ADHS/ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung / Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) wird in den Quellen umfassend als angeborene neurologische Eigenschaft und Neurodivergenz diskutiert. Dr. med. Ursula Davatz hat sich über 40 Jahre mit diesen sogenannten neurodivergenten Menschen befasst.
Dr. Davatz vertritt die Ansicht, dass ADHS/ADS keine Krankheit ist, sondern ein anderer Neurotyp. Früher wurde es auch als frühkindliches POS (Psycho-Organisches-Syndrom) bezeichnet.
Wesen und Merkmale von ADHS/ADS
ADHS/ADS ist genetisch vererbt, kommt in Familien vor und gilt als die meist vererbte psychiatrische Kondition. Das Gehirn dieser Menschen funktioniert etwas anders als das Durchschnittsgehirn.
Zu den Kernmerkmalen des ADHS/ADS-Neurotyps gehören:
- Breite Aufmerksamkeit: Diese Personen haben eine sehr breite Aufmerksamkeit. Sie nehmen viel mehr wahr und haben weniger Filterfunktion als Durchschnittsmenschen. Sie sind ständig am Schauen, wo ein neuer Input herkommt.
- Hohe Sensibilität.
- Starke Impulsivität und Reaktivität.
- Schneller System Overload.
- Kreativität: ADHS/ADSler sind meistens kreative Leute, die Grenzen sprengen können.
Unterschiede zwischen ADHS und ADS:
- Das ‚H‘ in ADHS steht für hyperaktiv.
- ADHSler (oft Jungen) fallen meistens mehr auf über ihre Aktivität nach außen, Aggressivität und mangelnde Impulskontrolle. Sie kämpfen eher nach außen.
- ADSler flüchten eher nach innen.
Folgekrankheiten und Komorbiditäten
Wenn Betroffene nicht lernen, mit ihrem neurodivergenten Neurotyp umzugehen, können sich Folgekrankheiten entwickeln, die sowohl psychischer als auch körperlicher Natur sein können. Die Krankheit, die daraus entsteht, wird als Fehlentwicklung betrachtet, nicht die ADHS/ADS selbst.
Folgekrankheiten und assoziierte Probleme:
- Sucht: Menschen mit ADHS/ADS haben viel mehr Suchtprobleme. Beruhigende Suchtmittel wie Heroin oder Alkohol werden oft zur Emotionskontrolle und um das eigene Temperament herunterzubremsen verwendet. Auch Haschisch wird so verwendet. Es gibt Statistiken aus England, die darauf hindeuten, dass Kinder mit ADHS/ADS Medikation weniger drogensüchtig wurden.
- Depression: Depressionen treten vermehrt bei Frauen auf. Mädchen mit ADHS/ADS neigen dazu, sich besser zu kontrollieren und sind anpassungsfähiger. Sie passen sich so lange an, bis das Fass überläuft, oft um das Alter von 40, was zur Depression führt.
- Schizophrenie und bipolare Störung: Dr. Davatz hat ein Buch über ADHS/ADS und Schizophrenie geschrieben. Sie stellte eine Verbindung zwischen diesen Zuständen fest. Sie argumentiert, dass die bipolare Störung als verstärkte ADHS/ADS Symptome betrachtet werden kann. Eugen Bleuler stellte fest, dass Schizophrene mehr wahrnehmen als Durchschnittsmenschen, was der breiten Wahrnehmung der ADHS/ADSler ähnelt. Wenn das emotionale Gehirn zu sehr überlastet wird, kommt es zum System Overload, das Denken bricht zusammen, was in eine Psychose führen kann.
- Autismus: Genetische Studien (GWAS) zeigen, dass Autismus, ADHS, Schizophrenie, bipolare Störung und schwere Depression alle denselben Gen-Lokus aufweisen, was die Hypothese unterstützt, dass sie miteinander verwandt sind. Autismus wird statistisch gesehen noch stärker genetisch vererbt als ADHS.
- Delinquenz und Essstörungen: Delinquenz kommt vermehrt bei männlichen ADHS/ADSlern vor, während Essstörungen häufiger bei Mädchen als Emotionskontrolle dienen.
Umgang, Therapie und Erziehung
Als Psychiaterin mit über 50 Jahren Erfahrung verwendet Dr. Davatz eine systemische Therapie, die sie in Amerika gelernt hat. Ihre Aufgabe ist es, Menschen in schwierigen Situationen zu begleiten und zu unterstützen, wobei dies stets den Patienten und die Angehörigen betrifft. Die Therapie zielt auf persönliche Entwicklung und Wachstum ab.
Wichtige Prinzipien im Umgang mit ADHS/ADS:
- Akzeptanz statt Umerziehung: Die Neurodivergenz darf nicht ab erzogen werden. Die Betroffenen müssen akzeptiert werden, damit sie selbst lernen können, mit ihrem Temperament umzugehen. Eine persönlichkeitsgerechte Erziehung ist notwendig, vergleichbar mit einer artgerechten Tierhaltung.
- Struktur und Validierung: Klare, wenige Strukturen und Regeln sind hilfreich, aber man sollte die Fünfe auch mal gerade sein lassen. Bei Regelübertretungen sollte nicht bestraft werden, da diese meist auf mangelnder Impulskontrolle beruhen. Stattdessen müssen emotionale Überbordungen validiert und gewertschätzt werden, um die Ursache der Überforderung zu verstehen.
- Geduld und Beziehung: Psychiater müssen viel Geduld lernen. Das Wachstum der Patienten geht nicht schneller voran, wenn man sie häufig sieht. Dr. Davatz arbeitet nach dem Prinzip: Keine Erziehung ohne Beziehung.
- Umfeldunterstützung: Die Lehrer, Eltern und das erzieherische Umfeld müssen besser unterstützt und sensibilisiert werden, um geschickter mit neurodivergenten Menschen umzugehen. Schulen sollten Lehrkräfte unterstützen, anstatt nur Kinder zu disziplinieren.
- Bewegung und Alternativen: ADHSler brauchen mehr Bewegung. Natürliche Bewegung (wie Springen) hilft, sich zu fokussieren. Alternative Methoden wie Neurofeedback (zum Fokussieren lernen) und körperliche Therapien wie Yoga oder EMDR können ebenfalls hilfreich sein, wobei die individuelle Eignung stets geprüft werden muss.
Dr. Davatz betont, dass sie nicht das Symptom beseitigen will (denn das Symptom ist ein Warnsignal: „es läuft irgendetwas schief“), sondern das System wieder auf eine gute Bahn bringen möchte, sodass die Symptome nicht mehr notwendig sind.
Medikamentöse Behandlung (Stimulanzien)
Medikamente wie Ritalin, Concerta oder Focalin sind Stimulanzien („Uppers“). Sie wirken fokussierend, indem sie die breite Aufmerksamkeit einschränken.
- Nutzen: Sie können sehr hilfreich sein, um schulische Leistungen zu steigern (oft um eine Note oder mehr) und um eine akademische Karriere zu ermöglichen.
- Entscheidung: Dr. Davatz verschreibt diese Medikamente, überlässt die Entscheidung aber stets den Eltern. Sie würde nie sagen, dass ein Kind die Medikamente nehmen muss.
- Nachteile: Manche Betroffene fühlen sich unter Ritalin nicht mehr sie selbst, sind weniger kreativ oder haben nicht mehr das Gespür für sich selbst.
- Risiko der Psychose: Bei Überdosierung oder Einnahme unter starkem Stress (Hyperarousal) kann es zu einer übermäßigen Dopaminausschüttung kommen, die eine Psychose auslösen kann. ADHS-Medikamente können auch suchtbildend sein.
Obwohl es für ADHS/ADS-Kinder in einer stark intellektuell ausgerichteten Gesellschaft oft sinnvoll sein kann, Medikamente zu nehmen, um ihr Potenzial auszuschöpfen, muss die emotionale Entwicklung dabei nicht vergessen werden.
Als Analogie für den therapeutischen Umgang betont Dr. Davatz die Notwendigkeit der Geduld und der Akzeptanz des natürlichen Wachstums: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
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