Die Ausführungen von Dr. med. Ursula Davatz im Interview beleuchten das Thema Substanzmissbrauch und bieten Einblicke in die Ursachen, Auswirkungen und den Umgang mit diesem Problem im Arbeitskontext.

Suchtmittel als Emotionsregulatoren:

Dr. med. Ursula Davatz charakterisiert Suchtmittel als chemische Substanzen, die zur Emotionsregulation eingesetzt werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Substanzen illegal erworben oder von Ärzten verschrieben wurden, da sie alle die gleiche Funktion erfüllen – die Regulierung von Emotionen. Suchtmittel greifen im emotionalen Hirn ein und erzeugen dort ein Gefühl der Beruhigung.

Das emotionale Hirn und der Suchtmechanismus:

Das emotionale Hirn, repräsentiert durch den Daumen im Hirnmodell von Dr. med. Ursula Davatz, verarbeitet Einflüsse aus der Umgebung und löst daraufhin Handlungen oder Denkprozesse aus. Wenn das emotionale Hirn keine Lösung für eine Situation findet, führt dies zu Stress und reflexartigen Reaktionen, die nicht vom Grosshirn kontrolliert werden.

Suchtmittel bieten in solchen Situationen eine schnelle Lösung, indem sie sofort ein euphorisches Gefühl erzeugen und das emotionale Hirn wieder ins Gleichgewicht bringen. Dieser Mechanismus führt jedoch dazu, dass Betroffene nicht lernen, mit negativen Emotionen umzugehen und diese zu reflektieren. Stattdessen werden die negativen Gefühle in der Sucht-Substanz ertränkt.

Der Einfluss von Suchtmitteln auf das Verhalten:

Dr. med. Ursula Davatz beschreibt, wie Suchtmittel ein unnatürliches Selbstbewusstsein vermitteln und schüchterne Menschen dazu bringen, sich mutiger zu fühlen. Sie nennt das Beispiel eines Patienten, der vor sozialen Kontakten Suchtmittel konsumierte, um seine Ängste zu überwinden.

Sucht als automatisierter Reflex:

Sobald sich der Suchtmechanismus eingespielt hat, wird der Griff zum Suchtmittel zu einem automatisierten Reflex. Dieser Reflex, ausgelöst durch unverarbeitete, traumatische oder unangenehme Erlebnisse, ist schwer zu kontrollieren und lässt sich nicht durch erzieherische Massnahmen oder Verbote beseitigen.

Der Umgang mit Substanzmissbrauch am Arbeitsplatz:

Dr. med. Ursula Davatz rät dazu, bei Verdacht auf Substanzmissbrauch am Arbeitsplatz das Gespräch mit dem betroffenen Mitarbeiter zu suchen. Anstatt zu moralisieren oder zu verurteilen, sollten offene Fragen gestellt werden, die den Mitarbeiter zum Nachdenken anregen.

Mögliche Fragen an den Mitarbeiter:

  • „Was hat dich verletzt, dass du das runterschlucken musstest?“
  • „Was hat dich geärgert?“
  • „Wann konsumierst du meistens – wenn du wütend oder traurig bist, oder beides?“
  • „Was musst du mit deinen Suchtmitteln bewirken?“
  • „Inwiefern verbesserst du dich? Inwiefern fühlst du dich dann besser?“
  • „In welcher sozialen Situation konsumierst du?“
  • „Was sind die Momente, wo du konsumierst?“

Ziele der Interaktion:

Das Ziel der Interaktion ist es, den Mitarbeiter zur Reflexion anzuregen und ihn dazu zu bringen, seine Emotionen und die Ursachen seines Suchtmittelkonsums zu hinterfragen. Es geht nicht darum, den Mitarbeiter zu kontrollieren oder zu bestrafen, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, aus seinen Erfahrungen zu lernen und neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Die Rolle des sozialen Lernens:

Dr. med. Ursula Davatz betont die Bedeutung des sozialen Lernens im Umgang mit Substanzmissbrauch. Indem der Mitarbeiter seine Erfahrungen und Emotionen im sozialen Umfeld reflektiert und darüber spricht, kann er Stress abbauen und neue Verhaltensweisen erlernen.

Fazit:

Substanzmissbrauch ist ein komplexes Problem, das oft auf unverarbeitete Emotionen und Traumata zurückzuführen ist. Anstatt zu verurteilen oder zu bestrafen, sollten Betroffene im Arbeitsumfeld dazu ermutigt werden, über ihre Erfahrungen zu reflektieren und neue Bewältigungsstrategien zu erlernen. Offene und wertschätzende Kommunikation kann dabei helfen, den Kreislauf des Substanzmissbrauchs zu durchbrechen.

https://ganglion.ch/pdf/Substanzmissbrauch%20und%20Umgang%20am%20Arbeitsplatz.m4a.pdf