Die Herkunftsfamilie spielt eine entscheidende Rolle in unserer Entwicklung und prägt uns auf vielfältige Weise. Dr.med. Ursula Davatz betont in ihren Ausführungen den Einfluss der Herkunftsfamilie auf unsere Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und unsere Fähigkeit zur Anpassung.

Die Herkunftsfamilie als prägendes Umfeld

In unserer Herkunftsfamilie lernen wir die Regeln und Normen unseres sozialen Umfelds kennen. Wir übernehmen die Wertvorstellungen unserer Eltern und lernen, was sich gehört und was nicht. Diese Prägung geschieht sowohl bewusst als auch unbewusst:

  • Explizite Erziehung: Eltern vermitteln ihren Kindern bewusst Werte und Normen, z.B. durch Verbote, Gebote oder moralische Belehrungen.
  • Implizite Erziehung: Kinder lernen durch Beobachtung und ahmen die Verhaltensmuster ihrer Bezugspersonen nach. Dies geschieht oft unbewusst und prägt uns dennoch tiefgreifend.

Werte, Verhaltensmuster und Durchsetzungsmuster

Dr.med. Ursula Davatz unterscheidet drei wichtige Aspekte der familiären Prägung:

  • Wertvorstellungen: Was ist wichtig im Leben? Was ist richtig und falsch? Welche Ziele sollten wir verfolgen?
  • Verhaltensmuster: Wie reagieren wir in Stresssituationen? Wie gehen wir mit Konflikten um? Wie zeigen wir unsere Gefühle?
  • Durchsetzungsmuster: Wie setzen wir unsere Bedürfnisse und Interessen durch? Beherrschen wir andere, verhandeln wir oder passen wir uns an?

Diese Muster prägen unseren Umgang mit anderen Menschen und unsere Fähigkeit, uns in sozialen Situationen zurechtzufinden.

Herausforderungen der Anpassung an neue Situationen

Die gelernten Muster aus der Herkunftsfamilie können uns in neuen Situationen behindern. Wenn wir auf andere Wertvorstellungen oder Verhaltensweisen stossen, die unseren eigenen widersprechen, kann dies zu Konflikten und innerem Widerstand führen.

Beispiel: Ein Mensch, der in einer autoritären Familie aufgewachsen ist, in der Gehorsam und Anpassung erwartet wurden, kann Schwierigkeiten haben, sich in einem partnerschaftlichen Umfeld zu behaupten.

Die Bedeutung der Ablösung von der Herkunftsfamilie

Um ein selbstbestimmtes und authentisches Leben führen zu können, ist es wichtig, sich von den prägenden Einflüssen der Herkunftsfamilie zu lösen. Dies bedeutet nicht, die Eltern abzulehnen oder den Kontakt abzubrechen, sondern sich bewusst mit den eigenen Wertvorstellungen und Verhaltensmustern auseinanderzusetzen und diese gegebenenfalls zu verändern.

Differenzierung der Ursprungsfamilie: Ein Konzept von Murray Bowen

Murray Bowen, ein bekannter Familientherapeut, hat das Konzept der „Differenzierung der Ursprungsfamilie“ entwickelt. Es beschreibt den Prozess der Ablösung von den prägenden Einflüssen der Herkunftsfamilie und der Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit.

Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt ihren Patienten, sich mit ihren Eltern auseinanderzusetzen und sich von deren Regeln und Erwartungen zu distanzieren. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Wertvorstellungen zu erkennen und diese selbstbewusst zu vertreten, auch wenn dies zu Konflikten mit den Eltern führt.

Die Bedeutung der Akzeptanz

Akzeptanz spielt eine wichtige Rolle in der Ablösung von der Herkunftsfamilie. Wir müssen lernen, unsere Eltern so zu akzeptieren, wie sie sind, auch wenn wir ihr Verhalten nicht gutheißen oder verstehen. Genauso wichtig ist es, uns selbst zu akzeptieren, mit all unseren Stärken und Schwächen.

Kontaktabbruch als vorübergehende Lösung

In manchen Fällen kann ein Kontaktabbruch zu den Eltern notwendig sein, um sich von deren negativen Einflüssen zu schützen. Dr. Davatz sieht dies jedoch nur als vorübergehende Lösung. Ihr Ziel ist es, ihren Patienten zu helfen, wieder eine Beziehung zu ihren Eltern aufzubauen, die auf Respekt und Akzeptanz basiert.

Umgang mit unveränderbaren Situationen

Manchmal ist es nicht möglich, die Beziehung zu den Eltern zu verändern. Wenn die Eltern beispielsweise nicht bereit sind, sich auf einen Dialog einzulassen oder ihre eigenen Fehler zu erkennen, müssen wir lernen, damit umzugehen.

Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt in solchen Fällen, die eigenen Erwartungen loszulassen und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wir selbst beeinflussen können. Es geht darum, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und sich nicht von den negativen Einflüssen der Vergangenheit bestimmen zu lassen.

Fazit: Die Herkunftsfamilie als Chance und Herausforderung

Die Herkunftsfamilie prägt uns auf vielfältige Weise und beeinflusst unser Denken, Fühlen und Handeln. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunftsfamilie kann uns helfen, uns selbst besser zu verstehen und unsere eigenen Wege zu gehen. Es ist ein Prozess, der Zeit und Geduld erfordert, aber der uns letztendlich zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung führen kann.

https://ganglion.ch/pdf/Wann_laesst_die_Seele_den_Koerper_sprechen.m4a.pdf