Familiäre Prägung: Ein komplexes Zusammenspiel von Einflüssen

Die Quellen, insbesondere der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, beleuchten das Thema der familiären Prägung und zeigen auf, wie tiefgreifend die Einflüsse unserer Herkunftsfamilie auf unsere Persönlichkeit, unser Verhalten und unsere Beziehungen sind. Die Prägung erfolgt dabei auf verschiedenen Ebenen und durch unterschiedliche Mechanismen.

Genetische und soziale Vererbung:

Dr. Davatz unterscheidet zwischen genetischer und sozialer Vererbung. Während die Gene unsere biologische Grundlage bilden, prägt die soziale Vererbung unsere Werte, Normen, Verhaltensmuster und Beziehungsgestaltungen. Sie betont, dass die Interaktion mit dem Umfeld eine grössere Rolle spielt als die Gene allein, da wir diese nicht verändern können, die Interaktion mit dem Umfeld aber eine Eingriffsmöglichkeit bietet.

Vorbildwirkung und explizite Erziehung:

Die soziale Vererbung erfolgt sowohl implizit durch Vorbildwirkung (Role Modelling) als auch explizit durch Erziehung. Wir schauen Dinge von unseren Eltern ab und übernehmen unbewusst deren Wertvorstellungen. Zusätzlich prägen uns die ausgesprochenen Wertvorstellungen, Regeln und Befehle, die uns in der Erziehung vermittelt werden.

Mehrgenerationenprägung und Wiederholungszwang:

Die soziale Vererbung wirkt nicht nur von einer Generation zur nächsten, sondern über mehrere Generationen hinweg. Dr. Davatz beobachtet in Familiendiagrammen, wie Themen und Konflikte über vier oder mehr Generationen weitergegeben werden. Sie spricht vom sogenannten Wiederholungszwang, der die nächste Generation dazu drängt, die Fehler der vorhergehenden zu wiederholen. Gleichzeitig betont sie, dass jede Wiederholung auch eine Chance zur Veränderung bietet, die sowohl in Richtung Verschlechterung als auch in Richtung Verbesserung gehen kann.

Enttäuschte Erwartungshaltungen:

Ein zentrales Konzept in Dr. Davatz‘ Ausführungen ist die enttäuschte Erwartungshaltung. Wenn unsere Bedürfnisse in der Kindheit nicht ausreichend gestillt wurden, entwickeln wir Erwartungshaltungen an unser Umfeld, insbesondere an unsere Partner. Diese Erwartungshaltungen basieren auf dem Gefühl, ein Recht auf das zu haben, was uns vorenthalten wurde. Die enttäuschte Erwartungshaltung kann zu Konflikten, emotionalem Stress und sogar zu Krankheiten führen.

Geschwisterrolle und Prägung:

Auch die Geschwisterrolle spielt eine wichtige Rolle in der familiären Prägung. Dr. Davatz beschreibt, wie die Position in der Geschwisterreihe bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensmuster prägt. Älteste neigen dazu, Verantwortung zu übernehmen und die Führung zu beanspruchen, während Jüngste oft emotionaler und harmoniebedürftiger sind. Mittlere Kinder sind flexibler, können aber auch im Sandwich zwischen den Bedürfnissen der älteren und jüngeren Geschwister geraten.

Erwartungshaltungen an die Kinder:

Eltern übertragen ihre eigenen unerfüllten Wünsche und Erwartungshaltungen oft auf ihre Kinder. Dr. Davatz warnt davor, den Kindern die eigenen Berufswünsche aufzuzwingen oder von ihnen zu erwarten, dass sie die Eltern glücklich machen. Solche Erwartungshaltungen können die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder behindern und zu Konflikten führen.

Erziehungskonflikte und Loyalitätskonflikte:

Unterschiedliche Erziehungsstile und Wertvorstellungen der Eltern können zu Konflikten führen. Dr. Davatz betont, dass es wichtig ist, dass jeder Elternteil seinen eigenen Erziehungsstil vertreten darf, ohne dass der andere sich einmischt. Gleichzeitig müssen Kinder lernen, sich von den Regeln und Dogmen ihrer Herkunftsfamilie zu lösen, wenn diese nicht mehr zeitgemäss sind oder sie in ihrer Entwicklung behindern. Dieser Prozess der Ablösung kann mit inneren Konflikten und Loyalitätskonflikten verbunden sein.

Professionelle Unterstützung:

Dr. Davatz ermutigt Familien, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, wenn sie mit Herausforderungen in der Erziehung oder in der Beziehungsgestaltung konfrontiert sind. Sie sieht in der Hilfe von Aussen eine Chance für die Familie, neue Perspektiven zu gewinnen, Konflikte zu lösen und neue Wege zu finden, miteinander umzugehen.

Fehlerkultur und Lernbereitschaft:

Abschliessend betont Dr. Davatz, dass Fehler in der Erziehung normal und unvermeidlich sind. Wichtig ist, aus Fehlern zu lernen und offen für neue Erkenntnisse zu sein. Sie ermutigt Eltern, sich von Schuldgefühlen zu befreien und stattdessen die Chance zu nutzen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Die Lernbereitschaft und die Fähigkeit zur Selbstreflexion sind entscheidend, um die familiären Prägungen zu erkennen und gegebenenfalls zu verändern.

Zusammenfassung: Die familiäre Prägung ist ein komplexes Zusammenspiel von genetischen und sozialen Einflüssen, das unsere Persönlichkeit und unser Leben massgeblich prägt. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Prägungen und die Bereitschaft zur Veränderung sind wichtige Schritte auf dem Weg zu einem selbstbestimmten und erfüllten Leben.

https://ganglion.ch/pdf/Herkunftsfamilie_Praegung.pdf

Der Einfluss der Herkunftsfamilie: Prägung, Werte und Verhaltensmuster

Die Herkunftsfamilie spielt eine entscheidende Rolle in unserer Entwicklung und prägt uns auf vielfältige Weise. Dr.med. Ursula Davatz betont in ihren Ausführungen den Einfluss der Herkunftsfamilie auf unsere Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und unsere Fähigkeit zur Anpassung.

Die Herkunftsfamilie als prägendes Umfeld

In unserer Herkunftsfamilie lernen wir die Regeln und Normen unseres sozialen Umfelds kennen. Wir übernehmen die Wertvorstellungen unserer Eltern und lernen, was sich gehört und was nicht. Diese Prägung geschieht sowohl bewusst als auch unbewusst:

  • Explizite Erziehung: Eltern vermitteln ihren Kindern bewusst Werte und Normen, z.B. durch Verbote, Gebote oder moralische Belehrungen.
  • Implizite Erziehung: Kinder lernen durch Beobachtung und ahmen die Verhaltensmuster ihrer Bezugspersonen nach. Dies geschieht oft unbewusst und prägt uns dennoch tiefgreifend.

Werte, Verhaltensmuster und Durchsetzungsmuster

Dr.med. Ursula Davatz unterscheidet drei wichtige Aspekte der familiären Prägung:

  • Wertvorstellungen: Was ist wichtig im Leben? Was ist richtig und falsch? Welche Ziele sollten wir verfolgen?
  • Verhaltensmuster: Wie reagieren wir in Stresssituationen? Wie gehen wir mit Konflikten um? Wie zeigen wir unsere Gefühle?
  • Durchsetzungsmuster: Wie setzen wir unsere Bedürfnisse und Interessen durch? Beherrschen wir andere, verhandeln wir oder passen wir uns an?

Diese Muster prägen unseren Umgang mit anderen Menschen und unsere Fähigkeit, uns in sozialen Situationen zurechtzufinden.

Herausforderungen der Anpassung an neue Situationen

Die gelernten Muster aus der Herkunftsfamilie können uns in neuen Situationen behindern. Wenn wir auf andere Wertvorstellungen oder Verhaltensweisen stossen, die unseren eigenen widersprechen, kann dies zu Konflikten und innerem Widerstand führen.

Beispiel: Ein Mensch, der in einer autoritären Familie aufgewachsen ist, in der Gehorsam und Anpassung erwartet wurden, kann Schwierigkeiten haben, sich in einem partnerschaftlichen Umfeld zu behaupten.

Die Bedeutung der Ablösung von der Herkunftsfamilie

Um ein selbstbestimmtes und authentisches Leben führen zu können, ist es wichtig, sich von den prägenden Einflüssen der Herkunftsfamilie zu lösen. Dies bedeutet nicht, die Eltern abzulehnen oder den Kontakt abzubrechen, sondern sich bewusst mit den eigenen Wertvorstellungen und Verhaltensmustern auseinanderzusetzen und diese gegebenenfalls zu verändern.

Differenzierung der Ursprungsfamilie: Ein Konzept von Murray Bowen

Murray Bowen, ein bekannter Familientherapeut, hat das Konzept der „Differenzierung der Ursprungsfamilie“ entwickelt. Es beschreibt den Prozess der Ablösung von den prägenden Einflüssen der Herkunftsfamilie und der Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit.

Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt ihren Patienten, sich mit ihren Eltern auseinanderzusetzen und sich von deren Regeln und Erwartungen zu distanzieren. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Wertvorstellungen zu erkennen und diese selbstbewusst zu vertreten, auch wenn dies zu Konflikten mit den Eltern führt.

Die Bedeutung der Akzeptanz

Akzeptanz spielt eine wichtige Rolle in der Ablösung von der Herkunftsfamilie. Wir müssen lernen, unsere Eltern so zu akzeptieren, wie sie sind, auch wenn wir ihr Verhalten nicht gutheißen oder verstehen. Genauso wichtig ist es, uns selbst zu akzeptieren, mit all unseren Stärken und Schwächen.

Kontaktabbruch als vorübergehende Lösung

In manchen Fällen kann ein Kontaktabbruch zu den Eltern notwendig sein, um sich von deren negativen Einflüssen zu schützen. Dr. Davatz sieht dies jedoch nur als vorübergehende Lösung. Ihr Ziel ist es, ihren Patienten zu helfen, wieder eine Beziehung zu ihren Eltern aufzubauen, die auf Respekt und Akzeptanz basiert.

Umgang mit unveränderbaren Situationen

Manchmal ist es nicht möglich, die Beziehung zu den Eltern zu verändern. Wenn die Eltern beispielsweise nicht bereit sind, sich auf einen Dialog einzulassen oder ihre eigenen Fehler zu erkennen, müssen wir lernen, damit umzugehen.

Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt in solchen Fällen, die eigenen Erwartungen loszulassen und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wir selbst beeinflussen können. Es geht darum, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und sich nicht von den negativen Einflüssen der Vergangenheit bestimmen zu lassen.

Fazit: Die Herkunftsfamilie als Chance und Herausforderung

Die Herkunftsfamilie prägt uns auf vielfältige Weise und beeinflusst unser Denken, Fühlen und Handeln. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunftsfamilie kann uns helfen, uns selbst besser zu verstehen und unsere eigenen Wege zu gehen. Es ist ein Prozess, der Zeit und Geduld erfordert, aber der uns letztendlich zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung führen kann.

https://ganglion.ch/pdf/Wann_laesst_die_Seele_den_Koerper_sprechen.m4a.pdf

Wie wir durch unsere Familie geprägt werden

Elternverein Rheinfelden Musiksaal Mädchen Schulhaus 12. März 2018, 19.30 Uhr

Als soziales und lernfähiges Wesen werden wir nicht nur durch unsere Gene be- stimmt, sondern auch sehr stark durch unser engeres soziales Umfeld, unsere Fami- lie und die Schule. Diese Prägung läuft zu einem Teil bewusst und explizit im Sinne eines offiziellen Erziehungsauftrags ab, andererseits unbewusst und indirekt, indem sich alle ungelösten Probleme der Eltern und Grosseltern, aber auch der Lehrer und Erzieher auf die jüngere, zu erziehende Generation auswirken.

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