Die Rolle der Selbstwahrnehmung bei ADHS-Betroffenen

Die Quellen gehen nicht direkt auf die Selbstwahrnehmung von ADHS-Betroffenen ein. Allerdings lassen sich aus den Ausführungen von Dr.med. Ursula Davatz einige Schlussfolgerungen ziehen, welche die Bedeutung der Selbstwahrnehmung im Kontext der ADHS-Symptomatik und deren Bewältigung beleuchten.

  • Hohe Sensitivität und Kritikempfindlichkeit: Dr.med. Ursula Davatz betont die hohe Sensitivität von Menschen mit ADHS. Diese Sensitivität führt dazu, dass sie Kritik besonders stark wahrnehmen und verarbeiten. Häufige Kritik und Zurechtweisungen, denen ADHS-Betroffene oft ausgesetzt sind, weil sie nicht der Norm entsprechen, können zu einem negativen Selbstbild und einem schlechten Selbstwertgefühl führen. Die ständige Konfrontation mit negativen Rückmeldungen kann die Selbstwahrnehmung der Betroffenen stark prägen und dazu führen, dass sie sich selbst als ungenügend und nicht liebenswert empfinden.
  • Anpassungssyndrom und Selbstverleugnung: Dr.med. Ursula Davatz beschreibt das Anpassungssyndrom, dem insbesondere Mädchen und Frauen mit ADHS unterliegen. Sie passen sich den Erwartungen des Umfelds an, um Kritik zu vermeiden und geliebt zu werden. Dabei vernachlässigen sie ihre eigenen Bedürfnisse und entwickeln keine starke Selbstwahrnehmung. Im Extremfall kann dies dazu führen, dass sie den Bezug zu sich selbst verlieren und nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind.
  • Selbststeuerung und Selbstwertgefühl: Dr.med. Ursula Davatz betont die Wichtigkeit der Selbststeuerung für eine gesunde Entwicklung. Ein übermässig kontrollierendes Umfeld verhindert, dass die Jugendlichen lernen, ihre eigenen Emotionen zu regulieren und eigene Entscheidungen zu treffen. Dies kann die Entwicklung einer stabilen Selbstwahrnehmung und eines gesunden Selbstwertgefühls behindern.
  • Intrinsische Motivation und Selbstverwirklichung: Menschen mit ADHS haben oft einen starken inneren Antrieb („dicken Kopf“) und sind intrinsisch motiviert. Sie wehren sich gegen Fremdbestimmung und möchten ihren eigenen Weg gehen. Eine positive Selbstwahrnehmung und das Bewusstsein für die eigenen Stärken und Bedürfnisse sind wichtig, um diese intrinsische Motivation in positive Bahnen zu lenken und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Selbstwahrnehmung von ADHS-Betroffenen stark durch die Erfahrungen im Umfeld geprägt wird. Häufige Kritik, Anpassungsdruck und fehlende Unterstützung können zu einem negativen Selbstbild und einem schwachen Selbstwertgefühl führen. Umgekehrt können ein unterstützendes Umfeld und die Förderung von Selbststeuerung und Selbstverwirklichung die Entwicklung einer positiven Selbstwahrnehmung und eines starken Selbstwertgefühls unterstützen. Die Quellen betonen, dass die bestmögliche Unterstützung darin besteht, den individuellen Bedürfnissen von ADHS-Betroffenen gerecht zu werden und ihnen zu helfen, ihre eigenen Stärken und Potenziale zu erkennen und zu entfalten.

https://ganglion.ch/pdf/Wie%20und%20wann%20entgleisen%20Jugendliche.pdf

Der Zusammenhang zwischen Narzissmus und Identität

Dr.med. Ursula Davatz erläutert in ihrem Vortrag den engen Zusammenhang zwischen Narzissmus und der Entwicklung der persönlichen Identität. Sie argumentiert, dass narzisstische Persönlichkeitsstörungen oft das Resultat von Störungen in der Identitätsfindung sind.

Narzissmus als Folge von gestörter Identitätsfindung

Dr. Davatz betont, dass die Identitätsfindung ein lebenslanger Prozess ist, der in der Pubertät beginnt und sich stetig fortsetzt. Eine gesunde Identitätsentwicklung erfordert Freude an sich selbst, was auch mit dem ursprünglichen, positiven Verständnis von Narzissmus verbunden ist.

Probleme entstehen, wenn die Identitätsfindung gestört wird. Dies kann durch verschiedene Faktoren geschehen, wie z.B.:

  • Mangelnde Anerkennung und Akzeptanz in der Kindheit: Wenn Kinder nicht die notwendige Unterstützung und Bestätigung von ihren Eltern und ihrem Umfeld erhalten, kann dies zu einem Mangelgefühl führen. Diese Menschen suchen dann im späteren Leben oft übermässig nach Anerkennung, um dieses Defizit zu kompensieren.
  • Überbehütung und Verwöhnung: Auch ein Übermass an Lob und Anerkennung kann die Identitätsfindung stören. Wenn Kinder nicht lernen, mit Frustrationen und Herausforderungen umzugehen, werden sie später im Leben schnell gekränkt und reagieren unangemessen.
  • Unerfüllte Erwartungen der Eltern: Wenn Eltern unrealistische Erwartungen an ihre Kinder stellen, die nicht mit deren Talenten und Interessen übereinstimmen, kann dies die Identitätsentwicklung behindern. Die Kinder fühlen sich unter Druck gesetzt und können ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche nicht frei entfalten.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung und ihre Auswirkungen

Die gestörte Identitätsfindung kann zur Entwicklung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung führen. Menschen mit dieser Störung zeichnen sich durch folgende Merkmale aus:

  • Selbstbezogenheit: Sie stellen ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle in den Mittelpunkt und haben wenig Empathie für andere.
  • Kränkbarkeit: Sie sind äusserst sensibel und fühlen sich schnell verletzt, was zu aggressiven Reaktionen oder Rückzug führen kann.
  • Kritikunfähigkeit: Sie können Kritik nur schwer ertragen und reagieren oft mit Abwehr oder Verleugnung.
  • Bedürfnis nach Anerkennung: Sie haben ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung und Bestätigung, was für ihr Umfeld anstrengend sein kann.
  • Anspruchshaltung: Sie haben oft das Gefühl, dass ihnen etwas zusteht, was sie in der Kindheit nicht erhalten haben, und erwarten von anderen, diese Bedürfnisse zu erfüllen.

Umgang mit narzisstischen Personen

Der Umgang mit narzisstischen Personen kann herausfordernd sein. Dr. Davatz gibt folgende Ratschläge:

  • Sorgfältige Kommunikation: Achten Sie auf einen respektvollen und wertschätzenden Umgang, um unnötige Verletzungen zu vermeiden.
  • Wahrnehmen und Validieren von Verletzungen: Nehmen Sie die Verletzungen des Gegenübers ernst und zeigen Sie Verständnis, ohne ihn zu verhätscheln.
  • Konfliktlösung: Helfen Sie der Person, ihre Gefühle in Worte zu fassen und konstruktive Lösungen für Konflikte zu finden.
  • Fehlerkultur: Schaffen Sie ein Umfeld, in dem Fehler als Lernchance gesehen werden und offen darüber gesprochen werden kann.

Die Bedeutung der Identitätsfindung

Dr. Davatz betont, dass die Identitätsfindung ein wichtiger Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung ist. Sie ist eng mit der Berufsfindung verbunden, da der Beruf in unserer Gesellschaft einen zentralen Stellenwert einnimmt und massgeblich zur Identitätsstiftung beiträgt.

Die Unterstützung junger Menschen bei der Berufsfindung ist daher von grosser Bedeutung. Durch die Entdeckung ihrer Talente und Interessen und die Wahl eines passenden Berufs können sie ihre Identität festigen und ein selbstbestimmtes Leben führen.

Narzissmus überwinden

Dr. Davatz ist überzeugt, dass Menschen auch von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung loskommen können. Dies erfordert jedoch Geduld, Unterstützung und die Bereitschaft zur Veränderung.

Zentrale Elemente für die Überwindung des Narzissmus sind:

  • Positive Erfahrungen: Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen müssen positive Erfahrungen machen, in denen sie wertschätzt und anerkannt werden.
  • Lernen und Entwicklung: Es ist wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, zu lernen und sich weiterzuentwickeln.
  • Begleitung: Ein unterstützendes Umfeld mit geduldigen und verständnisvollen Menschen ist essenziell.

Anstatt den Narzissmus zu bekämpfen, sollte man die Identitätsfindung der betroffenen Person fördern. Wenn die Identitätsentwicklung positiv verläuft, kann der Narzissmus allmählich zurückgehen.

ADHS/ADS und Narzissmus

Dr.med. Ursula Davatz sieht einen Zusammenhang zwischen ADHS/ADS und der Entwicklung von Narzissmus. Menschen mit ADHS/ADS sind oft sehr sensibel und reagieren entweder mit Aggression oder Rückzug auf Kränkungen. Diese Eigenschaften können die Entwicklung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung begünstigen.

Dr.med. Ursula Davatz vertritt die Ansicht, dass ADHS/ADS die Grundkonstellation darstellt und die narzisstische Persönlichkeitsstörung durch die Interaktion mit einem ungünstigen Umfeld entsteht.

https://ganglion.ch/pdf/Narzissmus%20und%20Persoenlichkeitsfindung%20Wendepunkt_15.6.2023.pdf

Umgang mit „System Overload“ bei Autisten

Dr.med. Ursula Davatz beschreibt in ihrem Vortrag, wie man mit dem „System Overload“ bei Autisten umgehen sollte. Sie erklärt, dass Autisten aufgrund ihrer Hypersensitivität schnell überfordert sein können und dann ihr Umfeld nicht mehr richtig wahrnehmen. Es kommt zu einem „System Overload“, einem Zustand der Überlastung, in dem sie nicht mehr richtig funktionieren können.

Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt Dr. Davatz Ruhe und Geduld. Man sollte versuchen, die Situation zu beruhigen und den Autisten „runterzufahren“. Erst wenn der Autist wieder in einem entspannten Zustand ist, kann er sein Umfeld wieder adäquat wahrnehmen.

Dr. Davatz vergleicht den „System Overload“ mit dem Zustand eines überlasteten Menschen, der in seinem Umfeld nichts mehr wahrnehmen kann. Sie betont, dass man sich dem Autisten anpassen muss und nicht versuchen sollte, ihn zu etwas zu drängen.

Zusätzlich erwähnt Dr.med. Ursula Davatz den Ansatz der teilnehmenden Beobachtung, der im Umgang mit Autisten generell hilfreich ist.

https://ganglion.ch/pdf/Wendepunkt-ASS-26.11.2024.m4a.pdf