Der Sozialpsychiatrische Dienst (SPD) in Königsfelden war eine wichtige Übergangseinrichtung, die im Nachgang der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform von Franco Basaglia entstand. Seine geplante Gründung war bereits 1971 in der Spitalkonzeption für den Kanton Aargau enthalten, die der freisinnige Gesundheitsdirektor Bruno Hunziker verantwortete. 1974 wurde der SPD zuerst mit einem Wohnheim (später Nachtklinik genannt) und geschützten Werkstätten eröffnet.
Das Hauptziel des SPD war es, die damals 800 Betten zählende Klinik Königsfelden von Langzeitpatienten mit chronischer Psychose zu entlassen. Es ging darum, eine verantwortbare Entlassung zu ermöglichen und dank konsequenter ambulanter Nachbetreuung, unter anderem mit DEPO-Neuroleptika, eine funktionierende Rückfallprophylaxe zu erreichen. Der SPD sollte eine Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung bilden und entwickelte sich zu einer Nahtstelle.
Als Dr. med. Werner Saameli am 1. Juni 1976 die Leitung des SPD übernahm, bestand der Dienst aus einer Pflegefachfrau und einem Pflegefachmann Psychiatrie, drei Werkstattleitern, einer Sekretärin, einer Sozialarbeiterin und zwei Assistenzen der ärztlichen Leitung mit Stellvertretung. Später kam eine Drogenberatungsstelle „Kontakt“ in Brugg und eine Tagesklinik hinzu. Der SPD hatte explizit auch die Aufgabe, ein Suchtambulatorium zu führen.
Bereits 1976 führte der SPD in Zusammenarbeit mit dem Kantonshaus und in Anlehnung an Prof. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen vom SPD Zürich Substitutionsbehandlungen mit Methadon bei Heroinabhängigen durch, was damals unter Basler Suchtfachleuten verpönt und in Bern noch nicht etabliert war. Es gab auch eine Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvollzugs wie Aaburg und Birr sowie der Arbeitskolonie Murimoos.
Der SPD wirkte auch in der Klinik Barmerwaid mit einer halbtägigen kaderärztlichen Präsenz in der psychosomatischen Abteilung. Besonders erwähnenswert ist die 1980 eröffnete Tagesklinik im alten Spital in Königsfelden, die laut Dr. Saameli die erste an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz war.
Die Arbeitsmethoden in den Übergangseinrichtungen orientierten sich am milieu-therapeutischen, Modellwerk-therapeutischen Gemeinschaftsansatz von Professor Edgar Heim. Maxwell Jones, der Gründer dieses Ansatzes, besuchte den SPD sogar zweimal. Ambulant wurde die systemisch orientierte Therapie unter Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich eingeführt.
Die erfolgreiche Arbeit des SPD führte zu Missgunst in anderen Abteilungen der Klinik aufgrund der grossen Gestaltungsfreiheit. Eine katamnestische Studie von Dr. Saamelis damaligem Oberarzt Alfred Ruhoff Ende der 70er Jahre zeigte, dass von 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten, die durchschnittlich 14 Jahre in der Klinik hospitalisiert gewesen waren, 72 zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung ausserhalb der Klinik, mehrheitlich selbstständig wohnhaft und ambulant vom SPD betreut wurden. Drei Fünftel dieser Langzeitpatienten benötigten seit ihrem Austritt aus der Nachtklinik nie mehr eine Rehospitalisation, und 50 gingen einer entschädigten Arbeit nach.
Dr. Saameli erwähnte selbstkritisch, dass im „Furor Rehabilitativus“ manchmal zu forsch vorgegangen wurde und die Entlassung auch für Menschen forciert wurde, die in Königsfelden ihr Zuhause gefunden hatten. Er betonte die Wichtigkeit der Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen, was 1981 noch schwierig war. Die konziliarischen Dienstleistungen des SPD waren über den ganzen Kanton verstreut, was die Teilnahme an Programmen wie der Tagesklinik für Patienten ausserhalb der näheren Umgebung erschwerte.
Dank der Initiative von Herrn Siemers konnte der SPD ein revolutionäres berufliches Integrationsprogramm in der freien Wirtschaft bei der Firma Möbel Pfister lancieren, das Langzeitpatienten in Nischenarbeitsplätze eingliederte. Dieses Konzept entsprach dem, was später als „Supported Employment“ bekannt wurde.
Es gab divergierende Vorstellungen über die Zukunft der Psychiatrie im Aargau, insbesondere hinsichtlich der Priorisierung eines zentralen Neubaus für stationäre Behandlungen gegenüber der Dezentralisation ambulanter Dienste. Dr. Saameli kritisierte, dass die Leitung des SPD nicht in das neue Führungsgremium der Klinik aufgenommen wurde. Die damalige Kantonsärztin glaubte, dass die Klinik mit ihrem Pavillonsystem bereits ausreichend dezentralisiert sei. Politische Überlegungen des Regierungsrates, der die Bedeutung des historischen Zentrums von Königsfelden für den Zusammenhalt des Kantons betonte, spielten ebenfalls eine Rolle. Diese unterschiedlichen Ansichten führten schliesslich dazu, dass Dr. Saameli eine Chefarztstelle in Aarau annahm.
Dr. med. Ursula Davatz begann 1980 im SPD zu arbeiten. Sie hatte in Amerika Familientherapie bei Murray Bowen gelernt und konnte diese Expertise im SPD mit den vielen Schizophreniepatienten und ihren Familien einsetzen. Sie betonte die Kostenersparnis durch ambulante Behandlung im Vergleich zur stationären. Nach dem Weggang von Dr. Saameli übernahm Dr. Davatz die Leitung des SPD.
Zu dieser Zeit waren im SPD hauptsächlich Psychiater und Psychiatriepfleger tätig. Dr. Davatz trieb die Sozialpsychiatrie voran und hielt mit ihren Oberärzten Vorträge zum Thema „Psychiatrie im Alltag“, um für die ambulante Psychiatrie zu werben.
Dr. Davatz kritisierte die geplante Klinikneubau für 80 Millionen Franken und setzte sich für die ambulante Versorgung ein. Sie beschrieb die Unterschiede zwischen dem Klinikambulatorium (AMBI) und dem SPD humorvoll: AMBI für „die Guten ins Töpfchen“ und SPD als „Aschenputtel“, das „die Schlechten ins Kröpfchen getan hat“, da der SPD die schwierigeren Fälle wie Schizophrene, Langzeitpatienten und Drogensüchtige betreute.
Die Spezialisierung, Regionalisierung und Professionalisierung in der Psychiatrie nahmen in dieser Zeit ihren Anfang, wobei der SPD eine wichtige Rolle spielte. Hausärzte wie Dr. Roman Vogt hatten anfangs Schwierigkeiten, Patienten an den richtigen Dienst (SPD oder AMBI) zu überweisen.
Später, unter der Leitung von Dr. Urs Fromm (ab 1995), wurde das Einzugsgebiet des EPD (Erwachsenenpsychiatrischer Dienst, der den SPD umfasste) regionalisiert, mit Standorten in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden. Die Teams in den Aussenstandorten bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern.
Dr. Davatz betonte abschliessend, dass die Psychiatrie aus ihrer Sicht zu stark im medizinischen Modell verortet ist und plädierte für einen systemischeren Ansatz, der das Umfeld der Patienten einbezieht. Sie sah den Beginn der Psychiatrie bereits in der Schule und forderte mehr Unterstützung für Lehrer.
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