Dr. med. Ursula Davatz stellt in ihrem Vortrag einen neuen Blickwinkel auf ADHS und ADS vor, indem sie diese nicht als Krankheiten, sondern als Neurotypen bezeichnet. Dieser Begriff rückt von der pathologisierenden Sichtweise ab und betont die natürliche Vielfalt der menschlichen Hirnfunktionen.
Was sind Neurotypen?
Ein Neurotyp beschreibt eine bestimmte Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet und auf Reize reagiert. Es gibt viele verschiedene Neurotypen, und jeder Mensch hat seinen eigenen, einzigartigen Neurotyp. ADHS und ADS sind Beispiele für Neurotypen, die sich durch bestimmte Merkmale auszeichnen:
- ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung): Gekennzeichnet durch Hyperaktivität, Impulsivität und eine breite, unfokussierte Aufmerksamkeit.
- ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung): Gekennzeichnet durch Unaufmerksamkeit, Tagträumerei und eine Tendenz zum Rückzug.
Warum ist der Begriff „Neurotyp“ wichtig?
Die Verwendung des Begriffs „Neurotyp“ hat mehrere Vorteile:
- Entstigmatisierung: ADHS und ADS als Neurotypen zu bezeichnen, nimmt den betroffenen Menschen das Gefühl, krank oder anders zu sein. Stattdessen wird ihre Andersartigkeit als Teil der natürlichen Vielfalt der menschlichen Natur anerkannt.
- Fokus auf Stärken: Der Neurotyp-Ansatz lenkt den Blick auf die Stärken und Potenziale von Menschen mit ADHS und ADS. Anstatt sich auf die Defizite zu konzentrieren, werden die besonderen Fähigkeiten und Begabungen hervorgehoben.
- Individuelle Förderung: Das Verständnis der unterschiedlichen Neurotypen ermöglicht eine individuelle Förderung und Unterstützung. Anstatt alle Menschen über einen Kamm zu scheren, können Lernumgebungen und Erziehungsmethoden an die spezifischen Bedürfnisse der einzelnen Neurotypen angepasst werden.
Praktische Implikationen des Neurotyp-Ansatzes
Die Sichtweise von ADHS und ADS als Neurotypen hat konkrete Auswirkungen auf den Umgang mit betroffenen Kindern:
- Akzeptanz und Wertschätzung: Eltern, Lehrer und Erzieher sollten ADHS und ADS als natürliche Varianten der Hirnfunktion akzeptieren und die Kinder in ihrer Individualität wertschätzen.
- Anpassung der Lernumgebung: Die Lernumgebung sollte an die spezifischen Bedürfnisse von ADHS- und ADS-Kindern angepasst werden. Dies kann zum Beispiel bedeuten, dass mehr Bewegungsmöglichkeiten geschaffen werden, Ablenkungen reduziert werden oder alternative Lernmethoden eingesetzt werden.
- Individuelle Förderung: Jedes Kind hat seine eigenen Stärken und Schwächen. Es ist wichtig, die individuellen Talente und Begabungen zu fördern und die Kinder dabei zu unterstützen, ihre Herausforderungen zu meistern.
- Verzicht auf Stigmatisierung und Pathologisierung: ADHS und ADS sollten nicht als Krankheiten betrachtet werden, die behandelt werden müssen. Stattdessen sollten die Kinder in ihrer Individualität gefördert und unterstützt werden.
Dr.med. Ursula Davatz plädiert für eine „artgerechte Menschen Erziehung“, die die natürliche Vielfalt der menschlichen Neurotypen berücksichtigt. Nur so können wir sicherstellen, dass alle Kinder die Chance haben, ihr volles Potenzial zu entfalten.
https://ganglion.ch/pdf/Umgang%20mit%20ADHS%20ADS%20Kindern.m4a.pdf