Dr. med. Ursula Davatz, eine erfahrene Psychiaterin und Familientherapeutin, gibt in ihrem Vortrag wertvolle Einblicke in das Wesen des Autismus und plädiert für einen respektvollen und verständnisvollen Umgang mit autistischen Menschen.
Autismus als Basisstörung:
- Dr. Davatz betrachtet Autismus als eine neurologische Basisstörung, die sich in verschiedenen Ausprägungen und Begleiterscheinungen manifestieren kann.
- Sie betont, dass Autismus nicht heilbar ist, sondern dass es darum geht, mit den autistischen Eigenschaften umzugehen und sie zu fördern.
- Individuelle Unterschiede: Es ist wichtig zu verstehen, dass jeder Autist einzigartig ist und dass es kein allgemeingültiges „Schema“ gibt.
Neurologische Besonderheiten:
- Vernetzung im Gehirn: Dr. Davatz bezieht sich auf aktuelle Forschungsergebnisse, die zeigen, dass bei Autisten bestimmte Bereiche im Gehirn stärker vernetzt sind als bei nicht-autistischen Menschen.
- Synaptic Pruning: Der Prozess des Synaptic Pruning, bei dem im Laufe der Pubertät überflüssige neuronale Verbindungen abgebaut werden, verläuft bei Autisten verzögert.
- Folgen der Verzögerung: Diese Verzögerung führt dazu, dass Autisten mehr Zeit benötigen, um Informationen zu verarbeiten und Entscheidungen zu treffen.
- Spätere Reifung: Dr. Davatz erklärt, dass Autisten aufgrund der verzögerten Hirnentwicklung erst mit ca. 25 Jahren „erwachsen“ werden.
Herausforderungen im Alltag:
- Überlastung durch Reize (System Overload): Autisten sind aufgrund ihrer erhöhten Sensibilität anfälliger für Überlastung durch Reize.
- Unregelmäßigkeiten: Unvorhersehbare Ereignisse und Abweichungen von Routinen können für Autisten sehr belastend sein.
- Kommunikationsschwierigkeiten: Die Kommunikation mit Autisten kann herausfordernd sein, da sie oft nonverbale Signale nicht verstehen oder Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Gedanken und Gefühle auszudrücken.
Umgang mit Autisten:
- Validierung und Akzeptanz: Dr. Davatz betont die Wichtigkeit der Validierung, also der Anerkennung der autistischen Person in ihrer Individualität und der Akzeptanz ihrer Bedürfnisse.
- Von Autisten lernen: Anstatt zu versuchen, Autisten zu „normalisieren“, sollten wir von ihnen lernen und ihre Sichtweise verstehen.
- Individuelle Förderung: Die Förderung von Autisten sollte individuell auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sein und ihre Stärken berücksichtigen.
- Geduld und Sensibilität: Der Umgang mit Autisten erfordert Geduld, Sensibilität und die Bereitschaft, sich auf ihre Bedürfnisse einzustellen.
- Verständnis im Umfeld: Es ist wichtig, dass auch das Umfeld des Autisten (Familie, Schule, Arbeitgeber) über Autismus aufgeklärt ist und lernt, mit den autistischen Eigenschaften umzugehen.
Diagnose und Unterstützung:
- Diagnose durch Fachpersonen: Die Diagnose Autismus sollte von erfahrenen Fachpersonen gestellt werden.
- Herausforderungen bei der Diagnosestellung: Dr. Davatz räumt ein, dass die Diagnosestellung bei Autismus schwierig sein kann, da die Ausprägungen sehr unterschiedlich sind und sich insbesondere Mädchen oft gut anpassen und ihre autistischen Eigenschaften verbergen.
- Wartezeiten: Leider gibt es oft lange Wartezeiten für eine Diagnose und therapeutische Unterstützung.
- Alternativen: Dr. Davatz empfiehlt, sich an Kinderärzte oder Kinderpsychiater zu wenden, da diese oft schneller Termine anbieten können.
Fazit:
Autismus ist eine komplexe neurologische Entwicklungsstörung, die sich auf vielfältige Weise manifestieren kann. Ein respektvoller Umgang, Verständnis für die individuellen Bedürfnisse und eine angemessene Förderung sind entscheidend, um Autisten zu unterstützen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.
https://ganglion.ch/pdf/Autismus%20u%20Psychiatrie,%20was,%20wenn%20nichts%20mehr%20geht.m4a.pdf