung mittel Liebesentzug. Das wird zwar viel praktiziert und propagiert, aber ich
finde es nicht so gut. Gleicher Raum ist gut. Du lässt dich auch nicht stören, du machst deine Sache,
aber du gehst ab und zu wieder zu ihr. Wenn sie aus ihrer Refraktärperiode herausgekommen ist, dann
kommt sie. Das ist okay. Ein Teil der Kinder brauchen länger und andere weniger lang. Ein Teil will mehr
Nähe und andere weniger.
[01:02:47.670] – Bemerkung 11
Das braucht schon auch die Fähigkeit sich nicht anstecken zu lassen.
[01:02:54.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut!
[01:02:55.460] – Bemerkung 11
Wenn es eben schon passiert ist und die Mutter auf 180 ist, dann finde ich es ganz schwierig noch
überlegt handeln zu können. Bei Mütter mit einer depressiven Erkrankung ist es schwierig.
[01:03:22.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja sogar, depressive Mütter haben dann so aggressive Kinder. Die Kinder wollen die Mütter aus
ihren Reserven rausholen. Das hat schon einen therapeutischen Auftrag. Das wird nicht immer so
angeschaut, aber Kinder nehmen wahr. Diese Kinder stimulieren über die Aggression.
[01:03:49.210] – Bemerkung 12
Das mit dem Timeout, das war früher im Heim gang und gebe. Das war vor 20 Jahren noch die richtige
Erziehung. Das ist noch fest in den Köpfen.
[01:04:18.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird auch jetzt noch gemacht. Wenn Heime mit einem Kind überfordert sind, wird das Kind in eine
Bauernfamilie geschickt. Das ist immer Beziehungsabbruch. Aus meiner Sicht ist das nicht gut. Das
Gleiche ist mit Eltern und Drogensüchtigen passiert. Da hat man auch gesagt, schicken sie sie auf die
Gasse, also lassen sie sie einfach auf die Gasse gehen, nein, schicken sie sie sogar und dann merken
sie schon, da kommen sie dann reuig wieder zurück. Das ist keine gute Entwicklungshilfe. Aber wenn
man es gar nicht mehr aushält, darf auch die Mutter sagen, jetzt fange ich an auszurasten. Bevor ich
ausraste, gehe ich das und das machen. Sie darf sich auch offen zeigen und sagen, jetzt ist es mir zuviel,
aber ich bin erreichbar. Wichtig ist, dass sie die Beziehung nicht abbricht. Sie darf sich selbst schützen.
Sie muss nicht das Kind ins Zimmer schicken. Sie kann sagen, dass sie etwas anderes machen muss,
sonst drehe ich durch oder raste aus. Aber immer in Verbindung, in kommunikativer Verbindung.
[01:05:27.530] – Bemerkung 13
Die eine Mutter hat mir gesagt, dass sie zwei kleine Kinder hat. Der eine ist ADHS, der rastet sofort aus.
Wir haben gefragt, was hilft der Mutter. Jetzt hat sie Kopfhörer an und hört Musik.
[01:05:49.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Und wie reagiert sie darauf? Sie ist ja noch anwesend?
[01:06:04.920] – Bemerkung 13
Sie ist abgelenkt und lässt sich nicht ablenken.
[01:06:07.690] – Bemerkung 14
Das ist auch eine stufenweise Deeskalation letztlich. So meditativ sind die wenigsten Mütter. Ich habe
eigentlich gute Erfahrungen damit gemacht. Es braucht manchmal ein Abschirmen. Auch schon bei
Kleinen. Die Eltern nehmen sie in ihr Zimmer und sie sind dabei oder vor der Tür und sie sprechen mit
dem Kind. Weil manchmal braucht es für die Eltern, wenn die Eltern das noch nie erlebt haben, dass so
ein Wutausbruch auf sie da abebbt ohne dass sie mitsteigen. Da braucht es wie, ich finde das fast ein
bisschen schwieriger für das Kind, wenn es die Mama sieht, aber es kann sie nicht erreichen. Ich höre
dann wie sie lauter schreien. Die Mama sieht, wie das Kind ausflippt, als wenn da noch eine Tür
dazwischen ist, die nicht auf keinen Fall versperrt sein darf. Aber ich bin da und das ist spannend. Wenn
die das öfter erlebt haben, dass das Kind sich wieder beruhigt, dann geht auf einmal auch mehr bis hin
zu, dass die Mama sich ankündigen kann. Also dass sie das viel besser halten kann. Ich glaube nur, es
ist selten möglich von Anfang an schon so zu reagieren; wir kriegen ja dann die Fälle, wo es schon in alle
Seiten eskaliert. Für die Eltern ist es wichtig, dass sie das einmal oder mehrere Male erleben können,
dass es wieder aufhört. Das musst du denen irgendwie ermöglichen.
[01:07:41.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich denke, da gibt es viele Methoden. Und das ist absolut eine Methode, dass man miteinander in
einen anderen Raum geht. Tür wird nicht zugemacht.
[01:07:50.660] – Bemerkung 14
Manchmal ist das viel zu eskalieren, wenn das Kind dann "Waah" und alles rumschmeißt. Das halten die
nicht aus.
[01:08:00.380] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem man es ankündigt, wird die Beziehung aufrecht erhalten. Das ist eine kommunikative Beziehung
und dann geht das besser. Das ist allgemein etwas, dass wir besser lernen über die Situation und unsere
Emotionen zu sprechen, diese sagen, nicht nur das Kind fragen, was ist, was hast Du, was spürst Du.
Man soll es selber vor machen. Über die Kommunikation ist der Faden erhalten.