Dr.med. Ursula Davatz betont in ihrem Vortrag die Wichtigkeit der teilnehmenden Beobachtung im Umgang mit Autisten. Dieser Ansatz, der aus der Tierforschung und Soziobiologie stammt, ermöglicht ein tieferes Verständnis der Bedürfnisse und Verhaltensweisen von Autisten.

Was bedeutet teilnehmende Beobachtung?

Teilnehmende Beobachtung geht über die passive Beobachtung hinter einem Glasfenster hinaus. Stattdessen tritt man in Beziehung zum Autisten, ohne ihn zu überrennen oder zu überfordern. Man interagiert mit ihm und versucht, seine Signale und Bedürfnisse zu verstehen.

Beispiele aus der Primatenforschung:

Dr. Davatz verweist auf die Arbeit von Primatenforschern wie Jane Goodall und Jörg Hess, die durch teilnehmende Beobachtung wertvolle Erkenntnisse über das Verhalten von Gorillas gewonnen haben. Jörg Hess lernte beispielsweise 50 Begriffe der Gorilla-Sprache, obwohl Affen aufgrund ihrer Anatomie nicht sprechen können. Diese Beispiele zeigen, dass man durch geduldige Beobachtung und Interaktion auch nonverbale Kommunikationsformen verstehen kann.

Anwendung im Umgang mit Autisten:

Teilnehmende Beobachtung ist besonders im Umgang mit Autisten wichtig, da sie oft Schwierigkeiten haben, ihre Gedanken und Gefühle verbal auszudrücken. Durch aufmerksame Beobachtung ihrer Mimik, Körpersprache und ihres Verhaltens kann man lernen, ihre Bedürfnisse und Wünsche besser zu verstehen.

Verlangsamung und Validierung:

Ein wichtiger Aspekt der teilnehmenden Beobachtung ist die Verlangsamung der Interaktion. Man nimmt sich Zeit, die Signale des Autisten zu deuten und gibt ihm die Möglichkeit, zu reagieren. Die Marte Meo Methode ist ein gutes Beispiel für diesen Ansatz. Sie fördert die Interaktion, verlangsamt die Kommunikation und validiert die Wahrnehmung des Gegenübers. Durch Rückmeldung der eigenen Interpretation kann der Autist diese bestätigen oder korrigieren.

Einbringen ohne etwas zu wollen:

Eine weitere Herausforderung der teilnehmenden Beobachtung ist, dass man sich einbringt, ohne etwas erreichen zu wollen. In der klassischen Kommunikation versucht man, beim Gegenüber etwas zu erreichen. Im Umgang mit Autisten ist es jedoch wichtig, einfach nur da zu sein und ihm seine Wahrnehmung zur Verfügung zu stellen. Man kann sagen: „Ich sehe es so“, ohne zu erwarten, dass der Autist dies annimmt.

Bedeutung für Helferberufe:

Die teilnehmende Beobachtung ist besonders für Menschen in Helferberufen, die mit Autisten arbeiten, eine wichtige Kompetenz. Sie erfordert Geduld, Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die teilnehmende Beobachtung ein wertvoller Ansatz im Umgang mit Autisten ist. Sie ermöglicht ein tieferes Verständnis der Bedürfnisse und Verhaltensweisen von Autisten und fördert eine respektvolle und unterstützende Interaktion.

https://ganglion.ch/pdf/Wendepunkt-ASS-26.11.2024.m4a.pdf