Die Quellen, insbesondere der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, betonen die Bedeutung der sozialen Vererbung für die Entwicklung eines Menschen. Soziale Vererbung beschreibt die Weitergabe von Werten, Normen, Verhaltensmustern und Beziehungsgestaltungen von einer Generation zur nächsten. Sie spielt eine ebenso wichtige Rolle wie die genetische Vererbung, beeinflusst aber die Persönlichkeit und das Verhalten eines Menschen oft noch stärker.

Wie funktioniert soziale Vererbung?

Soziale Vererbung findet auf verschiedenen Wegen statt:

  • Vorbildfunktion (Role Modelling): Kinder beobachten ihre Eltern und andere Bezugspersonen und ahmen deren Verhalten unbewusst nach. Dadurch lernen sie, wie man mit Emotionen umgeht, Konflikte löst und Beziehungen gestaltet.
  • Explizite Erziehung: Eltern vermitteln ihren Kindern bewusst Werte und Normen durch Regeln, Befehle und Gespräche.
  • Erwartungshaltungen: Unerfüllte Bedürfnisse und Wünsche aus der eigenen Kindheit übertragen Eltern oft unbewusst auf ihre Kinder.
  • Geschwisterrolle: Die Position in der Geschwisterreihe prägt die Persönlichkeit und das Verhalten eines Kindes. Älteste Kinder übernehmen beispielsweise oft mehr Verantwortung, während jüngste Kinder eher emotional und harmoniebedürftig sind.

Auswirkungen der sozialen Vererbung:

Die soziale Vererbung kann sich auf vielfältige Weise auf das Leben eines Menschen auswirken:

  • Beziehungsgestaltung: Die Art und Weise, wie wir Beziehungen gestalten, ist stark von den Erfahrungen in unserer Herkunftsfamilie geprägt.
  • Konfliktverhalten: Wie wir mit Konflikten umgehen, haben wir meist von unseren Eltern gelernt.
  • Umgang mit Emotionen: Auch der Umgang mit Emotionen ist stark von der familiären Prägung beeinflusst.
  • Werte und Normen: Unsere Wertvorstellungen und moralischen Prinzipien sind oft tief in der familiären Sozialisation verwurzelt.
  • Loyalitätskonflikte: Wenn die Werte und Normen der Herkunftsfamilie nicht mehr zu den eigenen Bedürfnissen und Überzeugungen passen, kann dies zu inneren Konflikten und Loyalitätskonflikten führen.

Mehrgenerationenprägung:

Soziale Vererbung wirkt nicht nur von einer Generation zur nächsten, sondern kann sich über mehrere Generationen erstrecken. Dr. Davatz beobachtet in ihrer Praxis, wie bestimmte Themen und Konflikte über vier oder mehr Generationen hinweg weitergegeben werden.

Wiederholungszwang:

Ein wichtiger Aspekt der sozialen Vererbung ist der sogenannte Wiederholungszwang. Dieser beschreibt die unbewusste Tendenz, die Fehler der vorhergehenden Generation zu wiederholen. Dr. Davatz betont aber auch, dass jede Wiederholung eine Chance zur Veränderung bietet, die sowohl positiv als auch negativ verlaufen kann.

Umgang mit sozialer Vererbung:

Die Auseinandersetzung mit der eigenen familiären Prägung ist ein wichtiger Schritt zur Selbstreflexion und Persönlichkeitsentwicklung. Indem wir die Einflüsse unserer Herkunftsfamilie erkennen und verstehen, können wir bewusst entscheiden, welche Muster wir übernehmen und welche wir verändern wollen.

Professionelle Unterstützung:

Bei der Auseinandersetzung mit der eigenen familiären Prägung und der Überwindung negativer Muster kann professionelle Unterstützung hilfreich sein. Therapeuten und Berater können dabei helfen, die eigenen Prägungen zu erkennen, zu verstehen und neue, gesündere Verhaltensweisen zu entwickeln.

Zusammenfassend: Soziale Vererbung ist ein komplexer Prozess, der unser Leben in vielerlei Hinsicht beeinflusst. Die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen familiären Prägung und die Bereitschaft zur Veränderung ermöglichen es uns, negative Muster zu durchbrechen und ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen.

https://ganglion.ch/pdf/Herkunftsfamilie_Praegung.pdf