Dr.med. Ursula Davatz vertritt die Meinung, dass ungelöste Ablösungsproblematik eine zentrale Rolle bei der Entstehung psychischer Krankheiten spielt. Sie widerspricht Sigmund Freuds These, dass psychische Krankheiten in den ersten drei Lebensjahren entstehen. Stattdessen sieht sie die Ablösungsphase in der Pubertät als kritische Phase für die Entwicklung psychischer Probleme.

Hier sind die Kernpunkte ihrer Argumentation:

  • Ungelöste Konflikte mit den Eltern: Wenn Eltern selbst nicht vollständig von ihren eigenen Eltern abgelöst sind, projizieren sie ihre eigenen Probleme und ungelösten Konflikte auf ihre Kinder. Dies geschieht oft unbewusst und als Versuch, die eigene Vergangenheit durch die Kinder zu „korrigieren“.
  • Störung der Identitätsbildung: Die Ablösungsphase in der Pubertät ist entscheidend für die Entwicklung einer eigenständigen Identität. Wenn dieser Prozess durch ungelöste Konflikte mit den Eltern gestört wird, kann dies zu Unsicherheit, mangelndem Selbstwertgefühl und psychischen Problemen führen.
  • Vererbung von Verhaltensmustern: Ähnlich wie Gene werden auch Verhaltensmuster und emotionale Reaktionen innerhalb der Familie weitergegeben. Kinder lernen von ihren Eltern, wie man mit Stress, Konflikten und Emotionen umgeht. Wenn Eltern ungesunde Bewältigungsstrategien vorleben, können diese von den Kindern übernommen werden und zu psychischen Problemen führen.
  • Schwierige Interaktion zwischen Gen und Umwelt: Dr. Davatz räumt ein, dass genetische Faktoren eine Rolle bei der Entstehung psychischer Krankheiten spielen. Sie betont aber auch die Bedeutung der Interaktion zwischen Gen und Umwelt. Ein Kind mit einem „heftigen Temperament“ kann beispielsweise in einer Familie, die nicht damit umgehen kann, negative Erfahrungen machen, die die Entwicklung einer psychischen Krankheit begünstigen.

Dr.med. Ursula Davatz sieht den Ablösungsprozess als lebenslange Aufgabe. Auch im Erwachsenenalter können ungelöste Konflikte mit den Eltern zu psychischen Problemen führen. Therapeutische Arbeit besteht für sie daher in der Unterstützung des Patienten bei seiner Weiterentwicklung und Ablösung.

Zusätzlich zu diesen Kernaussagen erwähnt Dr. Davatz auch weitere Faktoren, die zur Entstehung psychischer Krankheiten beitragen können:

  • Traumata: Sie betont, dass Traumata, insbesondere in der Kindheit, die psychische Gesundheit beeinträchtigen können.
  • Genetische Prädisposition: In Bezug auf ADHS/ADS erklärt sie, dass es sich um eine genetische Konstellation handelt, die die Entstehung verschiedener psychischer Krankheiten begünstigen kann.
  • Falscher Umgang mit ADHS/ADS: Dr.med. Ursula Davatz kritisiert, dass ADHS/ADS oft als Krankheit stigmatisiert wird. Ihrer Meinung nach ist es wichtiger, Eltern im Umgang mit ADHS/ADS zu unterstützen, anstatt die Kinder mit Medikamenten zu behandeln. Ein falscher Umgang mit ADHS/ADS kann zu sekundären psychischen Erkrankungen führen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dr.med. Ursula Davatz‘ Sicht auf die Entstehung psychischer Krankheiten komplex und vielschichtig ist. Sie betont die Bedeutung der familiären Beziehungen, insbesondere der Ablösung von den Eltern, räumt aber auch die Rolle von genetischen Faktoren, Traumata und Umwelteinflüssen ein.

https://ganglion.ch/pdf/muetterberaterinnen_6.5.2014.pdf