Dr. med. Ursula Davatz, eine erfahrene Psychiaterin mit über 40 Jahren Erfahrung im Bereich ADHS, stellt in ihrem Vortrag eine neue Perspektive auf ADHS und ADS vor. Sie argumentiert, dass es sich nicht um Krankheiten handelt, sondern um Neurotypen, also genetisch bedingte Varianten der Hirnfunktion. Diese Sichtweise entfernt sich von der Pathologisierung und betont die natürliche Vielfalt der menschlichen Hirnfunktionen.

ADHS und ADS: Zwei unterschiedliche Ausprägungen

Dr. Davatz unterscheidet zwischen zwei Ausprägungen: dem extrovertierten ADHS und dem introvertierten ADS. Beide Neurotypen sind genetisch vererbt und werden über 30 bis 100 Gene weitergegeben. Ob sie genetisch unterschiedlich sind, ist noch nicht vollständig geklärt.

ADHS: Der extrovertierte Persönlichkeitstyp

  • Hyperaktivität: ADHS-Kinder sind ständig in Bewegung, gehen auf alles zu und erkunden ihre Umgebung aktiv.
  • Impulsivität: Sie haben Schwierigkeiten, ihre Impulse zu kontrollieren und reagieren oft spontan und unüberlegt.
  • Breite Aufmerksamkeit: Sie haben eine breite, unfokussierte Aufmerksamkeit und lassen sich leicht ablenken.
  • Hohe Sensibilität: ADHS-Kinder sind sehr sensibel und reagieren stark auf Kritik und negative Emotionen.

ADS: Der introvertierte Persönlichkeitstyp

  • Mentale Hyperaktivität: ADS-Kinder sind innerlich sehr aktiv, denken viel nach und verlieren sich in ihren Gedanken.
  • Rückzug: Sie neigen dazu, sich zurückzuziehen und ihre Gedanken und Gefühle für sich zu behalten.
  • Gründlichkeit: ADS-Kinder sind gründlich und denken Dinge gerne bis ins Detail durch.
  • Bedürfnis nach Orientierung: Sie brauchen Zeit, um sich in neuen Situationen zu orientieren und sich sicher zu fühlen.

Folgeerkrankungen durch fehlende Anpassung an den Neurotyp

Dr. Davatz betont, dass viele psychische Erkrankungen als Folge eines ungünstigen Umgangs mit ADHS und ADS entstehen können. Wenn Kinder ständig kritisiert, unterdrückt oder zu Konformität gezwungen werden, kann dies zu Depressionen, Angststörungen, Suchtverhalten oder anderen psychischen Problemen führen.

Die Rolle der Umwelt

Obwohl ADHS und ADS genetisch bedingt sind, spielt die Umwelt eine entscheidende Rolle dabei, ob sich diese Neurotypen positiv oder negativ auswirken. Eine unterstützende und verständnisvolle Umgebung kann Kindern mit ADHS und ADS helfen, ihre Stärken zu entfalten und ihre Herausforderungen zu meistern. Umgekehrt kann eine feindselige und ablehnende Umgebung die Entwicklung von Folgeerkrankungen begünstigen.

Umgang mit ADHS/ADS im Alltag

Dr.med. Ursula Davatz gibt konkrete Tipps für den Umgang mit Kindern mit ADHS und ADS im Alltag:

  • Wertschätzen Sie das Kind in seiner Individualität und akzeptieren Sie seine Eigenheiten.
  • Vermeiden Sie das Wort „Nein“, da es Widerstand und Trotz auslösen kann.
  • Formulieren Sie Ihre Erwartungen klar und deutlich und bieten Sie Alternativen an.
  • Beziehen Sie das Kind in die Problemlösung ein und fördern Sie seine intrinsische Motivation.
  • Schaffen Sie eine strukturierte Umgebung mit klaren Regeln und Ritualen.
  • Geben Sie dem Kind genügend Bewegungsmöglichkeiten.
  • Seien Sie geduldig, einfühlsam und verständnisvoll.
  • Suchen Sie professionelle Unterstützung, wenn Sie sich überfordert fühlen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ADHS und ADS keine Krankheiten, sondern Neurotypen sind. Ein respektvoller, verständnisvoller und an den individuellen Bedürfnissen des Kindes orientierter Umgang ist entscheidend, um seine Entwicklung positiv zu beeinflussen und Folgeerkrankungen zu vermeiden.

https://ganglion.ch/pdf/Umgang%20mit%20ADHS%20ADS%20Kindern.m4a.pdf