Einfluss von Familienkommunikation auf Schizophrenie

Dr.med. Ursula Davatz betont, dass Familienkommunikation ein zentraler Faktor in der Entwicklung von Schizophrenie ist. Sie sieht Schizophrenie nicht nur als eine individuelle Erkrankung, sondern als das Ergebnis von dysfunktionalen Mustern und Belastungen innerhalb des Familiensystems. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Interaktion zwischen genetischer Veranlagung (wie AD(H)D) und ungünstigen Umweltfaktoren, wobei die Kommunikation in der Familie eine entscheidende Rolle spielt.

Hier sind die wichtigsten Aspekte der Familienkommunikation, die laut Davatz Schizophrenie beeinflussen:

  • Emotionale Überladung (High Expressed Emotions, High EE):
    • Davatz beschreibt, dass Familien mit Schizophrenie oft eine emotional aufgeladene Kommunikationsweise zeigen. Diese ist durch Ungeduld, einen drängenden Tonfall, eine gereizte Stimme und oft einen kritischen Unterton gekennzeichnet.
    • Diese „High EE“-Kommunikation korreliert mit einem erhöhten Rückfallrisiko bei Schizophrenie. Je negativer die emotionale Expressivität der Eltern, desto höher die Rückfallquote.
    • Sie argumentiert, dass diese Art der Kommunikation nicht nur Rückfälle begünstigt, sondern auch zur Entstehung von Schizophrenie beiträgt, indem sie ein emotional belastendes Klima in der Familie schafft.
    • Interessant ist, dass diese emotional aufgeladene Kommunikation Ähnlichkeiten mit der Kommunikationsweise von Menschen mit AD(H)D aufweist, was Davatz‘ Hypothese stützt, dass AD(H)D eine genetische Prädisposition für Schizophrenie sein könnte.
    • Mütter zeigen oft diesen Kommunikationsstil.
  • Assoziative Kommunikation:
    • Davatz beschreibt einen nicht-linearen Kommunikationsstil, bei dem Themen in vielen Variationen und Details behandelt werden, was es schwer macht, dem Gesprächsfaden zu folgen.
    • Diese fragmentierte und unklare Kommunikation kann mit den Denkstörungen bei Schizophrenie in Verbindung gebracht werden.
    • Die Distraktibilität und der fehlende Fokus ähneln den Symptomen von AD(H)D.
    • Wynne und Singer definierten diesen Stil als „Communication Deviance (CD)“ und brachten ihn mit Denkstörungen in Verbindung.
  • Verdeckende Kommunikation:
    • In Familien mit Schizophrenie wird oft indirekt, ausweichend und geheimnisvoll kommuniziert. Konflikte werden nicht offen angesprochen, stattdessen wird „um den heissen Brei herumgeredet“.
    • Negative Emotionen werden meist nicht direkt geäussert. Diese Art der Kommunikation dient oft der indirekten Kontrolle.
    • Kinder entwickeln eine hochdifferenzierte emotionale Wahrnehmung, um „zwischen den Zeilen“ zu lesen.
  • Doppelbindung (Double-bind):
    • Davatz beschreibt, wie widersprüchliche Botschaften auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig übermittelt werden, was zu einer Zwickmühle für die Kinder führt.
    • Diese Kommunikationsweise kann zu Loyalitätskonflikten führen und die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen.
  • Konfliktvermeidung und Negation:
    • In Familien mit Schizophrenie wird oft versucht, Konflikte zu vermeiden oder zu negieren, um den Familienfrieden zu wahren.
    • Die individuelle Wahrnehmung wird oft verneint, und Unterschiede in der Wahrnehmung werden unterdrückt.
    • Diese Vermeidung führt dazu, dass Kinder ihre eigene Wahrnehmung verleugnen und sich blind an die Eltern anpassen.
  • Inkonsistente Erziehungsstile:
    • Davatz betont, dass widersprüchliche Erziehungsansätze von Vater und Mutter dazu führen können, dass Kinder keine konsistente Vorstellung von Bezugspersonen entwickeln.
    • Dies kann zu gespaltener Loyalität und dem Gefühl führen, dass man sich auf keine Seite wirklich verlassen kann.
    • Kinder versuchen manchmal, diese Konflikte durch Wahnvorstellungen zu lösen.
  • Paternaler Rückzug und mütterliche Überaktivität:
    • Davatz beobachtet, dass Väter sich oft aus der Familie zurückziehen, während Mütter zu übermässiger verbaler Aktivität neigen.
    • Mütter werden als „ängstliche Mütter mit grossem Mund“ beschrieben, die ihre eigene Hilflosigkeit hinter einer Fassade von Selbstsicherheit verbergen.
    • Dies führt zu einem Mangel an Struktur und Sicherheit in der Familie.

Zusammenfassend sieht Davatz in der Familienkommunikation einen Schlüssel zum Verständnis und zur Behandlung von Schizophrenie. Sie betont, dass die dysfunktionalen Kommunikationsmuster, die sich über Generationen hinweg verfestigen können, massgeblich zur Entwicklung der Krankheit beitragen. Ihre Forschung zeigt, dass eine Therapie, die die Kommunikationsmuster und die Beziehungsdynamik in der Familie berücksichtigt, entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung und Prävention ist. Die Erkenntnis, dass diese Muster nicht nur Symptome, sondern auch Ursachen der Erkrankung sein können, eröffnet neue Wege in der Therapie und Familienbetreuung.

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