Dr. med. Ursula Davatz spricht in ihrem Vortrag über die Besonderheiten von ADHS und ADS bei Jugendlichen. Sie betont, dass es sich nicht um Krankheiten handelt, sondern um Neurotypen, also Persönlichkeitsvarianten mit spezifischen Eigenschaften. Diese machen die Jugendlichen anfälliger für psychische und physische Probleme, besonders in Kombination mit Stress und ungünstigen Interaktionen mit ihrem Umfeld.
Wichtige Eigenschaften von ADHS/ADS Jugendlichen
- Hypersensibilität: Sie nehmen ihr Umfeld sehr intensiv wahr und reagieren empfindlich auf Stress und negative Emotionen. Das kann sowohl ein Vorteil (schnelle Auffassungsgabe) als auch ein Nachteil (erhöhte Verletzlichkeit) sein.
- Breite Aufmerksamkeit: Im Gegensatz zur fokussierten Aufmerksamkeit im Frontalunterricht haben ADHS/ADS Jugendliche eine breite Aufmerksamkeit, die ihnen erlaubt, viele Reize gleichzeitig wahrzunehmen. Dies kann im Unterricht störend wirken, ist aber in anderen Situationen, z.B. im Handel, von Vorteil.
- Unterschiedliche Aktivitätsmuster: ADHS-Jugendliche zeigen ihre Aktivität eher nach aussen (Zappeligkeit, Stören), während ADS-Jugendliche eher nach innen aktiv sind (Tagträumen, intensives Nachdenken).
- Impulsivität: ADHS/ADS-Jugendliche reagieren impulsiv auf emotionale Verletzungen und Ungerechtigkeiten. ADHS-Jugendliche reagieren oft mit Wutausbrüchen, ADS-Jugendliche ziehen sich zurück.
- Kombination mit anderen Störungen: ADHS/ADS tritt oft in Kombination mit Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Lernstörungen auf, z.B. Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) und Rechenschwäche (Dyskalkulie).
Herausforderungen in der Jugend
Die Pubertät ist eine Phase grosser Veränderungen im Gehirn. Während des sogenannten „Synaptic Pruning“ werden neuronale Verbindungen neu geordnet und gefestigt. In dieser Phase ist es besonders wichtig, dass Jugendliche mit ADHS/ADS ein stabiles und unterstützendes Umfeld haben, in dem sie sich individuell entfalten können.
Geschlechtsspezifische Unterschiede: Mädchen mit ADHS/ADS passen sich oft besser an, unterdrücken aber dabei ihre eigene Persönlichkeit. Das kann im späteren Leben zu Depressionen und Selbstzerstörung führen (z.B. Magersucht, Bulimie, Drogenkonsum). Jungen mit ADHS/ADS rebellieren eher gegen zu enge Grenzen und entwickeln oft oppositionelles Verhalten, was zu Konflikten mit Autoritäten und Delinquenz führen kann.
Umgang mit ADHS/ADS Jugendlichen
- Verständnis und Geduld: Erwachsene sollten die Besonderheiten von ADHS/ADS-Jugendlichen verstehen und ihnen mit Geduld und Nachsicht begegnen. Es ist wichtig, ihnen „Welpenschutz“ zu gewähren und ihnen Raum für Fehler zu lassen.
- Kooperation statt Gehorsam: Anstatt auf Gehorsam zu pochen, sollten Erwachsene ADHS/ADS-Jugendliche zur Kooperation motivieren, indem sie ihr Interesse wecken und sie in Entscheidungsprozesse einbeziehen.
- Autoritativ statt autoritär: Erwachsene sollten klare Grenzen setzen, aber gleichzeitig die Eigenständigkeit der Jugendlichen respektieren. Befehle und Unterordnung lösen Widerstand aus und verstärken die Verweigerungshaltung.
- Offene Kommunikation: Es ist wichtig, offen über die Schwierigkeiten zu sprechen und die Gefühle des Jugendlichen ernst zu nehmen. Erwachsene sollten ihre eigenen Emotionen kontrollieren und sie nicht als Erziehungsmethode einsetzen.
- Systemische Betrachtung: Die Interaktion zwischen dem Jugendlichen und seinem Umfeld spielt eine entscheidende Rolle. Es ist wichtig, das gesamte System (Familie, Schule, Freunde) zu betrachten und die Interaktionsmuster zu analysieren.
- Individuelle Unterstützung: Je nach Bedarf können Medikamente, Therapie und andere Unterstützungsmassnahmen hilfreich sein. Der Fokus sollte jedoch immer auf der Stärkung der Ressourcen des Jugendlichen und seines Umfelds liegen.
Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit Schulen
Die Zusammenarbeit mit Schulen bei ADHS/ADS-Jugendlichen kann ebenfalls schwierig sein. Oftmals fehlt es an Verständnis für die Besonderheiten dieser Jugendlichen, und es kommt zu Machtkämpfen und Konflikten.
- Wissen und Verständnis: Es ist wichtig, Lehrer und Schulleitungen über ADHS/ADS aufzuklären und ihnen zu vermitteln, wie sie mit diesen Jugendlichen umgehen können.
- Individuelle Förderung: ADHS/ADS-Jugendliche benötigen oft individuelle Unterstützung, z.B. in Form von Nachteilsausgleich oder spezieller Förderung.
- Kooperation statt Konfrontation: Die Zusammenarbeit zwischen Eltern, Lehrern und Therapeuten sollte von Kooperation und gegenseitigem Respekt geprägt sein.
Bedeutung der Diagnose im Erwachsenenalter
Auch im Erwachsenenalter kann eine ADHS/ADS-Diagnose hilfreich sein. Sie kann zu einem besseren Selbstverständnis führen und helfen, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen. Eine neuropsychologische Abklärung kann Aufschluss über die individuellen Bedürfnisse und Herausforderungen geben.
Fazit
Der Umgang mit ADHS/ADS-Jugendlichen erfordert ein sensibles und individuelles Vorgehen, das die Besonderheiten dieser Persönlichkeitsvariante berücksichtigt. Verständnis, Geduld, Kooperation und die Einbeziehung des Umfelds sind zentrale Elemente für eine erfolgreiche Begleitung und Unterstützung.
https://ganglion.ch/pdf/adhs-bei-jugendlichen-wendepunkt-1.3.2022-1.pdf
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