Dr.med. Ursula Davatz betrachtet die Herkunftsfamilie als einen entscheidenden Faktor in der Entwicklung eines Menschen. Sie prägt unsere Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und unsere Fähigkeit zur Anpassung an neue Situationen.

Verinnerlichte Regeln und Normen: Die Basis unserer sozialen Interaktion

Innerhalb unserer Herkunftsfamilie lernen wir die Regeln und Normen unseres sozialen Umfelds kennen. Wir übernehmen die Wertvorstellungen unserer Eltern und lernen, was sich gehört und was nicht. Diese Prägung findet sowohl bewusst durch explizite Erziehung als auch unbewusst durch die Beobachtung und Nachahmung von Verhaltensmustern statt.

Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und Durchsetzungsmuster: Die drei Säulen der familiären Prägung

Dr.med. Ursula Davatz unterscheidet drei zentrale Aspekte der familiären Prägung:

  • Wertvorstellungen: Sie definieren, was im Leben wichtig ist, was richtig und falsch ist und welche Ziele wir verfolgen sollten.
  • Verhaltensmuster: Sie bestimmen, wie wir in Stresssituationen reagieren, mit Konflikten umgehen und unsere Emotionen zeigen.
  • Durchsetzungsmuster: Sie beschreiben, wie wir unsere Bedürfnisse und Interessen durchsetzen. Beherrschen wir andere, verhandeln wir oder passen wir uns an?

Diese Muster prägen unseren Umgang mit anderen Menschen und unsere Fähigkeit, uns in sozialen Situationen zurechtzufinden.

Soziale Vererbung: Weitergabe von Erfahrungen über das Grosshirn

Dr.med. Ursula Davatz verwendet den Begriff „soziale Vererbung“ um die Weitergabe von Wertvorstellungen und Verhaltensmustern über das Grosshirn zu beschreiben. Im Gegensatz zur genetischen Vererbung, die über das emotionale Hirn (Mittelhirn) und das Stammhirn abläuft, basiert die soziale Vererbung auf gelernten und gespeicherten Erfahrungen. Das Grosshirn besitzt die Fähigkeit, diese Erfahrungen zu verarbeiten, abzulegen und zu speichern. In neuen Situationen werden diese gespeicherten Muster und Erfahrungen abgerufen und angewendet, was zu einer „Vererbung“ von Verhaltensweisen und Denkmustern führt.

Herausforderungen und Chancen der Ablösung

Die gelernte Prägung aus der Herkunftsfamilie kann uns in neuen Situationen sowohl behindern als auch unterstützen. Stossen wir auf andere Wertvorstellungen oder Verhaltensweisen, die unseren eigenen widersprechen, kann dies zu Konflikten und innerem Widerstand führen. Gleichzeitig geben uns die in der Herkunftsfamilie erlernten Muster Sicherheit und Orientierung.

Um ein selbstbestimmtes und authentisches Leben führen zu können, ist es wichtig, sich von den prägenden Einflüssen der Herkunftsfamilie zu lösen. Das bedeutet nicht, die Eltern abzulehnen oder den Kontakt abzubrechen, sondern sich bewusst mit den eigenen Wertvorstellungen und Verhaltensmustern auseinanderzusetzen und diese gegebenenfalls zu verändern.

Differenzierung der Ursprungsfamilie: Ein Weg zur Selbstbestimmung

Murray Bowen, ein bekannter Familientherapeut, entwickelte das Konzept der „Differenzierung der Ursprungsfamilie„. Es beschreibt den Prozess der Ablösung von den prägenden Einflüssen der Herkunftsfamilie und der Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit.

Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt ihren Patienten, sich mit ihren Eltern auseinanderzusetzen und sich von deren Regeln und Erwartungen zu distanzieren. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Wertvorstellungen zu erkennen und diese selbstbewusst zu vertreten, auch wenn dies zu Konflikten mit den Eltern führt. Wichtig ist dabei, die Eltern so zu akzeptieren, wie sie sind, auch wenn wir ihr Verhalten nicht gutheißen oder verstehen.

Umgang mit unveränderbaren Situationen: Loslassen und Akzeptieren

Manchmal ist es nicht möglich, die Beziehung zu den Eltern zu verändern. Sind die Eltern beispielsweise nicht bereit, sich auf einen Dialog einzulassen oder ihre eigenen Fehler zu erkennen, müssen wir lernen, damit umzugehen.

In solchen Fällen empfiehlt Dr. Davatz, die eigenen Erwartungen loszulassen und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wir selbst beeinflussen können. Es geht darum, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und sich nicht von den negativen Einflüssen der Vergangenheit bestimmen zu lassen. Hilfreich kann es sein, die eigenen Gefühle und Gedanken in einem Brief an die Eltern auszudrücken, um negative Emotionen zu verarbeiten und loszulassen.

Fazit: Die Herkunftsfamilie als prägendes Element und Chance zur persönlichen Entwicklung

Die Herkunftsfamilie ist ein prägendes Element in unserem Leben, das unsere Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und unsere Fähigkeit zur Anpassung beeinflusst. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunftsfamilie und das bewusste Hinterfragen der erlernten Muster können uns helfen, uns selbst besser zu verstehen und unsere eigenen Wege zu gehen. Es ist ein Prozess, der Zeit und Geduld erfordert, aber der uns letztendlich zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung führen kann.

https://ganglion.ch/pdf/Wann_laesst_die_Seele_den_Koerper_sprechen.m4a.pdf