Die Rolle der Scham im Suchtverhalten

Laut Dr.med. Ursula Davatz spielt Scham eine zentrale Rolle im Suchtverhalten. Süchtige schämen sich oft für ihren Kontrollverlust und genieren sich, über ihr Problem zu sprechen. Das führt dazu, dass sie ihr Suchtverhalten verstecken und sich nicht abmelden, wenn sie aufgrund ihrer Sucht nicht zur Arbeit kommen können.

Die Sucht wird als Makel empfunden, im Gegensatz zu anderen Erkrankungen wie Krebs, die gesellschaftlich akzeptierter sind. Suchtkranke fühlen sich oft moralisch verwerflich, weil sie nicht die Kontrolle über ihr Verhalten haben. Dieses Gefühl der Scham verhindert, dass Süchtige Hilfe suchen und sich ihren Problemen stellen.

Arbeitgeber sollten im Umgang mit Suchtverhalten sensibel auf das Thema Scham eingehen und dem Mitarbeiter signalisieren, dass er mit seinem Problem nicht allein ist. Offene Fragen, die die Scham thematisieren, können dem Mitarbeiter helfen, sich zu öffnen:

  • „Genieren Sie sich, sich abzumelden, weil Sie Angst vor negativen Konsequenzen haben?“
  • „Ist es Ihnen unangenehm, über Ihre Situation zu sprechen?“

Ziel ist es, dem Mitarbeiter zu zeigen, dass sein Verhalten verstanden wird und dass er Unterstützung bekommen kann.

Indem Arbeitgeber die Scham des Mitarbeiters anerkennen, können sie ihm helfen, aus der Isolation herauszukommen und den ersten Schritt in Richtung Genesung zu machen.

https://ganglion.ch/pdf/Substanzmissbrauch.m4a.pdf

Suchtverhalten: Ein komplexes Phänomen mit tiefen Wurzeln

Dr. med. Ursula Davatz, eine erfahrene Psychiaterin und Familientherapeutin, widmet sich in ihrem Vortrag dem Thema Suchtverhalten aus einer umfassenden Perspektive. Sie beleuchtet die Ursachen, die Funktionsweise von Suchtmitteln im Gehirn, die Auswirkungen auf das Lernen und die Emotionsregulation sowie den Umgang mit Suchtverhalten, insbesondere im Arbeitskontext.

Suchtmittel: Schnelle Emotionsregler mit schwerwiegenden Folgen

Dr. Davatz stellt klar, dass alle Suchtmittel – unabhängig davon, ob sie legal oder illegal sind – die Funktion haben, Emotionen zu regulieren. Sie wirken als schnelle Emotionsregler, die unangenehme Gefühle betäuben und ein künstliches Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden erzeugen.

Dieser Mechanismus wird besonders deutlich, wenn wir die Funktionsweise des Gehirns betrachten:

  • Äußere Reize und Stresssituationen werden zunächst in unserem emotionalen Hirn (limbisches System) verarbeitet.
  • Bei starkem Stress reagiert das limbische System mit vier automatischen Reflexen: Kampf, Flucht, Totstellreflex und Teasing. Diese Reflexe dienen dem Stressabbau und der Emotionsregulation.
  • Wenn diese natürlichen Mechanismen jedoch versagen, greifen wir zu Suchtmitteln, um dem unangenehmen Gefühlszustand zu entkommen.

Die Folgen dieses Suchtverhaltens sind weitreichend:

  • Suchtmittel verhindern das Lernen. Anstatt uns mit den Ursachen unserer negativen Emotionen auseinanderzusetzen und daraus zu lernen, betäuben wir sie mit Suchtmitteln. Das Gehirn wird nicht mehr herausgefordert, neue neuronale Verbindungen zu knüpfen und komplexere Lösungen für Probleme zu finden.
  • Suchtverhalten führt zu einem Teufelskreis: Je häufiger wir Suchtmittel einsetzen, desto mehr gewöhnen wir uns an diesen schnellen und vermeintlich einfachen Weg der Emotionsregulation. Die Fähigkeit, mit Stress und negativen Emotionen auf gesunde Weise umzugehen, verkümmert.

Der Faktor Scham: Ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Sucht

Dr. Davatz betont die Bedeutung der Scham im Kontext von Suchtverhalten. Suchtkranke schämen sich häufig für ihren Kontrollverlust und genieren sich, über ihr Problem zu sprechen.

  • Die Scham kann dazu führen, dass Süchtige ihr Problem verheimlichen, lügen oder sich zurückziehen.
  • Im Arbeitskontext kann sich die Scham z.B. darin äußern, dass sich ein Mitarbeiter nicht abmelden kann, wenn er aufgrund seines Suchtverhaltens nicht zur Arbeit erscheinen kann.

Es ist daher wichtig, im Umgang mit Suchtkranken besonders sensibel auf den Faktor Scham einzugehen. Statt Vorwürfe zu machen oder zu verurteilen, sollten wir Verständnis zeigen und den Betroffenen signalisieren, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind.

Soziales Lernen als Schlüssel zur Überwindung von Sucht

Dr. Davatz ist überzeugt, dass soziales Lernen der Schlüssel zur Überwindung von Suchtverhalten ist. Statt Süchtige zu bestrafen oder zu bevormunden, sollten wir sie ermutigen, über ihr Verhalten und die dahinterliegenden Ursachen zu reflektieren.

  • Fragen wie „Was ist vorgefallen?“, „Was hast du daraus gelernt?“ oder „Wie hast du das Suchtmittel eingesetzt?“ können den Lernprozess fördern.
  • Arbeitgeber können im Arbeitskontext eine wichtige Rolle im sozialen Lernprozess spielen, indem sie das Gespräch mit betroffenen Mitarbeitern suchen und eine unterstützende und nicht-verurteilende Haltung einnehmen.

Fazit: Weg von Bestrafung, hin zu Verständnis und Reflexion

Dr.med. Ursula Davatz plädiert für einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Suchtverhalten:

  • Weg von Bestrafung und Bevormundung.
  • Hin zu Verständnis, Reflexion und sozialem Lernen.

Nur so können wir Suchtkranken helfen, aus dem Teufelskreis der Sucht auszubrechen und ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen.

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Suchtverhalten: Ein komplexer Reflexmechanismus

Die Ausführungen von Dr. med. Ursula Davatz im Interview bieten wertvolle Einblicke in das Thema Suchtverhalten. Sie beleuchten die zugrundeliegenden Mechanismen, die Rolle des emotionalen Gehirns und die Bedeutung des sozialen Lernens im Umgang mit Sucht.

Suchtverhalten als schneller Problemlöser:

Dr. med. Ursula Davatz beschreibt Suchtmittel als „schnelle Problemlöser“ – vergleichbar mit Fast Food oder Instant-Suppe. Sie bieten eine sofortige Lösung für negative Emotionen und bringen das emotionale Gehirn schnell wieder ins Gleichgewicht. Dieser Mechanismus erklärt die Attraktivität von Suchtmitteln in unserer schnelllebigen Gesellschaft, die oft schnelle Lösungen fordert.

Die Rolle des emotionalen Gehirns:

Das emotionale Gehirn spielt eine zentrale Rolle im Suchtverhalten. Wenn es keine Lösung für eine Situation findet, entstehen Stress und negative Emotionen. Suchtmittel bieten einen Ausweg, indem sie sofort ein Wohlgefühl erzeugen und die negativen Emotionen unterdrücken. Dieser Prozess verhindert jedoch, dass Betroffene lernen, mit ihren Emotionen umzugehen und konstruktive Lösungen zu entwickeln.

Suchtverhalten als automatisierter Reflex:

Dr. med. Ursula Davatz betont, dass Suchtverhalten im Laufe der Zeit zu einem automatisierten Reflex wird. Sobald negative Emotionen auftreten, greift der Betroffene reflexartig zum Suchtmittel, ohne dass dieser Prozess vom Grosshirn kontrolliert werden kann. Dieser automatisierte Reflex macht es so schwierig, Suchtverhalten zu überwinden.

Der Teufelskreis des Suchtverhaltens:

Suchtmittel verhindern, dass Betroffene aus ihren Erfahrungen lernen und neue Bewältigungsstrategien entwickeln. Sie flüchten vor ihren Emotionen, anstatt sich ihnen zu stellen und sie zu verarbeiten. Dieser Kreislauf führt dazu, dass die Abhängigkeit von den Suchtmitteln immer stärker wird und die Betroffenen immer weniger in der Lage sind, ein erfülltes Leben ohne Suchtmittel zu führen.

Die Bedeutung des sozialen Lernens:

Dr. med. Ursula Davatz sieht im sozialen Lernen einen Schlüssel zur Überwindung von Suchtverhalten. Indem Betroffene ihre Erfahrungen und Emotionen im sozialen Umfeld reflektieren, können sie Stress abbauen, neue Verhaltensweisen erlernen und aus ihren Rückfällen lernen. Das soziale Umfeld bietet Halt und Unterstützung und kann den Betroffenen helfen, den Teufelskreis des Suchtverhaltens zu durchbrechen.

Fazit:

Suchtverhalten ist ein komplexer Prozess, der durch einen automatisierten Reflexmechanismus im emotionalen Gehirn aufrechterhalten wird. Um Suchtverhalten zu überwinden, ist es wichtig, diesen Mechanismus zu verstehen und neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Das soziale Umfeld spielt dabei eine entscheidende Rolle, indem es Halt, Unterstützung und die Möglichkeit zum sozialen Lernen bietet.

https://ganglion.ch/pdf/Substanzmissbrauch%20und%20Umgang%20am%20Arbeitsplatz.m4a.pdf