Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
19.5.2025
Erziehungsstil, Emotionskontrolle
Audio
[00:00:02.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begrüsse euch alle ganz herzlich zu dieser Weiterbildung.
[00:00:13.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich spreche über Erziehungsstile und Emotionsregulation.
[00:00:27.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich meine beruflichen Erfahrungen anschaue, wie ich mit den Patienten umgehe,
muss ich häufig Erziehungsfehler, Erziehungs-Missgeschicke usw. ausgleichen, über
Jahre hinweg.
[00:00:37.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Eltern bei den Kindern kaputt gemacht haben, muss ich dann als
Bezugsperson langsam wieder korrigieren.
[00:00:51.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich nicht so schnell möglich, wie bei einem Kind.
[00:00:56.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei dem Kind kann man mit der Erziehung viel schneller etwas verändern, bei den
Erwachsenen braucht es länger. Es lässt sich korrigieren.
[00:01:07.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehungsstile in der Kindheit beeinflussen die Emotionsregulation im
Erwachsenenalter.
[00:01:24.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einen Fragebogen entwickelt über Erziehungsstile.
[00:01:54.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehungsstile kann man unterschiedlich einteilen.
[00:02:01.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meist verwendete Erziehung ist Erziehung durch Strafen und Belohnen.
[00:02:08.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist Konditionierung.
[00:02:17.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Verhaltenstherapie hat diesen Modus aufgenommen.
[00:02:18.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin erstaunt, wie viel Erziehung in der Schule noch heute über Belohnung und
Bestrafung läuft.
[00:02:33.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht bei Durchschnittsmenschen nicht so schlecht und hat sich bewährt.
[00:02:40.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den ADHS/ADS Kindern funktioniert das überhaupt nicht.
[00:02:45.650] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder haben mehr Probleme mit Impulskontrolle, Emotionskontrolle.
[00:02:50.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Impuls wird von den Emotionen gesteuert.
[00:02:56.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die werden dauernd bestraft. Sie werden in ihrem Selbstwert, in ihrer Selbstwirksamkeit
geschädigt.
[00:03:05.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles, was sie tun, ist dann immer falsch.
[00:03:08.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann zu einem schlechten Selbstwertgefühl führen und schlussendlich, entweder
zu einem totalen Rückzugsverhalten oder zu einem Überspringen der Regeln. Das ist
die Delinquenz.
[00:03:28.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Frauen führt es eher zu einem Rückzugsverhalten, bei den Männern führt es zu
einem Überspringen der Regeln und zur Delinquenz.
[00:03:32.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der kommune Erziehungsstil.
[00:03:38.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nach Land, kann der unterschiedlich sein.
[00:03:38.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weiterer Erziehungsstil ist Erziehung durch Angst machen.
[00:03:59.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Erziehungsstil vom Samichlaus. Wenn du nicht gehorchst, nimmt dich der
Samichlaus mit im Sack.
[00:04:06.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Angst machen.
[00:04:11.040] – Dr.med. Ursula Davatz
In den Märchen herrscht oft ein Erziehungsstil durch Angst machen.
[00:04:11.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele alte Geschichten, wo Erziehung durch Angst machen gebracht wird.
[00:04:37.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das läuft über das moralische Empfinden vom Kind und über die Angst.
[00:04:44.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Erzieht durch Angst ist an sich aus meiner Sicht auch nicht sehr eine gute Erziehung.
[00:04:50.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie funktioniert, aber sie schädigt auch wieder die Persönlichkeitsentwicklung.
[00:05:01.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort kommt auch die Erziehung durch Beschämung hinzu.
[00:05:10.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehung durch Beschämung wird auch in der Schule noch sehr viel gemacht. Das
wurde früher unglaublich viel gemacht und wird auch heute noch gemacht.
[00:05:19.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas vom Brutalsten, Gemeinsten. Dort tut man das Kind vor der Gruppe
blossstellen.
[00:05:34.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehung durch Beschämung bewirkt eigentlich nur Aversionsverhalten,
Ausweichverhalten.
[00:05:37.990] – Dr.med. Ursula Davatz
In bestimmten Situationen ist das sinnvoll. Das sind ganz wenige Situationen.
[00:05:58.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn im Frühling bei den Eskimos ein Kind auf das Eis geht, wenn es das nicht mehr
tun darf, weil es dann gefährlich wird, dieses Kind wird vor der ganzen Gruppe
beschämt.
[00:06:15.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort ist das hilfreich, denn man will nicht, dass das Kind dies wieder tut, denn es könnte
seinen Tod bedeuten.
[00:06:19.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Kind wegen seiner Legasthenie der Klasse beschämt, ist das nicht sehr
sinnvoll.
[00:06:34.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt nur mit sich, dass das Kind nicht mehr gerne zur Schule geht, dass es gar
nicht mehr lernen will, dass es nie lesen und schreiben lernt, weil es sich so schämt für
sein sogenanntes Fehlverhalten, respektive sein nicht Können.
[00:06:50.490] – Dr.med. Ursula Davatz
In meiner Klasse gab es einen ADHS/ADS Jungen. Der konnte nicht gut schreiben. Er
wurde häufig beschämt.
[00:07:08.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beschämung bringt in der Tat nur Aversionsverhalten, also Ausweichverhalten mit
sich.
[00:07:19.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Jungen mit Legasthenie (LRS) in der Behandlung. Er hatte 40 Fehler im
Aufsatz.
[00:07:30.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wurde vor der ganzen Klasse beschämt.
[00:07:34.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Er war bei mir in der Pubertät. Ich habe ihn nicht in die Schule gebracht. Er hat jeden
Morgen erbrochen, ist ausgewichen, etc.
[00:07:34.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erziehung in der Schule hat dazu geführt, dass er alles was Schule anbetrifft,
verweigert hat.
[00:07:58.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das will der Lehrer nicht.
[00:08:05.350] – Bemerkung 1
Bei den Eskimos ist das sinnvoll, weil das Ziel das Ausweichverhalten ist?
[00:08:05.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort ist das Aversionsverhalten richtig.
[00:08:20.930] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Schule, wo man lernen sollte, ist das Aversionsverhalten überhaupt nicht richtig.
[00:08:29.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Dennoch wird es häufig gemacht in der Schule und natürlich auch zu Hause.
[00:08:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Dritte Erziehungsstil ist auch ein emotionaler Erziehungsstil, welcher über die
Mutter läuft. Das Auslösen von Schuldgefühlen, über die eigenen Leiden.
[00:08:51.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du dich so benimmst, macht der Vater einen Herzinfarkt.
[00:08:55.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Du dich so benimmst, kriegt die Mutter einen Asthmaanfall.
[00:08:59.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehung durch Drohen mit der Krankheit.
[00:09:08.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann die Erziehungsstelle auch nicht so genau voneinander abgrenzen, aber dort
gehört wahrscheinlich auch das Drohen rein.
[00:09:24.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du das tust, geschieht das.
[00:09:46.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das eigene Leiden appelliert dann sofort an die Schuldgefühle und an die Empathie.
[00:09:55.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Mädchen löst das eine Empathie aus, die passen sich dann in der Regel an
und stellen sich selber zurück.
[00:10:07.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Knaben kann es das Übersprungverhalten auslösen: das geht mich nichts an,
ich weiche aus, ich gehe weg.
[00:10:21.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Knaben können sich oft besser gegen das zur Wehr setzen.
[00:10:26.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Mädchen sind dann immer rücksichtsvoll, legen ein gewisses Anpassungs-/
Sozialverhalten an den Tag.
[00:10:32.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit behindern sie ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung.
[00:10:38.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehungsstile durch Prinzipien mit Regeln.
[00:10:43.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine Regel ohne Ausnahme.
[00:10:48.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist sinnvoll Regeln zu haben. Manchmal werden auch Ausnahmen gemacht.
[00:10:54.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Ausnahmen müssen diskutiert werden.
[00:11:03.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist meine Regel, heute ist Fasnacht, darum können wir diese Regel überspringen.
[00:11:09.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Regel nie überspringt, lernt das Kind keine Flexibilität.
[00:11:17.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Die übersprungenen Regeln werden diskutiert.
[00:11:18.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Mutter hat gesagt: sie war konsequent in konsequent. Sie hatte ihre Regeln, aber
das Kind hat es fertig gebracht, diese Regeln ständig zu durchbrechen.
[00:11:22.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sich zu viel vorgenommen haben, ist es wichtig, dass sie klar umentscheiden.
[00:11:28.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wollte das, ich muss sagen, es geht nicht.
[00:11:28.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Stau ist, kann man den nicht ändern, dann muss man neu disponieren.
[00:11:37.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das neue Disponieren muss mit dem Kind zusammen gemacht werden. Dann wird klar
gesagt: hier durchbrechen wir die Regel und machen es anders.
[00:12:18.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Laissez-Faire Erziehung lässt einfach alles laufen. Ein Kind der Natur.
[00:12:18.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher waren die Kinder im Wald, auf dem Bauernhof, haben zusammen gespielt,
haben eingesteckt, etc. Das ist die anti-autoritäre Erziehung, wo man einfach alles
laufen lässt.
[00:12:50.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Notfall wird eingegriffen, wenn sich zwei den Kopf einschlagen. Dann sagt man
wieder die Regel.
[00:13:16.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Erwachsene frage ich: was haben ihre Eltern für einen Erziehungsstil gehabt? Wie
haben ihre Eltern den Erziehungsstil durchgesetzt?
[00:13:25.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat diese Prinzipien, wenn die nicht eingehalten werden, dann wird bestraft oder
belohnt.
[00:13:28.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann mit dem Kind sprechen.
[00:13:35.960] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder können ihre Emotionen schlechter regulieren, weil sie sehr sensibel
sind, andererseits auch eine starke Emotionalität haben, ausrasten und sich dann
emotional so genannt schlecht benehmen.
[00:14:09.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Werden diese Kinder bestraft für ihr Ausrasten, für ihren Mangel an Impulskontrolle,
dann behindert, dämpft man ihre Persönlichkeitsentwicklung.
[00:14:31.720] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Regel gibt es immer zwei Eltern, manchmal kommt noch eine Grossmutter oder
ein Grossvater dazu. Dort kommen andere Erziehungsstile rein.
[00:14:34.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter ist zum Beispiel sehr streng erzogen worden mit Belohnung und Bestrafung.
Sie will ihre Kinder menschlicher erziehen, dann ist man zu Besuch bei der Grossmutter
und dann kommen all die anderen Stile wieder rein.
[00:14:59.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt die Diskussion: wer hat jetzt das Sagen?
[00:15:04.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man sagen: bei der Grossmutter läuft es einfach so ab, da muss man sich
anpassen.
[00:15:05.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder die Tochter sagt: das ist mein Kind, ich sage was geht, du hast hier nichts zu
sagen.
[00:15:11.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es Streit zwischen Mutter und Grossmutter.
[00:15:16.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Man geht nicht mehr zu Besuch oder man zieht aus. Hier können alle möglichen
Dramen passieren.
[00:15:40.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater hat einen Erziehungsstil, die Mutter hat einen Erziehungsstil, die sind
unterschiedlich.
[00:15:47.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die können dann miteinander kämpfen.
[00:15:53.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Läuft es schief und das Kind wurde delinquent, drogensüchtig, ist oft die Haltung, die
Mutter ist schuld daran, dass das Kind nicht gut raus gekommen ist.
[00:15:55.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Für alle positiven Sachen ist der Vater Schuld. Dort darf der Vater stolz sein.
[00:15:58.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt nicht aber das sind die gängigen Verhaltensweisen.
[00:16:06.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat dann oft die Haltung, Vater und Mutter müssen am gleichen Strick ziehen.
[00:16:13.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich „Strick" höre, dann denke ich sofort: das Kind wird erwürgt.
[00:16:19.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder sagen auch häufig: ich habe immer zwei gegen mich gehabt. Vater und Mutter
haben am gleichen Strick gezogen und ich war in der Ohnmacht.
[00:16:29.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner therapeutischen Erfahrung sage ich: sie müssen nicht am gleichen Strick
ziehen, aber sie müssen ihre unterschiedlichen Erziehungsstil klar deklarieren.
[00:16:42.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Vater läuft das so, bei der Mutter läuft das so.
[00:16:47.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Erziehungsstile zu unterschiedlich sind, dann müssen sie sogar Tage
vereinbaren, wann der Vater zuständig ist und wenn die Mutter zuständig ist.
[00:16:59.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Sonst tun die einander immer rein reden.
[00:17:03.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann macht das Kind schlussendlich, was es will und hat überhaupt keine Regeln. Es
lebt dann einfach nach seinen Regeln.
[00:17:16.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind hat dann keinen Referenzpunkt, kann sich nicht ausrichten nach einer
Struktur.
[00:17:22.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass die unterschiedlichen Verhaltensweisen, die unterschiedlichen
Erziehungsstile klar abgegrenzt werden.
[00:17:40.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat die Mutter in der Regel die Erziehung gemacht. Ist die Mutter nicht mehr
durch gekommen, hat sie den Vater geholt. Warte nur, wenn der Vater am Abend nach
Hause kommt, gibt es Schläge.
[00:17:53.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter hat so den Vater als Autorität verwendet.
[00:17:54.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht so gut.
[00:18:01.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat zum Teil funktioniert. Der Vater ist eine männliche Figur, hat eine andere
Ausstrahlung und dann hatte man Angst vor dem Vater.
[00:18:10.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist heute nicht mehr die Methode. Heute sind mehr Väter teilweise zu Hause und
übernehmen die Erziehung.
[00:18:12.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute muss der väterliche und der mütterliche Stil klar deklariert werden und klar
abgesprochen werden, wer in einer Situation zuständig ist.
[00:18:26.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn eine Mutter nicht mehr weiter kommt und der Vater ist zu Hause, kann die Mutter
auch sagen: jetzt gebe ich dich ab an den Vater und er kann weiter schauen.
[00:18:27.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Übergabe muss klar deklariert werden. Nicht einfach davon rennen und sagen: du
bist ein schreckliches Kind.
[00:18:46.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Übergaben, die Veränderungen, die Veränderungsschritte, sollten möglichst
benennt und klar deklariert werden.
[00:19:05.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig erlebt man, dass Vater und Mutter zusammen kämpfen: wer hat den besseren
Erziehungsstil.
[00:19:11.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Schweizerin, ADHSlerin, hat zwei kleine Kinder. Ihr Mann ist Albaner. Dort kommt
der autoritäre oder der absolut verwöhnende Erziehungsstil rein.
[00:19:29.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Vater darf das Kind alles machen, weil der Vater das lustig findet, sie spielen
zusammen.
[00:19:34.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Mutter gibt es Regeln. Sie wird dann verrückt, dass der Vater beim Kind alles
durchgehen lässt, wenn sie dem Kind Regeln beigebracht hat.
[00:19:44.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier muss die Mutter stark genug sein und sagen: für mich läuft es so. Bei mir möchte
ich, dass es so läuft.
[00:20:02.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht um das Folgen. Es geht darum, dass man sich durchsetzt.
[00:20:02.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter oder der Vater muss sich durchsetzen.
[00:20:08.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht darum, dass das Kind einfach folgt.
[00:20:11.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr lebendige Kinder, ADHS/ADS Kinder, die folgen häufig nicht.
[00:20:16.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sich nur durchsetzen.
[00:20:19.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man vom Kind gehorsam verlangt, erwartet man eigentlich immer schon eine
Unterordnung.
[00:20:29.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr emotionale, impulsive, temperamentvolle Kinder, die wollen sich nicht
unterordnen.
[00:20:37.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist immer älter, man hat mehr Erfahrung und man sollte eigentlich in der Lage sein,
sich durchzusetzen.
[00:20:44.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Um sich durchzusetzen, braucht es Geduld.
[00:20:48.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute sind wir alle gewöhnt, man drückt auf den Knopf und dann passiert das, was man
will.
[00:20:54.670] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Erziehung geht das nicht.
[00:20:57.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht einfach auf den Knopf drücken und dann macht das Kind genau man
das, was man will, sondern es gibt eine Verzögerung.
[00:21:03.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich durchsetzen.
[00:21:06.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig haben Menschen, die Eltern, die Erzieher nicht diese Geduld.
[00:21:07.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche gilt in der Schule. Ein Durchsetzten braucht Geduld.
[00:21:12.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Kann man sich vor einer Gruppe nicht gegen ein schwieriges Kind durchsetzen, dann
blamiert man sich von der ganzen Klasse.
[00:21:26.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus Angst vom sich blamieren, geht man dann zum Teil ungeschickt mit dem Kind um.
[00:21:36.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man sehr kreativ sein und eine neue Lösung finden.
[00:21:40.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich nicht durchsetzen kann, dann funktioniert es nicht, dann muss man
umdisponieren.
[00:21:48.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort ist es auch wieder wichtig, dass man klar umdisponiert.
[00:21:55.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Erziehungsstil hat einen Einfluss auf die Emotionen und auf die Emotionsregulation.
[00:22:02.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat das für eine Auswirkung, wie dann das Kind als Erwachsener seine Emotionen
reguliert?
[00:22:39.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehung durch Strafe, Angst machen, über das eigene Leiden, bewirkt eine starke
Emotionskontrolle beim Kind.
[00:22:47.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Mädchen springen eher auf das an, dass sie ihre Gefühle zurück nehmen. Das geht bis
zur Gefühlsunterdrückung. Sie richten sich dann nur noch auf das Gegenüber aus, sei
das die Mutter oder der Vater.
[00:23:00.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, sie passen sich an, sie schauen immer, was der andere will.
[00:23:08.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie merken schon, wenn die Mutter oder der Vater zur Tür reinkommt, wie die gelaunt
ist. Dann bringt man sich in Deckung, ist brav, ist nett, ist angepasst, ist empathisch.
[00:23:14.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das führt dazu, dass bei ADHS/ADS Mädchen die Diagnose nicht gestellt wird.
[00:23:39.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hiess es: fünf Knaben auf ein Mädchen haben ADHS/ADS.
[00:23:39.602] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute heisst es: 1.5 Knaben auf ein Mädchen.
[00:23:39.699] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gleicht sich langsam an. Das wäre normal.
[00:24:06.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Frauen wird das ADHS/ADS erst zwischen 35 und 45 Jahren gestellt, weil die sich
so gut anpassen können.
[00:24:06.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt mit sich, dass die Persönlichkeit der ADHS/ADS Mädchen unterdrückt
worden ist.
[00:24:29.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mädchen machen dann einen Depression. Sie bereifen sich vom engen
Erziehungsstil mit einer Manie, einer bipolaren Störung. Sie überschreiten in der
Pubertät alle Grenzen.
[00:24:29.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder sie werden drogensüchtig. So kann man die Eltern auch draussen behalten.
[00:24:30.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie verwenden auch ihre Sexualität und holen einen Mann rein und sind dann
zusammen stark mit dem Mann. Das hält meistens nicht lange.
[00:24:30.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Knaben passen sich weniger an. Da passiert wieder das Gleiche: sie sind nur
empathisch und können eigentlich ihr eigenes Temperament, ihre eigene Persönlichkeit,
nicht entwickeln.
[00:25:15.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Die bleiben dann meistens zu Hause. Sie heiraten nicht, sie bleiben im Haus.
[00:25:17.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Kampf kommt schlussendlich dann bei der Vererbung. Die Schwestern sind schon
weggegangen. Der Knabe ist immer noch bei der Mutter und wenn es um die Vererbung
des Hauses geht, dann kommt er auf einmal in die Gänge und will alles für sich.
[00:25:39.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehung durch Laisser-Faire, Laisser-Aller, das sind Kinder von der Natur und die
werden über das Leben erzogen, über wie die Sachen, also wie die lebendige Welt auf
sie reagiert.
[00:25:59.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht so schlecht.
[00:25:59.800] – Dr.med. Ursula Davatz
In unserer kontrollierten, organisierten Welt geht das nicht mehr.
[00:26:10.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Springt man in der Schule herum, wenn man zuhören sollten, kommt man unter das
Messer, wird bestraft und dann läuft das nicht.
[00:26:18.010] – Dr.med. Ursula Davatz
In den Bergkantonen haben früher die Kinder noch im Sommer drei Monate schulfrei
gehabt.
[00:26:33.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie mussten auf dem Bauernhof helfen.
[00:26:39.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Umgang mit den Tieren, haben sie einiges gelernt, mit einem Tier kann man nicht
alles machen, man muss sich auch an das Tier anpassen.
[00:26:47.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Dadurch ist ein natürliches Lernen in den Ferien passiert.
[00:26:51.700] – Dr.med. Ursula Davatz
In unseren Flachland Regionen hat man nur vier Wochen Ferien oder fünf.
[00:26:56.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig werden Lager organisiert und dann muss man sich wieder in diesen Situationen
anpassen.
[00:27:06.900] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinn haben wahrscheinlich die Laisser-Faire Kinder keine gute
Impulskontrolle. Sie lernen diese über die Reaktionen vom Umfeld.
[00:27:15.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann mit einem Pferd nicht alles tun, mit einem Huhn nicht, mit einem Hund nicht.
Man lernt über verschiedene Lebewesen.
[00:27:28.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Sicher nimmt sich das das Kind nicht so stark zurück, wie bei der Erziehung durch
Angst machen, krank werden von der Mutter etc.
[00:27:50.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehung durch Prinzipien und Regeln.
[00:27:50.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort sieht man einen intellektuellen Erziehungsstil. Das beobachte ich auf der Strasse.
[00:27:59.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Mütter reden auf der Strasse in einem Erwachsenen Stil auf das Kind ein. Dieser Stil
versteht das Kind nicht.
[00:27:59.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind ist nicht einfach ein kleiner Erwachsener, es ist auf einem anderen Niveau.
[00:28:16.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Man redet und redet und redet und das Kind versteht gar nichts.
[00:28:20.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt schnell einen System Overload, wo das Kind nicht mehr weiss, worum es geht.
[00:28:32.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn zu viel erklärt wird, kann das Kind in dem Sinn nur verwirrt werden.
[00:28:40.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Es versteht dann gar nicht, was eigentlich das Prinzip ist in dem Moment.
[00:28:50.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es um Erziehung über Prinzipien und Regeln geht, muss man immer auch auf
das Niveau vom Kind gehen, also auf das Altersniveau vom Kind, und immer wieder
daran denken: wie nimmt das Kind etwas wahr und was kann das Kind verstehen?
[00:29:08.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee hinter der Erziehung über Prinzipien und Regeln ist, dass das Kind die Regeln
dann über nimmt und selber sich organisiert.
[00:29:23.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Mütter haben oft die Tendenz im Haushalt zu sagen: mach noch das, mach noch das.
Könntest du mir bitte noch das tun?
[00:29:32.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind sagt dann zu Recht: ich bin doch nicht dein Sklave.
[00:29:48.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind ist noch nicht alt genug dafür.
[00:29:50.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Müttern sage ich immer: machen sie Regeln. Bestimmen sie Ämter. Schreiben sie
die Ämter auf, visuell. Heute bist Du dran, schau die Regel an.
[00:30:10.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee davon ist, dass das Kind die Regeln internalisiert und dadurch
Sozialkompetenz erwirbt, und dann besser umgehen kann mit seinen Geschwistern
oder auch mit den Klassenkollegen.
[00:30:23.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Mutter immer noch den Befehl behaltet, dann übernimmt das Kind keine
Verantwortung.
[00:30:29.550] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Erwachsene frage ich: wie ist das gelaufen? Hat die Mutter sie immer daran
erinnert etwas zu machen?
[00:30:29.804] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Antwortet lautet: ja.
[00:30:59.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben sie es nie gelernt. Jetzt müssen sie sich das selber sagen.
[00:31:08.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Für die Mutter ist es einfacher, zu sagen: tu dies, tu jenes. Man ist immer der
Befehlsgeber.
[00:31:08.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das anpassungsfähige Kind tut dies alles brav, aber es internalisiert nichts.
[00:31:10.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht so geschickt.
[00:31:12.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Da erzieht man gehorsam aber keine Selbstständigkeit.
[00:31:19.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollen selbstständige Kinder.
[00:31:25.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Mütter sage ich: nicht einfach befehlen, sondern Regeln klar definieren, die
Regeln an den Kühlschrank hängen. Dann kann man an die Regeln erinnern.
[00:31:35.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sonst ist es immer ein Kampf zwischen Mutter und Kind, zwischen Befehl und
Gehorsam.
[00:31:42.570] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder folgen nicht gerne. Die müssen intrinsisch motiviert sein.
[00:31:42.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sie intrinsisch motivieren, wenn man ihnen ohne viel reden gewisse
Situationen aufzeigt.
[00:32:03.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann zeigen, was die Regeln sind, warum man diese hat, nicht zu viele
Erklärungen, so will man es.
[00:32:03.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Jesper Juul sagt: ich will. Ich will, dass dies in meinem Haushalt so gemacht wird.
[00:32:38.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Du sollst, du musst, das sagt er nicht.
[00:32:41.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man bringt immer sich als Person in die Diskussion.
[00:32:42.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Regeln können internalisiert werden. Dann läuft das von selber.
[00:32:46.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein schlechtes Beispiel von Befehl und Gehorsam ist Deutschland und der letzte
Weltkrieg.
[00:32:59.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind sehr streng erzogen worden und sind am Ende einem Hitler gefolgt.
[00:33:03.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn möchte ich, dass das Kind selber mitdenkt.
[00:33:12.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Es soll selber die Regeln internalisieren, es soll soziale Regeln lernen und selber
entscheiden lernen.
[00:33:16.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch ist ein soziales Wesen.
[00:33:24.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch hat soziale Gene, der Mensch hat Sozialverhalten, ohne dass er in die
Sonntagsschule geht.
[00:33:36.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf diese sozialen Genen kann man aufbauen, muss man aufbauen, damit er das in
sich noch ein bisschen differenziert, ein bisschen qualifiziert.
[00:33:50.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Delphine sind auch soziale Wesen und die retten ja sogar einen Mensch, der in Not ist.
[00:33:59.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir können auf den sozialen Genen von jedem Kind aufbauen, aber wenn das Kind zu
sehr verletzt wird in seinem eigenen Wesen, dann funktionieren die sozialen Genen
nicht mehr. Dann geht es nur noch um den Überlebenskampf.
[00:34:21.690] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder reagieren besonders schlecht auf bestrafende Erziehung.
[00:34:22.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie werden in dem Moment meistens bestraft für ihr Wesen, für ihr Temperament, das
sie gar nicht im Griff haben.
[00:34:43.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sogenannt nicht folgen, wenn sie in ihren Emotionen verletzt werden.
[00:34:50.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo sie in ihren Emotionen, in ihrer Persönlichkeit verletzt werden, igeln
sie sich ein, wehren alles ab und dann geht gar nichts mehr innen.
[00:35:01.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum sagt man ja, im Umgang mit ADHS/ADS Kindern, muss man immer in einer low
arousal Position sein.
[00:35:15.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss selber weniger erregt sein als das Kind.
[00:35:18.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist oft schwierig.
[00:35:21.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es riesiges Durcheinander ist, alle regen sich auf, dann hat es keinen Sinn mehr
zu erziehen.
[00:35:30.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man zuerst alles beruhigen, insbesondere sich beruhigen.
[00:35:30.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Danach kann man wieder sagen was man möchte.
[00:35:36.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal kann man es in dem Moment auch nicht.
[00:35:39.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man es einfach durchgehen lassen und dann wieder auf das
zurückkommen. Daran muss man denken.
[00:35:43.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erziehungsproblematik kann oft nicht gerade in der Sekunde gelöst werden.
[00:35:53.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss zuerst die Emotionen sich beruhigen lassen, bei sich vor allen Dingen und
natürlich auch beim Kind.
[00:36:00.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sich alles beruhigt hat, kann man wieder mit seinen Regeln kommen.
[00:36:08.630] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder haben eine schlechte Impulskontrolle, nicht einfach, weil sie per se
böse Kinder sind, sondern weil sie so leicht erregbar sind.
[00:36:21.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Schaut man das neurologisch an, das emotionale Hirn vom ADHS/ADS Kind nimmt
mehr Impulse rein, bleibt länger vernetzt mit seinen Sinnesorganen, lässt sich durch
mehr stören und kommt dann schneller in einen System Overload.
[00:36:41.850] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Zustand vom System Overload hört man nichts mehr, versteht man nichts mehr
und kann sicher keine Regeln mehr befolgen.
[00:36:50.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erziehungspersonen müssen bei einem ADHS/ADS Kind mehr Geduld haben und
dürfen nicht erziehen wollen in einem Zustand von High Arousal.
[00:37:02.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen warten, bis der Arousal runtergegangen ist bei sich und beim Kind und
dann können sie wieder mit ihren Regeln kommen.
[00:37:10.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Eher mit Regeln erziehen, nicht mit Belohnung und Bestrafung, damit das ADHS/ADS
Kind intrinsisch motiviert werden kann und sich diese Regeln zu Herzen nehmen kann.
[00:37:34.360] – Dr.med. Ursula Davatz
In einer bürgerlichen Erziehung ist es wichtig, dass man seine Emotionen unter
Kontrolle hat.
[00:37:41.650] – Dr.med. Ursula Davatz
So haben sich früher die Edelleute vom Bauernvolk unterschieden.
[00:38:11.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich nicht gut benommen hat, hat man nicht zur Mittelschicht, zur
Oberschicht gehört.
[00:38:26.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch wollte aufsteigen und hat sich deshalb gut benommen.
[00:38:32.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Diamantenhandel wird nie ein Vertrag gemacht. Es ist alles Beziehung.
[00:38:48.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn einer einmal gegen die Regeln verstösst, ist er draussen und er kommt nie mehr
rein.
[00:38:56.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert mit In-Group, Out-Group.
[00:39:00.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Man gehört zur Gruppe. Man muss sich nach den Regeln verhalten, dann gehört man
zur Gruppe. Wenn man gegen die Regeln verstosst, dann ist man Outkast, dann ist
man ein schwarzes Schaf, dann wird man in die Wüste geschickt, dann wird man
verstossen.
[00:39:20.300] – Dr.med. Ursula Davatz
An einer Tagung der kriminalistischen Gesellschaft ging es um das Geld und die
Banken.
[00:39:25.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Recht läuft nur territorial.
[00:39:34.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Schweizerische Gesetze, Deutsche Gesetze, überschneiden sich zum Teil aber sie
können nur territorial durchgesetzt werden.
[00:39:42.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Geld fliesst überall herum. Das hält sich nicht an Territorien.
[00:39:43.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Basel I und II, sagt man: wenn sich Menschen nicht an diese Regeln halten, dann
werden sie ausgeschlossen, dann fallen sie aus dem Kollektiv heraus.
[00:40:16.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Studenten haben in einem Pool gefischt. Mit jedem Fisch haben sie einen Franken
bekommen. Die Frage lautete: geht es dem Menschen immer um Kampf, Aug um Auge,
Zahn um Zahn, oder kann er auch moderat sein und an die anderen denken? Das
Klima und die Naturkatastrophen lassen grüssen.
[00:41:00.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Anfangs haben alle möglichst viel gefischt, um möglichst viel Geld zu bekommen. Dann
hat man einen moderaten Fischer darunter getan, ein Student, der nur moderat fischen
durfte. Das hat auf einmal angesteckt.
[00:41:03.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur das schlechte Verhalten steckt an, auch das gute Verhalten steckt an. Dann
haben alle moderat gefischt. Der Fischteich war weniger schnell ausgefischt.
[00:41:46.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Raubfischer wurden dazu gebracht, dass sie sich zurück nehmen und weniger
gefischt haben.
[00:41:52.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ganze Wirtschaft ist auf Raubfischen ausgelegt, bis zu einem gewissen Grad.
Langsam beginnt es zu drehen.
[00:42:07.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind einen Regelverstoss macht und es handelt sich um ein ADHS/ADS Kind
mit einer starken Impulsivität, es wird alles rumgeworfen, dann darf man nicht den
emotionalen Ausbruch bestrafen.
[00:42:26.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist einfach eine natürliche Reaktion.
[00:42:31.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Es schützt sich vor etwas oder es wehrt sich gegen etwas, das ihm gegen den Strich
geht.
[00:42:36.690] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder haben einen sehr starken Gerechtigkeitssinn.
[00:42:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Selbst wenn nicht nur gegen sie ungerecht vorgegangen wird, sondern auch gegen ein
Klassenmitglied ungerecht vorgegangen wird, dann wehren sie sich dagegen.
[00:42:59.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Kind hat die Schule verweigert, weil die Lehrerin die Klasse nicht richtig im Griff
gehabt hat, weil sie ungerecht war mit gewissen Kindern.
[00:43:10.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind hat zwei Jahre die Schule verweigert und ist nicht mehr in die Schule
gegangen. Das Kind macht jetzt Homeschooling.
[00:43:33.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Geschieht ein Regelverstoss, ein emotionaler Ausbruch, muss man zuerst
herausfinden, was hat das Kind so verletzt, was hat das Kind so geärgert, was war so
schwierig für das Kind.
[00:43:34.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind darf sagen, was zu diesen Emotionen geführt hat.
[00:44:01.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst wenn man das Kind in seinem emotionalen Ausbruch validiert hat anstatt zu
bestrafen, kann man sagen: ok, wie könntest du das nächste Mal reagieren,
sozialkompatibler? So kann man das langsam einüben.
[00:44:01.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe lange in der Nord-Ost Schweizerischen Strafvollzugskommission gearbeitet.
[00:44:23.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Strafsystem schaut nie: was hat zu dem Ausbruch geführt?
[00:44:25.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Man geht gleich zur Erziehung und sagt: das darfst du nicht machen, darum wirst du
jetzt eingesperrt und so lernst du quasi dich nicht mehr so verhalten.
[00:44:41.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine wirkliche Emotionskontrolle, die läuft nur darüber, indem das Individuum, wenn es
so ausbricht, man es zuerst versteht, indem es zuerst validiert wird in seinem
sogenannten schlechten Verhalten, sodass es sich akzeptiert fühlt. Danach kann man
sagen: die Regel ist so und so.
[00:45:09.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie könntest du das nächste Mal das lernen? Wie kannst du Alternativen finden?
[00:45:31.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Hippocampus vom emotionalen Hirn kann ständig neue Zellen produzieren.
[00:45:38.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die neuen Zellen nehmen dann wieder Ereignisse auf.
[00:45:43.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Seine Speicherkapazität ist nicht so gross.
[00:45:47.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn zu viele dramatische stressmässige Erlebnisse passieren, gibt es wieder den
System Overload.
[00:45:58.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann bricht alles zusammen.
[00:46:01.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit es im emotionalen Gehirn keinen System Overload gibt, muss das Erlebnis
prozessiert werden.
[00:46:10.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Erlebnis muss in einer ruhigen Situation angeschaut werden: was ist es gewesen?
Es muss verarbeitet werden.
[00:46:17.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man es im Grosshirn ablegen ohne Emotionen.
[00:46:22.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist Traumatherapie.
[00:46:27.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das emotionale Erlebnis verarbeiten, damit man es ablegen kann, damit man
nicht einfach den automatischen Impuls, die impulsive Reaktion hat.
[00:46:42.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man direkt zur Bestrafung geht, passiert keine Verarbeitung.
[00:46:47.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sogenannt gut erzogene Leute, die ihren Impuls gut unter Kontrolle haben, wenn
die dann zu fest belastet werden, sie können sich nach aussen mit ihrem Benehmen gut
verhalten.
[00:47:05.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Was passiert dann? Die Emotionalität, der emotionale Stau, der System Overload, der
geht dann in den Körper.
[00:47:13.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind die gut erzogenen Mädchen mit ADHS/ADS.
[00:47:18.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei einer Frau ist der Vater früh gestorben. Sie musste sehr vernünftig sein. Sie hat
lauter psychosomatische Dinge entwickelt.
[00:47:29.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit wir keine psychosomatische Krankheiten entwickeln, müssen wir lernen dürfen,
unsere Emotionen zu bearbeiten, um sie dann abzulegen im Grosshirn.
[00:47:42.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sind wir wieder frei und können uns gesund durch die Welt bewegen.
[00:48:03.350] – Bemerkung 1
Kennst Du die bedürfnisorientierte Erziehung? Das boot jetzt. Das ist ein Mittelding von
Laissez-faire, sehr nahe an den Gefühlen der Kinder. Das Spannende ist, die
Generation von Eltern jetzt, ich glaube, für euch ist das noch viel schwieriger.
[00:48:52.120] – Bemerkung 1
Wir haben eben auch wirklich viele Elternteile, die selber ADHS/ADS haben. Das ist
wirklich eine Herausforderung.
[00:49:14.060] – Bemerkung 1
Das ist wunderbar, wenn du das sagst, dann muss man erst mal das regulieren können
bei sich selber, low arousal und so weiter.
[00:49:22.510] – Bemerkung 1
Die Eltern sind bei sich und die merken wie es ihnen als Kind gegangen ist. Sie
versuchen es bei ihrem Kind selber zu regulieren, haben aber selber diese Schritte nie
gemacht, weil die anders aufgewachsen sind: einfügen als Mädchen, Beschämung als
Junge. Die haben eine Verwirrung.
[00:49:49.570] – Bemerkung 1
Ganz viel passiert heute aus meiner Sicht über eine wahnsinnige Verunsicherung und
eigentlich auch eine Verwirrung. Was gilt jetzt? Dieses durchsetzen. Ich gehe über die
Gefühle des Kindes hinweg und damit auch über meine eigenen.
[00:50:34.280] – Bemerkung 1
Wie kann man da gegensteuern als Eltern aus mit der Hilfe von Donald Trump?
[00:50:34.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Eltern von ADHS/ADS Kinder in Behandlung. Denen muss ich zuerst
helfen, zu sich selber zu kommen.
[00:50:42.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Haim Omer spricht von der gewaltfreien Kommunikation.
[00:50:53.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht um eine gewaltfreie Kommunikation, sondern es geht eine
bedürfnisorientierte Kommunikation.
[00:50:59.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer zuerst die Bedürfnisse wahrnehmen und befriedigen, soweit das geht.
[00:51:06.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst dann kann man gewaltlos kommunizieren.
[00:51:19.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesen Eltern muss ich oft helfen sich zu differenzieren von ihrer Herkunftsfamilie, dass
sie schauen, wollen sie, das ihr Stil durchgesetzt wird.
[00:51:30.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann müssen sie natürlich ihren eigenen Eltern gegenüber sagen: nein, ich will es so.
[00:51:35.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist gut und recht, wie du es gemacht hast, ich will es hier so.
[00:51:41.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die grösste Schwierigkeit ist dann von der Mutter und dem Vater, sich gegen die
eigenen Eltern durchzusetzen, beziehungsweise zu differenzieren.
[00:51:54.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort geht es auch wieder um den Unterschied.
[00:51:56.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast es so gemacht und ich mache es jetzt so.
[00:51:59.180] – Bemerkung 2
Wenn sie dann wissen, wie sie es wollen.
[00:52:03.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man dann wieder fragen.
[00:52:06.040] – Bemerkung 3
Man muss sich getrauen zu wollen. Das Kind reagiert bereits darauf. Die Handlung
muss sich entfalten können.
[00:52:52.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Das läuft über eine Selbstwahrnehmung.
[00:53:00.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss den Eltern beibringen, dass sie sich besser selbst wahrnehmen, dass sie
ihren Stress wahrnehmen.
[00:53:05.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Psychosomatikunterricht frage ich immer: wie reagieren sie, wenn sie unter Stress
kommen?
[00:53:16.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Selbstwahrnehmung unter Stress. Die einen bekommen Kopfschmerzen, die
anderen schreien, die anderen sagen gar nichts mehr, die anderen bekommen
Rückenschmerzen.
[00:53:23.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man diese Selbstwahrnehmung bei den Eltern stärkt, sie unterstützt, damit sie das
wahrnehmen, danach kommt dann ihre Handlung.
[00:53:30.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Arbeit, das ist nicht einfach.
[00:53:40.930] – Bemerkung 4
Ich stelle auch eine Überbehütung der Kinder fest im Hinblick auf die Selbständigkeit.
Fünftklässler, Sechstklässler, werden überall hin mit dem Auto gefahren. Der Gehweg
wäre kürzer.
[00:54:57.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist ein riesiges Problem.
[00:54:59.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern meinen, sie machen etwas Gutes für das Kind, sie beschützen es.
[00:55:03.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Eltern muss man wieder validieren: ich weiss, sie machen das, um das Kind zu
schützen, es ist eine gute Absicht. Punkt, Pause.
[00:55:17.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie machen ihr Kind unselbstständig. Das ist nicht gut.
[00:55:22.760] – Dr.med. Ursula Davatz
In der heutigen Welt tun sie ihrem Kind keinen Dienst.
[00:55:27.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Kind ist es ein vernünftiges Wesen. Kinder sind vernünftiger, als wir denken.
[00:55:29.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir sie vor allen Gefahren schützen, genau die Kinder, die vor allem beschützt
werden, die werden dann über ihre Grenzen ehrgeizig oder abenteuerlustig.
[00:55:48.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher muss man den Eltern sagen: sie müssen dem Kind diesen Spielraum lassen.
Das Kind lernt selber mit diesen Dingen umzugehen.
[00:56:00.590] – Bemerkung 5
Gewisse Eltern, die auf das eingeschossen sind, können das fast nicht verstehen.
[00:56:00.840] – Bemerkung 6
In den USA und in Frankreich ist es normal, dass man seine Kinder in die Schule fährt.
[00:56:06.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch in Spanien erlebt, da gehen alle Eltern mit den Kindern in die Schule,
obwohl das Kind genau weiss wie es in die Schule laufen muss. Es machen es alle so.
[00:56:45.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dennoch: damit mein Kind in dieser schwierigen Welt überlebt, ist es wichtig,
dass es Eigenverantwortung übernehmen darf.
[00:57:05.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich dem Kind die Eigenverantwortung ständig wegnehme und ständig als Topf-
Pflanze behandle, dann ist es nicht so widerständig.
[00:57:21.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Die amerikanischen Kinder, wenn die in die Schweiz gekommen sind, sind sie alle krank
worden, weil sie nicht mit verschiedenen Bakterien und Viren gewohnt sind,
umzugehen.
[00:57:30.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute weiss man, das Kind darf im Dreck spielen. Es muss sogar Dreck essen oder es
darf, damit es sein Immunsystem aufbaut.
[00:57:39.780] – Dr.med. Ursula Davatz
So analog könnte man sagen, es ist zwar gut gemeint von ihnen, es ist sehr behütend,
aber sie tun dem Kind keinen Dienst.
[00:57:48.770] – Bemerkung 7
Was ich auch oft höre: es könnte etwas passieren.
[00:58:03.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wieder etwas mit dieser negativen Vorahnung, da verbaut man sich das ganze
Leben.
[00:58:11.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit macht man das Kind nicht lebensfähig.
[00:58:20.520] – Bemerkung 8
Wie kann man die Eltern unterstützen, wenn die starke, negative Vorahnungen haben?
[00:58:26.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich natürlich fragen, wie ängstlich sind sie erzogen worden? Wovor hatte ihre
Mutter Angst? Was ist gemacht worden?
[00:58:36.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich vergleiche immer den Erziehungsstil der Eltern.
[00:58:43.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann läuft es wie beim Desensibilisieren. Man tut ein Antigen drauf, so leicht und
langsam.
[00:58:50.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man wieder fragen: wie haben sie es schon gelernt?
[00:58:50.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz allgemein, sind die Kinder vernünftiger, kennen ihre Grenzen besser, als wir
meinen.
[00:59:01.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss lernen, seine Grenzen wahrzunehmen.
[00:59:02.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Der erwachsene Mensch ist oft der Unvernünftigste.
[00:59:14.621] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Expedition auf den Mt. Everest, wo sie mit der Filmgruppe alles vorgeplant haben.
Dann sind sie zu spät aufgestiegen. Am Schluss sind fast alle umgekommen, einfach
weil sie den Ehrgeiz hatten, das dennoch zu können.
[00:59:14.627] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/In_eisige_H%C3%B6hen
[00:59:14.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter welche immer begleitet, hat den Ehrgeiz eine perfekte Erziehung zu machen.
Ehrgeiz ist an dieser Stelle nicht gut.
[00:59:43.680] – Bemerkung 9
Ja, oder vielleicht auch die Angst, die Sorge.
[00:59:44.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Es steckt immer Angst dahinter.
[01:00:05.000] – Bemerkung 9
In den USA können die Kinder nicht mal alleine draussen spielen.
[01:00:29.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es läuft über Angst. Angst macht dann wieder Ausweichverhalten und nicht Kompetenz
erwerben.
[01:00:36.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir beschützen unsere Kinder, wir begleiten sie überall hin. Auf dem Internet laufen die
schlimmsten, brutalsten, angsterregenden Killerspiele.
[01:00:51.520] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Realität dürfen sie nichts erleben. Dann gehen sie in der digitalen Welt erleben.
[01:01:02.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Besser einen Schulweg haben. Der Schulweg ist etwas vom interessantesten gewesen
in meiner Kindheit.
[01:01:03.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder holen das Abenteuer in der digitalen Welt nach.
[01:01:25.080] – Bemerkung 10
Die Kinder, welche das in ihrer Kindheit nicht erleben konnten, die haben später die
Tendenz das nachzuholen. Das kann auch beeindruckend sein für die Eltern zum
sagen.
[01:01:34.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern haben alles kontrolliert und das Kind musste dann extreme Dinge tun um sich
zu lösen von der Kontrolle.
[01:01:51.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Kontrollieren die Eltern weniger, muss das Kind nicht so extrem sein.
[01:02:22.640] – Bemerkung 11
Wie ist eure Erfahrung mit den eigenen Erziehungsstilen?
[01:02:30.890] – Bemerkung 12
Bei uns dürfen die Eltern die Kinder nicht in die Schule fahren. Das wird am
Elternabend auch erklärt, dass dies wichtig ist für die Selbständigkeit der Kinder. Man
schaut zusammen im Quartier.
[01:03:34.140] – Bemerkung 12
Die psychische Gesundheit der Eltern hat einen grossen Einfluss auf die Kinder.
Gewisse Eltern können nicht loslassen, weil sie mit sich selber nicht im Reinen sind und
das Gefühl haben: mir geht es selber nicht gut.
[01:03:59.660] – Bemerkung 12
Andere sind so stark mit sich selber beschäftigt, dass sie keine Energie mehr haben für
das Kind.
[01:04:18.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gehst du dann mit diesen Eltern um?
[01:04:22.200] – Bemerkung 13
Ich schaue dann: wie sind die Eltern aufgewachsen?
[01:04:30.960] – Bemerkung 13
Eine Mutter sagt immer: ich muss immer meine Bedürfnisse zurückstecken, weil meine
Kinder immer etwas von mir wollen.
[01:04:33.190] – Bemerkung 13
Die Mutter ist depressiv und musste in der Kindheit schon immer ihre Bedürfnisse
zurückstecken. Jetzt ist die Mutter wieder am gleichen Ort.
[01:04:57.480] – Bemerkung 13
Was braucht die Mutter, damit es ihr besser geht?
[01:05:09.420] – Bemerkung 13
Beim Vater kann das Kind alleine spielen. Bei der Mutter geht das nicht.
[01:05:11.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie lernt die Mutter, dass das Kind alleine spielt?
[01:05:17.620] – Bemerkung 14
Wir verwenden die Marte Meo Methode.
[01:05:21.490] – Bemerkung 14
Sie kann sich den Raum nicht geben. Sie will alles richtig machen. Sie leitet das Kind
immer wieder an. Es fällt der Mutter sehr schwer, nichts zu sagen.
[01:06:02.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Kindern Spielzeuge gegeben und alles erklärt. Die Kinder haben zehn Minuten
gespielt. Hat man gar nichts erklärt, finde es selber heraus, dann hat das Kind eine
Stunde damit gespielt.
[01:06:18.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gehört zum Kind, dass es ausprobieren darf.
[01:06:18.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gehört zum Lernverhalten des Kindes, dass es Dinge falsch macht, um neues
herauszufinden.
[01:06:38.730] – Bemerkung 15
Bei mir knetet das Kind endlos. Das Kind erlebst sich selbst wirksam bei mir.
[01:07:02.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist der Impuls, dass die Mutter das Kind nicht machen lassen kann? Im Augenblick,
wo das Kind spielt, könnte die Mutter etwas für sich machen.
[01:07:18.870] – Bemerkung 16
Das sind wir jetzt am Üben. Er ist drei Jahre alt. Das ist der erste Schritt.
[01:07:32.410] – Bemerkung 16
Er muss merken, dass er es selber kann. Das braucht Geduld.
[01:07:45.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Kleine Kinder brauchen oft noch die Anwesenheit der erwachsenen Person.
[01:07:51.470] – Bemerkung 16
Ja, die Mutter ist noch in Reichweite, neben dem Esstisch.
[01:07:56.910] – Bemerkung 17
Zutrauen, machen lassen. Diesen Ausdruck verwende ich häufig.
[01:08:34.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt. Zutrauen gibt Empowerment.
[01:08:49.380] – Bemerkung 18
Den Eltern kann man gut einfache Beobachtungsaufgaben geben. Darauf kann man gut
aufbauen. Etwas das zu 99% gut kommt. Das hat eine grosse Wirkung, bis hin zum
Schulweg.
[01:09:27.720] – Bemerkung 19
Für eine Mutter war es keine Variante, dass man dem Kind zuschauen kann beim
spielen. Sie kannte diese Variante nicht.
[01:09:44.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind etwas für sich tut und die Mutter greift nicht ein, kann die Mutter in
eigene Gedanken versinken, meditieren.
[01:10:06.930] – Bemerkung 20
Die Marte Meo Methode trainiert das mit Video. Das ist eine sehr gute Methode.
[01:10:35.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Was kann die Mutter gedanklich für sich machen? Die Mutter meint immer, sie müsse
etwas machen.
[01:11:02.450] – Bemerkung 21
Das ist wichtig, bei Marte Meo, dass die Mutter präsent ist. Stricken könnte die Mutter
auch.
[01:11:23.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat man früher gemacht.
[01:11:46.640] – Bemerkung 22
Das Kind wird gesehen, ohne dass die Mutter eben gleich in die Initiative kommen muss
oder dass das Kind um extra Aufmerksamkeit buhlen muss. Du musst benennen, was
das Kind macht.
[01:12:41.210] – Bemerkung 22
Wenn du psychisch krank bist, wirst du noch weniger gesehen. So wie du dich siehst,
stimmt auch nicht.
[01:12:41.210] – Bemerkung 22
Wir schaffen eigentlich ganz fest mit diesen positiven Emotionen intrinsischer Motivation
bei den Eltern. Ich finde es trotzdem so schwierig mit diesen dysregulierten Eltern. Viele
von unseren Eltern haben ADHS/ADS und Folgeerscheinungen, wie Depressionen,
Sucht, gescheiterte Berufskarrieren usw.
[01:13:59.150] – Bemerkung 22
Dann kommt das Kind nach Hause und Mutter/Vater werden auf den Prüfstand gestellt
ob sie gut sind oder nicht.
[01:14:11.180] – Bemerkung 22
Spricht man heute noch über Erziehungsstile? Ist das noch gebräuchlich?
[01:15:23.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit einer Mutter ansteht, frage ich immer: wovor haben sie am meisten
Angst? Was wollen sie verhindern? Wovor haben sie Angst, dass es passiert? Dann
sieht man wie die Mutter denkt. Wie ist ihre Mutter gewesen.
[01:15:54.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele sagen dann: ich hatte eine ängstliche Mutter, ich bin streng erzogen worden.
[01:15:55.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage auch: wovor haben sie Angst und was wollen sie weitergeben? Was ist ihnen
wichtig, dass ihr Kind das lernt.
[01:16:11.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Was wollen sie ihrem Kind mitgeben? Was ist ihnen wichtig? Wovor haben sie Angst?
[01:16:23.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann auf Verhaltensebene sein oder auf mentaler Ebene, Anstand.
[01:16:23.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Müttern, die nicht loslassen können, die wollen alles wahnsinnig richtig machen
und haben Angst, etwas falsch zu machen. Durch diese Angst machen sie genau alles
falsch.
[01:16:54.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Kind ist viel vernünftiger, als man denkt.
[01:16:59.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Kind immer unterbricht, lernt es nichts.
[01:16:59.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Zweifelsfall überlässt man das Flugzeug sich selber. Das sagen die Piloten. Es ist
aerodynamisch konstruiert.
[01:17:17.780] – Dr.med. Ursula Davatz
https://en.wikipedia.org/wiki/Air_France_Flight_447
[01:17:18.980] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.tagesschau.de/ausland/europa/vorfall-lufthansa-ohmacht-100.html
[01:17:22.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist jetzt sogar ein Fall gewesen. Heute haben sie natürlich alle Autopilote drinnen
und der Pilot ist aus dem WC gegangen und der Co-Pilot ist auch mächtig geworden
und dann haben sie den wieder aus dem WC ges holen, aber das Flugzeug ist wieder
geflogen. Habe ich natürlich auch. Und sie ist nie mehr gestorben.
[01:17:46.320] – Bemerkung 23
Beide Eltern sind Pädagogen. Sie haben das studiert und es funktioniert beim eigenen
Kind nicht.
[01:17:49.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Um Gottes Willen, ja, die müssen mal alle Pädagogik vergessen.
[01:18:17.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Jean Piaget hat seine Experimente an seinen eigenen Kindern gemacht. Die waren
dann alle gestört.
[01:18:43.590] – Bemerkung 24
Hinsitzen, zuschauen und nichts tun.
[01:18:48.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas vom Schwierigsten in unserer hyperaktiven Zeit. Nur beobachten.
[01:19:17.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Bus, im Tram sind alle immer am Handy. Nichts tun ist sehr schwierig.
[01:19:53.500] – Bemerkung 25
Gibt es Erziehungs Apps? Wie verhalte ich mich erzieherisch richtig? Der Bedarf ist
gross. Die Eltern haben keine Geduld mehr. Die Eltern trauen sich selber nichts mehr
zu. Sie können dem Kind nicht mal mehr beibringen, wie das Kind auf die Toilette gehen
muss.
[01:20:58.940] – Bemerkung 26
Die Eltern sind nicht bereit, dem Kind zu zeigen, wie man die Jacke aufhängt. Immer
wieder. Die Eltern wünschen sich einen Tipp, wie man mit einmal sagen eine 100%
Veränderung erwirkt.
[01:21:50.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist gewohnt: auf Knopfdruck funktioniert es.
[01:21:50.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Kind geht es nicht so. Es braucht Zeit.
[01:21:59.860] – Bemerkung 27
Werte und Haltungen. Sie sollen sich entscheiden, was für sie wichtig ist. So kommen
sie zum Erfolgserlebnis.
[01:22:52.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Weniger ist mehr. Sich nur auf wenige Dinge konzentrieren. Den Resten laufen lassen.
Oft wollen sie alles. Das geht gar nicht.
[01:23:19.120] – Bemerkung 28
Die Kinder machen es nicht von sich aus. Die Eltern müssen auch selber dran bleiben.
[01:23:21.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft geht man intellektuell vor. Wenn man es einmal gesagt hat, dann wird es so
gemacht, denkt man. Es muss eingeübt werden. Es geht nicht auf Knopfdruck. Es ist zu
stark im Intellektuellen. Kinder sind schnell. Die machen schnell irgendetwas.
[01:23:22.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss dort sein, bevor sie die Jacke in die Ecke geschmissen haben.
[01:24:01.170] – Bemerkung 29
ADHS/ADS Kinder folgen nicht, man kann sich höchstens durchsetzen.
[01:24:06.800] – Bemerkung 29
Das ist ein guter Satz von dir.
[01:24:27.450] – Bemerkung 29
Dann braucht es noch Klarheit und Geduld.
[01:24:29.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut, es braucht beides. Es braucht Klarheit und Geduld.
[01:24:38.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Wort "Folgen" enthält: du musst mir hinterher laufen.
[01:24:43.090] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder sind immer schneller und laufen vorne dran.
[01:24:43.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss schnell genug sein, präsent genug sein und Geduld haben.
[01:24:57.140] – Bemerkung 30
Bei der bedürfnisorientierten Erziehung geht das nicht, weil das Bedürfnis vom Kind
wichtiger ist.
[01:25:10.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein. Ziehen sie zuerst die eigene Sauerstoffmaske an. Erst danach die
Sauerstoffmaske dem Kind anziehen.
[01:25:23.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss den überforderten Müttern immer zuerst Sauerstoff geben. Die Mütter, Helfer
müssen schauen, dass sie in einer guten Verfassung sind. Nicht zuerst auf das Kind los
gehen, sonst ist die ganze Erziehung nichts wert.
[01:25:51.250] – Bemerkung 31
Was brauchen unsere Kinder für einen Erziehungsstil?
[01:25:52.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich den eigenen Wertvorstellungen bewusst sein. Was ist einem wichtig,
was ist unwichtig. Was möchte ich durchsetzen.
[01:26:10.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht immer darum, dass man selber schaut: wo stehe ich, was ist mir wichtig? Was
möchte ich meinen Kindern weitergeben?
[01:26:33.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist meinen Eltern wichtig gewesen? Was möchte ich davon übernehmen? Was
möchte ich anders machen?
[01:26:38.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sein eigenes Bewusstsein schärfen.
[01:26:39.050] – Bemerkung 32
Was kann ich schon? Was weiss ich schon? Was habe ich von meinen Eltern
bekommen und was möchte ich für mich verändern? Gewisse Dinge waren vielleicht
gut?
[01:26:42.570] – Bemerkung 32
Es gibt viele Eltern, die von ihren Kinder geschlagen werden. Das beginnt früh.
[01:27:50.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Eltern von den Kindern geschlagen werden, muss man immer fragen: was ist
davor geschehen? Häufig stören die Eltern das Kind? Wenn die Eltern das Kind soviel
stören, dann schlägt das Kind zu.
[01:28:20.270] – Bemerkung 33
Marte Meo sagt, dass man sich nicht schlägt.
[01:28:26.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird nie ohne Grund geschlagen. Es gibt immer einen Grund dafür.
[01:28:38.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Kind hat immer irgendein anderes Kind geschlagen beim vorbeilaufen. Das ist eine
ungeschickte Kontaktaufnahme.
[01:28:56.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist ein Kind immer isoliert und dann ist es plötzlich unter Kindern, dann weiss es gar
nicht wie es damit umgehen soll.
[01:29:02.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss immer geschaut werden: wie ist das Kind gestört worden?
[01:29:02.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Übereifrige Eltern stören das Kind wahnsinnig viel.
[01:29:19.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht böse gemeint, sie wollen helfen, aber sie stören.
[01:29:24.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Übererziehung stört das Kind in seiner natürlichen Motorik, in seiner natürlichen
Explorationsfreude. Es heisst immer sofort: so nicht.
[01:29:40.480] – Bemerkung 34
Die Kinder sind selten zu Hause und können einfach so spielen. Die Kinder sind immer
sehr verplant.
[01:29:51.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, es ist alles schon durchgeplant.
[01:29:55.950] – Bemerkung 35
Oder sie sitzen vor dem Bildschirm.
[01:30:04.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind muss sich Selbststimulation holen, in dem es Dinge ausprobiert.
[01:30:14.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wird das Kind ständig kontrolliert, muss sich das Kind seine Freiheit holen, indem es
zuschlägt.
[01:30:14.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind hat für seine Selbstexploration nicht genügend Möglichkeiten. Häufig sind sie
überorganisiert.
[01:30:47.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann holen sie sich am Handy ihre Aufregungen, ohne Konsequenzen.
[01:30:54.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute gibt es für alles Apps. Ich bin eine Gegnerin davon. Eltern dürfen ihre Kinder
individuell erziehen, sie müssen sie individuell erziehen. Damit sie das können, müssen
sich die Eltern zuerst bewusst sein: wer bin ich, was will ich, was ist mir wichtig, was ist
mir egal?
[01:30:55.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute ist immer alles wichtig, das geht nicht.
[01:31:10.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Mut zur Lücke.
[01:31:34.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand psychisch krank ist, muss die Person trotzdem lernen. Es gibt keinen
Freipass.
[01:31:34.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo stossen sie mit den Eltern an?
[01:32:10.540] – Bemerkung 36
Es herrscht eine grosse Verunsicherung? Das Holding hielft vielen Eltern. Die Eltern
bestätigen darin was sie tun. Das hilft vielen Eltern. Was machen sie schon gut? Das
schafft Beziehung und Bindung zu uns.
[01:33:16.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Eltern die stark verunsichert sind, denen muss beibringen wie man beobachtet.
Wahrnehmen, Wahrnehmen, Wahrnehmen. Nicht gleich in die Handlung und eine
Korrektur gehen. Sorgfältig beobachten.
[01:33:48.050] – Bemerkung 37
Ich erlebe oft, dass die Eltern ihre Kinder gut wahrgenommen haben und dann von
aussen verunsichert wurden. Wenn die sich wieder sicherer fühlen in ihrer Beobachtung
und in ihrer Wahrnehmung, dann kommen sie auch langsam Schritt für Schritt wieder in
die Handlung.
[01:34:00.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht Unterstützung im anders sein. Sie brauchen Rückendeckung, dass sie es
richtig machen mit dem Kind.
[01:34:00.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind im Tram oder im Migros ein grosses Theater macht, dann wird der
Umgang schlechter mit dem Kind, weil man denkt, dass man es seiner Umgebung
Recht machen muss.
[01:34:18.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kennen ihr Kind besser. Die anderen wissen es gar nicht. Man steht unter einem
sozialen Druck.
[01:34:18.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine Egalisierung, kein Ausgleich.
[01:35:51.690] – Bemerkung 38
Teenager mit selbstverletzendem Verhalten und die dazugehörigen Eltern.
[01:35:55.220] – Bemerkung 38
Ein Vater sagte, dass er mit seiner 12 jährigen Tochter zu Laisser-Faire war. Er meinte,
dass er den Moment verpasst hat. Er meinte, dass es darum ausgeartet ist. In der
Gemeinde ist der Trend zum selber verletzen unter den Mädchen.
[01:36:46.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt nie einen verpassten Moment. Das ist eine falsche Vorstellung. Der Mensch ist
entwicklungsfähig. Er kann alles immer noch lernen. Dahinter steckt eine steife
Erziehungsvorstellung. Was wurde verpasst, dem Kind beizubringen?
[01:37:32.720] – Bemerkung 39
Zusammen Essen. Aufräumen.
[01:37:32.930] – Bemerkung 40
Vielleicht hat er in der Beziehung den Anschluss zur Tochter verloren.
[01:37:41.780] – Bemerkung 40
Eltern handeln immer nach dem besten Wissen und Gewissen. Sie müssen viele
Entscheidungen treffen. Es gibt kein richtig oder falsch.
[01:37:54.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Man gibt jegliche Verantwortung ab. Das ist falsch. Es ist nie zu spät.
[01:39:08.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Zwischen 12 und 16 Jahren kann man Regeln einbringen. Es ist nie zu spät. Man kann
auch später Regeln einbringen. Dann muss man sich durchsetzen. Dann kann man
nicht alles wollen sondern nur etwas. Was ist ihnen am wichtigsten.
[01:39:31.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Kinder jünger sind, ist es einfacher aber es ist nie zu spät.
[01:39:55.700] – Bemerkung 41
Es ist auch eine grosse Chance. Ich habe den Anschluss an meine Tochter verpasst.
Das ist jetzt meine Chance eine junge Frau kennenzulernen. Was ist sie für eine Frau?
[01:41:05.740] – Bemerkung 40
Der Vater war auch Sozialpädagoge.
[01:41:40.210] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät sollte man nicht mehr erziehen, dort sollte man nur noch die Beziehung
pflegen.
[01:41:40.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst: sich Auseinandersetzen mit den Pubertierenden. Dort geht es immer um
die Auseinandersetzung. Es geht nicht um Gehorsam.
[01:41:56.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will das, du willst das. Wir verhandeln wir zusammen?
[01:41:57.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Familien mit pubertären Kindern frage ich immer zuerst den Pubertären: wie siehst
du die Situation, was möchtest du? Die Antwort lautet meistens: mehr Freiheit. Dann
frage ich die Eltern: was möchten sie? Danach wird verhandelt.
[01:41:57.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Pubertierende muss in den Verhandlungsprozess mit einbezogen werden.
[01:42:34.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es darf nie um Gehorsam gehen.
[01:42:46.210] – Bemerkung 42
Man muss sich gegenseitig sehen können. Man muss sich gegenseitig etwas zutrauen
und zumuten. Nicht zwei Wochen in die Ferien fahren. Kaum schluckt die Tochter keine
Rasierklingen mehr, fahren die Eltern auf Honeymoon.
[01:43:14.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Pubertierender Junge hat etwas gesagt und der Vater sass in der Ecke und hat die
Augen verdreht, wenn der Junge etwas gesagt hat.
[01:43:21.721] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Vater etwas mit den Augen gemacht hat, hat der Junge sofort reagiert. Die
haben unglaublich stark aufeinander reagiert und sich gegenseitig abgelehnt.
[01:43:21.929] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät geht es immer um die Auseinandersetzung und dass man beide Seiten
berücksichtigt. Es geht immer um ein Verhandeln.
[01:43:59.980] – Bemerkung 43
Bei mir war eine Familie so verunsichert, dass ich das Verhandeln nicht ins Zentrum
stellen konnte. Ich habe empfohlen, dass sie als Eltern für einen Monat ihre Strategie
durchziehen. Danach kann man schauen, ob es adäquat war oder nicht. Wenn man
verunsichert in eine Verhandlung geht mit einem Teenager, ist es auch wieder recht
schwierig, die eigenen Werte einzubringen.
[01:44:32.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich eine Familie habe, wo zuviel Verunsicherung herrscht, komme ich rein und
sage: jetzt wird es so gemacht. Dann übernehme ich.
[01:44:37.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern nicht fähig sind zu verhandeln, gehen die Eltern einfach nur
aufeinander los und machen den anderen runter. Der Vater macht den Sohn runter, der
Sohn macht den Vater runter.
[01:44:37.490] – Bemerkung 44
Ich schau mit den Eltern wo der Verhandlungsspielraum ist. Der war schon vordefiniert.
Ich habe den Teenager gespielt. Das war cool. Jemand hatte die strenge Rolle und
durfte entgegenkommen.
[01:44:42.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich sehr gut.
[01:46:00.020] – Bemerkung 45
Es geht um die Position der Eltern. Ich kann erst verhandeln, wenn ich eine Position
habe.
[01:46:05.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz genau.
[01:46:16.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst müssen die Positionen klar werden. Erst danach kann man verhandeln.
[01:46:19.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ohne klare Position kann man gar nicht verhandeln. Dann ist man immer nur dagegen,
dann läuft man der Bewegung hinterher.
[01:46:19.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass man den Eltern hilft, ihre Position zu bekennen, zu benennen.
Danach beginnt der Kuhhandel.
[01:46:45.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine Regel ohne Ausnahme.
[01:46:58.120] – Bemerkung 46
Zwei Eltern hatten Angststörungen, der Vater fast mehr als die Mutter. Die Tochter ist ins
Vermeiden gegangen. Am Schluss hat die Tochter den Rank gefunden.
[01:47:30.160] – Bemerkung 47
Beim Positiven ansetzen und fragen: was willst du für Turnschuhe für den ersten
Schultag anziehen? Dann wurde über die Turnschuhe verhandelt.
[01:47:30.360] – Bemerkung 47
Im hier und jetzt die Position erarbeiten.
[01:48:41.240] – Bemerkung 48
Wir haben ADHS/ADSler, Depressive, die haben dysfunktionale Strategien wie sie ihre
eigenen Emotionen regulieren können. Wir haben auch viele Angst gesteuerten Eltern
mit vielen Zukunftsängsten.
[01:48:52.120] – Bemerkung 48
Jemand hat die Schwester durch einen Unfall verloren. Sie hat eine Tochter, welche
sehr eng von der Oma betreut wird. Die Kindsmutter hat vor lauter Angst keine Pubertät
erlebt. Die Tochter befindet sich auch noch im Kleinkind Stadium. Dramatische
Schicksalsschläge.
[01:49:53.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Vorträge im Fricktal gegeben, katholisch. Viele Eltern haben Angst, dass
ihr Kind drogensüchtig wird. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Angst engt ein.
[01:49:53.283] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt die Self fulfilling prophecy.
[01:49:53.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Einem Lehrer wurde gesagt: das ist eine sehr schlechte Klasse. Dann hat sich die
Klasse sehr schlecht benommen.
[01:50:01.418] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man gesagt: das ist eine gute Klasse. Dann waren alle gut.
[01:50:35.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die selbsterfüllende Prophezeiung.
[01:50:49.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Prediction Error.
[01:50:50.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat eine Vorstellung, von seinen Eltern her hat man Angst vor etwas.
[01:50:59.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will wieder das sehen, was man schon erlebt hat.
[01:50:59.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesem Prediction Error herauszukommen und neu das Zeugs wieder anzuschauen
ist sehr schwierig.
[01:51:19.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann diesen Leuten den Rücken stärken, das ist möglich. Dann überträgt sich eure
Sicherheit auf diese Eltern.
[01:51:36.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem ihr den Glauben und diese Stärke habt, dann überträgt sich das auf die Eltern
und dann auf die Kinder.
[01:51:37.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Dafür müsst ihr sehr viel emotionale Unterstützungsarbeit anbieten.
[01:51:44.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf ja nicht angesteckt werden von dieser Angst.
[01:51:44.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer ein abschätzen. Es gibt Situationen, wo man sagt: nein, das möchte ich
nicht.
[01:52:08.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele Situationen, wo die Kinder ihre Sozialkompetenz üben können.
[01:52:15.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die wichtigste Rolle ist, die Eltern zu stärken.
[01:52:15.642] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur die Bedürfnisse des Kindes erfüllen.
[01:52:15.739] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind beobachten, das ist wichtig.
[01:52:15.749] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir lernen nicht mehr zu beobachten.
[01:52:15.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig die jungen Wesen zu beobachten, wie die funktionieren.
[01:52:35.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Kein Tierdompteur kann sein Tier erziehen, ohne nicht das Wesen von dem Tier zu
kennen.
[01:52:44.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen die Persönlichkeit von unseren Kind kennenlernen, beobachten, Schlüsse
daraus ziehen.
[01:52:53.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht überhaupt nicht nur um Bedürfnisbefriedigung, sondern es geht darum, mit dem
Wesen entsprechend persönlichkeitsgerecht umzugehen.
[01:53:03.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Um die Bedürfnisbefriedigung geht es dann, wenn das Kind erwachsen ist.
[01:53:11.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Erwachsene muss lernen, seine Bedürfnis wahrzunehmen.
[01:53:14.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich immer versuche die Bedürfnisse vom Kind wahrzunehmen, dann muss das
Kind seine Bedürfnisse gar nicht selber wahrnehmen.
[01:53:22.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch das Kind kann schon lernen zu sagen: ich habe das nicht gern. Warum nicht? Etc.
[01:53:27.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ein Theater von Christoph Marthaler. Das Theater heisst: Le Sommet.
[01:54:00.695] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.vidy.ch/fr/production/creation-2024-2025/
[01:54:00.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Berggipfel und die Gipfelkonferenz.
[01:54:20.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Er bringt dort zum Ausdruck, wie alle nicht mehr miteinander kommunizieren können.
[01:54:22.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn alle immer in ihr Telefon schauen, wo bleibt dann die menschliche
Kommunikation?
[01:54:23.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man dagegen steuern.
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