Vortrag zum Thema Sucht und Flucht in die digitale Welt:
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
9.3.2019
Sucht und Flucht in die digitalen Welt
Audio
[00:00:01.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielen Dank, Herr Scheuzger, für die Einführung.
[00:00:04.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss schauen, ob ich ein paar Dinge aufnehmen kann.
[00:00:08.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Thema, das ich zum ersten Mal bei Ihnen vortrage.
[00:00:14.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema: "Sucht und Flucht in die digitalen Welt".
[00:00:17.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir meine Gedanken dazu gemacht.
[00:00:18.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe nichts aufgeschrieben, aber ich habe mir etwas überlegt.
[00:00:23.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich greife zwei Dinge auf vom Menschen auf.
[00:00:28.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch hat viele Bedürfnisse, aber ich greife zwei Bedürfnisse des Menschen auf.
[00:00:33.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Eines ist das Befriedigungsverhalten.
[00:00:35.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, wir brauchen im Leben Befriedigungen, damit es uns gut geht.
[00:00:44.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nahe an der Sucht.
[00:00:46.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht greift überall ein bei den Endorphinen.
[00:00:49.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir etwas machen, das uns ein gutes Gefühl gibt, schütten wir Endorphine aus.
[00:00:56.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Endorphin, also Endo-Morphin, sowie Suchtsubstanzen.
[00:01:02.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Normalerweise kann man die Befriedigung über viele verschiedene Dinge holen.
[00:01:06.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es über Leistung holen.
[00:01:09.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schweizer sind ja alle Berggänger oder viele.
[00:01:12.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich einen hohen Gipfel erklommen habe und dann oben auf dem Spitz sitze und mein Brötchen
essen kann oder etwas trinken kann, fühle ich mich wie der König der Welt.
[00:01:22.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein schönes Gefühl.
[00:01:24.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich mathematisch begabt bin und ich kann ein schwieriges Rätsel lösen, dann gibt mir das
Befriedigung.
[00:01:35.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich eine knifflige Handarbeit machen kann und ich das gerne mache, ich habe Freude daran, dann
gibt mir das wieder Befriedigung.
[00:01:43.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich in der Schule eine gute Arbeit machen kann, dann gibt mir das Befriedigung.
[00:01:49.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ein tolles Kunstwerk machen kann, dann gibt einem das auch Befriedigung. Wenn ein
Architekt etwas baut oder wenn ein Maurer eine schöne Wand baut oder ein schönes Mäuerchen, gibt
ihm das Befriedigung.
[00:02:02.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sich Befriedigung über viele verschiedene Verhaltensweisen holen.
[00:02:07.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Selbstverständlich gibt es auch über ein gutes Gespräch Befriedigung.
[00:02:13.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Begegnung zwischen Mann und Frau, also Sexualverhalten, gibt Befriedigung.
[00:02:19.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Normalerweise gibt es ganz viele Befriedigungsverhalten.
[00:02:21.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder Mensch holt sich die Befriedigung auf eine andere Art und Weise.
[00:02:26.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat genügend Möglichkeiten, Befriedigung zu erzielen.
[00:02:31.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch nur ein schöner Spaziergang an so einem schönen Tag, kann Befriedigung geben.
[00:02:36.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man Sucht hat, gibt es nur noch ein Verhalten. Das Suchtverhalten verdrängt alle anderen
Befriedigungen. Dann ist es wirklich eine Krankheit. Dann hat man kein normales Befriedigungsverhalten
mehr.
[00:02:52.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo man Befriedigung hat an etwas, das man macht, dann hat das eine gute Wirkung auf
unser Immunsystem.
[00:03:04.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht, ob ich es hier schon einmal gebracht habe, ich sage es noch einmal.
[00:03:06.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt die sogenannte Eudaimonic Happiness, also eudynamische Glücklichkeit.
[00:03:18.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat eine gute Wirkung auf unser Immunsystem.
[00:03:21.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das behaltet uns gesund.
[00:03:23.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir zufrieden sind, bleiben wir eher gesund.
[00:03:26.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es noch die Hedonic Happiness. Das ist eine hedonistische Befriedigung und Glücklichkeit.
[00:03:35.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese holt man durch Einschaltquoten.
[00:03:38.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Man postet etwas und man hat 1'000 Likes. Dann fühlt man sich gut.
[00:03:42.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man fühlt sich für diesen Moment gut. Man kann sich auch gut fühlen, wenn man so viele Bewunderer
hat.
[00:03:48.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle die in der Öffentlichkeit auftreten, die viele Zuschauer haben usw.
[00:03:53.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt einem die sogenannte hedonistische Befriedigung.
[00:03:58.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Interessanterweise hat die überhaupt keine gute Auswirkung auf das Immunsystem.
[00:04:02.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Immunsystem reagiert nicht auf das.
[00:04:05.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist quasi nur Oberfläche.
[00:04:08.340] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne, um gesund bleiben zu können, brauchen wir Befriedigungsverhalten.
[00:04:12.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Seite, das ist ein emotionales Erlebnis.
[00:04:16.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein eher intellektuelles Erlebnis, das auch wieder in die Emotionen reingeht, ist, dass der Mensch das
Bedürfnis hat, seine Situation zu kontrollieren.
[00:04:27.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ausrutschen auf dem Eis und dann auf dem Sack liegen, dann genieren sie sich dafür.
[00:04:34.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder, die Schlittschuh fahren, sind das gewohnt. Sie fahren, fallen um, stehen wieder auf und
fahren wieder.
[00:04:41.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder, die Skifahren lernen, Snowboarden, fallen um. Das ist das gar kein Problem.
[00:04:45.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man älter wird, hat man das Gefühl, das sei demütigend.
[00:04:51.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle, die das schon erlebt haben, haben das vielleicht erlebt. Man fällt um, also man hat einen
Kontrollverlust, weil man auf dem Eis ausrutscht. Man schaut herum, wer das gesehen hat.
[00:05:01.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man fällt auf den Sack.
[00:05:03.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem, wie man geartet ist, geniert man sich dafür.
[00:05:06.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man älter ist, kann man eher die Knochen brechen.
[00:05:11.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben nicht gerne einen Kontrollverlust.
[00:05:14.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann Kontrollverlust haben über sein Gesichtsausdruck, über die Farbe im Gesicht.
[00:05:26.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Erröten ist ja eigentlich ein Ausdruck von Scham.
[00:05:31.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Leute, die viel und schnell erröten.
[00:05:35.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Die genieren sich dann immer für ihr Erröten, dabei ist es eigentlich etwas Normales.
[00:05:41.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Die schminken sich, damit man das nicht sieht. Damit man den Kontrollverlust nicht sieht.
[00:05:48.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle unsere inneren Organe und viele Koordinationen im Körper und im Hirn laufen selbstständig, also
autonom.
[00:05:58.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben gar nicht so viel Kontrolle darüber.
[00:06:00.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Menschen und wir Schweizer gehören noch speziell zu diesen. Für uns ist es ganz wichtig, dass man
immer in Kontrolle ist.
[00:06:09.830] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinn ist ein Kontrollverlust fast ein Gesichtsverlust.
[00:06:16.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas Neues lernen, da hat man ständig Kontrollverlust. Man kann es ja noch nicht, es ist noch kein
Meister vom Himmel gefallen.
[00:06:25.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man etwas Neues lernen will, muss, dann hat man die Kontrolle nicht.
[00:06:31.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man es halt nicht so gut. Man macht Fehler, es passiert ein Unglück und es geht nicht.
[00:06:40.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Kontrollverlust und das Fehlermachen, das gehört auch wieder zum Jugendlichen, der lernt.
[00:06:46.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir erwachsen sind, denken wir immer, wir müssen Kontrolle haben.
[00:06:52.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig, also früher war das so ein bisschen in der Schule, dass wenn man etwas nicht so gut konnte,
dann ist man dafür kritisiert worden.
[00:07:01.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Man meinte, das motiviere zum noch besseren Lernen.
[00:07:05.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Menschen motiviert die Kritik, andere machen dann gar nichts.
[00:07:10.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem, was für eine Situation im Auditorium herrscht, getraut man sich z.B. keine sogenannt
dummen Fragen zu stellen.
[00:07:20.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage immer, es gibt keine dummen Fragen, es gibt nur Fragen und keine Fragen.
[00:07:25.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Jede Frage ist berechtigt, aber viele Leute haben Angst vor dem Fragen stellen, denn sie könnten ja dann
blöd dastehen.
[00:07:33.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie könnten als jemand erscheinen, der nicht so viel weiss oder eben sog. Kontrollverlust.
[00:07:40.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Man wagt sich nicht in Gebiete rein, in denen man die Kontrolle nicht darüber hat.
[00:07:47.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir jetzt in das Spiel hineingehen, in die digitale Welt.
[00:07:52.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die digitale Welt hat Vorteile, z.B. für ADHS Kinder, die viele Fehler machen.
[00:08:04.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einen Fehler macht, sagt der Computer einfach, es geht nicht, probiere es nochmals.
[00:08:10.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen sagt der Lehrer oder die Mutter oder Vater, hast Du das jetzt nicht endlich begriffen, das solltest
du doch langsam wissen.
[00:08:18.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Menschen reagieren oft mit Kritik auf Fehler.
[00:08:24.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie reagieren emotional auf Fehler.
[00:08:26.150] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn, noch vor vielen Jahren, als die Computer noch nicht so allgegenwärtig waren und die ganze
digitale Angelegenheit, hat man gesagt, ADHS Kinder, soll man vor den Computer setzen, denn der
Computer wird nie verrückt. Der sagt nur: does not compute.
[00:08:42.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Es funktioniert einfach nicht.
[00:08:44.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Verrückt wird der Computer nicht.
[00:08:46.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat überhaupt keine Emotionen.
[00:08:49.540] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne ist es ein neutraler Lehrer, der einem immer wieder zeigt, also, der einfach sagt, so geht
es nicht. Du musst es anders machen, bis man herausgefunden hat, wie es geht.
[00:09:04.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht heutzutage viel von Artificial Intelligence, also AI, Künstliche Intelligenz (KI).
[00:09:13.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird immer geraten, ob wir mal eine künstliche Intelligenz haben werden, die besser ist als der
Mensch.
[00:09:22.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird der Mensch natürlich immer mit dem Computer verglichen.
[00:09:26.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo der Computer den guten Go-Spieler, das ist ein chinesisches Brettspiel, geschlagen hat, hat man
gesagt, oh, jetzt hat der Computer den Mensch überholt.
[00:09:40.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man den Computer und den Mensch vergleicht, das Positive am Computer ist, dass er sich nicht
ärgert.
[00:09:45.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Was auch dabei ist, er macht immer die gleichen Regeln, also er ändert nicht.
[00:09:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder, die dann alle diese Computerspiele lernen, wenn sie diese Regeln mal gelernt haben, wenn
sie funktionieren, dann können sie sich dort perfektionieren.
[00:10:06.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle diese Spiele, die ja gemacht werden, da geht es immer um die Kompetition oft Shooterspiele.
[00:10:14.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch ein paar andere, aber es gibt viele Shooterspiele.
[00:10:16.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kämpft man miteinander und wenn man sich an die Regeln hält, kann man folglich immer besser
werden.
[00:10:23.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Was fehlt beim Computer und bei der digitalen Welt, ist die Emotion und der Fehler.
[00:10:29.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Computer zeigt einem nie Emotionen.
[00:10:31.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist positiv, er wird nicht verrückt.
[00:10:35.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Man lernt auch nicht, mit Unvorhergesehenem umzugehen.
[00:10:39.220] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinn hat man in die Computer zum Teil extra Fehler eingebaut, damit sie lernen.
[00:10:47.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ja jetzt schon Computer, die lernen.
[00:10:49.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle die digitalen Spiele, die die Kinder spielen, sind natürlich fixe Spiele.
[00:10:54.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie die Regeln kennen, können sie immer besser werden.
[00:11:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie lernen das natürlich immer besser und sind immer schneller.
[00:11:02.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind sehr schnell mit ihren Fingern.
[00:11:04.370] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne können sie sich anhand dieser Spiele eine Kompetenz holen. Sie können gewinnen.
[00:11:15.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Befriedigungsverhalten.
[00:11:16.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich immer besser werde in einem Spiel und besser als mein Kollege, dann habe ich das Gefühl, ich
bin gut.
[00:11:25.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Was aber bei den Spielen und dem Computer fehlt, ist das Menschliche.
[00:11:30.460] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne hat man schon gesagt, dass Computer, also die artifizielle Intelligenz, die künstliche
Intelligenz, das sind eigentlich gescheite Psychopathen.
[00:11:43.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn sie haben überhaupt keine Empathie.
[00:11:48.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch schon Computer, die Gesichter und Mimik lesen können.
[00:11:54.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind immer programmiert und machen in dem Sinne immer das Gleiche.
[00:12:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ein Sprichwort, "errare humanum est", also "irren ist menschlich".
[00:12:09.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht das Lebendige aus, das Menschliche, dass man sich irren kann, dass man Fehler machen
kann, dass alles ein wenig anders ist.
[00:12:21.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass es nie genau gleich ist.
[00:12:22.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Kein Individuum ist gleich wie das andere. Jeder Mensch ist anders. Das ist das Interessante.
[00:12:30.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir lernen wollen, mit dem Leben umzugehen, wenn wir lernen wollen, uns auf dieser Welt zu
behaupten, dann müssen wir mit Unvorhergesehenem, Individuellem, Menschlichem lernen umzugehen.
[00:12:46.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe dann immer das Beispiel.
[00:12:47.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein maschinell gemachter Gegenstand wie z.B. der Tisch, der ist ganz flach, gerade, alles korrekt, ohne
Fehler.
[00:12:56.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich einen handgemachten Tisch aus Holz anschaue, der irgendeiner gehobelt hat, ein Älpler, dann
ist der so bewegt und wirkt lebendig.
[00:13:07.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wirkt tot und das andere lebendig.
[00:13:11.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Leben zeichnet sich wirklich aus durch das Unvorhergesehene. Durch die Abwechslung, durch die
Andersartigkeit.
[00:13:22.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Kinder sechs Stunden täglich vor dem Bildschirm verbringen.
[00:13:33.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Man braucht natürlich heute alle diese Instrumente, es wird ja alles elektronisch übertragen.
[00:13:40.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie nur noch mit dieser Welt umgehen lernen, dann lernen sie nur mit dem Kontrollierbaren, mit
dem Vorgeschriebenen, mit dem Vorhersehbaren umzugehen.
[00:13:53.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind menschlich gesehen und lebensmässig völlig untauglich.
[00:14:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben in der Psychiatrie solche Leute, die Tag und Nacht vor dem Computer sitzen, aber sich nicht
mehr getrauen, rauszugehen.
[00:14:09.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie entwickeln dann auch eine Welt in ihrem Kopf, was denkt wohl der?
[00:14:15.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie projizieren auf eine Art ihre eigene Fantasie auf das Umfeld und sind dem Umfeld gegenüber wie
Autisten.
[00:14:27.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie nehmen das andere gar nicht mehr wahr. Sie gehen auch nicht mehr raus. Sie sind wie
Nachtschattengewächse, also nein, Pflanzen, die im Dunkeln wachsen, die keine Chlorophyll mehr
herstellen, die schlabrig sind, weiss und nicht lebenstauglich.
[00:14:48.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist heutzutage ein grosses Problem, dass viele Kinder einfach dort hängenbleiben und nicht mehr
diese Lebenstauglichkeit entwickeln, indem sie sich mit dem Umfeld auseinandersetzen.
[00:15:06.140] – Bemerkung 1
Kann es sein, dass die Kinder die Autoritätspersonen dann gar nicht mehr erkennen, wahrnehmen?
[00:15:09.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie gehen lieber mit dem Computer als mit der Autoritätsperson.
[00:15:17.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben dann auch Angst vor Autoritätspersonen, weil sie gar nicht wissen, wie sie ihnen begegnen
sollen. Keine Erfahrung damit. Die Autorität ist die Maschine und der Computer.
[00:15:26.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben die Stichworte "Identität, Adoleszenz, Risikoverhalten und Selbstzerstörendes Verhalten"
gebracht.
[00:15:36.390] – Bemerkung 2
Selbstschädigend.
[00:15:39.470] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät sollte man seine Identität, seine Persönlichkeit entwickeln.
[00:15:49.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu dieser Persönlichkeitsformierung gehört die Auseinandersetzung mit der erwachsenen Welt.
[00:15:53.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Die erwachsene Welt hat Moralvorstellungen, Wertvorstellungen.
[00:16:00.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht lehnt man die ab.
[00:16:01.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich anhand dieser Ablehnung selber eigene Moral- und Wertvorstellungen erarbeiten.
[00:16:09.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem Computer kann man das nicht, respektive, was dort an Wertvorstellungen weitergegeben wird,
ist eigentlich immer das runter schiessen, also der Kampf.
[00:16:21.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt schon auch Kooperationsspiele, ich kenne natürlich auch überhaupt nicht alle.
[00:16:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können mich da vielleicht ein bisschen aufklären, die, die sich besser auskennen.
[00:16:33.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die soziale Interaktion ist eigentlich immer Kampf, wer ist der Beste und wer kann es am längsten.
[00:16:41.300] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne setzen sich die dann lieber mit dem Computer und den Computerspielen auseinander,
als mit den lebenden Autoritätsfiguren.
[00:16:51.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Anhand von dem reift das menschliche Hirn nicht.
[00:16:54.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn reift nur in einem gewissen Gebiet, in der Geschwindigkeit und gewissen mathematischen
Kombinationen.
[00:17:03.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Im menschlichen Bereich passiert keine Entwicklung.
[00:17:10.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einen Film angeschaut, in dem alle Figuren von Computerpuppen gespielt waren. Sie spielten
Sitzungen, sie spielten Liebesszenen. Es waren alles Computerpuppen. Das war so anstrengend. Der
Film hiess "Anomalia". Ich dachte mir, wann kommt endlich das Lebende?
[00:17:34.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wann kommt endlich wieder ein Mensch?
[00:17:37.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur die Puppen haben miteinander gesprochen. Sie haben alle Klischees gesagt, die man beim
Liebesspiel so sagt.
[00:17:46.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat eigentlich die Klischees eines Menschen, die in diesen Situationen verwendet werden, wurden in
das Absurde geführt.
[00:18:01.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Die KI Welt ist eine tote Welt, wenn wir uns nur mit diesen Maschinen und Programmen
auseinandersetzen.
[00:18:11.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, in dem die Jugend zu sehr in dieser toten Welt aufwächst (sie muss mit ihr lernen umgehen,
das sind heute alles Instrumente) wenn sie nicht mehr mit den Menschen umgehen, verpassen sie viel an
Überlebensfähigkeit.
[00:18:28.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man seine Identität nur anhand des Computers entwickelt, dann gibt das eine etwas flache
Identität, sage ich jetzt, eine eintönige und nicht eine sehr menschliche, nicht sehr vielfältige, auch nicht
so sehr kreativ.
[00:18:55.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Risikoverhalten wäre etwas anderes.
[00:19:01.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Computer hat keine Empathie.
[00:19:06.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind eigentlich ausgestattet mit Empathie.
[00:19:09.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gehört zu uns, denn wir sind soziale Wesen.
[00:19:12.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir nehmen wahr, wenn es dem Gegenüber schlecht geht oder wenn es verrückt ist.
[00:19:19.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir können Mimik lesen.
[00:19:22.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nur noch mit der Maschine umgeht, verliert man wahrscheinlich die Fähigkeit, Mimik zu lesen.
Denn auch die Gesichter, die kommen, wenn es Schauspieler oder Puppen sind, und wenn die
menschlich gemacht sind, ist es nie so lebendig wie ein lebender Mensch.
[00:19:49.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Mann macht viel Dokumentarfilme.
[00:19:51.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann beobachtet man das Leben der Menschen.
[00:19:56.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann in einen Spielfilm geht, muss ich sagen, dass im Spielfilm die ganze Mimik und wie sich
die Leute benehmen, viel klischeehafter ist, als wenn man einfach so ins Leben schaut.
[00:20:08.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Computerpuppen oder die Bilder auf dem Computerspiel sind natürlich noch sehr, sehr viel mehr
klischeehaft.
[00:20:16.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald etwas so klischeehaft ist, lernt man nicht mehr die Finessen der menschlichen Mimik, die lernt
man nicht mehr erkennen, lesen, mit ihnen umzugehen.
[00:20:27.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht eigentlich alles immer flacher.
[00:20:35.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Computer ist ein gescheiter Psychopath. Das hat jemand einmal gesagt.
[00:20:47.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Zerstörerische: Man hat zum Beispiel den amerikanischen Soldaten, bevor man sie in den Krieg
schickte, hat man sie Shooterspiele spielen lassen.
[00:21:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, als sie Shooterspiele gespielt haben, waren sie nachher aggressiver in der wirklichen
Welt.
[00:21:05.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch etwas, was passieren kann.
[00:21:09.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man in der virtuellen Welt immer die Szenen vorgespielt bekommt, von Abschiessen etc. und dann
alles noch schön mit Blut.
[00:21:20.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Je realistischer die Spiele gemacht sind, umso mehr ist man davon beeindruckt.
[00:21:25.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gab es zwei Entwickler, die realistische Shooterspiele gemacht haben, wo dann das Blut fliesst und
alles sieht ganz echt aus.
[00:21:33.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Als das an einer Messe vorgeführt wurde, hat Bill Gates darauf reagiert. "Wow, das ist aber toll."
[00:21:40.810] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem er nur "Wow" gesagt hat, hat er natürlich gerade Reklame für das Shooterspiel gemacht. Er ist
eine Figur auf dieser Welt.
[00:21:51.180] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinn, wenn man so realistische Computerspiele spielt, sobald das Spiel fertig ist, ist alles
vorbei.
[00:22:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt überhaupt keine Konsequenzen.
[00:22:01.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen, wenn man in den wirklichen Krieg geht, tötet man wirkliche Menschen.
[00:22:07.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat festgestellt, dass die amerikanischen Soldaten, wenn sie Computerspiele gespielt haben, sie
aggressiver getötet haben.
[00:22:16.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie waren also besser im Krieg.
[00:22:19.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch nicht etwas, das ich als Frau propagieren möchte.
[00:22:24.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben nur einen ganzen Globus.
[00:22:28.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich müssten wir eher lernen zusammenzuarbeiten.
[00:22:29.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher würde mich eher das Strategiespiel interessieren.
[00:22:36.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie hat man den anderen zur Kooperation gebracht und nicht, wie hat man den anderen überlistet?
[00:22:46.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagen selbstzerstörerische, wenn ich an die Interaktion mit der digitalen Welt denke.
[00:22:52.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Man zerstört in diesem Sinne seine innere Vielfalt und seine Kreativität.
[00:22:58.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, es geht immer nach gewissen Regeln. Wenn man diese richtig spielt, ist man erfolgreich. Aber das
heisst noch lange nicht, dass man dann im Leben erfolgreich ist.
[00:23:10.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist ganz wichtig, dass man den Leuten immer wieder das Leben und die lebendige
Interaktion aufzeigt und sich selbst natürlich auch auf eine lebendige Interaktion einlässt.
[00:23:26.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Computer und gegenüber der digitalen Welt, wird man auf eine Art zu einer Maschine.
[00:23:34.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Charlie Chaplin zeigte in dem Film "Modern Times", das war am Anfang der Industrialisierung, wie der
Mensch zwischen den Zahnrädern reingeflochten wird und verwurstet wird.
[00:23:48.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir werden nicht mehr zwischen Zahnrädern reingeflochten, sondern unser Hirn wird in die digitale Welt
reingenommen.
[00:23:56.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird dann eher, ich sage das so ein wenig bildlich, ein Brei aus unserem Hirn gemacht.
[00:24:03.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht unbedingt die menschlich hochdifferenzierte Angelegenheit, die man eigentlich mit unserem Hirn
machen könnte.
[00:24:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil kommt bei der Jugend auch wieder das Bedürfnis auf, nach ganz Natürlichem.
[00:24:23.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Ernährung wird mit dem Propaganda gemacht.
[00:24:31.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die digitale Welt ist natürlich schon sehr stark.
[00:24:37.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen uns dieser Welt gegenüberstellen und wir dürfen nicht zum Sklave dieser digitalen Welt
werden.
[00:24:43.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das passiert zum Teil.
[00:24:45.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind meine Gedanken und jetzt müssen sie mir Fragen stellen oder Einwände bringen.
[00:24:45.500] – Bemerkung 3
Wenn man das Ganze anschaut, ist es wie ein Flüchten oder ein zweites Zuhause, wo man sich den
ganzen Tag abmüht. Man ist dort in seiner eigenen Welt. Das Computerspiel ist meistens so konzipiert,
dass sich alles um den nicht realen Charakter dreht, den die Person spielt. Alles liegt Dir zu Füssen, alles
ist so ausgeleint, dass du der Mittelpunkt bist.
[00:25:36.350] – Bemerkung 3
Manchmal passieren etwas traurige Sachen, manchmal passieren schöne Sachen, aber es ist egal was
du machst, die Geschichte geht um dich.
[00:25:44.700] – Bemerkung 3
Wie kann man jetzt die Leute aus dem herausnehmen? Ganz ehrlich, das ist eine perfekte Welt. Ich habe
ein Spiel, das interessiert mich, das finde ich cool, ich kaufe dieses Spiel und jetzt bin ich in dieser Welt
drin. Das, was ich mir vorgestellt habe.
[00:26:03.060] – Bemerkung 3
Wie kann ich als Aussenstehender jemandem diese Welt schmackhaft machen? Du kannst nur
enttäuscht werden in dieser Welt. Böse gesagt.
[00:26:13.040] – Bemerkung 3
Wie kann ich jemanden aus dem Ganzen rausholen? Das ist ja wie gleich wieder eine Flucht.
[00:26:20.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eben das in dieser Welt mit dem Computer. Wie sie korrekt sagen, ist man dort immer der Held.
[00:26:26.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist immer die Hauptperson. Wenn man das Spiel gut gelernt hat, ist man ein Superheld. Man ist
immer der Star.
[00:26:32.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist auf einer Bühne, einer virtuelle Bühne.
[00:26:37.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie fragen, wie man jemanden herausholen kann. Ich würde sagen, indem man zu dem Menschen, der
hier flüchtet, in diese virtuelle Welt, indem man zu diesem eine Beziehung herstellt.
[00:26:46.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man zu ihm Beziehung herstellt und ihn herausfordert, aber natürlich nicht, indem man ihn
runtermacht, kritisiert oder noch mehr von ihm verlangt, sondern dass ein guter Austausch passiert.
[00:26:59.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, eine menschliche Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich für etwas interessieren oder
für einander interessieren, das ist immer noch sehr viel befriedigender als das künstliche Spiel.
[00:27:12.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Flüchten in diese Spiele basiert ja häufig darauf, dass man z.T. schlechte Erfahrungen mit dem
Umfeld gemacht hat, dass das Umfeld unsorgfältig mit einem umgegangen ist.
[00:27:25.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann flüchtet man sich in die digitale Welt. Dort ist alles berechenbar, dort weiss ich genau, was passiert.
Dort muss ich nicht mit unberechenbaren Dingen rechnen.
[00:27:36.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wir können eigentlich nur als Menschen denjenigen, die hier flüchten, gegenübertreten.
[00:27:42.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur gegenübertreten mit: "Mach das nicht", sondern "Ich mache mit ihr etwas anderes".
[00:27:48.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Suchtpatienten hatte, ich arbeitete lange mit Suchtpatienten und arbeite immer noch mit ihnen.
[00:27:51.630] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Therapie ging es immer darum, man müsse ihm die Sucht wegnehmen.
[00:27:58.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihm den Alkohol und die Drogen wegnehmen, Kokain und Heroin wegnehmen.
[00:28:03.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: das ist keine Methode, nicht etwas wegnehmen. Ich muss ihm etwas Besseres geben, als das,
was er hat.
[00:28:11.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle diese Süchtigen wurden irgendwo enttäuscht oder vielmals enttäuscht. Oder haben Situationen um
sich herum gehabt, in denen man ihnen nicht genug Platz gelassen hat, in denen man unsorgefältig mit
ihnen umgegangen ist und dann passiert eher diese Flucht.
[00:28:25.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sie so einem Menschen entgegensetzen können, oder der digitalen Welt entgegensetzen können, ist
eigentlich nur sich selber.
[00:28:34.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen sich engagieren.
[00:28:37.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern nichts mit dem Kind machen wollen, dann setzen wir sie vor den Fernseher, oder wir
geben dem Kind ein Computerspiel, dann ist es ruhig.
[00:28:45.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist anstrengend, sich miteinander auseinanderzusetzen. Aber es lohnt sich.
[00:28:51.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus dieser Auseinandersetzung, aus dieser menschlichen Beziehung, da kommt auch immer etwas.
[00:28:58.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben vorhin gesagt, alles sind nur Enttäuschungen.
[00:29:03.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit fixen Erwartungen an die Welt geht, wenn man mit der Erwartung geht, ich muss immer
der Gewinner sein und dann ist man es nicht, dann ist man enttäuscht.
[00:29:16.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man in die Welt heraustritt, ich kann immer wieder etwas Neues lernen, dann ist es interessant.
[00:29:24.410] – Bemerkung 3
Es ist anstrengender etwas in der realen Welt zu tun als in der digitalen Welt, zum Beispiel einen Baum
fällen.
[00:29:45.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ein Hindernis hat beim Baum fällen, dann muss man überlegen, dann geht es trotzdem, dann
hat man das Hindernis überwunden, dann ist das eigentlich mehr Befriedigung, als wenn man nur den
Knopf gedrückt hat.
[00:30:01.140] – Dr.med. Ursula Davatz
So funktioniert der Mensch.
[00:30:07.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gamer wollen immer schwierigere Spiele aber das Leben ist in dem Sinne eigentlich nicht langweilig.
[00:30:24.050] – Bemerkung 4
Eigentlich sollte man das reale Leben in ein Spiel umwandeln und so die Herausforderungen definieren.
[00:30:41.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben hier eine Herausforderung, ich lasse dich nicht alleine. Ich weiss auch noch nicht genau, wie
ich es mache aber wir machen es miteinander.
[00:30:47.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist spannend. Man geht miteinander eine Problemlösung an, das ist spannend.
[00:30:55.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann die Problemlösung miteinander hat, sogar noch miteinander, dann kann man diese
Freude teilen.
[00:31:02.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem Computer kann man die Freude nicht teilen.
[00:31:04.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht sagen, das habe ich toll gemacht.
[00:31:08.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Computer sagt einfach nur, ja das ist richtig, aber zeigt keine Empathie.
[00:31:12.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Computer hat kein limbisches System.
[00:31:14.400] – Bemerkung 5
Was sagen sie nicht zum Gamen aber zum Youtube Videos schauen?
[00:31:14.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Da wird heutzutage auch sehr viel Zeit verbracht, um Filme auf YouTube zu schauen. Es wird so viel
hochgeladen, man kann alles schauen. "Oh, cool", usw.
[00:31:41.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wie ständig Fernseh schauen und ständig den Kanal wechseln.
[00:31:44.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind visuelle Menschen, Wesen. Das ist eine ständige Unterhaltung.
[00:31:53.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich werde ständig unterhalten und entwickle dabei keine eigene Aktivität, keine eigene Kreativität. Ich
füttere meine Augen einfach nur immer mit Unterhaltung.
[00:32:08.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf eine Art verarmt dann die eigene Fantasie und die eigene Initiative.
[00:32:17.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist natürlich einfacher. Ich schaue schnell einen Film, dann ist es mir nicht langweilig.
[00:32:23.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab so Experimente, bei denen man den Kindern ihre Spielsachen weggenommen hat und sie
mussten wieder selber Spielsachen machen.
[00:32:33.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Langeweile bringt einem, dass man wieder Fantasie entwickelt.
[00:32:40.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens wollen die Leute heutzutage keine Langeweile mehr haben, man will immer unterhalten sein,
man will ständig gefüttert werden.
[00:32:48.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Langeweile hat, muss man vielleicht mehr reflektieren, man muss in die eigene Welt gehen.
[00:32:58.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele können das dann gar nicht oder haben Angst davor.
[00:33:02.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben auf eine Art auch Angst vor sich selber.
[00:33:06.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer bin ich eigentlich, was will ich eigentlich?
[00:33:08.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine Ablenkung von sich selber.
[00:33:09.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich selber aushalten können.
[00:33:16.430] – Bemerkung 6
Warum ist es denn so schwierig? Wenn man das hört, ist es einem offensichtlich klar, dass einem die
Flucht in die digitale Welt nicht so gut tut. Warum ist es dann so schwierig zu sagen, ich mache etwas
anderes, das mir gut tut?
[00:33:22.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Suchtmechanismus.
[00:33:36.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ja gesagt, Befriedigungs-, Belohnungsverhalten.
[00:33:39.146] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Youtube Filme schaut, es ist eine Belohnung, es ist interessant, es ist lustig.
[00:33:39.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ein Spiel macht und man gewinnt, hat man eine Belohnung.
[00:33:51.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die schnelle Belohnung, wenn man Heroin nimmt, hat man gleich das Gefühl von Belohnung.
[00:33:58.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Man fühlt sich gut.
[00:34:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Computerspiel gibt einem viel schneller das Belohnungsgefühl.
[00:34:04.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit sich alleine ist und Langeweile hat und viele Kinder sagen, es sei ihnen langweilig, da
muss man ehrlich sagen, ja, man muss durch die Langeweile durch, damit man wieder etwas Neues
herausfinden kann.
[00:34:20.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schwierig.
[00:34:22.000] – Bemerkung 6
Es ist einfach schwierig. Ja, ich frage mich warum sind wir so blöd?
[00:34:27.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Suchtmechanismus.
[00:34:32.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Süchtigen wissen, dass es schlecht ist. Es tut mir nicht gut, aber ich will so schnell eine Belohnung.
Meistens verdrängen sie mit der Belohnung auch irgendein negatives Gefühl.
[00:34:48.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das negative Gefühl will ich nicht. Ich will mich nur noch gut fühlen.
[00:34:51.720] – Bemerkung 6
Das ist eine Entscheidung, die auf diese Art nicht gut ist.
[00:34:58.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so.
[00:35:00.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum würde ich auch sagen, man kann es nicht einfach den Kindern überlassen, wie viel sie dürfen und
wie viel nicht. Das können die Kinder nicht entscheiden. Dann übernimmt das schnelle
Belohnungsverhalten.
[00:35:13.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Alkohol hat man herausgefunden, wenn man den Ratten Wasser mit Alkohol gegeben hat, waren
am Schluss alle süchtig.
[00:35:27.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie konnten sich nicht dagegen wehren.
[00:35:29.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Menschen geht es ungefähr ähnlich.
[00:35:32.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Interessanterweise wurden die erfolgreichen Ratten zuletzt süchtig, die dominanten Ratten, welche eine
hohe soziale Stellung hatten.
[00:35:42.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ratten, welche eine tiefe soziale Stellung hatten, wurden am schnellsten süchtig.
[00:35:48.680] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Natur, wenn es vergärte Früchte gab, wurden die Elefanten oder Affen alle besoffen.
[00:35:55.380] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Natur gibt es keinen Nachlieferanten.
[00:36:00.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwann trocknen die Pfützen mit den vergärten Früchten aus, und dann kann nicht mehr süchtig
werden.
[00:36:08.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch liefert alles nach.
[00:36:11.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum müssen wir auch wieder Grenzen setzen.
[00:36:12.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum müssen Eltern den Kindern schon Grenzen setzen, damit die Kinder erfahren, ich kann anders
auch Spass haben.
[00:36:22.990] – Bemerkung 7
Es braucht also den Erzieher, es braucht denjenigen, der sagt: Hey kommt, das ist nicht gut.
[00:36:27.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will nicht, dass du deine Befriedigung nur davon bekommst. Es gibt noch soviele schöne Sachen, wo
du die Befriedigung bekommen kannst. Da kann man ein Hobby pflegen, da kann man irgendetwas
miteinander machen, das qualitativ viel wertvoller und nachhaltiger ist, als das Computerspiel.
[00:36:51.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss helfen zu steuern. Der Mensch muss lernen zu erfahren, dass man über andere Dinge auch
noch ein tolleres Gefühl haben kann.
[00:37:10.130] – Bemerkung 7
Wenn heute so viele Jugendliche auf diese Games abfahren, fehlen andere Leute, welche sie davon
abhalten.
[00:37:22.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ja bequem, wenn die Kinder mit ihren Videogames beschäftigt sind. Man muss den Kindern die
Alternativen aufzeigen.
[00:37:22.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe den Rattenfänger von Hameln, wo die Eltern über die schrecklichen Kinder klagten, die einem
immer stören und plagen. Dann kam er mit seiner Pfeife und sagte, er helfe ihnen. Er pfiff so schön, das
ist wie eine Sucht. Die Kinder liefen ihm alle hinterher und verschwanden im Berg.
[00:37:50.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hatte sie los, die Plage, aber man hatte auch die Kinder los.
[00:37:55.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder aufzuziehen, ihnen eine Menschenwerte Umgebung zu geben, ist anstrengend. Das kommt nicht
einfach von selbst. Wir müssen da wieder etwas leisten. Wir müssen uns Mühe geben dafür.
[00:38:15.240] – Bemerkung 7
Ja, für mich hilft es sehr. Für mich ist es offensichtlich, was es braucht und was fehlt. Für mich ist es ein
Mandat, dort zu investieren.
[00:38:27.660] – Bemerkung 8
Was passiert im Hirn, wenn die Leute Gamen? Bekommen die Kinder Hormonschübe?
[00:38:33.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Endorphinausschüttung.
[00:38:33.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie das Spiel gewinnen, oh geil, jetzt habe ich das gewonnen. Jetzt bin ich schon so weit
gekommen, da gibt es wahrscheinlich eine Endorphinausschüttung.
[00:38:46.100] – Bemerkung 8
Wenn sie viel gewinnen, haben sie das dann relativ stark?
[00:38:49.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwann wird es dann auch wieder etwas langweilig. Dann brauchen sie ein besseres Spiel.
[00:38:55.280] – Bemerkung 8
Dann fehlt der Kick sozusagen und dann fällt man so ein wenig in ein Loch rein, wenn man dann nicht
nachdoppeln kann?
[00:39:04.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor allen Dingen, wenn man dann rausgeht, ist man auf einmal nicht mehr der Held.
[00:39:11.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist man, was mache ich jetzt? Ich habe nichts erreicht. Alle schauen mich blöd an. Der Gegensatz
ist dann riesig.
[00:39:22.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geht man lieber wieder dorthin zurück, wo man wieder die guten Gefühle bekommt. Das ist der
Suchtmechanismus.
[00:39:33.200] – Bemerkung 9
Neben Spielen, Games und Filme zu schauen ist ja auch Kommunikation. Viele jungen Menschen
kommunizieren sehr viel über die sozialen Medien.
[00:39:50.300] – Bemerkung 9
Da merke ich auch, da gibt es solche, die mit dem Smartphone vor der Nase in die Pause gehen um zu
schauen, was sie alles für Botschaften erhalten haben.
[00:40:03.850] – Bemerkung 9
Ich habe es grob zusammengerechnet. Man kommt schnell, wenn man das auch dazu nimmt, kommt auf
4 1/2 bis 6 Stunden pro Tag. Das beginnt ja schon am Morgen früh: Hey bist Du wach?
[00:40:15.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Problem. Wir kommunizieren zwar sehr und alle laufen mit ihrem Smartphone herum. Man
läuft über den Fussgängerstreifen und schreibt noch die letzte Botschaft. Man nimmt gar nicht mehr wahr,
was drumherum ist. Man ist nur immer am Kommunizieren.
[00:40:42.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sitzt an einem Tisch und will noch schnell schauen. Man wechselt hin und her von hier sein und in
die andere Welt gehen.
[00:40:53.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt auch eine sehr verstückelte Angelegenheit und auf eine Art eine recht oberflächliche.
[00:40:58.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann aus einer Beziehung in eine andere wechseln. Ich sitze mit Freunden am Tisch und schreibe
jemanden, der in Japan ist, oder was auch immer. Dann wechselt man ständig hin und her.
[00:41:13.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwo stört das und lässt nichts mehr Vertieftes zu.
[00:41:18.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erinnert mich an ein Beispiel am NIMH, also das National Institute of Mental Health in Washington.
[00:41:30.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat ein Forscher ein Mäuseuniversum gemacht.
[00:41:33.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Vier Pärchen haben sich dann vermehrt. Am Schluss war das voll und überbevölkert.
[00:41:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist passiert? Die haben sich ständig gestört. Also ich sage jetzt Beziehungsabläufe, also
Interaktionsabläufe sind ständig gestört worden.
[00:41:55.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir hier sprechen und dort wieder ins Mobile schauen, dann ist ja eigentlich die Interaktion ein
wenig gestört.
[00:42:03.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dadurch, dass die sich ständig gestört haben, haben sie am Schluss nicht mehr für ihre Kinder geschaut,
denn es war immer ein Störfaktor da.
[00:42:10.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Schluss haben sie nicht einmal mehr Kinder gemacht.
[00:42:14.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Was übrig geblieben ist, sind die sog. schönen männlichen Mäuschen, die überhaupt nicht mehr
gekämpft haben, nichts mehr gemacht haben, nur noch wie Narzissten hier sassen und sich anschauen
liessen.
[00:42:30.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas, was dann passiert. Das ist natürlich nicht das, was wir wollen.
[00:42:37.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollen nicht lauter solche Narzissten, Helden züchten, die nicht mehr normal miteinander
funktionieren.
[00:42:49.740] – Bemerkung 10
Ich habe eine Frage wegen Social Media. Es gibt ja auch das Mobbing. Dort hat man es selber in der
Hand. Warum geht man dort nicht raus? Warum bleibt man dort dabei?
[00:42:56.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Menschen sind soziale Wesen, wir wollen dazu gehören. Wir wollen zur Gruppe dazugehören.
[00:43:19.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist ja nur gut, wenn man so viele Einschaltquoten oder so viel gepostet hat. Die Kompetition läuft
über das Internet.
[00:43:28.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Mobbing kann auch über das Internet gehen.
[00:43:31.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch, der ein bisschen anders ist, also Mobbing läuft ja immer über das, dass die Gruppe sich
gegen jemand wendet, der leicht anders ist.
[00:43:43.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Der will eigentlich wieder dazugehören.
[00:43:45.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man gemobbt wird, wird er rausgedrängt. Eigentlich ist er sozial und will dazugehören. Man kann
nicht rausgehen, weil man dann ein Verlierer ist.
[00:43:53.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man von der Gruppe rausgedrängt wird, ist man ein Verlierer.
[00:44:00.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will diese Gruppe nur als Gewinner verlassen.
[00:44:04.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr man verloren hat, umso mehr muss man wieder rein, auf eine Art und Weise, wie man kämpft.
[00:44:12.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann keine Beziehung abbrechen als Verlierer. Das macht man nicht gerne, das bleibt.
[00:44:22.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum wollen die nicht rausgehen.
[00:44:24.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn z.B. jemand ein schlechtes Erlebnis am Arbeitsplatz hat, dann unterstütze ich die auch immer. Sie
dürfen künden, aber sie müssen sich zuerst noch einmal positionieren.
[00:44:35.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht gewinnen, nur für sich selbst einstehen.
[00:44:38.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es läuft immer alles über das Gewinnen.
[00:44:41.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer schöner ist, besser ist und mehr Anhänger hat usw.
[00:44:45.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, sie können nicht rausgehen, weil sie nicht als Verlierer rausgehen wollen. Wenn man sich
gemobbt fühlt, geht man als Opfer raus. Das ist schlecht.
[00:44:57.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch in einer Partnerschaft, also Ehepartner, die sich trennen oder scheiden. Da will jeder immer oben
dran sein und beide fühlen sich immer als Verlierer und kämpfen immer weiter und tun sich immer mehr
Wunden zufügen und verlieren immer mehr.
[00:45:19.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist immer das Kompetitive, anstatt sich einfach nur für sich hin zustellen.
[00:45:26.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre wieder die Eudaimonic Happiness. Ich mache etwas, ich stehe für mich ein. Ich muss nicht
über den anderen gewinnen.
[00:45:35.070] – Bemerkung 10
Lieber umbringen, als als Verlierer da zu stehen.
[00:45:35.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Richtig.
[00:45:38.310] – Dr.med. Ursula Davatz
So läuft die männliche Seele.
[00:45:43.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier bringe ich das Beispiel von Adolf Hitler. Er hat verloren, indem er in der Akademie nicht
aufgenommen wurde. Dann hat er einen Weltkrieg gemacht. Den hat er schlussendlich auch verloren.
[00:45:54.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder Spieler im Casino darf nur spielen, wenn man verlieren kann.
[00:46:03.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nicht verlieren kann, geht man wieder spielen. Verliert man noch mehr, geht man wieder
spielen. Dann gewinnt man etwas. Dann denkt man sich, dass man gewinnen kann.
[00:46:12.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch an den Börsen. Alle guten Börsenleute sind nur gut, wenn sie auch einen Verlust einstecken
können.
[00:46:22.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein sehr selbstbewusster Mensch kann das. Aber viele machen das, um ein Selbstwertgefühl zu
bekommen.
[00:46:29.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie dann verlieren, dann müssen sie immer wieder reingehen, bis alles weg ist.
[00:46:36.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen verlieren können.
[00:46:41.080] – Bemerkung 11
Ich habe noch eine Frage zu den sozialen Medien. Es leuchtet mir ein, dass man deshalb Dinge auf
Instagram und Facebook postet.
[00:46:41.280] – Bemerkung 11
Ich erlebe selber: Ich poste fast nichts aber trotzdem gehe ich immer schauen, was neu drauf ist. So
kriege ich aber nicht mehr Einschaltquote.
[00:47:00.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich glaube, das ist ein anderer Sinn. Das ist unsere Neugierde. Wir sind neugierig. Natürlicherweise sind
wir neugierig. Darum haben wir auch so viel herausgefunden auf dieser Welt. Ein Hund ist auch
neugierig, eine Katze kann auch neugierig. Wir sind neugierig.
[00:47:19.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir so viele Kontakte haben, dann nimmt es uns Wunder, was ist jetzt da gegangen ist.
[00:47:28.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind wir natürlich immer auf die anderen ausgerichtet und nicht auf uns.
[00:47:33.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtiger zu wissen, was der Hinz und Kunz gemacht, gesagt im Internet veröffentlicht hat anstatt
zu fragen: was möchte eigentlich ich?
[00:47:42.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor lauter Neugier und Wissen, was alle machen, verliert man sich selber.
[00:47:47.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine Art Neugier.
[00:47:50.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man jeden Abend Fernsehen schaut und schaut, was ist jetzt wieder passiert?
[00:47:56.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einmal nicht schaut, denkt man: Was habe ich jetzt verpasst? Dabei hat man nichts verpasst.
[00:47:56.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles, was man regelmässig macht, baut sich hier ein. Wenn es dann fehlt, hat man
Entzugserscheinungen.
[00:48:13.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es drei Tage nicht macht, gehen die schon wieder etwas weg. Es ist Neugier und Gewohnheit.
Es ist eine Gewohnheit. Ich muss jetzt schauen gehen was ich verpasst habe.
[00:48:29.070] – Bemerkung 12
Einerseits ist es ja die Neugier, aber wenn dann das Verhalten ist, dass die Leute zum Teil stundenlang
da drinnen schauen, dann kommt jedes Katzenvideo und dann geht man ein bisschen weiter, dann
kommt ein Elefant, der auf einen Kuchen sitzt.
[00:48:50.920] – Bemerkung 12
Das bringt ja überhaupt nichts, das ist nur verschwendete Zeit.
[00:48:56.200] – Bemerkung 12
Dennoch schafft man es nicht, das Gerät auf die Seite zu legen und aus dem Fenster zu schauen, etwas
sinnvolles zu tun.
[00:49:02.790] – Bemerkung 12
Manchmal ertappt man sich ja selber in den Ferien, wie man die ganze Zeit auf dem Handy rumdrückt.
Plötzlich merkt man: hey, ich habe Ferien, legt da Gerät weg und erst dann kann man aufatmen. Der Sog
ist heutzutage riesig. Wir sind alle abhängig von diesem kleinen Gerät.
[00:49:32.410] – Bemerkung 12
Auch nur EMails. Ich habe nichts bekommen. Hier sind wir alle ein wenig geschädigt.
[00:49:42.980] – Bemerkung 12
Das ist so ein schmaler Grad zwischen Sucht und … Wie kann man sich da selber kontrollieren?
[00:49:54.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es geht nur darüber, dass man realisiert: ich bin ja völlig versklavt von meinem Instrument und
von den Nachrichten, etc.
[00:49:59.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich selber sagen: ich will wieder etwas mehr frei sein.
[00:50:05.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es sich nur bewusst vornehmen. Von alleine passiert es nicht.
[00:50:15.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich wirklich aktiv darum bemühen und sagen Nein, jetzt lass ich es, es interessiert mich nicht,
was jetzt die letzte Botschaft ist.
[00:50:18.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es reicht auch, wenn man am Abend oder am Morgen schaut.
[00:50:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht immer alles so wichtig.
[00:50:32.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht einen bewussten Entscheid.
[00:50:36.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Unbewusst läuft es so: Oh, ich will das nächste sehen, ich will das nächste sehen.
[00:50:37.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ein gewisses Bewusstsein einschalten und sich dann zu dem bringen.
[00:50:49.180] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne sind wir alle anfällig auf Sucht. Darum sage ich, die Tiere können alle süchtig werden.
Wir können auch auf das Zeug süchtig werden.
[00:51:02.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Neugier und Gewohnheit können wir sagen. Man muss aus seiner Gewohnheit ausbrechen.
[00:51:15.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gefühl von Erholung: Ah, das war jetzt sehr schön, dass jetzt einmal alles ganz anders ist.
[00:51:28.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht ständig von all den Nachrichten aus der ganzen Welt gestört werden.
[00:51:29.574] – Bemerkung 13
Hat die Spielsucht schon einen ICD-10 Code? Wurde das von der WHO schon einmal anerkannt? Ich
habe gelesen, dass einmal darüber diskutiert wurde.
[00:51:42.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ob die Spielsucht einen ICD-10 Code hat, weiss ich gar nicht, das muss ich nachschauen.
[00:51:50.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Sicher gibt es jetzt schon Programme.
[00:51:52.780] – Dr.med. Ursula Davatz
In Basel gibt es Entzugsprogramme für die Spielsucht.
[00:51:58.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat es auch erkannt, dass es ein Suchtverhalten ist.
[00:52:01.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird in den Suchtberatungsstellen auch behandelt. Es ist wirklich eine Sucht.
[00:52:06.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat lange nicht davon gesprochen, aber es ist eine schwierige Sucht.
[00:52:16.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe solche, die ihr ganzes Leben verpfuscht haben, weil sie nur noch an dem Computer hängen
geblieben sind, also zu Nachtschattengewächsen wurden.
[00:52:25.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr man an dem hängt, um so lebensuntauglicher wird man.
[00:52:33.910] – Bemerkung 14
Wir haben jemanden, der gibt sich dann selber Namen. Er sagt zum Beispiel: ich bin John Hurt. Die
anderen sagen ihm dann auch so.
[00:52:59.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein anderes Phänomen.
[00:53:15.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Er identifiziert sich mit John Hurt. In der Jugend machen das alle.
[00:53:41.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Man identifiziert sich mit dem Filmschauspieler, dem Fussballer oder dem.
[00:53:45.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist legitim, dass man sich mit irgendeiner Figur identifiziert.
[00:53:51.980] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Wahnvorstellung, im Grössenwahn, identifiziert man sich auch mit Napoleon oder Christus, man ist
irgendeine grosse Figur.
[00:54:01.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, bei so einem hilft das ein wenig, dass er sich etwas spürt.
[00:54:05.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ihm immer sagt, nein, das bist Du nicht, nimmt man ihm ein gewisses Selbstwertgefühl weg.
[00:54:11.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei so einem würde ich das lassen und sagen, ok, John Hurt, komm, jetzt machen wir das.
[00:54:17.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hilft ihm. Das gibt ihm Rückgrat, das gibt ihm Substanz. Das würde ich ihm nicht wegnehmen.
[00:54:24.280] – Bemerkung 14
Ok.
[00:54:24.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem kann man es sogar missbrauchen oder verwenden, wenn man sagt, das passt jetzt aber
nicht zum John Hurt. Der würde es also so machen.
[00:54:37.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Figur etwas Besseres zuordnen, dort wo man ihn hin haben möchte.
[00:54:48.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde es ihm nicht wegnehmen. Das gibt ihm Rückhalt.
[00:54:51.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Er ist ohnehin nicht so stark und der braucht das.
[00:54:59.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die anderen, die nicht eingeschränkt sind, brauchen das eigentlich nicht.
[00:55:05.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, wir sind am Ende angekommen. Ich hoffe, sie konnten etwas mitnehmen und wir arbeiten weiter
daran. Das ist die heutige Erkenntnis, die ich zum jetzigen Zeitpunkt habe. Okay, viel Spass.
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