Basierend auf den vorliegenden Informationen lässt sich festhalten, dass Erziehungsstile einen erheblichen Einfluss auf die Emotionsregulation von Kindern, insbesondere von ADHS/ADS-Kindern, haben und diese Auswirkungen oft bis ins Erwachsenenalter reichen können. Dr. med. Ursula Davatz betont, dass sie in ihrer beruflichen Praxis häufig Erziehungsfehler ausgleichen muss, die über Jahre hinweg entstanden sind.
Hier sind die wichtigsten Punkte bezüglich ADHS/ADS-Kindern und Emotionsregulation laut Quelle:
- Spezifische Herausforderungen von ADHS/ADS-Kindern: ADHS/ADS-Kinder haben von Natur aus mehr Probleme mit Impuls- und Emotionskontrolle. Ihre Impulse werden von Emotionen gesteuert. Sie sind sehr sensibel, leicht erregbar und haben eine starke Emotionalität. Neurologisch betrachtet, nehmen ihre emotionalen Hirnareale mehr Impulse auf, bleiben länger vernetzt und geraten schneller in einen System Overload. In diesem Zustand können sie nichts mehr hören, verstehen oder Regeln befolgen. Sie sind oft schneller und laufen eher voraus, als zu folgen. Zudem haben sie einen sehr starken Gerechtigkeitssinn und wehren sich gegen Ungerechtigkeiten, auch gegenüber anderen.
- Ineffektivität und Schaden durch bestrafende/emotionale Erziehungsstile:
- Bestrafung und Belohnung (Konditionierung), ein weit verbreiteter Stil auch in der Schule, funktioniert bei ADHS/ADS-Kindern überhaupt nicht. Wenn diese Kinder für ihr Wesen oder Temperament, das sie nicht im Griff haben, bestraft werden, schädigt das ihren Selbstwert und ihre Selbstwirksamkeit. Bestrafung für emotionales Ausrasten oder mangelnde Impulskontrolle behindert und dämpft ihre Persönlichkeitsentwicklung. Es kann zu Rückzugsverhalten (eher bei Mädchen/Frauen) oder Delinquenz (eher bei Knaben/Männern) führen.
- Angst machen und Beschämung schädigen ebenfalls die Persönlichkeitsentwicklung. Beschämung, besonders vor anderen, bewirkt hauptsächlich Aversions- oder Ausweichverhalten, was in Lernsituationen kontraproduktiv ist. Angst führt ebenfalls zu Ausweichverhalten statt Kompetenzerwerb.
- Drohen mit eigener Krankheit/Leiden appelliert an Schuldgefühle und Empathie. Bei Mädchen kann dies zu übermässiger Anpassung und Empathie führen, wodurch sie sich selbst zurückstellen und ihre Persönlichkeitsentwicklung behindern. Sie nehmen ihre Gefühle zurück, was bis zur Gefühlsunterdrückung gehen kann. Diese Anpassung kann dazu führen, dass ADHS/ADS-Diagnosen bei Mädchen oft erst sehr spät gestellt werden. Unterdrückte Emotionen und System Overload können sich im Körper manifestieren und psychosomatische Krankheiten verursachen. Knaben können mit Übersprungverhalten oder Ausweichen reagieren.
- Diese emotionalen und strafenden Erziehungsstile bewirken oft eine starke Emotionskontrolle im Sinne von Unterdrückung und Anpassung, insbesondere bei Mädchen.
- Bestrafung ohne Verarbeitung verhindert das Erlernen echter Emotionskontrolle.
- Umgang mit emotionalen Ausbrüchen von ADHS/ADS-Kindern:
- Bei einem emotionalen Ausbruch, der oft aus einem starken Gerechtigkeitssinn heraus entstehen kann, darf der Ausbruch nicht bestraft werden.
- Stattdessen muss zuerst herausgefunden werden, was das Kind verletzt oder geärgert hat.
- Das Kind darf seine Emotionen äussern.
- Erst wenn der emotionale Ausbruch validiert wurde, d.h. das Kind sich verstanden und akzeptiert fühlt, kann man über sozialkompatible Alternativen sprechen und diese einüben.
- Wahre Emotionskontrolle wird nur erreicht, indem das Kind in seinem Ausbruch verstanden und validiert wird.
- Emotionale Erlebnisse müssen prozessiert und verarbeitet werden, idealerweise in einer ruhigen Situation, um im Grosshirn ohne Emotionen abgelegt zu werden und impulsive Reaktionen zu vermeiden.
- Erziehung durch Prinzipien und Regeln: Dieser Stil wird als intellektuell betrachtet.
- Es ist sinnvoll, klare, altersgerechte und sichtbare Regeln zu haben.
- Regeln sollten nicht starr sein; Ausnahmen müssen diskutiert werden, um Flexibilität zu lehren.
- Das Ziel ist die Internalisierung der Regeln, der Erwerb von Sozialkompetenz und Selbstorganisation.
- Eltern sollten an die Regeln erinnern, anstatt ständig Befehle zu geben, da dies Gehorsam, aber nicht Selbstständigkeit lehrt.
- ADHS/ADS-Kinder folgen nicht gerne; sie müssen intrinsisch motiviert sein. Dies kann erreicht werden, indem man Situationen aufzeigt, Regeln erklärt (aber nicht zu viel, um System Overload zu vermeiden) und sich als Person einbringt („Ich will, dass dies in meinem Haushalt so gemacht wird“, nach Jesper Juul). Es geht darum, sich durchzusetzen, nicht Gehorsam zu verlangen.
- Dieser Stil benötigt Klarheit und Geduld.
- Laissez-Faire: Lässt die Kinder über das Leben und die Reaktionen des Umfelds lernen. Dies sei nicht schlecht, aber in unserer organisierten Welt weniger praktikabel. Impulskontrolle wird hier wahrscheinlich durch die Reaktionen der Umgebung gelernt, z.B. im Umgang mit Tieren. Kinder nehmen sich weniger zurück als bei angst- oder emotionsbasierter Erziehung.
- Rolle und Herausforderungen der Eltern:
- Viele Eltern von ADHS/ADS-Kindern haben selbst ADHS/ADS oder dysfunktionale Emotionsregulationsstrategien und sind verunsichert.
- Eltern müssen zuerst lernen, sich selbst zu regulieren („low arousal“). Man muss sich selbst zuerst die „Sauerstoffmaske anziehen“.
- Eltern müssen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.
- Es ist wichtig, dass Eltern ihren eigenen Erziehungsstil finden und sich von ihrer Herkunftsfamilie abgrenzen. Unterschiedliche Stile zwischen den Eltern müssen klar deklariert oder Zuständigkeiten geregelt werden.
- Überbehütung aus Angst schadet dem Kind, macht es unselbstständig und kann zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Angst führt zu Ausweichverhalten, nicht zu Kompetenz.
- Eltern müssen lernen, ihre Kinder sorgfältig zu beobachten, ohne sofort zu handeln oder zu korrigieren. Übererziehung und ständiges Stören behindern die natürliche Entwicklung und Explorationsfreude des Kindes.
- Weniger ist oft mehr; Eltern sollten sich auf wenige wichtige Dinge konzentrieren.
- Die Stärkung der elterlichen Selbstwahrnehmung, Sicherheit und des Vertrauens in ihre eigenen Beobachtungen ist zentral. Dies gibt ihnen die nötige Position, um auch mit Teenagern zu verhandeln.
- Es ist nie zu spät, positive Veränderungen einzuführen. In der Pubertät geht es mehr um Beziehungspflege und Verhandlung als um Erziehung/Gehorsam.
Zusammenfassend erfordern ADHS/ADS-Kinder aufgrund ihrer besonderen emotionalen und impulsiven Natur einen Erziehungsstil, der sich fundamental von traditionellen, strafenden Ansätzen unterscheidet. Statt Bestrafung und emotionalem Druck, der zu Unterdrückung und langfristigen Problemen führen kann, brauchen sie Validierung ihrer Emotionen, das Erlernen von Alternativen nach emotionalen Ausbrüchen, klare Prinzipien statt starrer Regeln, und Eltern, die selbst reguliert, geduldig und aufmerksam beobachten, um ihr Kind in seinem Wesen zu verstehen und persönlichkeitsgerecht mit ihm umzugehen. Die Stärkung der elterlichen Kompetenz und ihres eigenen Wohlbefindens ist dabei unerlässlich.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/05/Erziehungsstil-Emotionskontrolle_19.5.2025.m4a.pdf