Dr.med. Ursula Davatz stellt fest, dass die Familiendynamik in der heutigen Psychiatrie eine eher untergeordnete Rolle spielt. Während die Familientherapie in den 1970er und 1980er Jahren stark im Fokus stand, dominieren heute neurobiologische und genetische Erklärungsmodelle psychischer Erkrankungen. Die Ursachen werden hauptsächlich in den Genen und der Hirnfunktion gesucht, was zu einer Vernachlässigung des familiären und sozialen Umfelds führt.

Dr.med. Ursula Davatz betrachtet diese Entwicklung als einseitig. Obwohl sie die Fortschritte in der Genetik und Neurobiologie anerkennt und selbst in ihrer Arbeit berücksichtigt, plädiert sie für einen integrativen Ansatz, der die Wechselwirkung zwischen biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren berücksichtigt.

Kritik an der Dominanz der Neurobiologie:

  • Reduktionistisches Krankheitsverständnis: Die Fokussierung auf Gene und Hirnfunktionen greift aus Dr. Davatz‘ Sicht zu kurz und vernachlässigt die komplexen Wechselwirkungen zwischen Individuum und Umwelt.
  • Verlust des systemischen Blicks: Die Bedeutung der Familie und des sozialen Umfelds für die Entstehung und den Verlauf psychischer Erkrankungen wird vernachlässigt.
  • Einseitige Behandlungsansätze: Die Dominanz der Neurobiologie führt zu einer Fokussierung auf medikamentöse Therapien und einer Vernachlässigung psychotherapeutischer Ansätze, die das familiäre und soziale Umfeld einbeziehen.

Bedeutung der Familiendynamik:

Dr.med. Ursula Davatz unterstreicht die Bedeutung der Familiendynamik anhand des Konzepts der „Passung“, das sie in Bezug auf ADHS/ADS beschreibt. Eine gute Passung zwischen den Bedürfnissen des Kindes und den Anforderungen der Umwelt, insbesondere der Familie, fördert die Entwicklung des Kindes, während eine schlechte Passung zu Folgeerkrankungen führen kann.

Beispiele für den Einfluss der Familiendynamik:

  • ADHS/ADS: Dr. Davatz beobachtet, dass eine strenge Erziehung und fehlende Unterstützung die Entstehung von Folgeerkrankungen wie Borderline-Persönlichkeitsstörung, Bipolare Störung, Delinquenz und Suchterkrankungen bei Kindern mit ADHS/ADS begünstigen können.
  • Schizophrenie: Basierend auf Bowens Konzept sieht Dr. Davatz dysfunktionale Beziehungsmuster in Familien mit schizophrenen Mitgliedern als einen wichtigen Faktor für den Krankheitsverlauf an.

Dr. Davatz‘ Plädoyer für einen integrativen Ansatz:

Dr.med. Ursula Davatz plädiert für eine Rückbesinnung auf die Bedeutung der Familie in der Psychiatrie. Sie fordert ein integratives Krankheitsverständnis, das die Erkenntnisse der Neurobiologie und Genetik mit dem systemischen Blick auf die Familiendynamik verbindet. Nur so können die komplexen Ursachen und Verläufe psychischer Erkrankungen umfassend verstanden und adäquate Behandlungsansätze entwickelt werden.