Dr. med. Ursula Davatz, eine erfahrene Psychiaterin und Familientherapeutin, widmet sich in ihrem Vortrag dem Thema Suchtverhalten aus einer umfassenden Perspektive. Sie beleuchtet die Ursachen, die Funktionsweise von Suchtmitteln im Gehirn, die Auswirkungen auf das Lernen und die Emotionsregulation sowie den Umgang mit Suchtverhalten, insbesondere im Arbeitskontext.

Suchtmittel: Schnelle Emotionsregler mit schwerwiegenden Folgen

Dr. Davatz stellt klar, dass alle Suchtmittel – unabhängig davon, ob sie legal oder illegal sind – die Funktion haben, Emotionen zu regulieren. Sie wirken als schnelle Emotionsregler, die unangenehme Gefühle betäuben und ein künstliches Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden erzeugen.

Dieser Mechanismus wird besonders deutlich, wenn wir die Funktionsweise des Gehirns betrachten:

  • Äußere Reize und Stresssituationen werden zunächst in unserem emotionalen Hirn (limbisches System) verarbeitet.
  • Bei starkem Stress reagiert das limbische System mit vier automatischen Reflexen: Kampf, Flucht, Totstellreflex und Teasing. Diese Reflexe dienen dem Stressabbau und der Emotionsregulation.
  • Wenn diese natürlichen Mechanismen jedoch versagen, greifen wir zu Suchtmitteln, um dem unangenehmen Gefühlszustand zu entkommen.

Die Folgen dieses Suchtverhaltens sind weitreichend:

  • Suchtmittel verhindern das Lernen. Anstatt uns mit den Ursachen unserer negativen Emotionen auseinanderzusetzen und daraus zu lernen, betäuben wir sie mit Suchtmitteln. Das Gehirn wird nicht mehr herausgefordert, neue neuronale Verbindungen zu knüpfen und komplexere Lösungen für Probleme zu finden.
  • Suchtverhalten führt zu einem Teufelskreis: Je häufiger wir Suchtmittel einsetzen, desto mehr gewöhnen wir uns an diesen schnellen und vermeintlich einfachen Weg der Emotionsregulation. Die Fähigkeit, mit Stress und negativen Emotionen auf gesunde Weise umzugehen, verkümmert.

Der Faktor Scham: Ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Sucht

Dr. Davatz betont die Bedeutung der Scham im Kontext von Suchtverhalten. Suchtkranke schämen sich häufig für ihren Kontrollverlust und genieren sich, über ihr Problem zu sprechen.

  • Die Scham kann dazu führen, dass Süchtige ihr Problem verheimlichen, lügen oder sich zurückziehen.
  • Im Arbeitskontext kann sich die Scham z.B. darin äußern, dass sich ein Mitarbeiter nicht abmelden kann, wenn er aufgrund seines Suchtverhaltens nicht zur Arbeit erscheinen kann.

Es ist daher wichtig, im Umgang mit Suchtkranken besonders sensibel auf den Faktor Scham einzugehen. Statt Vorwürfe zu machen oder zu verurteilen, sollten wir Verständnis zeigen und den Betroffenen signalisieren, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind.

Soziales Lernen als Schlüssel zur Überwindung von Sucht

Dr. Davatz ist überzeugt, dass soziales Lernen der Schlüssel zur Überwindung von Suchtverhalten ist. Statt Süchtige zu bestrafen oder zu bevormunden, sollten wir sie ermutigen, über ihr Verhalten und die dahinterliegenden Ursachen zu reflektieren.

  • Fragen wie „Was ist vorgefallen?“, „Was hast du daraus gelernt?“ oder „Wie hast du das Suchtmittel eingesetzt?“ können den Lernprozess fördern.
  • Arbeitgeber können im Arbeitskontext eine wichtige Rolle im sozialen Lernprozess spielen, indem sie das Gespräch mit betroffenen Mitarbeitern suchen und eine unterstützende und nicht-verurteilende Haltung einnehmen.

Fazit: Weg von Bestrafung, hin zu Verständnis und Reflexion

Dr.med. Ursula Davatz plädiert für einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Suchtverhalten:

  • Weg von Bestrafung und Bevormundung.
  • Hin zu Verständnis, Reflexion und sozialem Lernen.

Nur so können wir Suchtkranken helfen, aus dem Teufelskreis der Sucht auszubrechen und ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen.

https://ganglion.ch/pdf/Substanzmissbrauch.m4a.pdf