Dr.med. Ursula Davatz, eine Psychiaterin, widmet ihren Vortrag dem Thema Angst und Stress, indem sie diese Phänomene aus einer ganzheitlichen Perspektive beleuchtet, die sowohl die neuropsychologischen Grundlagen als auch die gesellschaftlichen und erzieherischen Einflüsse berücksichtigt. Sie betont die enge Verbindung von Körper und Geist und argumentiert, dass Stress und Angst oft aus einem Ungleichgewicht zwischen unserem inneren Wesen und den Anforderungen der Aussenwelt entstehen.

Neuropsychologische Grundlagen von Stress

Dr. Davatz bezieht sich auf das Stresskonzept von Hans Hugo Bruno Selye, der Stress als die Unfähigkeit eines Organs zur weiteren Anpassung definierte. Sie überträgt dieses Konzept auf die Psyche und argumentiert, dass Stress entsteht, wenn die seelische und geistige Anpassungsfähigkeit überfordert wird. In diesem Zustand werden Gefühle der Angst ausgelöst, die als Signal für Kontrollverlust dienen.

Geschlechterunterschiede im Stressverhalten:

Dr. Davatz verweist auf eine Studie von Elena Brivio, die geschlechtsspezifische Unterschiede in der Reaktion auf Stress bei Mäusen untersuchte. Die Studie zeigte, dass weibliche Gehirne unter Stress vermehrt Vernetzungen bilden und neue Oligodendrozyten (Nervenauswüchse) produzieren. Dies deutet darauf hin, dass Frauen in Stresssituationen eher nach Lösungen suchen. Männliche Gehirne hingegen tendieren unter Stress dazu, Vernetzungen abzubauen und eine Art „Autobahn“ zu schaffen, was Dr. Davatz als Vereinfachung und Fokussierung auf Machterhaltung interpretiert.

Gesellschaftliche Systeme und Stress

Dr.med. Ursula Davatz argumentiert, dass die herrschenden gesellschaftlichen Systeme der letzten 2000 Jahre auf patriarchalen Machtstrukturen basieren, die vom männlichen Streben nach Machterhaltung und -ausweitung geprägt sind. Dies zeigt sich in der Dominanz von Männern in Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Rechtssystemen.

Spannungen in der globalisierten Welt:

In der heutigen globalisierten Welt, in der die Wirtschaft global vernetzt ist, während politische Systeme oft noch nach autoritären Prinzipien funktionieren, entstehen Spannungen, die zu Stress und Angst führen können.

Notwendigkeit eines Wandels:

Dr.med. Ursula Davatz plädiert für einen Wandel von patriarchalen Machtstrukturen hin zu Kooperation, Machtteilung und Lösungsorientierung. Sie sieht in der weiblichen Herangehensweise, die auf Vernetzung und Lösungsfindung fokussiert, den Schlüssel zur Bewältigung globaler Herausforderungen wie der Klimakrise.

Erziehung und Stress

Dr.med. Ursula Davatz geht in ihrem Vortrag auch auf den Einfluss der Erziehung auf die Entstehung von Stress und Angst ein. Sie stellt die These auf, dass bestimmte Erziehungsmuster zu einem Ungleichgewicht in der Persönlichkeitsentwicklung führen können, das Stress und Angst begünstigt.

Erziehung durch alleinerziehende Mütter:

Besonders die Erziehung durch alleinerziehende Mütter thematisiert Dr. Davatz im Zusammenhang mit der Entwicklung von Grössenwahn und dem Drang nach Macht bei Söhnen. Sie argumentiert, dass das Fehlen der Vaterfigur dazu führen kann, dass Söhne keine männliche Konfrontation und keinen Widerstand erfahren, die für eine ausgeglichene Entwicklung wichtig sind.

Mangelnde Unterstützung des eigenen Wesens:

Darüber hinaus betont Dr.med. Ursula Davatz, dass Stress entstehen kann, wenn das eigene Wesen und Potenzial in der Erziehung nicht unterstützt und gefördert wird. Kinder, die sich falsch und nicht zugehörig fühlen, weil ihre Individualität nicht akzeptiert wird, entwickeln oft Angst vor Bestrafung und Schuldgefühle, wenn sie von den Erwartungen des Familiensystems abweichen.

Bewältigung von Angst und Stress

Dr.med. Ursula Davatz sieht den Schlüssel zur Bewältigung von Angst und Stress in der Anerkennung und Entfaltung des eigenen Wesens. Sie ermutigt dazu, zu sich selbst zu stehen, eigene Entscheidungen zu treffen und die innere Stimme zu beachten, auch wenn dies bedeutet, von den Erwartungen der Umgebung abzuweichen.

Innehalten und Selbstreflexion:

Um herauszufinden, was dem eigenen Wesen entspricht, ist es laut Dr. Davatz wichtig, innezuhalten und sich Zeit für Selbstreflexion zu nehmen. In der heutigen schnelllebigen Zeit, die von Leistungsdruck und Oberflächlichkeit geprägt ist, ist es besonders wichtig, sich von äusseren Einflüssen zu distanzieren und die Verbindung zum eigenen Inneren zu stärken.

Authentizität statt Anpassung:

Dr.med. Ursula Davatz betont, dass authentisches Leben und Handeln im Einklang mit dem eigenen Wesen zu mehr Zufriedenheit und Gesundheit führt. Sie ermutigt dazu, sich nicht ständig anpassen zu müssen, sondern für die eigenen Werte und Überzeugungen einzustehen, auch wenn dies zu Konflikten mit der Umgebung führt.

Bedeutung von Emotionen:

Dr.med. Ursula Davatz hebt die Bedeutung von Emotionen hervor und ermutigt dazu, Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Sie betont, dass das Ausdrücken von verletzten Gefühlen und Stress bereits zu einer Reduktion der Belastung führen kann.

Kritisches Denken und Konsumverhalten:

Im Umgang mit der Informationsflut und den manipulativen Strategien in der heutigen Zeit, insbesondere im Bereich der IT und der sozialen Medien, plädiert Dr.med. Ursula Davatz für kritisches Denken und bewusstes Konsumverhalten. Sie ermutigt dazu, nicht alles zu glauben, was von aussen an Informationen und Meinungen angeboten wird, sondern eigenständig zu denken und eigene Entscheidungen zu treffen.

Zusammenfassung

Dr.med. Ursula Davatz‘ Vortrag bietet einen umfassenden Blick auf die Themen Angst und Stress. Sie zeigt auf, dass diese Phänomene eng mit gesellschaftlichen Strukturen, Erziehungsmustern und der eigenen Persönlichkeitsentwicklung zusammenhängen. Sie plädiert für einen Wandel hin zu einer Gesellschaft, die Kooperation, Machtteilung und die Entfaltung des eigenen Potenzials fördert. Um Angst und Stress zu bewältigen, ist es laut Dr.med. Ursula Davatz wichtig, zu sich selbst zu stehen, die eigenen Bedürfnisse und Werte zu erkennen und authentisch zu leben.

https://ganglion.ch/pdf/Gesellschaft%20unter%20Hochdruck.m4a.pdf