Link zum Vortrag: Burnout_Vortrag_18.11.2013

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Dr.med. Ursula Davatz

18.11.2013
Burnout bei pflegenden Angehörigen.
Audio

[00:00:01.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte sie alle ganz herzlich begrüssen zu diesem heutigen Vortrag zum Thema:
Burnout bei pflegenden Angehörigen.

[00:00:20.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer meiner Sätze ist: der Mensch ist ein soziales Wesen. Das ist eine Banalität, die
man gerne vergisst.

[00:00:27.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch hat Dank seinem Sozialverhalten so viele Vorteile und hat damit viele
andere Wesen überlebt und funktioniert geschickter, besser.

[00:00:41.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Innerhalb der Familie kommt dieses Sozialverhalten zum tragen.

[00:00:50.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben auch Sozialverhalten zu nicht Verwandten.

[00:00:56.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Man dachte lange, das Sozialverhalten gilt nur für Gruppen, die miteinander verwandt
sind. Das war eine Theorie in der Evolutionstheorie.

[00:00:56.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt nicht. Wir haben soziale Gene. Diese sozialen Gene streiten sich mit den
egoistischen Genen, bei denen man sich kompetitiv verhält.

[00:01:24.560] – Dr.med. Ursula Davatz

Das Sozialverhalten ist nicht nur erlernt, im Kindergarten oder in der Sonntagsschule
sondern das ist unser Wesen. Wir haben soziale Ansprüche und wir haben ein soziales
Verhalten. Das weibliche Geschlecht hat häufig mehr davon. Das hängt mit dem
zusammen, dass die Frauen Kinder gebären und Kinder aufziehen. Dort müssen wir
Sozialverhalten an den Tag legen.

[00:01:24.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Männern kommt das kompetitive Verhalten in der Arbeitswelt mehr zu Zug und
trägt dort auch mehr Früchte.

[00:02:07.080] – Dr.med. Ursula Davatz
In der heutigen Zeit, wo die ganze Welt miteinander kompetitiv ist, ist es angesagt, dass
wir unser Sozialverhalten wieder ein bisschen mehr hervorholen, bedenken und auch
mehr fördern.

[00:02:21.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema heisst: Burnout bei pflegenden Angehörigen, bei pflegenden Angehörigen
von Betagten und Behinderten.

[00:02:32.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich könnte auch sagen Schizophrenie Kranke oder andere psychische Krankheiten.

[00:02:37.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den psychischen Krankheiten mag man das Wort pflegend nicht.

[00:02:40.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man möchte nicht, dass die Angehörigen den Patienten pflegen, sondern man will man
eher, dass sie mit ihm interagieren.

[00:02:53.240] – Dr.med. Ursula Davatz

Sobald man von "pflegen" spricht, wird der Patient in eine untergeordnete Rolle getan.
Das mögen die psychiatrischen Patienten nicht. Das ist auch nicht gesund für ihre
Entwicklung.

[00:03:07.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich fokussiere ich mich auf: Burnout bei pflegenden Angehörigen von Betagten und
Behinderten.

[00:03:15.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir können es natürlich noch ausweiten in der Fragestunde nach meinem Vortrag.

[00:03:26.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Über die medizinisch verbesserte Versorgung können mehr Menschen überleben. Sie
können im Alter länger überleben. Es überleben auch viele Behinderte Menschen.

[00:03:30.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Kleine Kinder die auf die Welt kommen, hier hat die Neonatologie einen riesigen
Anspruch oder Ehrgeiz, dass sie die jungen Wesen zum Überleben bringen.

[00:03:54.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist manchmal ein zweischneidiges Schwert.

[00:03:55.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Arzt beweist sich nur in der Phase, wo das Kind klein ist.

[00:03:59.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie hat dann den Behinderten das ganze Leben lang.

[00:04:07.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bedenken die Ärzte oft nicht und das ist ein Problem.

[00:04:12.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kämpft die Wissenschaft, die sich beweisen will, was sie alles kann, mit dem
sozialen Aspekt, der sagt, wie viel kann man noch tragen kann und was nicht zu viel ist.

[00:04:26.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Wissenschaft, die macht Fortschritte. Es überleben mehr behinderte Kinder. Die
Menschen leben auch länger.

[00:04:34.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo all die Menschen in ihrer Funktionstüchtigkeit abgegeben, sind sie
wieder angewiesen auf die Pflege, Hilfe und Unterstützung.

[00:04:52.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Unterstützung kann von professionellen Helfern gemacht werden und die kann
aber auch von Angehörigen gemacht werden.

[00:05:02.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Behinderung fordert immer eine zusätzliche Unterstützung, sei es von
Professionellen, den Angehörigen oder von beiden.

[00:05:14.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig braucht es beides.

[00:05:17.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht professionelle Helfer und auch Angehörige.

[00:05:20.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die professionelle Unterstützung von professionellen Helfern wird bei einer
Geburtsbehinderung, einer Behinderung durch einen Unfall oder einer schweren
Krankheit, also durch eine körperliche Behinderung, die wird dort, und in der Schweiz
spricht man vom Geld, das spielt eine Rolle, die professionelle Hilfe von Behinderten
wird grösstenteils durch Versicherungen bezahlt.

[00:05:54.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den alten Leuten ist es etwas anders.

[00:05:56.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier sagt die Krankenkasse, nur, was Krankheit ist, wird bezahlt.

[00:06:02.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pflege müssen die Angehörigen selber zahlen.

[00:06:04.940] – Dr.med. Ursula Davatz
In Königsfelden kamen dann viele auf die Psychiatrie, weil es dort die Krankenkasse
bezahlt. Im Altersheim hat die Krankenkasse nur für die Krankheit bezahlt. Für die reine
Pflege bezahlt die Krankenkasse nicht.

[00:06:29.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt einen finanziellen Druck auf die Familie, wenn sie die zusätzliche
Unterstützung nicht selber leisten kann, muss sie diese in professionelle Hände geben.
Das kostet viel Geld.

[00:06:53.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sagen: es sollte einem alles wert sein, eine alte Mutter oder einen alten Vater
pflegen zu lassen.

[00:06:58.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das ganz Erbe aufgebraucht wird, die Enkelkinder nichts mehr haben, man selber
nichts mehr hat, dann wird es ein bisschen schwierig.

[00:07:05.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist heutzutage allgemein ein Problem, dass im Alter sehr viel Geld für die Pflege
und die Unterstützung gebraucht wird.

[00:07:13.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt dann Schwierigkeiten.

[00:07:17.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesem Grund wird oft lange viel Unterstützung von der Familie gegeben. Meistens
sind es die Frauen, welche es trifft.

[00:07:29.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind entweder die ledigen Töchter oder diejenigen, welche am meisten Zeit haben.

[00:07:35.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Denen wird auch privat Zeit weggenommen.

[00:07:40.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind die Töchter und häufig auch die Schwiegertöchter.

[00:07:44.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frau steigt über ihre mütterliche Rolle, über ihre weibliche Rolle, viel eher in die
pflegende Haltung ein.

[00:07:51.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Während die Männer, auch wenn sie Söhne sind, wenn es die Söhne selbst sind, oft
keine Zeit dafür haben, oft Vollzeit im Beruf beschäftigt sind und von dort her, vom
System her, gar nicht dazu kommen, diese Pflegearbeit zu übernehmen.

[00:08:14.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind immer noch in einer patriarchalen Gesellschaft.

[00:08:19.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese patriarchale Gesellschaft wertet die Leistung der Männer häufig höher.

[00:08:26.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hört man von den Angehörigen, Töchtern oder Schwiegertöchtern, wenn der Sohn
nach Hause kommt, und wenn das nur einmal pro sechs Monate ist, ist die Mutter
wahnsinnig erfreut und ach so toll, dass er wieder einmal da ist.

[00:08:40.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Tochter jede Woche kommt, heisst es: kommst auch wieder einmal?

[00:08:43.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dich letzte Woche vermisst.

[00:08:44.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Von den Frauen wird viel mehr angenommen, dass sie diese Haltung übernehmen
müssen, diese Arbeit übernehmen müssen. Dass das ganz normal ist, dass das zu ihrer
Rolle gehört. Wenn sie davon auslassen, dann sind sie nicht gute Töchter oder
Schwiegertöchter.

[00:09:03.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Sohn, vielleicht auch der Schwiegersohn, hat oft schon sehr viele
Vorschusslorbeeren.

[00:09:10.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Man freut sich darüber.

[00:09:14.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Tochter oder Schwiegertochter ist es eine Art der Selbstverständlichkeit.

[00:09:19.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist für die pflegenden Frauen nicht immer so einfach.

[00:09:25.240] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie bringen sehr viel Leistung und werden moralisch, seelisch und sozial überhaupt
nicht dafür honoriert.

[00:09:35.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann dann dazu führen, dass man sich nicht genügend respektiert fühlt, nicht
genügend geschätzt und das kann dann in ein Burnout oder eben eine Depression
übergehen.

[00:09:50.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den pflegenden Angehörigen spielt natürlich nicht nur die reine Leistung der Pflege
eine Rolle.

[00:10:03.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Zur reinen Arbeitsleistung, die man erbringt, kommt immer noch ein Beziehungsaspekt
hinzu.

[00:10:12.300] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Art und Weise spielt dann der Beziehungsaspekt rein in diese diese Pflege.

[00:10:27.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil pflegt der Mann die Frau oder die Frau den Mann.

[00:10:36.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme jetzt ein stereotypes Bild. Der Mann war dominant in der Familie, die Frau
hat sich untergeordnet.

[00:10:37.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehen wir davon aus, dass der Mann zuerst einen Hirnschlag hat oder sonst eine
Behinderung oder Krankheit bekommt.

[00:10:47.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss die Frau den Mann pflegen.

[00:10:47.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie mag ihn gerne haben, aber dort kommt oft eine Dynamik rein.

[00:11:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Spitexschwestern begleitet habe, dann hat man oft die Geschichte gesehen,
dass die dominante Person, die häufig der Mann war, im Augenblick, als die Frau den
Mann pflegt, einerseits pflegt sie ihn vielleicht liebevoll und will alles für ihn machen.

[00:11:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die dominante Rolle, die man bekommt, dadurch, dass man noch gesünder ist als der
Partner, wird dann auch verwendet, um einen Ausgleich zu schaffen, sich zu rächen an
der langen Zeit, wo man untergeordnet war und sich nicht verwirklichen konnte. Dieser
Moment wird dann verwendet um die eigene Dominanz zu erhalten.

[00:11:40.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann bis zum Burnout kommen, bis zur Erschöpfung.

[00:12:06.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann eine Spitexschwester reinkommt und diese Frau entlasten möchte, dann
gibt sie die Entlastung oft nicht aus den Händen.

[00:12:09.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das verstehen die Krankenschwestern nicht.

[00:12:13.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Krankenschwester denkt: die ist doch jetzt am Ende, die ist am Zusammenbrechen,
die ist kurz vor einem Burnout und sie gibt es nicht aus den Händen.

[00:12:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt verschiedene Motive.

[00:12:36.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Motiv ist sicherlich um den Rollenausgleich zu machen.

[00:12:39.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Andererseits denkt man, man mache es selber am besten.

[00:12:43.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine Berufsfrau kann es so gut wie ich.

[00:12:48.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will sich die Rolle nicht wegnehmen lassen. Das ist meistens sehr komplex.

[00:12:53.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt es oft zu einem Konflikt zwischen den Angehörigen, den Pflegenden, und
den professionellen Pflegenden, die eigentlich auch die Angehörigen unterstützen
wollen.

[00:13:07.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Spitexschwestern beraten habe, war oft mehr das Problem mit den
Angehörigen als mit dem Patienten selber.

[00:13:13.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau wegen dieser Rolle.

[00:13:13.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die professionellen Helfern müssen zuerst heraus finden, was das Problem ist. Erst
wenn sie das Problem besser verstehen, dann lassen sich die pflegenden Angehörigen
unterstützen und vielleicht auch ein wenig etwas aus den Händen nehmen um sie zu
entlasten.

[00:13:23.170] – Dr.med. Ursula Davatz

Diese Konstellation treffe ich sehr oft an.

[00:13:38.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Die gesunde, sonst untergeordnete Person nimmt dann auf einmal die dominante Rolle
ein.

[00:13:56.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie will diese dominante Rolle nicht so schnell aus der Hand geben.

[00:14:01.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Endlich hat sie die Chance, sich zu behaupten.

[00:14:05.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ihr die Rolle gleich wieder wegnimmt, ist das natürlich schwierig.

[00:14:06.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Deshalb darf man ihr die Rolle auch nicht gleich wegnehmen.

[00:14:24.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die Situation wenn ein Mann die Frau pflegt oder eine Frau den Man pflegt.

[00:14:24.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Es könnte auch umgekehrt sein, dass die Frau immer die Hose an hatte und der Mann
pflegt jetzt.

[00:14:29.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann will der Mann das jetzt auch nicht aus der Hand geben.

[00:14:35.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Als professionelle Helfer muss man sich immer bewusst sein: es läuft eine Dynamik
zwischen diesen beiden.

[00:14:40.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht einfach dazwischen funktionieren, das rationalste Vorgehen an den Tag
legen, dass man die pflegenden Angehörigen gleich unterstützen kann.

[00:14:52.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht oft eine ganze Zeit, bis die Fachpersonen das verstehen.

[00:15:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Fachpersonen gehört, die gesagt haben: warum lässt sich die nicht
helfen? Die ist am zusammenbrechen. Sie klagt, wenn ich etwas für sie machen
möchte, dann geht das nicht. Was ist denn los?

[00:15:01.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die professionellen Pflegenden und die Angehörigen Pflegenden bekommen Streit.
Dann wird die Energie zwei Mal zerstört. Das ist nicht so gut.

[00:15:19.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Moment, wo man die Professionellen unterstützen und ihnen Rat geben
muss, wie sie anders damit umgehen könnten.

[00:15:37.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist meine Aufgabe gewesen, wenn ich Spitex Krankenschwestern begleitet habe.

[00:15:44.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es um Kinder geht, ist es ein wenig anders.

[00:15:44.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn in Kind behindert auf die Welt kommt, dann ist das für die Angehörigen eine ganz
schwierige Sache.

[00:16:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Behinderung eines Kindes zu akzeptieren, ist oft ein langer Trauerprozess.

[00:16:08.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern brauchen oft lange Zeit, bis sie akzeptiert haben, dass das Kind behindert ist.

[00:16:18.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal ist dieser Trauerprozess nie abgeschlossen.

[00:16:21.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Trauer, dass das Kind behindert ist, wenn man nicht akzeptiert, dass man ein
behindertes Kind hat, wenn zum Beispiel der Partner oder die Partnerin durch einen
Unfall behindert wird, wenn der Trauerprozess nicht abgeschlossen ist, läuft auch
wieder eine Dynamik, die schwierig ist.

[00:16:45.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, in dem man nicht akzeptiert hat, dass das passiert ist, steckt hinter
dieser Enttäuschung, hinter dieser Trauer, häufig auch eine leichte Wut, also ein Ärger.

[00:16:58.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat das Schicksal nicht akzeptiert, man ärgert sich darüber. Diesen Ärger versucht
man oft mit Überbetreuung, mit Überengagement zu korrigieren.

[00:17:10.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieses Überengagement bringt natürlich wieder mit sich, dass man sich eher erschöpft
und in einen Burnout rutscht.

[00:17:22.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort ist es häufig die Mutter, die Männer können eher auf Distanz gehen.

[00:17:22.900] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Mütter versuchen sich eher zu über engagieren, als ob sie die Behinderung
wegmachen möchten über eine gute Betreuung aus dem Weg schaffen.

[00:17:47.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht natürlich nicht.

[00:17:49.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher gab es keine professionelle Betreuung der Behinderten.

[00:17:59.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geschieht eine sekundäre Behinderung.

[00:18:03.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Behinderte könnten viel mehr leisten, wenn man sie lernen lässt.

[00:18:08.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Mutter das behinderte Kind ständig über betreut, dann lernt das Kind nichts.

[00:18:08.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim normalen Kind, wäre das auch so.

[00:18:14.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei einem behinderten Kind löst das eher den Mutterinstinkt aus.

[00:18:20.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann bleiben die Kinder eher mehr handicapiert, als es notwendig wäre.

[00:18:26.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Seit man jetzt sehr professionelle Behindertenbetreuung hat, lernen die Behinderten oft
viele Dinge. Das ist spannend, was sie alles lernen können.

[00:18:38.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Mütter lernen müssen ist, dass sie nicht mehr so über betreuen.

[00:18:41.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wie eine Loslösung.

[00:18:43.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Überbetreuung bringt natürlich wieder ein Burnout mit sich.

[00:18:49.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man gegen die Realität arbeitet, dass man nicht akzeptieren kann, dass man hier
ein behindertes Kind hat, dann engagiert man sich so über, dass man auch über seine
Masse hinausgeht, über das, was man eigentlich leisten mag.

[00:19:06.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt man automatisch in ein Burnout rein.

[00:19:06.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es bewirkt trotzdem nicht, dass die Behinderung weggeht.

[00:19:06.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Professionellen haben es leichter. Sie gehen die Sache ganz professionell an. Die
freuen sich über jeden kleinen Schritt. Sie können den Behinderten auch sehr viele
interessante Dinge beibringen.

[00:19:24.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich betreue ein paar Behinderte. Ich betreue das Team und die Eltern damit.

[00:19:24.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Anhand davon kann ich sehen wie man gut beobachten lernt, wie man sie zu kleinen
Schritten bringen kann und dann auch Freude hat an diesen kleinen Schritten.

[00:19:47.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Behinderten sind einem auch sehr dankbar für all diesen Einsatz, wenn man sie
nicht über betreut, sondern auf dieser Stufe lässt, wo sie wirklich sind.

[00:20:08.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine weitere Situation ist, wenn Kinder, also Töchter oder Söhne, und ihre betagten
Eltern betreuen.

[00:20:18.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe oft erlebt, dass es das Kind sein kann, das die beste Beziehung zu dieser
Mutter oder diesem Vater hat.

[00:20:28.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann auch das Kind sein, und ich habe einfach mehr Fälle von Töchtern getroffen,
die nicht so eine gute Beziehung zur Mutter oder zum Vater hatten und die über diese
Betreuungssituation noch die Beziehung verbessern wollen.

[00:20:45.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder, welche nicht das von ihren Eltern bekommen haben, was sie eigentlich
gebraucht hätten oder wollten, also Anerkennung, Wertschätzung, Lob etc, engagieren
sich oft in der Pflege.

[00:21:02.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie engagieren sich manchmal in der Pflege mit der inneren Erwartungshaltung, wenn
ich das für meine Mutter mache, dann gibt sie mir endlich eine Erkennung.

[00:21:19.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich das für meinen Vater mache, gibt er mir eine Anerkennung.

[00:21:24.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Alter behindert werden oder handicapiert werden, ist nicht so einfach.

[00:21:31.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele von den Leuten, die vorher ganz gut im Leben standen und dann eine
Behinderung bekommen, wehren sich oft dagegen.

[00:21:39.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie genieren sich auch für die Betreuung.

[00:21:42.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Betreuung wird oft nicht sehr gut akzeptiert.

[00:21:43.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wird die Betreuung aufgedrängt oder möchte man über die Betreuung Anerkennung
bekommen, dann löst das nicht unbedingt Anerkennung und Lob aus, sondern vielleicht
auch Abweisung.

[00:22:09.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist bitter.

[00:22:09.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will im letzten Moment die Beziehung gut gestalten und es geht nicht.

[00:22:09.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die anderen Angehörigen fragen dann oft: wieso macht die auch so viel? Es bringt gar
nicht das.

[00:22:22.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geschieht wieder das: ein Kind, das eine bessere Beziehung zu den Eltern hat,
wird viel mehr respektiert wird, wenn es nur ganz selten kommt.

[00:22:30.380] – Dr.med. Ursula Davatz

Das Kind, welches alle Arbeit macht, wird gar nicht respektiert sondern eher kritisiert.

[00:22:37.000] – Dr.med. Ursula Davatz
An dieser Stelle ist es wichtig, dass man der pflegenden Tochter oder dem pflegenden
Sohn aufzeigen kann, um was es geht.

[00:22:50.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man nochmals eine Arbeit leisten.

[00:22:53.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man eine schwierige Beziehung zu seinen Eltern hat, kann man diese in diesem
Moment nochmals verbessern.

[00:23:03.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht, indem man kindlich auf eine Erkennung wartet, sondern indem man besser
hinsteht, selbstsicherer hinsteht und sagt, was man gerne möchte von der Mutter oder
vom Vater.

[00:23:22.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kenne viele Situationen, in denen die Eltern kurz vor dem Tod der Eltern noch
Frieden gemacht haben oder nochmals die Beziehung verändert haben.

[00:23:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch eine pflegende Angehörige gekannt.

[00:23:33.170] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Familie hatten die Knaben alle mehr Rechte. Die Frauen hatten keine Rechte.

[00:23:44.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat ihre Mutter zum Teil gepflegt, Dinge für sie getan.

[00:23:50.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist selber für sich eingestanden und konnte sagen: ich hätte von dir immer gerne die
Anerkennung erhalten, ich möchte von dir auch einmal gelobt werden.

[00:23:54.190] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem sie selber für sich hinstehen konnte, sagen konnte, was sie von der Mutter
möchte: Ah um das geht es dir!

[00:23:56.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehung hat auf einmal geändert, sie hatten dann eine sehr entspannte
Beziehung zusammen. Dann wurde es auf einmal eine sehr schöne Pflege.

[00:24:11.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Verkrampfte war dann nicht mehr: ich will und ich bekomme nicht, meine Brüder
bekommen alles und ich nichts.

[00:24:24.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gab eine intime und gute Beziehung.

[00:24:29.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Von betagten Eltern kann man nicht kindlich erwarten: ich bekomme jetzt das, was ich
mir immer gewünscht habe. Wenn ich noch mehr leiste, bekomme ich es vielleicht.

[00:24:32.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss seiner Mutter oder seinem Vater als erwachsene Person gegenübertreten.
Dann bekommt man eher die Anerkennung.

[00:24:46.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich die Anerkennung selber geben, dann bekommt man sie auch von den
Eltern.

[00:25:00.390] – Dr.med. Ursula Davatz

Eltern merken das oft gar nicht, was da geschehen ist.

[00:25:05.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das braucht häufig eine Unterstützung von aussen. Es braucht eine Fachperson, die
von aussen her darauf schaut und dem gesunden, pflegenden Angehörigenteil
Rückdendeckung gibt, Unterstützung gibt, damit die Person das ein wenig anders
machen kann.

[00:25:16.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viel mehr Beispiele von Frauen, aber es kann sicher auch bei Männern
vorkommen.

[00:25:23.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Die eingeschliffenen Beziehungsmuster, wenn professionelle Helfer und die pflegenden
Angehörigen sich gegenseitig kompetitiv bekämpfen, haben die Fachleute oft nicht das
Verständnis, warum man das nicht begreift, warum kann die das Muster nicht ändern?
Für einen Aussenstehenden ist das so einfach. Man sieht wie es läuft. Man muss es
einfach anders machen. Das ist nicht so einfach.

[00:25:58.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die eingeschliffenen Beziehungsmuster, die zwischen der Behinderten, betagten
Person und der pflegenden Angehörigen Person läuft, sind oft sehr tief eingeschliffen,
dass man die schlecht und nicht so schnell verändern kann. Es braucht viel Geduld.

[00:26:21.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die professionellen Helfer müssen Geduld haben. Dahinter schauen. Die ganze
Geschichte ein wenig anschauen. Dann wird es auf einmal einfacher für sie, die
Unterstützung zu geben. Dann setzen sie nicht mehr soviel Druck auf. Dann ist die
Möglichkeit grösser, dass sich die Dynamik ändern kann.

[00:26:27.880] – Dr.med. Ursula Davatz

Eingeschliffene Beziehungsmuster kann man nie so schnell ändern. Das sage ich
natürlich als Familientherapeutin, die ständig mit solchen Dingen zu tun hat.

[00:26:54.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehen wir wieder zurück zur Behinderung.

[00:26:58.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sei es das vom Kind, das mit einer Behinderung geboren wurde oder die Behinderung
eines Partners durch ein Krankheit oder einen Unfall.

[00:27:09.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort geht es oft auch um eine Akzeptanz.

[00:27:11.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Einerseits ist es die Akzeptanz von einem Kind und dem Betroffenen selber.

[00:27:16.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Der muss seine Krankheit oder seine Behinderung akzeptieren.

[00:27:19.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Andererseits ist es die Akzeptanz der pflegenden Angehörigen.

[00:27:26.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Für uns Berufsleute oft auch wichtig, dass wir helfen, in diesem Trauerprozess noch mal
Unterstützung zu geben.

[00:27:37.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist auch wichtig und das klingt vielleicht komisch, aber da muss man manchmal auch
fragen: haben sie die Behinderung akzeptiert? Haben sie die Behinderung verarbeitet
oder sind sie immer noch am kämpfen?

[00:27:49.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes haben die Leute Angst, etwas zu sagen. Man will nicht zugeben, dass man
es immer noch nicht akzeptiert hat.

[00:27:49.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist dennoch wichtig, dass man es zusammen anschaut.

[00:27:56.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Fachleute müssen an dieser Stelle auch sehr viel Verständnis entgegenbringen. Es
ist verständlich, manchmal kann man es einfach nicht akzeptieren. Man wehrt sich
dagegen und man geniert sich danach wieder dafür, dass man sich so wehrt.

[00:28:07.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier braucht es Geduld von den Fachpersonen, dass sie dieser Person Unterstützung
geben, dass sie diesen Trauerprozess durchmachen kann.

[00:28:23.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Danach kann man mehr helfen. Dann können die Professionellen helfen, mehr
eingreifen und wirklich Unterstützung geben und so wieder vor dem Burnout schützen.

[00:28:23.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die professionellen Helfer versuchen ihre Hilfe aufzudrücken, dann gibt das keine
gute Sache. Dann gibt es nur einen Kampf. Dann wird einfach nur Energie zerstört.

[00:28:55.050] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne, ist es ganz wichtig, dass wir professionelle Helfer und diejenigen,
welche die professionellen Helfer anleiten, neben der reinen Dienstleistung auch den
Beziehungsaspekt betrachtet.

[00:29:19.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Beziehungsaspekt zwischen dem Handicapierten und der pflegenden
Person.

[00:29:28.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Geschwister da sind und es geht um die betagten Eltern, dann geht es um den
Beziehungsaspekt zwischen den Geschwistern. Manchmal wird auch gestritten, wer
mehr pflegen darf, wer mehr Rechte hat. Oder wer zu wenig pflegt und eigentlich
müsste. Lauter solcher Dinge.

[00:29:45.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Geschwisterdynamik kommt auch immer zum Ziel, zum Tragen.

[00:29:51.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz wichtig, dass man die Geschwisterdynamik anschaut.

[00:29:53.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist auch immer eine Chance, das System neu zu ordnen, um so ein Problem herum,
damit jeder seinen Platz finden kann. Auch die Hierarchie der Geschwister kann man so
besser ordnen. Wer ist der Älteste, der Zweite, die Dritte.

[00:30:10.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine Gelegenheit, um Ordnung im System zu machen.

[00:30:13.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das System macht es oft nicht alleine. Man muss oft ein wenig nachhelfen und das
System ein wenig unterstützen.

[00:30:21.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe noch ein Beispiel aus meiner Erfahrung.

[00:30:27.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Spitex wird von der Krankenkasse bezahlt. Ich habe mich immer sehr für die Spitex
eingesetzt.

[00:30:28.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir hatten eine Tagung zum Thema Spitex. Ich habe dazu eine kleine Arbeitsgruppe
geleitet.

[00:30:29.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort war eine Frau, die sagte: ihre Mutter musste den Schwiegervater bis zum Tode zu
Hause pflegen. Das war eine Bauernfamilie.

[00:30:53.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema vom Workshop heiss: Spitex nicht um jeden Preis.

[00:30:59.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin eine grosse Vertreterin von Spitex auf allen Ebenen.

[00:31:04.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn möglich, möchte ich die Hospitalisation verhindern, auch in der Psychiatrie
natürlich.

[00:31:07.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem natürlichen System arbeiten. Das hat seine Grenzen.

[00:31:18.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat gesehen, wie ihre Mutter zu Hause den Schwiegervater pflegte. Wie sie
darunter gelitten hat, wie sie fast verzweifelt ist. Wie sie zum Burnout kam.

[00:31:33.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hatte so ein Mitleid mit dieser Mutter, dass sie gesagt hat: wenn ich mal alt werde,
dann bringe ich mich eher um, als dass ich mich von meinen Kindern pflegen lassen.

[00:31:46.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat das als negatives Beispiel erlebt.

[00:31:49.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum: Spitex nicht um jeden Preis.

[00:31:56.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass die pflegenden Angehörigen sich nicht völlig aufopfern. Die dritte
Generation leidet danach darunter.

[00:32:05.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bekommen das mit. Es geht nicht an, dass man soviel in die alte Generation
investiert, dass die Enkelkinder zu kurz kommen.

[00:32:06.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie musste als Enkelkind so viel entbehren, dass sie fand, das lasse ich nie geschehen.

[00:32:23.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich werde mich nie von meinen Kindern pflegen lassen. Das ist so ein schreckliches
Beispiel gewesen für mich, dass ich das um alles in der Welt verhindern muss.

[00:32:36.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte das nicht erst als Enkelkind sagen dürfen.

[00:32:36.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte schon früher vorbeugen.

[00:32:41.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Der heutige Abend ist zum Vorbeugen hier.

[00:32:46.650] – Dr.med. Ursula Davatz

Es ist sehr wichtig für die pflegenden Angehörigen, dass sie immer wieder auf sich
schauen, ihre Grenzen wahrnehmen, diese ernst nehmen, nicht zu stolz sind Hilfe
anzunehmen.

[00:33:02.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen den professionellen Helfern sagen, wenn es um einen Beziehungsaspekt
geht, die Gründe sagen, warum sie es nicht gerne aus der Hand geben.

[00:33:15.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht weiss man es manchmal nicht. Dann muss man es zusammen mit den
professionellen Leuten erarbeiten.

[00:33:24.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig für die pflegenden Angehörigen ist, dass sie ihre Grenzen wahrnehmen, dass
sie diese erkennen, dass sie für diese eintreten und dass es überhaupt kein Schande ist
zu sagen: ich kann nicht mehr und es ist mir zu viel.

[00:33:44.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick wo man als pflegender Angehöriger überfordert wird, ist die
Pflegequalität auch nicht mehr so gut.

[00:33:55.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erlebt man auch. Dann kommt Wut auf, Ärger, Gehässigkeit, etc. Man kann
niemandem helfen, wenn es einem selber nicht gut geht.

[00:34:05.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier ist ein gutes Beispiel aus der Luftfahrt Industrie.

[00:34:10.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit einem Kind fliegt, nicht dem Kind zuerst die Maske anziehen. Sich selber
zuerst die Maske anziehen.

[00:34:15.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich selber zuerst die Sauerstoffmaske anziehen und erst danach dem Kind
anziehen und helfen.

[00:34:19.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man selber keinen Sauerstoff mehr hat, kann man auch dem Kind nicht helfen.

[00:34:20.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man selber nicht zu sich schaut, wenn man selber keine Energie hat, ist man kein
guter Pflegender mehr.

[00:34:37.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist es ganz wichtig, dass pflegende Angehörige sich ernst nehmen, auf sich
schauen, nicht um jeden Preis, dass man nicht zu stolz ist.

[00:34:55.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Berufsleute können nicht einfach sachlich, fachlich Unterstützung geben.

[00:34:56.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen sorgfältig daran heran treten.

[00:34:58.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen immer auch den Beziehungsaspekt anschauen, sonst überrennen wir das
System nur, das System wird nicht respektiert.

[00:35:08.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Leistung der Pflegenden, welche am Ende sind wird nicht honoriert. Es wird ihnen
einfach aus den Händen gerissen. Das ist nicht gut.

[00:35:15.820] – Dr.med. Ursula Davatz

Man muss durch das Lob durch gehen: es ist toll, was sie schon alles geleistet haben.
Sie dürfen wirklich stolz sein auf sich. Sie haben jetzt das Recht. Nicht: sie müssen
abgeben. Sondern: sie haben das Recht, ein bisschen zurück zu stehen. Sie dürfen den
Professionellen übergeben.

[00:35:32.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht so ein schneller Prozess.

[00:35:34.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch ein anderes Beispiel. Dort gab es keine pflegenden Angehörigen.

[00:35:34.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach zum zeigen, wie es den Helfern manchmal geht.

[00:35:52.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Spitexfrau wollte einer alten, depressiven Dame Unterstützung geben, helfen. Die
alte Dame liess sich einfach nicht helfen. Sie ist einfach depressiv gewesen.

[00:36:10.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe die Spitexschwester gefragt: was hat die Frau Gutes an sich? Was könnte sie
an der Frau loben? Sie sieht noch so jung aus, sie ist noch sehr gut erhalten. Was muss
ich machen, damit ich im Alter auch so jung aussehe?

[00:36:32.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Die neue Haltung, dass man die Hilfe nicht mehr aufdrängen möchte, hat eine Umkehr
gegeben.

[00:36:38.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die alte Dame wurde wieder lebendig und ging sogar noch auf Reisen.

[00:36:41.050] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie war nicht so fest handicapiert. Sie war nur durch die psychische Krankheit
handicapiert.

[00:36:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die alte Frau hatte eine Hauspflegerin, welche dann depressiv wurde, weil sie ihre
Helferrolle verloren hat.

[00:36:45.120] – Dr.med. Ursula Davatz
So geht es einem.

[00:36:52.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollen unser Helfen aufdrängen, das ist unsere Rolle. Wenn wir nicht
durchkommen, werden wir verrückt.

[00:37:08.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesem Grunde sind die pflegenden Angehörigen wie eine Konkurrenz.

[00:37:12.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie uns nicht folgen, nicht hören, ärgert uns das.

[00:37:22.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Hauspflegerin hat eine neue Stelle bekommen in einem Altersheim, wo sie immer
alte, betagte Leute hatte, die ihre Hilfe gebraucht haben. Dann war sie nicht mehr
depressiv. Dann ging es ihr wieder gut.

[00:37:32.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat ihre Rolle als Helferin wieder gefunden.

[00:37:35.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit will ich zeigen: die Helferrolle ist ein tolle Rolle, eine edle menschliche Rolle. Man
kann sie auch stark forcieren.

[00:37:47.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher ist es wichtig, dass wir nicht nur Helfer sind, sondern dass wir auch für unser
Wohl achten.

[00:37:52.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind qualitativ bessere Helfer, wenn es uns gut geht und wir genügend Energie
haben.

[00:38:00.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir schon am Zusammenbrechen sind, am Ausbrennen, wie es das Burnout sagt,
dann sind wir nicht mehr so gute Helfer. Dann ist die Beziehung auch nicht mehr so gut.
Das gilt natürlich für beide Seiten.

[00:38:22.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt können sie mir Fragen stellen.

[00:38:30.000] – Bemerkung 1
Ich spreche aus der Rolle des Betroffenen. Wir können kein Burnout haben. Auch ein
Patient kann so weit kommen, dass im alles verleidet, weil er immer folgen muss, immer
brav sein muss, funktionieren muss. Das ist ohnehin der Fall, wenn man immer so gut
betreut wird. Sagt man dem auch Burnout?

[00:38:57.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch dem kann man auch Burnout sagen. Was möchten sie uns mitteilen?

[00:38:57.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss so dankbar sein, man muss so folgen, es wird so viel für einem gemacht.
Was möchten sie uns sagen?

[00:39:13.300] – Bemerkung 1
Manchmal ist es mir einfach zu viel. Ich muss das machen und jenes machen. Dann
muss ich noch fröhlich sein und Fortschritte machen. Wenn ich zuviel Fortschritte

mache, kriege ich keine IV mehr, weil ich ja dann nicht mehr IV bin. Dann ist meine Frau
schlechter dran. Ich kann gut spreche mit meiner Frau. Ich denke nicht, dass ich mit
meiner Frau etwas aufarbeiten muss. Wir haben früher auch schon zusammen
gesprochen.

[00:39:54.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich finde es sehr gut, dass sie das sagen, dass sie unter dem Leistungsdruck stehen,
dass sie einen Fortschritt machen müssen. Damit sie folgen müssen, damit die Helfer
einen Erfolg haben. Sie dürfen als Betroffener sagen: ich möchte nicht immer Fortschritt
machen müssen, ich möchte auch einfach nur in Ruhe gelassen werden.

[00:40:51.840] – Bemerkung 1
In der Psychiatrie ist man einfach krank. Wenn man ganz brav ist in der Psychiatrie, darf
man dort dann auch mal drei Zigaretten rauchen pro Tag. Ich habe in Königsfelden
gearbeitet.

[00:40:56.960] – Bemerkung 1
Wenn der Patient immer Kopfschmerzen hat, ist das für den Patienten auch einen
Schutz. Man zieht sich in sich zurück.

[00:41:23.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sprechen etwas interessantes an. Eine Krankheit kann auch ein Schutz sein.

[00:41:24.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man aus seiner Krankheit entkommt, dann verliert man seinen Schutz. Das ist ein
sehr interessanter Aspekt.

[00:41:24.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann sie nur dazu aufmuntern: wenn es ihnen zu viel ist, dass sie es auch
verbalisieren.

[00:41:54.100] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie wollen nicht immer ein braver Patient sein, der Fortschritte macht. Sie wollen auch
einfach nur ein Mensch sein.

[00:41:54.300] – Bemerkung 1
Das brav sein ist nicht gefordert. Ich spüre einfach, dass es für viele einfacher ist, wenn
man brav ist.

[00:41:54.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagen das sehr gut. Es wird nicht ausgesprochen aber man spürt es. Man hat ja
das Gefühl, dass man mit seiner Behinderung genügend zur Last fällt. Dann darf man
nicht noch mehr zur Last fallen.

[00:42:12.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen. Der Behinderte kann auch ein Burnout bekommen über das brav sein. Sich
zu fest anpassen an unsere tollen Vorstellungen, wie alles gut laufen muss. Vielen Dank
für ihren Einwand.

[00:42:12.690] – Bemerkung 2
Wie reagiert man als Angehörige, wenn der Mann nicht will? Man sieht, dass es
notwendig wäre für ihn. Er sollte schlafen.

[00:42:59.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frauen sind schnell Mütter. Wir kommen in die betreuende, beschützende Rolle
rein. Wir sehen, dass der das eigentlich braucht und wollen es dann suggerieren. Je
mehr wir sagen, du solltest und mach doch jetzt und du brauchst das, um so verrückter
wird der Partner und will es nicht.

[00:42:59.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht von der weiblichen Betreuungsperson, manchmal Geduld, manchmal
Überlistung und manchmal auch ein bisschen Distanz, dass man es ein wenig sein
lassen kann.

[00:44:08.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man nicht ganz so fest Mutter ist, nicht ganz so fest Verantwortung übernimmt für
das Wohl des Behinderten.

[00:44:21.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch der Behinderte hat noch das Recht, sich selber zu schaden.

[00:44:25.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr wir drücken, desto mehr kommt oft Gegendruck.

[00:44:35.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir weniger drücken, kommt weniger Gegendruck.

[00:44:40.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann können sie es eher von sich aus.

[00:44:40.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kommt schnell in die Dynamik hinein: ich meine, es ja nur gut für dich und mach
doch jetzt.

[00:44:49.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Dinge laufen zwischen Eltern und Teenagern.

[00:44:52.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Teenager sagte mir mal: das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

[00:44:57.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Oh wie recht hatte dieser Teenager.

[00:44:57.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir professionellen Helfer meinen es auch immer gut, aber es ist nicht immer gut.

[00:45:09.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Da braucht es ein wenig Geduld.

[00:45:11.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt immer darauf an, welche Rolle der Mensch im Leben hatte.

[00:45:16.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er eine sehr dominante Rolle hat, eine wichtige, respektable Rolle hatte, und jetzt
ist er auf einmal auf Hilfe angewiesen und die anderen sagen ihm, was er machen
muss, ist das oft sehr schwierig.

[00:45:28.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch ein riesiger Trauerprozess.

[00:45:31.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann auch Wut aufkommen.

[00:45:31.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht so fest drücken.

[00:45:39.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Eher etwas Abstand nehmen.

[00:45:41.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, auch der Behinderte hat das Recht, kein braver Patient zu sein und sich
sogar ein wenig selber zu schaden.

[00:46:00.420] – Bemerkung 3
Beim Essen kommt das gut zum Ausdruck. Es hat zu viel und man bewegt sich weniger.
Das ist so. Mit dem Diätwahn wird soviel gemacht. Das ist auch nicht alles richtig.

Zucker gibt auch Energie. Wenn man nur das Süsse wegnimmt, harzt es auch bei der
Energie. Das ist bei vielen Leuten so.

[00:46:27.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Essen ist eine gute Möglichkeit zum bevormunden. Dort sind wir Mütter stark
drinnen. Das Essen geht oft über uns. Dort haben wir Mütter die Tendenz zu
bevormunden. Das mag der Partner nicht so gerne.

[00:46:50.060] – Bemerkung 4
Zum Unterschied zwischen Mann und Frau: nehmen wir das Beispiel kochen. Ein Mann
kocht anders als eine Frau. Die Küche sieht beim Kochen anders aus. Ich will nicht
kochen wie eine Frau. Ich will kochen wie ein Mann. Was beim anderen als wild und
fahrlässig erscheint, ist Teil vom eigenen Wesen. Dann muss man das eigene Wesen
ablegen, damit man als pflegeleicht gilt. Das ist nicht immer einfach.

[00:47:47.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein allgemeines Thema.

[00:47:51.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Mann und Frau haben verschiedene Vorstellungen, wie man kocht, wie man pflegt, wie
man Kinder erzieht. Sobald jemand pflegebedürftig wird und den anderen pflegt, meint
der Gesündere, er darf seine Methode dem anderen überstülpen. Das ist nicht in
Ordnung. Auch wenn jemand behindert ist, pflegebedürftig ist, er hat das Recht, sich
selber ein wenig zu schaden. Es gilt nicht, dass die Frau sagt, was jetzt gut ist und was
nicht.

[00:47:55.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Menschenrecht und der Respekt vor dem behinderten Menschen ist ganz wichtig,
dass man ihn behaltet.

[00:48:30.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum spricht man von: vergewohltätigen. Wohltätig vergewaltigen.

[00:48:38.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sagt man eigentlich nicht.

[00:48:39.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher sollte man auch dort respektieren: wie macht es der Mann, wie macht es die
Frau und so weit wie möglich das wahrnehmen und auf das Rücksicht nehmen.

[00:48:52.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie es dann bei allen aussieht, kann man nicht in allen Details sagen.

[00:48:53.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich meine nicht, dass der Mann die Methode der Frau übernehmen muss.

[00:49:07.720] – Dr.med. Ursula Davatz
In den Angehörigengruppen habe ich viel mehr Mütter.

[00:49:11.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sagen, dass der Mann nicht mitmacht.

[00:49:16.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann mache ich mich auch lustig und sage, dass wir Frauen wollen immer, dass der
Mann ein verlängerter Arm von uns ist. Nochmals eine Frau.

[00:49:23.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er es so machen würde wie wir, dann würde es gut gehen.

[00:49:29.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich nein, der Mann macht es ganz anders. Er darf es auch anders machen.

[00:49:35.680] – Dr.med. Ursula Davatz

Bei den psychiatrischen Situationen ist es genau das, was es braucht, dass es der
Mann anders macht und dass nicht noch mehr Frau in das System hinein kommt.

[00:49:47.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist für uns Frauen nicht so einfach zu akzeptieren. Das ist unsere Domäne. Ja nicht
einer Frau sagen, wie sie es in der Küche machen muss.

[00:49:57.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch Männer, welche die Küche fest verteidigen, wo die Messer hinkommen und
so weiter.

[00:50:01.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müssen wir uns gegenseitig respektieren und immer wieder wahrnehmen, wie wir
unterschiedlich sind.

[00:50:31.900] – Bemerkung 5
Man muss Freiraum lassen können. Denjenigen, welchen man pflegt, muss man
gewissen Freiraum lassen können. Derjenige, welcher gepflegt wird, soll auch ein wenig
gefordert sein, wo ist seine Grenze. Wenn es nicht mehr geht, kann man eingreifen.
Schauen, wann die Hilfe notwendig ist. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht.

[00:50:32.100] – Bemerkung 5
Wann kann sich derjenige, welcher pflegt sich ausklinken? Wann kann er den Schalter
drehen und gehen? Es muss vorher organisiert sein, habe ich das Gefühl. Er kann nicht
einfach den Schalter drehen und gehen und dann ist niemand mehr da. Das ist das
Problem. Für mich ist das ein grosses Problem. Er kann eigentlich nur gehen, wenn ich
weiss, dass es gut kommen kann. Ich kann mit guten Gewissen abgeben.

[00:51:27.460] – Bemerkung 5
Wenn ich zwei Tage weg bin und es kommt ein Telefon, es fällt alles zusammen, dann
sitze ich auf Kohlen.

[00:51:38.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas ganz Wichtiges. Das sagen sie sehr schön.

[00:51:49.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss dem Behinderten, dem Pflegebedürftigen seinen Freiraum geben und ihn
nicht mit seiner Hilfe vergewaltigen.

[00:51:57.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Freiraum ist genau das, dass man seine Persönlichkeit noch respektiert.

[00:52:02.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Rein im Verbalen sage ich immer: wenn mir etwas ganz wichtig ist und ich möchte den
anderen davon überzeugen, dann darf ich es ihm nicht den Hals runter stopfen,
sondern ich darf es nur sagen wenn ich zurück sitzen und warten kann.

[00:52:16.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dieser Freiraum, dass der andere reagieren darf.

[00:52:28.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ganz, ganz wichtig.

[00:52:31.520] – Bemerkung 5
Das Warten ist, glaube ich, der entscheidende Punkt. Habe ich so viel Disziplin zu mir?
Habe ich so viel Geduld? Oder will ich schon helfen? Warten, bis es reif ist. Das ist
etwas sehr wichtiges.

[00:52:43.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sich nur Auszeit organisieren, wenn es organisiert ist.

[00:52:56.370] – Dr.med. Ursula Davatz

Damit man sich Auszeit organisieren kann, muss man als Erstes akzeptieren, dass man
das braucht und möchte.

[00:53:05.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst nicht: ich lasse meinen Angehörigen im Stich.

[00:53:09.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich brauche das für mich. Ich brauche jetzt ein wenig Sauerstoff.

[00:53:13.130] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem man es akzeptiert, muss man es organisieren. Man kann es nicht spontan
machen.

[00:53:18.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Man soll sich die Auszeit organisieren, wenn einem das Wasser bei der Brust steht und
nicht wenn einem das Wasser bei der Nase steht.

[00:53:22.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn einem das Wasser bei der Nase steht, kann man nicht mehr richtig sprechen,
nicht mehr so gut organisieren. Man kann eigentlich nur noch davon rennen.

[00:53:31.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man wieder ein schlechtes Gewissen.

[00:53:35.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass man es plant und dass man akzeptiert: ich habe das Recht auf
diese Auszeit. Danach geht es mir wieder besser und meine Pflege ist qualitativ besser.
Man muss es organisieren. Man darf nicht ein schlechtes Gewissen haben, dass man
diese Auszeit braucht.

[00:53:55.830] – Bemerkung 6

Ich habe auf der Spitex gearbeitet. Jetzt überlege ich mir, wenn ich meinen Vater zu mir
nehmen würde. Ich möchte von Anfang an schon mit einer professionellen Hilfe
arbeiten. Damit alles geklärt ist. Ich gehe mit der Familie drei Wochen in den Urlaub.
Dann hat er im Altersheim einen Platz. Nach den Ferien kommt er wieder zurück.

[00:54:13.030] – Bemerkung 6
Wir hatten auf der Pflege jemanden, der immer zu uns in die Ferien gekommen ist. Sie
wurde von der Schwester gepflegt und hat gemerkt, was die Schwester alles für sie
getan hat. Immer in den Ferien wurde es der Schwester bewusst.

[00:54:22.550] – Bemerkung 6
Man sieht dann wie schön man es zu Hause hat, wenn man wieder nach Hause
kommen kann und schätzt das auch wieder.

[00:54:22.550] – Bemerkung 6
Selber ist man dann auch gut erholt.

[00:54:27.220] – Bemerkung 6
Ich stelle mir das so vor, dass ich es planen muss, bevor ich meinen Vater zu mir
nehme.

[00:54:27.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich gut und rate ich den meisten Leuten auch. Nicht zuerst alles selber
machen und erst wenn man nicht mehr kann, dann abgeben.

[00:54:44.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Lieber von Anfang an zusätzliche Hilfe miteinbeziehen, damit man Flexibilität hat. Dann
hat man die Angehörigenbetreuung und noch die professionelle Betreuung. So sieht
man auch den Unterschied. Beim einen ist das besser und beim anderen ist das andere
besser.

[00:55:01.110] – Dr.med. Ursula Davatz

Das finde ich natürlich das Idealste, dass die Angehörigen Pflegenden mit den
Professionellen sich ergänzen und gut zusammenarbeiten.

[00:55:29.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht miteinander konkurrieren.

[00:55:32.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Was manchmal auch passiert, wenn die Professionellen etwas besser als die
Angehörigen können: oh je, das darf doch nicht sein.

[00:55:39.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch das darf sein.

[00:55:42.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind andere Wesen. Gewisse Dinge stimmen vielleicht mit einem professionellen
Helfer oder Helferin besser überein.

[00:55:53.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das darf man dann auch gerne an die anderen abgeben.

[00:55:55.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre für mich das Ideale.

[00:55:58.940] – Bemerkung 7
Ich habe einen Mann, der dement ist. Es geht um den Respekt. Es gibt Situationen, die
er nicht mehr einsieht. Er möchte etwas woran er Freude hat. Das ist im Moment aber
aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich. Dann sage ich: das geht nicht. Dann hat
der Patient keinen Freiraum. Was soll man in so einem Fall tun? Die Demenz ist es
wahnsinnig schwierig. Es gibt nur noch eine Person, welche Krankheitseinsicht hat. Er
fühlt sich nicht krank.

[00:56:27.860] – Dr.med. Ursula Davatz

Was möchte er gerne tun, was er nicht darf?

[00:56:39.290] – Bemerkung 7
Er geht gerne turnen und Fussball spielen. Er hatte aber heute morgen einen
Kreislaufzusammenbruch. Dann geht das nicht. Das sieht er nicht ein. Er sieht sich
fussballspielenderweise. Das ist für mich auch blöde, aber es geht ja nicht.

[00:57:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es ihm gut geht, kann er dann noch Fussball spielen?

[00:57:28.440] – Bemerkung 7
Ja, er geht zwei Mal pro Woche noch Fussball spielen. Seine Kollegen sagen, dass es
gut geht.

[00:57:28.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Motorik läuft noch?

[00:57:28.710] – Bemerkung 7
Er muss ja nicht gleich wie Diego Maradona sein.

[00:57:28.750] – Bemerkung 7
Ich kann ihm den Respekt nicht geben, wenn er nicht Fussball spielen kann.

[00:57:40.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier gilt die gleiche Regel wie bei den Kindern. Man spricht von dem validieren.

[00:57:40.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Dementen kann man nicht mehr argumentieren.

[00:57:44.530] – Dr.med. Ursula Davatz

Mit Dementen kann man sprechen, wie man mit einem Kind spricht. Ein kleines Kind
versteht die Argumente oft auch noch nicht. Das kleine Kind versteht den Ton.

[00:57:44.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sehe: du möchtest gerne Fussball spielen gehen. Sie machen es vor. Sie zeigen es
eher mit der Körpersprache.

[00:58:20.960] – Bemerkung 7
Er sagt, dass ich gar nichts von Fussball spielen verstehe.

[00:58:58.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist er aber gut drauf.

[00:58:58.660] – Bemerkung 7
Verbal ist er gut unterwegs. Viele andere Dinge sind nicht mehr so gut erhalten.

[00:58:58.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sagen: nein, ich verstehe nichts von Fussball spielen, du hast Recht.

[00:59:06.570] – Bemerkung 7
Das sage ich immer.

[00:59:13.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen mit ihm diesen Prozess geduldig durchmachen. Wenn man denkt, dass er
es verstehen muss, das ist schnell. Dann muss er es gleich verstehen und Schluss. Sie
müssen das Spiel wie mit kleinen Kindern ein paar Mal durchmachen.

[00:59:25.340] – Bemerkung 7
Beide Seiten, also der Pflegende und der Patient muss die Einsicht haben und die
Krankheit akzeptieren. Das kann er nicht.

[00:59:45.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist hier anders. Hier müssen wir mehr emotional mit ihm umgehen. Wenn ich sage
validieren, seinen Wunsch, den er will, sagen: ich sehe, ich spüre, du möchtest.

[01:00:04.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Ton ist wichtig. Er argumentiert auch noch gut.

[01:00:12.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Empathisch, das sagen, dass er das sagen möchte.

[01:00:17.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann auch aufzeigen, dass man es nicht kann.

[01:00:21.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Läuft er ihnen davon?

[01:00:29.450] – Bemerkung 7
Nein, das nicht. Er ist dann traurig und das macht mich dann auch wieder traurig. Es ist
eine emotionale Überforderung für mich. Es ist keine körperliche Überforderung. Er
schaut danach auf den Boden. Das macht mich fertig.

[01:00:46.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen auf eine Art und Weise, dass er es begreift. Das kann er nicht.

[01:01:08.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen einfach emotional mit ihm gehen und sie können dann auch sagen: ja es ist
traurig, dass wir jetzt nicht Fussball spielen gehen können. Lieber das miterleben.

[01:01:20.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wegkommen vom Intellektuellen.

[01:01:22.600] – Bemerkung 7
Er starrt dann eine halbe Stunde auf den Teppich runter. Es ist hart, das anzuschauen.

[01:01:22.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Was kann er zu Hause machen mit Interaktion? Könnte man Ballonball spielen?

[01:01:28.000] – Bemerkung 7
Nein, das findet er kindisch.

[01:01:48.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Könnte er einen Fussballmatch schauen?

[01:02:02.320] – Bemerkung 7
Ja, das würde er schon machen.

[01:02:02.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können ein paar Fussball Spiele aufnehmen und sagen: heute machen wir Video
Fussball. Dann bleibt man beim Fussball, aber man kann es anschauen.

[01:02:02.630] – Bemerkung 7
Das ist nur eine Situation. Es gibt mit der Demenz noch andere Situationen, wo man
nicht alle Ratschläge brauchen kann, welche auch für einen Behinderten funktionieren.

[01:02:43.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt immer mehr Erfahrung im Umgang mit Dementen. Man macht extra
Ausbildungen mit Dementen. Dort sagen sie immer: validieren.

[01:02:50.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss emotional mit ihnen gehen und emotional sie irgendwo anders hinführen.
Das Intellektuelle geht nicht.

[01:03:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht beim Kind und beim Tier auch.

[01:03:00.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Menschen können ein Pferd führen, obwohl das Pferd viel stärker ist als wir.

[01:03:16.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Über die Stimme, den Ton, die Haltung können wir das hinbekommen, was wir wollen.
So wäre das auch beim Dementen.

[01:03:24.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald sie Mitleid mit dem Dementen haben, können sie ihn nicht führen.

[01:03:26.360] – Bemerkung 7
Das hat man dann trotzdem.

[01:03:31.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verstehe sie. Es ist eine Realität. Kreislaufkollaps. Ja, es ist traurig. Man muss sich
auch immer verlangsamen mit diesen Leuten. Viel, viel langsamer. Oft ist man zu
schnell. Dan überfordert man sie mit dieser Geschwindigkeit.

[01:03:45.140] – Bemerkung 7
Das habe ich gemerkt. Immer nur eine Sache auf einmal sagen. Nicht drei Dinge
hintereinander sagen. Das geht gar nicht.

[01:03:59.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Prozess muss ganz langsam sein. Schritt für Schritt für Schritt für Schritt.

[01:04:04.640] – Dr.med. Ursula Davatz

Man muss sich wirklich verlangsamen. Das ist ähnlich wie bei einem kleinen Kind, das
noch nicht versteht, welches das Intellektuelle sowieso noch nicht versteht. Man spricht
trotzdem mit dem kleinen Kind. Über den Ton kommt es rüber. Einfach langsam.

[01:04:28.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Prozess verlangsamen. Den Schritt, welchen sie erwähnen, welchen sie verbal
kommentieren, an den Glauben, hinter dem stehen und nicht zögern. Sobald sie
zögern, heisst es: du verstehst nichts von Fussball. Es ist gut, wie er argumentiert. Das
weiss er noch.

[01:04:53.710] – Bemerkung 8
Ich muss ihren Fussball Kollegen ein grosses Kompliment machen, dass sie sich noch
mit ihm abgeben und sich nicht einfach zurück ziehen. Das wäre viel einfacher.

[01:05:05.240] – Bemerkung 8
Ich stand voll im Berufsleben, als ich krank wurde. Als ich von der Reha zurück kam,
war ich nur im Rollstuhl. Ich konnte soviel ich wollte an meinen ehemaligen Arbeitsplatz
zurück. Das mache ich heute noch. Ich darf wieder Auto fahren. Mein Arbeitsplatz
wurde auf Aarau verlegt. Früher war er in Baden. Ich muss nicht arbeiten gehen, ich
kann einfach dort sein. Ich kann noch einen Kaffee trinken und dann wieder gehen. Die
Firma hat eine sehr starke Fluktuation. Ich kenne noch den einen oder den anderen. Ich
muss dort keine Leistung mehr bringen. Ich kann noch ein wenig mitreden. Die lassen
mich auch nicht einfach fallen. Das ist nicht in jedem Beruf das gleiche. Man muss auch
Glück haben.

[01:06:04.660] – Bemerkung 7
Er spielt in zwei verschiedenen Gruppen Fussball. Er hat über Jahrzehnte alles für die
gemacht. Er hat viel organisiert. Jemand kommt ihn auch immer abholen.

[01:06:56.180] – Bemerkung 9
Meine Mutter war auch dement. In einem Kurs wurde mir gesagt: Freiheit geht vor
Sicherheit. Sich gehen lassen.

[01:06:56.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Haltung. Es kommt immer auf einem selber an, ob man das aushalten
kann. Man muss selber entscheiden.

[01:07:12.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn betagte Väter oder Mütter noch alleine wohnen, dann hat die Tochter Angst vor
einem Sturz, vor einer Schenkelhalsfraktur. Dann kommt niemand vorbei, weil es
einsam ist. Darum muss sie jetzt in ein Heim geben und die Freiheit wird
weggenommen. Hier kann man auch sagen: Freiheit geht vor Sicherheit. Nicht alle
Leute können zu dem ja sagen.

[01:07:46.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft tut man diesen Leuten keinen Dienst, wenn man auf Sicherheit geht und überleben,
aber sie verlieren ihre Freiheit.

[01:07:55.660] – Bemerkung 7
In dieser Situation wäre es nicht gegangen.

[01:07:55.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist etwas, das man bedenken muss.

[01:08:21.160] – Bemerkung 7
Ich werde das Argument nicht vergessen aber vielleicht nicht gerade heute anwenden.

[01:08:21.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Morgen ist auch noch ein Tag.

[01:08:21.470] – Bemerkung 10
Ich habe eine Frage zur systemischen Arbeit, wenn ich merke, da ist ein Konflikt unter
den Geschwistern, müssen dann alle in die Therapie kommen um die Konflikte sichtbar
zu machen und um sich aus der Situation heraus zu finden? Oder genügt es wenn nur
jemand kommt.

[01:08:39.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es unterschiedlich machen.

[01:09:01.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann Familientherapie mit einer Person machen, d.h. die Person, die zu einem
kommt, berät man von ihrer Geschwisterposition her und sagt ihr, wie sie mit der
Ältesten umgehen soll.

[01:09:16.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal wünschen die Leute auch, dass sie alle mitbringen dürfen.

[01:09:23.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann würde ich auch alle nehmen.

[01:09:23.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss nicht zwingendermassen so sein, dass alle kommen müssen.

[01:09:29.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann durchaus systemisch denken und nur eine Person zu beraten.

[01:09:34.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Man beratet diese Person so, wie sie es machen kann, von ihrer Position her.

[01:09:39.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man eine Jüngste beratet, ist das anders, als wenn man eine Älteste beratet.
Eine Mittlere ist wieder anders. Je nachdem, welche Rolle sie im System hatte, gibt
man andere Ratschläge.

[01:09:51.690] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann gibt man der Person, die in die Beratung kommt, den Ratschlag, mit dieser
Person machst du dies und mit jener das.

[01:10:04.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen sich anders der Familie und den Eltern gegenüber stellen.

[01:10:09.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es Konflikte unter den Geschwistern gibt, ist das meistens von den Eltern her
gemacht.

[01:10:14.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind ungleich umgegangen mit den Geschwistern, irgendein Lieblingskind
oder ein Sündenbock.

[01:10:22.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kommt dann wieder hervor, wenn die Eltern betagt sind.

[01:10:27.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich, das noch einmal anzugehen und hier Ordnung zu machen.

[01:10:32.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht auch nur mit einer Person.

[01:10:45.200] – Bemerkung 11
Ich weiss aus einer Radiosendung, dass es sehr gut ist, wenn man noch eine
Fremdperson hat.

[01:10:52.840] – Bemerkung 11
Wenn ein Familienmitglied etwas sagen möchte, wird das nicht immer so gerne
angenommen.

[01:10:53.920] – Bemerkung 11
Es ist gut, wenn man noch eine Drittperson rein nehmen kann.

[01:10:54.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich finde es eine ideale Mischung, wenn man jemanden von der Familie hat oder
mehrere von der Familie hat und auch noch Fachpersonen. Wenn die gut
zusammenarbeiten können, ist das am idealsten.

[01:10:59.510] – Bemerkung 12
Wenn es dann brennt, dann ist es schwierig, dann kommen die Emotionen ins Spiel.
Dann wird es schwierig.

[01:11:18.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man soll die Fachperson nicht erst zuziehen, wenn das Feuer im Dach ist, sondern
schon vorbeugend. Man muss die Entlastung vorbereiten. Man kann die Entlastung
nicht erst dann organisieren, wenn man am Ende ist.

[01:11:52.780] – Bemerkung 13
Wir sind zwei Schwestern und wir kümmern uns um die Mutter. Wir mussten ab und zu
gegen den Willen der Mutter vorgehen, planen. Die Mutter liebt Feuerwehrübungen. Wir
mussten es richtig durchsetzen, wir mussten es richtig aushalten, dass sie gar nicht
zufrieden ist. Das wird dann nur in der Familie drinnen behalten. Da gehen wir fast
drauf.

[01:11:52.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um die Ablösung des erwachsenen Kindes von den betagten Eltern.

[01:12:33.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erwachsene Tochter muss man seiner betagten Mutter oder seinem betagten Vater
sagen: ich brauche das, zu meiner Entlastung.

[01:12:45.820] – Dr.med. Ursula Davatz

Klar, die Mutter will nur ihre Töchter, das ist das Wunderschönste und das Beste. Es
kann ja nicht sein, dass die Tochter darauf geht.

[01:12:57.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man sich manchmal wirklich als Tochter durchsetzen, und sagen: ich brauche
das, Mutter ich will, dass du akzeptierst. Auch wenn die Mutter trotzig ist.

[01:12:59.620] – Bemerkung 13
Es geht soweit, dass die Mutter sagt: mit 65 Jahren war ich jünger. Das ist natürlich
nicht so.

[01:13:15.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier muss man sich als Tochter gegen die betagte Mutter durchsetzen. Das ist nicht
immer so einfach. Man kommt sich als böse Tochter vor. Es ist aber notwendig.

[01:13:26.400] – Bemerkung 13
Es wartet niemand auf unsere Mutter. Wir müssen vorplanen.

[01:13:53.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss vor der Mutter auftreten und sagen: ich brauche das so. Man muss ein
erwachsenes Statement abgeben. Man muss es nicht der Mutter immer Recht machen
wollen. Man muss es sich selber Recht machen. Es ist nicht einfach.

[01:13:53.310] – Bemerkung 13
Ihr seit ja ständig weg, im Ausgang.

[01:14:09.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, die kann auch noch gut argumentieren. Dann muss man für sich selber eintreten.

[01:14:34.480] – Bemerkung 14

Es ist anders ob man die Eltern zusammen mit den Geschwistern pflegt oder ob man
den Partner pflegt. Was macht man, wenn man einen Partner hat, der eine
Hirnverletzung hat? Sie müssen alles organisieren. Er braucht kein Kindermädchen.

[01:15:23.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat wohl seine Gehirnverletzung nicht ganz akzeptiert. Es gibt solche, die es nie
akzeptieren. Es gibt auch Querschnittsgelähmte, welches es nie akzeptieren und immer
dagegen angehen.

[01:15:30.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier muss man auch wieder für sich einstehen.

[01:15:30.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf den Partner nicht von seiner Gehirnverletzung überzeugen wollen und sagen,
dass dies und das nicht geht. Man muss selber von der Gehirnverletzung überzeugt
sein, was man machen kann und was man nicht machen kann. Es ist ein Kampf.

[01:15:45.460] – Bemerkung 14
Wie sieht es mit dem Autofahren aus?

[01:16:09.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist gesetzlich geregelt. Das wird bestraft. Wenn er Auto fährt, wird er bestraft.

[01:16:16.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss nicht einsichtig sein. Da würde ich wirklich mit dem kommen: nein, ich will das
nicht.

[01:16:24.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will keine Polizei im Haus, keinen Gerichtsfall. Ich will es nicht.

[01:16:27.600] – Dr.med. Ursula Davatz

Man muss nicht überzeugen wollen, man muss aber selbst sehr überzeugt sein und das
auch sagen können.

[01:16:36.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kämpft um sein eigenes Leben. Man muss um sein eigenes Leben kämpfen. Man
kann nicht vom Hirnverletzen erwarten, dass er einem versteht, man kann nicht
erwarten, dass er es einsieht. Er muss spüren, dass man nicht nachgibt. Schlussendlich
geht es über das Spüren.

[01:17:03.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es heisst dann: du bist böse und schrecklich etc. aber man kämpft um sein Leben. Es
ist notwendig. Es ist sehr schwierig.

[01:17:03.400] – Bemerkung 14
Es ist der Partner. Man hat eine gute Beziehung gelebt.

[01:17:17.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kämpfen um ihre Existenz. Es bringt dem Hirnverletzten gar nichts, wenn sie zu
Grunde gehen. Einsehen tut er es nicht.

[01:17:43.030] – Bemerkung 14
Danke!

[01:17:43.090] – Bemerkung 15
Ich brauche dann auch Hilfe für mich selber. Ich habe jetzt eine gute Therapeutin, die
mich unterstützt. Die Therapeutin sagt: sie haben schon so viel gemacht, es reicht jetzt.
Ich verstehe, dass sie nicht mehr können. Sie haben jetzt auch ein Recht auf ihr
eigenes Leben. Alleine schafft man das fast nicht. Das soziale Netz muss halten.

[01:17:43.130] – Dr.med. Ursula Davatz

Manchmal kann man auch umbenennen. Reframing ist manchmal eine Hilfe.Ich
organisiere jetzt eine Gouvernante, die ganz galant ist. Man darf es dann vielleicht
nicht Spitex nennen. Das klingt nach Krankheit. Man ist ja nicht krank.

[01:19:23.310] – Bemerkung 16
Es geht um das Burnout. Wie merkt man, dass man in ein Burnout reinrutscht?

[01:19:23.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kommt ins Burnout, wenn man merkt, dass man schnell genervt wird. Es geht mir
viel schneller auf die Nerven. Ich ertrage das nicht mehr, wenn es laut ist. Beim Patient
kann man sich selber noch im Griff haben. Wenn dann aber etwas hinzukommt, dann
explodiert man. Man wird genervt, gereizt, übermüdet. Man mag nicht mehr richtig. Man
hat keine Lust mehr auf andere Dinge, weil die Energie fehlt. Oft will man es nicht
wahrhaben. Man will es so gut machen, man will es nicht wahrhaben und man
überschaut dann diese Signale.

[01:20:07.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich mit Spitex Schwestern gearbeitet habe, war eine Frage an mich: wie merken
sie, wenn sie überfordert sind? Reden sie viel? Bekommen sie Bauchschmerzen?
Bekommen sie Kopfschmerzen? Werden sie gereizt? Man hat seine Stresssymptome.
Vor dem Burnout kommen mehr Stresssymptome. Nicht alle Leute sind gleich.

[01:20:18.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Die einen reagieren mit dem System und die anderen mit einem anderen System.

[01:20:24.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Stresssymptome mehr auftreten, dann rutscht man in ein Burnout.

[01:20:26.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich sind das alles körperliche oder seelische Symptome, die einem sagen:
Achtung, du musst aufpassen. Man übergeht die oft.

[01:20:51.580] – Bemerkung 17
Man hat gar keine Zeit mehr, um sich wahrzunehmen.

[01:20:51.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht so gut.

[01:20:59.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Burnout ist vergleichbar mit einer Depression.

[01:20:59.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Burnout sagt schön: man hat sich verbrannt.

[01:21:05.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich vergleiche das Burnout mit dem Moped. Wenn ein Mensch ein Moped frisiert,
verbrennt der Motor schneller. D.h. wenn man einen Motor dazu bringt, dass er mehr
Leisten muss als er leisten kann, dann verbrennt der Motor. Wenn man ein Burnout hat,
muss man immer über die Bücher gehen und schauen, wo man sich überstrapaziert
hat. Wo habe ich über meine Grenzen hinaus geleistet? Aus welchem Grund? Weil ich
Anerkennung möchte? Weil ich Mutter Theresa sein möchte? Weil ich einen grossen
Anspruch an mich habe.

[01:21:12.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss über die Bücher gehen und schauen, dass man das ändert. Einfach in die
Ferien zu fahren und im gleichen Stil weiterzumachen, das genügt nicht.

[01:21:35.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur in die Burnout Klinik gehen und sich verwöhnen lassen, das genügt nicht.

[01:21:56.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss verändern.

[01:22:00.190] – Dr.med. Ursula Davatz

Man muss seine Muster verändern. Das Moped zurück frisieren.

[01:22:37.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss über die Bücher gehen und etwas verändern.

[01:22:37.820] – Bemerkung 18
Falls jemand das gar nicht einsieht, dass er ein Burnout hat, man denkt man sei müde
von der Arbeit.

[01:22:37.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht muss dann eine grössere Krankheit passieren. Oder ein Unfall.

[01:22:43.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal macht man dann auch einen Unfall und wird so aus dem Verkehr gezogen.

[01:22:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesen Leuten einreden wollen, das geht meistens nicht.

[01:22:49.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es ihnen sagen möchte, ist es wichtig, dass man das Argument nur auf den
Tisch legt und wartet.

[01:22:49.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann niemand zur Wahrheit oder zur Einsicht zwingen.

[01:23:00.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist für uns Therapeuten manchmal auch schwierig. Manchmal begleiten wir Leute
ewig oder einfach lange Zeit und es macht nicht Klick, es ändert nichts. Wir müssen
trotzdem aufmerksam begleiten und warten, bis es so weit ist, dass der Sprung
passiert.

[01:23:26.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann niemanden zu seiner Einsicht zwingen.

[01:23:30.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal sehen sie es nicht ein, sie ändern nichts. Dann kommt eine weitere
Krankheit dazu. Dann zwingt einem die Krankheit zur Einsicht.

[01:23:30.290] – Bemerkung 19
Es geht um einen jungen Menschen, der nicht einsichtig ist. Er sieht seine Krankheit
nicht ein.

[01:23:51.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Jemand, der über seine Grenzen hinaus leistet?

[01:24:00.860] – Bemerkung 19
Die Symptome sind vorhanden. Sehr hohe Ansprüche, ein grosser Perfektionismus.

[01:24:21.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Es wird immer noch vorangetrieben. Im Sport
wird es vorangetrieben mit Hormonen, Stimulanzien, etc. Im Geschäft wird immer mehr
verlangt. Es ist schwierig für die Jungen zu sagen: das ist mir zuviel, ich mache hier
nicht mit, bei diesem Rennen. Sie werden angestiftet.

[01:24:52.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss auf mentaler Ebene seine Überzeugung ändern. Leistung ist nicht alles. Es
gibt noch anderes im Leben. Gewisse müssen schwer bezahlen, bevor sie sich ändern.
Zum Teil müssen die Beziehungen zu Grunde gehen, damit man sich ändert. Gewisse
rennen mit dem Kopf durch die Wand.

[01:25:28.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Eltern ist man beim Sohn oder der Tochter aufgeschmissen. Von den Eltern will man
gar nichts hören.

[01:25:28.400] – Bemerkung 20
Es ist der Freund von einer Tochter. Sie kann auch nicht Therapeutin spielen.

[01:25:39.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann sagen: ich will noch etwas anderes von dir. Sie kann etwas anderes fordern.
Nicht sagen: mach nicht soviel. Sagen: ich will das. Ich will mit dir Freizeit haben. Sie
kann ihn wegholen.

[01:26:06.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man im Hamsterrad der Leistung gefangen ist und der Partner will etwas mit
einem unternehmen, dann lässt man sich eher von der Arbeit wegreissen, als wenn der
Partner sagt: arbeite doch nicht so viel. Das leuchtet nicht ein. Etwas anderes, das
Spass macht, damit lässt man sich eher wegholen.

[01:26:21.890] – Bemerkung 20
Wenn jemand das Interesse gar nicht hat, weil er so abgelöscht ist?

[01:26:22.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man nur noch die Beziehung abbrechen.

[01:26:22.200] – Bemerkung 20
Er erträgt ihre ewigen Wünsche gar nicht. Sie hat grosse Bedürfnisse.

[01:26:49.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur als Wunsch, sondern Durchsetzen. Frauen haben den Wunsch, dass der
Partner den Wunsch durchsetzt. Es fehlt der letzte Schritt. Der letzte Schritt muss
gemacht werden. Vielleicht ist es hier schon auseinander gelaufen.

[01:26:49.530] – Bemerkung 20
Das kann sein.

[01:27:24.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielen Dank für das gute Mitmachen. Ich hoffe, sie konnten etwas mitnehmen. Ich
wünsche ihnen viel Kraft. Achten sie gut auf sich selber. Sowohl die Betroffenen, als
auch die pflegenden Angehörigen. Es ist wichtig, dass man sich ernst nimmt und auch
seine Grenzen mitteilt. Dann läuft das Ganze besser. Schönen Abend!

BURNOUT
bei pflegenden Angehörigen
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Dr. med. Ursula Davatz
http://www.ganglion.ch
http://schizo.li

RehaClinic Baden
18.11.2013

Wir Menschen sind soziale Wesen, unser Sozialverhalten hat uns in der Evolution
vorwärts gebracht. Innerhalb der Familie wird das Sozialverhalten ganz besonders
moralisch-ethisch erwartet, insbesondere vom weiblichen Geschlecht.

Burnout bei pflegenden Angehörigen von Betagten und Behinderten
− Immer mehr Menschen werden dank der verbesserten medizinischen Versorgung
älter.
− Viel mehr alte Menschen werden dadurch aber auch von einer sozialen
Versorgungsstruktur abhängig, da sie nicht mehr selbständig leben können.
− Diese Hilfe kann durch professionelle Helfer oder durch Angehörige erfolgen.
− Die verbesserte medizinische Versorgung bietet aber auch mehr Möglichkeiten für
Menschen, die von Geburt behindert sind sowie für jene, die durch Unfall oder
Krankheit im Laufe des Lebens darauf angewiesen sind.
− Eine Behinderung erfordert nicht nur vom Behinderten selbst viel
Verarbeitungsleistung, sondern auch vom Umfeld, das ihn betreut.
− Diese zusätzliche soziale Unterstützungsleistung kann wiederum von
professionellen Helfern oder von Angehörigen erbracht werden.
− Die professionelle Hilfe und Unterstützung von Behinderten wird grösstenteils von
Versicherungen bezahlt.
− Die professionelle Unterstützung der alten Menschen wird nur teilweise von der
Krankenversicherung bezahlt.

− Dies sind Aspekte, die bei den pflegenden Angehörigen von betagten Menschen
im Hintergrund häufig eine Rolle spielen.
− Angehörige fühlen sich stets moralisch verpflichtet, sowohl für ihre betagten als
auch behinderten Familienmitglieder zusätzliche Unterstützung zu leisten, ganz
unabhängig von der zeitlichen und finanziellen Belastung, die eine Pflege mit sich
bringt.

Wie kommt das Burnout bei pflegenden Angehörigen zustande?
− Die Situation der pflegenden Angehörigen von betagten Familienmitgliedern,
Ehepartnern oder Eltern, stellt sich etwas anders dar, als von solchen, die ihre
behinderten oder handicapierten Kinder pflegen.
− Pflegen Angehörige ihre betagten Eltern oder Partner, besteht schon eine
Beziehungsgeschichte; man könnte auch sagen Beziehungskiste.
− Durch die entstandene Pflegebedürftigkeit des Partners oder der Eltern entsteht
ein neues Machtverhältnis.
− War die zu pflegende Person zuvor in einer mächtigen, sprich dominanten
Position in der Beziehung, wird sie nun plötzlich abhängig und muss sich bis zu
einem gewissen Grade unterordnen bzw. anpassen an die zuvor untergeordnete
Person.
− Dies akzeptiert die pflegebedürftige Person häufig nicht und sie wehrt sich
entsprechend dagegen.
− Die untergeordnete, noch gesunde Person sieht für sich plötzlich die Chance
gekommen, die Führung übernehmen zu können über die früher dominante
Person.
− Diese Führungsübernahme ist für sie eine gewisse Genugtuung und in manchen
Fällen kommt es auch zur geheimen Rache.
− Versuchen professionelle Helfer wie Spitex-Schwestern, die pflegenden
Angehörigen unter solchen Umständen zu entlasten, lassen sich die pflegenden
Angehörigen ihre neue Rolle nicht ohne weiteres wegnehmen, denn es gilt für sie
noch eine Rechnung auszugleichen.
− Die Fachpersonen verstehen dies häufig nicht, denn sie wollen den von der Pflege
überforderten Angehörigen in erster Linie Unterstützung geben und sie entlasten,

damit sie nicht in ein Burnout geraten. Doch die Hilfe wird aus den zuvor
genannten Gründen häufig abgewiesen.
− Handelt es sich um Erwachsene, die ihre betagten Eltern pflegen und dabei
überfordert werden, sind es häufig diejenigen, die von ihren pflegebedürftigen
Eltern noch Anerkennung erwarten, die sie als Kinder nie bekommen haben.
− Über die Pflege ihrer betagten Eltern unternehmen sie ein letztes Mal den
Versuch, diese Anerkennung doch noch zu erhalten, häufig aber ohne Erfolg oder
nicht mit dem erwünschten Erfolg. Eingeschliffene Beziehungsprobleme lassen
sich nicht so ohne weiteres ohne fremde Hilfe lösen.
− Durchschauen In solchen Fällen die professionellen Helfer die
Beziehungsdynamik im Familiensystem nicht, ist es fast unmöglich, die
pflegenden Angehörigen, meistens sind es die Töchter, aber nicht immer, zu
entlasten und vor dem Burnout zu schützen.
− Es gilt also stets die dahinterliegende Beziehungsdynamik zu erkennen, will man
pflegende Angehörige vor dem Burnout schützen. Nur wenn man dies versteht,
kann man ihnen helfen, sich selbst zu verstehen. Dann können sie von ihrem
zwanghaften Verhalten pflegen zu müssen, selbst wenn es über ihre Kräfte geht,
ablassen.
− Bei pflegenden Angehörigen von behinderten Kindern handelt es sich um eine
etwas andere Beziehungsdynamik.
− Die Behinderung eines Kindes zu akzeptieren ist ein schwieriger Trauerprozess,
der sehr lange dauern kann und manchmal nie vollendet ist.
− Die Nichtakzeptanz der Behinderung kann dazu führen, dass bei den Eltern ein
schlechtes Gewissen aufkommt, welches sie dann mit Überbetreuung zu
überdecken versuchen.
− Eltern zu entlasten, die unter solchen Voraussetzungen die Pflege übernehmen,
ist nicht ohne weiteres möglich.
− Auch in dieser Situation wehren sich die pflegenden Angehörigen häufig gegen
eine Unterstützung zur Verhinderung des Burnouts, da sie mit ihrer intensiven
Pflege ja ihre Schuldgefühle los zu werden versuchen.
− Deshalb gilt auch hier: zuerst die gefühlsmässige Beziehungssituation zu
erfassen, bevor man daran geht, die pflegenden Angehörigen zu entlasten.

Schlussfolgerung
Will man dem Burnout von Angehörigen, die ihre betagten oder behinderten Eltern
pflegen, von professioneller Seite her vorbeugen, was dank den flächendeckenden
Gesundheitsstrukturen in unserem Land grundsätzlich möglich ist, muss man stets
versuchen, den Beziehungshintergrund zwischen dem Pflegebedürftigen und seinen
pflegenden Angehörigen zu entschlüsseln. Erst dann kann den pflegenden
Angehörigen von professioneller Seite effiziente und effektive Entlastung angeboten
werden. Ansonsten schaffen die professionellen Helfer und die pflegenden
Angehörigen gegen einander und beide kommen in ein Burnout, anstatt dieses zu
verhindern.

Dr. med. U. Davatz / 18. November 2013

Ein Kommentar zu „Burnout bei pflegenden Angehörigen – Fragile AG SO 18.11.13

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