Dr.med. Ursula Davatz, als Psychiaterin, Familien- und Systemtherapeutin, betont nachdrücklich die zentrale Bedeutung der Beziehung in der Erziehung, insbesondere im Umgang mit ADHS/ADS-Kindern. Ihre Erziehungsansätze basieren auf der Erkenntnis, dass Lernen primär über das emotionale Gehirn erfolgt und nicht ausschliesslich kognitiv.
Grundlegende Prinzipien der Erziehung nach Dr. Davatz:
- Beziehung als Basis des Lernens: Der Mensch ist das lernfähigste Wesen, und Lernen läuft an erster Stelle über das emotionale Gehirn ab. „Ohne Beziehung gibt es keine Erziehung“. Ein Kind lernt am besten über eine Beziehung. Während reines Wissen heutzutage leicht über das Internet oder KI-Tools wie ChatGPT erworben werden kann, sind emotionale Beziehungen und emotionales Lernen nicht aus dem Internet beziehbar. Emotionale Intelligenz wird ausschliesslich in der zwischenmenschlichen Beziehung gefördert und erlernt.
- Wachsende Bedeutung der Beziehungspflege: Lehrer und Eltern sind heute wichtiger denn je, um Kindern emotionale Intelligenz zu vermitteln und die Beziehung zu pflegen. Die Beziehungspflege war noch nie so wichtig wie heutzutage.
- Menschliches Lernen und Konflikt: Echtes menschliches Lernen beinhaltet auch das Austragen von Konflikten in der Interaktion.
Spezifische Erziehungsansätze im Umgang mit ADHS/ADS-Kindern:
ADHS/ADS wird von Dr. Davatz nicht als Krankheit, sondern als ein anderer Neurotyp betrachtet, der genetisch vererbt ist und nicht „wegerzogen“ werden kann. Das Gehirn dieser Kinder ist anders gestaltet und reagiert anders auf die Umwelt.
- „Low Arousal“ (Tiefer Erregungszustand) als Kommunikationsbasis:
- Es ist entscheidend, Botschaften in einem tiefen Erregungszustand zu übermitteln. Sobald man selbst hocherregt ist (High Arousal), wird das Gehirn des Kindes ebenfalls erregter, und es laufen nur noch Reflexe ab (Kampf, Flucht, Totstellreflex, Necken), keine vernünftigen Verhaltensweisen.
- Man darf ADHS/ADS-Personen im erregten Zustand nicht belehren oder moralisieren. Der erste Schritt ist immer, sich selbst zu beruhigen und dann das Kind zur Ruhe kommen zu lassen, bevor kognitiv an Lösungen gearbeitet werden kann.
- Eltern und Lehrpersonen sollten frühzeitig handeln, bevor die Situation eskaliert („Man soll etwas sagen, wenn das Wasser bei der Brust steht, nicht wenn das Wasser bei der Nase steht“).
- Umgang mit Verletzungen und Konflikten:
- ADHS/ADS-Kinder sind hochsensibel und werden schnell verletzt. Jungen reagieren auf Verletzungen eher mit Aggression und Kampf, während Mädchen mit Flucht, Rückzug oder übermässiger Anpassung reagieren, was später zu Depressionen und Burnout führen kann.
- Im Konfliktfall muss immer zuerst die Verletzung validiert werden („was hat dich dort verletzt?“). Erst danach kann gemeinsam erarbeitet werden, wie man in ähnlichen Situationen anders vorgehen könnte.
- Alternative zu Bestrafung und Belohnung:
- Strafen, Belohnungen und Drohungen funktionieren bei ADHS/ADS-Kindern nicht. Reflexverhalten kann nicht durch Strafen verändert werden.
- Strafen führen zu Hemmung, Phobien, zwanghaftem Verhalten und einem schlechten Selbstwertgefühl. Beschämung, insbesondere öffentlich, ist extrem schädlich und kann zu Schulverweigerung führen.
- Statt Befehle zu geben, sollten Regeln aufgestellt werden, die das Kind internalisieren kann, um intrinsische Motivation zu fördern. Regeln können auch aufgeschrieben und aufgehängt werden.
- Es sollte nicht endlos argumentiert werden, da dies zu einem „System Overload“ beim Kind führt und die Eltern als schwach erscheinen lässt. Stattdessen ist es besser, klar zu sagen, was man möchte, und notfalls mit mentaler Kraft durchzusetzen, wenn man auch wirklich dahintersteht.
- Anerkennung der kindlichen Autonomie und Persönlichkeitsentwicklung:
- ADHS/ADS-Kinder können nicht einfach folgen; sie müssen intrinsisch motiviert sein und ihr Interesse muss geweckt werden. Wenn ihr Interesse geweckt ist, können sie einen Hyperfokus entwickeln.
- Eltern und Erzieher sollten lernen, auch „verlieren“ zu können in Machtkämpfen, besonders in der Pubertät, da dies das Selbstwertgefühl des Kindes stärkt und seine Persönlichkeitsentwicklung fördert. Eine ständige Siegerrolle der Autoritätsperson schwächt die Persönlichkeit des Kindes.
- Bei Unsicherheit sollte man den ADHS/ADS-Kindern die Steuerung auch einmal selber überlassen, da sie soziale Wesen sind und sich oft selbst steuern können, statt zu „übersteuern“.
- „Persönlichkeitsgerechte Erziehung“ und Differenzierung:
- Dr. Davatz plädiert für eine „persönlichkeitsgerechte Erziehung“ und einen „bedarfgerechten Umgang mit neurodivergenten Kindern“. Dies erfordert, das Kind gut zu beobachten und zu verstehen, anstatt von Schemata auszugehen.
- Es ist wichtig und erlaubt, Kinder unterschiedlich zu behandeln und differenzierten Unterricht anzubieten. Was für alle funktioniert, funktioniert nicht unbedingt für jedes Kind.
- Umgang mit Risikobereitschaft und Sensorik:
- Risikofreudigkeit bei ADHS/ADS-Kindern sollte nicht unterbunden, sondern begleitet werden. Man kann dem Kind sagen, dass Risikobereitschaft in Ordnung ist, es aber lernen muss, seine eigenen Grenzen zu spüren. Ein Verbot führt nur zu heimlicherem und gefährlicherem Verhalten.
- Sensibilitäten in verschiedenen Bereichen (Gehör, Tastsinn, Lichtempfindlichkeit, Essverhalten) müssen erkannt und ernst genommen werden.
- Rituale für das Herunterfahren:
- Gerade für Kinder, die viel nachdenken und nicht einschlafen können, sind regelmässige Rituale zum Herunterfahren wichtig. Dies kann ein Bettritual sein oder für ältere Kinder das Aufschreiben von Gedanken des Tages, um Erlebnisse zu verarbeiten und abzulegen.
Kritik an bestehenden Systemen und Forderungen:
- Kritik an der Psychiatrie und Medikation: Dr. Davatz kritisiert, dass zu viel Geld in die Psychiatrie und zu wenig in die Unterstützung der Schulen und Lehrer investiert wird. Kinder sollten nicht vorschnell in die Kinderpsychiatrie geschickt und pathologisiert werden. Sie verweigert Medikamente nicht, betont aber, dass diese Stressmedikamente sind, die die Leistungsfähigkeit erhöhen, aber auch ausbeuten und das Gefühl für sich selbst verringern können. Der Fokus sollte auf dem Lernen des Umgangs mit dem Neurotyp und der Persönlichkeitsentwicklung liegen.
- Unterstützung für Lehrpersonen: Lehrpersonen fühlen sich oft allein gelassen und brauchen Unterstützung in Form von Systemberatung und Familientherapie, nicht nur psychiatrische Diagnosen für die Kinder. Wenn ADHS/ADS-Kinder gut in die Klasse integriert und angemessen behandelt werden, führt dies zu mehr Ruhe im Klassenzimmer.
- Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern: Oft besteht eine Angst zwischen Eltern und Lehrern, die die Zusammenarbeit erschwert. Es ist wichtig, diese Angst zu überwinden und trotz unterschiedlicher Rollen zusammenzuarbeiten.
- Systemische Problematik der Schule: Das aktuelle Schulsystem ist oft überholt und trägt zur Überforderung und zum Burnout von Lehrern bei. Das Bildungssystem muss revidiert werden, um Platz für den Einzelfall und eine persönlichkeitsgerechte Förderung zu schaffen.
Dr. Davatz’s Ansatz ist ein Plädoyer für einen humanen, beziehungsorientierten und individuell angepassten Umgang mit allen Kindern, wobei die spezifischen Bedürfnisse und Stärken des ADHS/ADS-Neurotyps im Vordergrund stehen.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/07/Schule_Toess_3.7.2025.m4a.pdf