Dr.med. Ursula Davatz beschreibt ADHS/ADS als ein komplexes Phänomen, das sie nicht als Krankheit, sondern als Neurotyp und Neurodiversität einstuft. Sie betont die Bedeutung, ADHS/ADS nicht als Defizit zu betrachten, sondern die besonderen Stärken und Herausforderungen, die mit diesem Neurotyp verbunden sind, zu erkennen.

Hier sind die wichtigsten Punkte, wie Dr.med. Ursula Davatz ADHS/ADS beschreibt:

  • Breite Aufmerksamkeit statt Aufmerksamkeitsdefizit: Dr. Davatz widerspricht der Bezeichnung „Aufmerksamkeitsdefizit“ und spricht stattdessen von einer breiten Aufmerksamkeit. Menschen mit ADHS/ADS haben die Fähigkeit, viele Reize gleichzeitig wahrzunehmen. Diese breite Aufmerksamkeit wird nur dann zum Problem, wenn die Umgebung, wie z.B. die Schule, eine Fokussierung auf einen einzigen Reiz verlangt.
  • Hypersensibilität: Menschen mit ADHS/ADS sind oft hochsensibel und nehmen Reize in ihrer Umgebung intensiver wahr. Sie spüren schnell die Stimmung in einem Raum und erkennen die Dynamiken zwischen den Anwesenden. Diese Sensibilität kann jedoch auch zu negativen Emotionen führen, wenn sie mit Kritik oder Ablehnung konfrontiert werden.
  • Hyperreaktivität und Impulsivität: Bei Schwierigkeiten oder Stress reagieren Menschen mit ADHS/ADS oft hyperreaktiv und impulsiv. Dies kann sich in aggressivem Verhalten oder Wutausbrüchen äussern. Dr. Davatz betont jedoch, dass diese Reaktionen oft auf eine mangelnde emotionale Unterstützung und Unverständnis zurückzuführen sind.
  • Vererbbarkeit und genetische Faktoren: ADHS/ADS wird vererbt, wobei zwischen 20 und 100 Gene beteiligt sind. Die Forschung in diesem Bereich befindet sich noch in einem frühen Stadium. Dr. Davatz betont, dass die Gene zwar eine Rolle spielen, aber nicht das gesamte Erscheinungsbild von ADHS/ADS erklären können.
  • Einfluss der Umwelt und Erziehung: Die Ausprägung von ADHS/ADS wird stark von der Umwelt und dem Erziehungsstil beeinflusst. Ein unterstützendes und verständnisvolles Umfeld kann dazu beitragen, dass Menschen mit ADHS/ADS ihre Stärken entwickeln und ihre Herausforderungen meistern. Umgekehrt kann ein negatives Umfeld zu Problemen wie Delinquenz und psychischen Erkrankungen führen.
  • Kreativität und Potenzial: Dr. Davatz hebt die Kreativität von Menschen mit ADHS/ADS hervor und sieht darin eine wertvolle Fähigkeit, die gefördert werden sollte. Sie vergleicht die Kreativität des menschlichen Gehirns mit der künstlichen Intelligenz und stellt fest, dass kein Computer an die Kreativität des Menschen heranreichen kann.
  • Spätere Reifung des Gehirns: Das Gehirn von Menschen mit ADHS/ADS reift später als bei Menschen ohne ADHS/ADS. Die Synapsen schliessen sich später ab, was zu einer stärkeren Vernetzung, insbesondere im Bereich des emotionalen Gedächtnisses, führt. Dies kann sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringen.

Dr.med. Ursula Davatz plädiert für einen respektvollen und verständnisvollen Umgang mit Menschen mit ADHS/ADS und fordert eine personenzentrierte Erziehung, die ihre individuellen Bedürfnisse und Talente fördert. Sie betont, dass Medikamente zwar in manchen Fällen hilfreich sein können, aber niemals als Ersatz für eine angemessene Erziehung und Förderung dienen sollten.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_ADS_Apero.pdf