Dr. med. Ursula Davatz geht in ihrem Vortrag auch auf Lernstörungen ein, insbesondere im Zusammenhang mit ADHS und ADS. Sie betont, dass diese Störungen oft gemeinsam auftreten und es schwierig sein kann, sie klar voneinander abzugrenzen.
Lernstörungen als Teil des ADHS/ADS-Spektrums
Dr. Davatz sieht Lernstörungen nicht als separate Krankheitsbilder, sondern als Teil des ADHS/ADS-Spektrums. Sie führt aus, dass das Gehirn von Menschen mit ADHS und ADS Informationen anders verarbeitet und dies zu Schwierigkeiten beim Lernen führen kann.
- Ungenaue Verarbeitung bei ADHS: ADHS-Betroffene neigen dazu, Informationen schnell und ungenau zu verarbeiten. Sie suchen den kürzesten Weg und übersehen dabei wichtige Details. Dies kann sich in Lernschwierigkeiten, insbesondere im Bereich der Rechtschreibung, äussern.
- Komplizierte Verarbeitung bei ADS: ADS-Betroffene verarbeiten Informationen auf eine komplexere Art und Weise, da sie alles genau abchecken und durchdenken müssen. Dies führt dazu, dass sie mehr Zeit für Lernaktivitäten benötigen.
Einfluss der emotionalen Verfassung
Dr. Davatz betont, dass auch die emotionale Verfassung einen grossen Einfluss auf die Lernfähigkeit hat. Gerade bei ADHS-Kindern kann die emotionale Unruhe und Impulsivität dazu führen, dass sie die Geduld und Konzentration für das Lernen von Rechtschreibung oder anderen komplexen Inhalten nicht aufbringen können.
Medikamentöse Behandlung und Lernstörungen
In einigen Fällen kann eine medikamentöse Behandlung mit Ritalin dazu führen, dass die Lernstörung scheinbar verschwindet. Dr. Davatz erklärt dies damit, dass die Medikamente die Fokussierung und Konzentration verbessern und es dem Kind so ermöglichen, sein vorhandenes Wissen und seine Fähigkeiten besser abzurufen und anzuwenden. Sie betont jedoch, dass Ritalin nicht bei allen Lernstörungen hilfreich ist. Bei schweren Formen der LRS, die auf eine andere Verarbeitungsweise des Gehirns zurückzuführen sind, können Medikamente die Schwierigkeiten nicht beheben.
Herausforderungen für die Logopädie
Die Diagnose und Behandlung von Lernstörungen bei Kindern mit ADHS und ADS stellt auch die Logopädie vor Herausforderungen. Dr. Davatz räumt ein, dass es schwierig ist, die Lernstörung vom ADHS/ADS abzugrenzen und die richtige Therapieform zu finden. Sie empfiehlt Logopädinnen, die Eltern auf die Möglichkeit einer ADHS/ADS-Abklärung hinzuweisen und gegebenenfalls die logopädische Therapie so lange zu pausieren, bis die zugrundeliegende Problematik geklärt ist.
Bedeutung der Elternarbeit
Dr. Davatz betont die Wichtigkeit der Elternarbeit im Umgang mit Lernstörungen und ADHS/ADS. Sie kritisiert, dass viele Eltern die Diagnose ablehnen, da sie ADHS/ADS als Krankheit stigmatisieren. Sie plädiert dafür, die Eltern über die neurologischen Hintergründe aufzuklären und ihnen die Vorteile einer frühzeitigen Diagnose und eines individuellen, auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmten Umgangs aufzuzeigen.
Fazit
Lernstörungen im Kontext von ADHS und ADS sind ein komplexes und vielschichtiges Thema. Dr. Davatz‘ Ausführungen verdeutlichen, dass ein ganzheitlicher Ansatz, der die individuellen Bedürfnisse des Kindes berücksichtigt, entscheidend ist. Die Diagnosefindung sollte nicht im Vordergrund stehen, sondern der respektvolle Umgang mit dem Kind und die Unterstützung seiner Lernprozesse. Frühzeitige Intervention, Elternarbeit und die Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen sind wichtige Bausteine für eine erfolgreiche Bewältigung der Herausforderungen.
https://ganglion.ch/pdf/Umgang%20mit%20ADHS%20ADS%20Kindern.m4a.pdf