Dr.med. Ursula Davatz beschreibt die Identitätsfindung als einen lebenslangen Prozess, der in der Pubertät beginnt und sich kontinuierlich fortsetzt. Sie betont, dass die Identitätsfindung nie aufhört und Menschen sich ständig weiterentwickeln.

Freude an sich selbst als Basis

Ein zentrales Element der Identitätsfindung ist die Freude an sich selbst. Dr. Davatz vergleicht dies mit dem ursprünglichen, positiven Verständnis von Narzissmus, der Freude an der Selbsterkenntnis. Um eine solide Identität zu entwickeln, ist es wichtig, sich selbst zu mögen und wertzuschätzen.

Störungen der Identitätsfindung

Verschiedene Faktoren können die Identitätsfindung stören:

  • Mangelnde Anerkennung und Akzeptanz in der Kindheit: Kinder brauchen Anerkennung und Akzeptanz von ihren Eltern und ihrem Umfeld, um sich gesund zu entwickeln. Wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden, kann dies zu einem Mangelgefühl und einem ständigen Suchen nach Anerkennung im späteren Leben führen.
  • Überbehütung und Verwöhnung: Auch übermässiges Lob und die Abwesenheit von Herausforderungen können die Identitätsfindung beeinträchtigen. Kinder, die nicht lernen, mit Frustrationen umzugehen, werden später im Leben schnell gekränkt und reagieren unangemessen.
  • Unerfüllte Erwartungen der Eltern: Wenn Eltern unrealistische Erwartungen an ihre Kinder stellen, die nicht mit deren Talenten und Interessen übereinstimmen, kann dies die Identitätsentwicklung behindern. Kinder fühlen sich unter Druck gesetzt und können ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche nicht frei entfalten.

Die Bedeutung der Berufsfindung

Dr. Davatz betont die enge Verbindung zwischen Identitätsfindung und Berufsfindung. Der Beruf spielt in unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle und trägt massgeblich zur Identitätsstiftung bei. Sie argumentiert, dass ohne Beruf in unserer Gesellschaft keine Identitätsfindung möglich ist.

  • Junge Menschen in der Berufsfindung zu unterstützen, ist deshalb von grosser Bedeutung.
  • Die Entdeckung ihrer Talente und Interessen und die Wahl eines passenden Berufs hilft ihnen, ihre Identität zu festigen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Identitätskrisen im Erwachsenenalter

Identitätskrisen können auch im Erwachsenenalter auftreten, zum Beispiel durch den Verlust des Arbeitsplatzes. Dies kann besonders schwierig sein, wenn sich die Person stark mit ihrem Beruf identifiziert hat.

  • In solchen Situationen ist es wichtig, die Gründe für den Jobverlust zu analysieren und die damit verbundene Kränkung zu verarbeiten.
  • Anschliessend kann man die Situation als Chance für eine Neuorientierung betrachten und neue Möglichkeiten entdecken.

Der Umgang mit narzisstischen Personen

Dr. Davatz geht auch auf den Umgang mit narzisstischen Personen ein. Sie betont die Wichtigkeit einer sorgfältigen Kommunikation und des Wahrnehmens und Validierens von Verletzungen. Gleichzeitig warnt sie davor, narzisstische Personen zu verhätscheln. Fehler sollten als Lernchance gesehen und offen besprochen werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Identitätsfindung ein komplexer und individueller Prozess ist, der von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Eine gesunde Identitätsentwicklung ist die Basis für ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben.

https://ganglion.ch/pdf/Narzissmus%20und%20Persoenlichkeitsfindung%20Wendepunkt_15.6.2023.pdf