Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
10.5.2016
Die Pubertät
Audio
[00:00:01.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte sie alle ganz herzlich begrüssen zu diesem heutigen Abend.
[00:00:05.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich unheimlich gefreut hier herzukommen, denn das ist meine alte Heimat.
[00:00:10.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin ein Jahr hier in die alte Propstei in die Bezirksschule gegangen, davor in
Leuggern.
[00:00:16.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe hier ganz viele Erinnerungen.
[00:00:18.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht noch etwas zu meiner Person.
[00:00:25.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, ich bin im Aargau aufgewachsen, habe alle Schulen besucht im Aargau. Ich
habe dann Medizin studiert, Psychiatrie gemacht, war fünf Jahre in den USA.
[00:00:33.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin 1980 zurückgekommen in die Schweiz, wieder in den Kanton Aargau.
[00:00:39.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe fast 20 Jahre im Sozialpsychiatrischen Dienst und später im externen
Psychiatrischen Dienst als leitende Ärztin gearbeitet.
[00:00:50.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Familientherapie gelernt.
[00:00:51.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich immer für die Familie interessiert.
[00:00:55.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Weiterbildungen für Lehrer gemacht, Fachleute aus dem Gesundheitsbereich.
[00:01:02.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Prävention ist mir ein ganz wichtiges Anliegen.
[00:01:09.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin verheiratet, habe drei Kinder und werde bald zum fünften Mal Grossmutter.
[00:01:17.400] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne bin ich wieder in einer Wandlungsphase.
[00:01:20.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema Pubertät ist ein ganz wichtiges Thema.
[00:01:25.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Während der Pubertät, man nennt es auch Ablösungsphase und Ablösungskonflikt, da
laufen viele Dinge zwischen Eltern und Kindern.
[00:01:38.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Psychiaterin sage ich, da ist die grösste Möglichkeit, dass man Fehlentwicklungen
machen kann.
[00:01:44.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will ihnen nicht Angst machen, sondern ich will genau das Gegenteil.
[00:01:48.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will ihnen helfen, dass sie munter und selbstsicher in die Pubertätsphase ihre Kinder
hineingehen.
[00:01:55.590] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät verlieren die Eltern ihre Rolle.
[00:02:04.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer können sie behalten.
[00:02:08.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden.
[00:02:20.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertät ist, wenn die Eltern vom Sockel gestossen werden.
[00:02:26.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern müssen eine neue Rolle einnehmen.
[00:02:29.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Vorher konnten sie die Kinder erziehen.
[00:02:30.960] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät geht das nicht mehr.
[00:02:33.380] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät darf man die Kinder nicht mehr erziehen darf. Man darf nur noch
Beziehung pflegen.
[00:02:39.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich mit den Kindern auseinandersetzen.
[00:02:43.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sie auch nicht alles machen lassen.
[00:02:44.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht wichtig, dass man immer gewinnt in dieser Auseinandersetzung.
[00:02:54.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass man sich auseinandersetzt, dass man standhaft ist, dass man
ehrlich und authentisch ist.
[00:03:03.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer wechseln ihre Rolle nicht so sehr, aber sie müssen trotzdem lernen, mit den
pubertären Kindern umzugehen.
[00:03:10.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen eine grosse Standfestigkeit haben, eine grosse Reissfestigkeit.
[00:03:15.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen nicht so schnell beleidigt werden, denn wenn sie beleidigt sind, dann merkt
es das Kind.
[00:03:23.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrperson wird dann nicht mehr ernst genommen, oder das Kind beginnt Mitleid zu
haben mit der Lehrperson.
[00:03:33.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo man Mitleid hat mit seinem Umfeld, kann man seine eigene
Persönlichkeit nicht entwickeln, dann unterdrückt man die eigene Persönlichkeit. Das ist
nicht das, was wir wollen.
[00:03:44.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich thematisiere als erstes die Ablösung der Eltern von ihrer Erziehungsrolle, ihrer
neuen Auseinandersetzungsrolle.
[00:03:55.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Auseinandersetzung ist natürlich auch unterschiedlich.
[00:04:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater setzt sich anders mit den Kindern auseinander als die Mutter.
[00:04:04.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater hat andere Bereiche.
[00:04:07.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zwischen Vater und Mutter unterscheidet, macht man immer diese wichtige
Unterscheidung.
[00:04:12.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter gibt unkonditionale Liebe, das macht sie oft auch noch in der Pubertät.
[00:04:18.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bietet noch das Hotel Mama an, macht alles Mögliche.
[00:04:22.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater gibt eher konditionale Liebe.
[00:04:24.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erwarte von dir das und das.
[00:04:27.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du dich nicht an das haltest, bin ich nicht zufrieden, respektive rede ich vielleicht
auch nicht mit dir, oder ich mache mit dir keinen speziellen Ausflug oder man gibt kein
Geld. Lauter solcher Dinge.
[00:04:39.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich spreche extra vom Rollenverlust der Eltern.
[00:05:41.150] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät verlieren die Eltern ihre Beschützerrolle.
[00:05:45.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern müssen eher in eine Auseinandersetzungsrolle gehen.
[00:05:49.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern müssen ein Gegenüber sein für den Jugendlichen, damit er sich an einem
üben kann, auch die Krallen wetzen natürlich, auch ärgern, das gehört alles dazu.
[00:06:02.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht eine gewisse Standfestigkeit.
[00:06:06.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Für die Eltern ist das oft eine plötzliche Erkenntnis, dass sie das Kind loslassen
müssen.
[00:06:17.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht nur der Jugendliche, der sich ablösen muss.
[00:07:02.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern verlieren die ganz intime Beziehung.
[00:07:31.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind hat mehr Geheimnisse, macht die Türe zu etc.
[00:07:36.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist für die Eltern gar nicht so einfach.
[00:07:39.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie verlieren ihre Kontrolle über das Kind.
[00:07:42.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können nicht mehr nach dem Beschützerinstinkt funktionieren, sondern sie müssen
das Risiko eingehen, sich mit dem Kind auseinanderzusetzen.
[00:07:52.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist enorm wichtig.
[00:07:53.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann alle die in der Psychiatrie, der Erwachsenenpsychiatrie, welche die
Auseinandersetzungsphase nicht gut machen konnten.
[00:08:02.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können alle möglichen Störungen auftreten.
[00:08:06.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die plötzliche Erkenntnis, dass man das Kind nicht mehr schützen kann vor dieser
bösen Welt, ist schwieriger, für Eltern, die eher ängstlich sind und die ganz viel
Beschützerinstinkt haben.
[00:08:20.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein bisschen einfacher für Eltern, die eher selbstsicher sind.
[00:08:26.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Eltern können die Kinder ausprobieren lassen, sie müssen nicht ständig die Arme
ausbreiten.
[00:08:31.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig ist der Beschützerinstinkt bei den Frauen, also bei den Müttern, stärker als bei
den Vätern. Es kann auch umgekehrt sein.
[00:08:41.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind negative Erfahrungen macht, tut es einem weh, dass das Kind jetzt
irgendwo reingelaufen ist.
[00:08:48.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man möchte das Kind vor dem Schmerz schützen.
[00:08:50.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Schmerz und die widerwärtigen Erfahrungen sind etwas Wichtiges zum Erwachsen
werden, zum Lernen in dieser Welt zu existieren.
[00:09:02.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Eltern, die ängstlich sind, wollen das Kind noch lange beschützen.
[00:09:11.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Hinzu kommt, dass Eltern, die sehr streng selbst erzogen wurden, Eltern welche ihr
Kind sehr streng sozialisieren wollen, nach ihrer Façon, diese Eltern versuchen sich
auch immer noch durchzusetzen und sind enttäuscht und haben das Gefühl, sie haben
verloren, wenn das Kind nicht immer gehorcht.
[00:09:31.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss den Eltern dann immer sagen: es macht nichts, wenn das Kind nicht immer
folgt.
[00:09:36.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind darf auch gegen sie vorgehen, das gehört dazu.
[00:09:40.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie nur 50% der Machtkämpfe gewinnen, ist es schon sehr gut.
[00:09:43.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht ist es manchmal auch weniger.
[00:09:49.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Um die Eltern zu trösten sage ich: wenn sie den Machtkampf nicht immer gewinnen,
haben sie etwas für das Selbstwertgefühl des Kindes getan.
[00:09:49.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind will sich auch einmal stark fühlen.
[00:09:57.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Kinder im Machtkampf all zu viel gewinnen und sie immer verlieren, und dann
depressiv werden, dann löst das beim Kind Schuldgefühle aus.
[00:10:10.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt es auch wieder nicht.
[00:10:12.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen schon standhaft sein, sich auseinandersetzen.
[00:10:16.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Ziel ist nicht zu Gewinnen.
[00:10:18.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Ziel ist die Auseinandersetzung.
[00:10:21.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Weg ist das Ziel.
[00:10:23.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie man sich miteinander auseinandersetzt.
[00:10:25.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ängstlichen Eltern verhindern die Ablösung.
[00:10:43.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder, welche verhindert werden in der Ablösung, die müssen dann die Ablösung
nachholen.
[00:10:51.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe solche dann in der Therapie und muss mich dann mit denen
auseinandersetzen.
[00:10:52.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist manchmal gar nicht so einfach und ziemlich anstrengend.
[00:10:59.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist natürlich besser, wenn sich die Kinder mit den leiblichen Eltern
auseinandersetzen können, als mit einer künstlichen Bezugsperson wie einer Ärztin
oder einem Arzt.
[00:11:12.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind rechtzeitig losgelassen wird, wenn die Eltern loslassen können, wenn
die Eltern nicht ängstlich sind, dann macht das Kind einen normalen Weg.
[00:11:22.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind entwickelt langsam seine eigene Persönlichkeit, seine eigenen
Wertvorstellungen.
[00:11:28.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn die Wertvorstellungen des Kindes sehr extrem und man denkt, dass es ist
unmöglich, was der denkt oder auch macht.
[00:11:36.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Zeit kommen sie oft wieder zurück zu dem, was sie gelernt haben, was sie
gesehen haben im Elternhaus.
[00:11:45.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu einer jüdischen Mutter habe ich einmal gesagt: sie müssen nicht Angst haben. Alles,
was sie hier an Ritualen und Wertvorstellungen sagen, die ihnen wichtig sind, in fünf
Jahren wird das Kind das sehr gut erinnern und vielleicht folgt es den Ritualen besser,
als sie denken.
[00:12:01.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter glaubte das nicht.
[00:12:03.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Fünf Jahre später kam die Mutter wieder zu mir und sagt: Sie haben Recht! Ich habe es
damals nicht geglaubt, aber es hat gestimmt.
[00:12:06.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Wertvorstellungen, die sie ihren Kindern weitergeben wollen, die werden besser
aufgenommen, wenn sie diese dem Kind nicht den Hals abstopfen, sondern nur mit
Selbstsicherheit vertreten und dann ruhen lassen.
[00:12:24.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ihre Wertvorstellungen den Kindern den Hals runter stopfen, dann wecken sie
bei den Pubertierenden nur Widerstand.
[00:12:33.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertierenden lernen dann nichts anderes als Widerstand.
[00:12:33.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertierenden lernen dann nicht, was sie selber wollen und was sie selber
brauchen.
[00:12:33.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wichtig, dass man seine Sache vertritt, aber nicht, das Kind mit dem Löffel füttern.
Nicht zu viel Druck aufsetzen, nicht emotionalen Druck aufsetzen.
[00:12:44.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei zu viel emotionalem Druck, kann es oft eskalieren.
[00:12:50.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass sie zu sich stehen, zu ihren Wertvorstellungen stehen, aber nicht, dass
sie erwarten, dass das Kind sofort "ja" sagt.
[00:13:00.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens kommt es mit einer kleine Verzögerung, dass die Jugendlichen die
Wertvorstellungen ihrer Eltern übernehmen.
[00:13:10.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Eltern sich auseinandersetzen können, loslassen, dann geht das Kind seinen
normalen Weg, entwickelt seine Persönlichkeit, wählt seinen Beruf und Partnerschaft
und geht in das Erwachsenenleben.
[00:13:28.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt unterschiedliche Kinder vom Temperament her.
[00:13:33.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt heftigere Kinder, die mehr pubertieren und andere, die einem immer noch alles
recht machen wollen.
[00:13:44.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss eine artgerechte Erziehung oder Auseinandersetzung verwenden.
[00:13:53.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine persönlichkeitsgerechte Auseinandersetzung, eine temperamentgerechte
Auseinandersetzung mit einem Kind anstreben.
[00:14:02.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind sehr rebellisch, sehr temperamentvoll ist, dann dürfen wir nicht zu eng
sein, dann müssen wir eher die fünf gerade stehen lassen.
[00:14:09.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Eltern muss man sich dann auf einige, wichtige Prinzipien konzentrieren.
[00:14:16.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind sehr sensibel ist, dann muss man eher aufpassen, dass man das Kind
nicht mit Emotionen versucht, zum gehorsam zu bringen.
[00:14:24.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Mädchen machen das oft, aber es gibt auch Jungen.
[00:14:27.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann schädigt man wieder ihre Persönlichkeitsentwicklung.
[00:14:30.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu restriktiv ist, bei einem sehr temperamentvollen, explorativen Kind, dann
schränkt man das Kind ein und dann kann es wieder eine Störung geben.
[00:14:40.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu large ist bei einem Kind, das eigentlich die Auseinandersetzung möchte,
dann muss das Kind Grenzen testen und stosst nirgends an. Dann kommt das auch
nicht so gut heraus.
[00:14:52.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es keine Grenzen gibt oder keine Festigkeit in den Eltern hat, geschieht es oft,
dass sie weitergehen und dann kommt der Vater Staat rein, welcher sich mit diesen
Kindern auseinandersetzen muss.
[00:14:58.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern handeln nach Beschützerinstinkten.
[00:15:09.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder handeln nach Autonomieinstinkt.
[00:15:14.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Autonomieinstinkt strebt heraus, der will Freiheit ich lasse mir nichts sagen.
[00:15:20.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Gleichzeitig, wenn man in eine Schwierigkeit reinläuft, will man trotzdem, dass einem
die Eltern noch helfen.
[00:15:27.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache zwar, was ich will, aber du musst das machen, was ich will, wenn ich
Schwierigkeiten habe.
[00:15:34.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Geschichten gibt es, und die bekomme ich in der Psychiatrie, dass Eltern immer
noch Übergriffe machen auf das Kind und dem Kind sagen, was es machen muss.
[00:15:42.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind aber auch Übergriffe auf die Eltern macht, wenn es in Schwierigkeiten gerät.
[00:15:53.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird das Kind nicht richtig autonom, nicht richtig erwachsen.
[00:16:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern können nie recht loslassen und sich nie sicher fühlen, dass das Kind seinen
Weg macht.
[00:16:05.420] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne ist es wichtig, dass man seine klare Meinung sagt.
[00:16:09.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man sich gerade als Mutter nicht zu sehr als Hotel Mama verwenden lässt.
[00:16:14.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann das Kind gar keine Autonomie und Eigenverantwortung lernen.
[00:16:20.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Probleme, die in der Pubertät auftreten, sind Drogen ausprobieren.
[00:16:28.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein Buch über Drogensucht geschrieben.
[00:16:35.330] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Ablösungsphase versuchen Kinder, alles mögliche zu experimentieren.
[00:16:40.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Eltern dann sehr ängstlich sind und das verbieten wollen, es klappt nicht, dann
können sie mit dem Kind in einen Teufelskreis kommen dann ist das sehr schwierig.
[00:16:52.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Drogensucht, Borderline Störungen, alle Persönlichkeitsstörungen können sich während
der Pubertät entwickeln, wenn die Konfliktphase nicht gut läuft.
[00:17:05.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Mädchen reagieren oft mit Selbstverletzungen.
[00:17:08.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr temperamentvolle, jugendliche Mädchen, die zu sehr eingeschränkt werden, die
haben unheimlich Emotionen.
[00:17:17.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Mädchen ihren Emotionen nicht Herr werden, wenn sie diese nicht
ausleben dürfen, dann fügen sie sich Schmerzen zu, um über den Schmerz von den
Emotionen runterzukommen.
[00:17:19.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wollen wir nicht.
[00:17:31.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Delinquenz, Essstörungen.
[00:17:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle möglichen Störungen können sich in der Pubertät entwickeln, wenn die Pubertät
nicht gut läuft.
[00:17:43.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Die krankhaften, selbstzerstörerischen Verhaltensweisen treten meistens auf, wenn das
Umfeld nicht temperamentgerecht mit dem speziellen Kind umgeht.
[00:17:57.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann in einer Familie mehrere Kinder haben.
[00:18:00.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Jedes Kind braucht einen anderen Umgang.
[00:18:04.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht so, dass man mit allen Kindern gleich umgehen kann und muss.
[00:18:07.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage das auch in Bezug auf die Schule.
[00:18:08.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann in der Schule die Kinder sagen, warum lassen sie dem das durch, warum
kriegt das Kind keine Strafaufgaben, warum wird er nicht kritisiert?
[00:18:19.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kehre ich es um und sage: Sei doch froh, ihr könnt das schon, der kann das noch
nicht. Der braucht ein bisschen länger zum lernen.
[00:18:28.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder, welche schon gut sozialisiert sind, die sind weiter voran.
[00:18:41.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man den Kindern zeigt, auch als Lehrer, man darf unterschiedlich umgehen mit
den Menschen.
[00:18:50.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage ist eine unglaubliche Normierungstendenz im Gang.
[00:18:53.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir erleben das im Gesundheitswesen.
[00:18:55.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe es im Schulsystem.
[00:18:58.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Gleichzeitig leben wir einen riesigen Individualismus und erlauben unseren
Jugendlichen nicht diesen Individualismus.
[00:19:05.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage jedem/r Lehrer/In: er/sie darf die Kinder unterschiedlich behandeln, er/sie hat
das Recht.
[00:19:15.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sage ich auch jeder Mutter. Sie darf das machen.
[00:19:15.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter, der Vater darf die Behandlung verwenden, welche sie/er findet, dass sie für
das Kind gut ist.
[00:19:23.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss noch nicht normieren.
[00:19:29.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich stelle Regeln auf. Gewisse können die Regeln schneller lernen und andere weniger
schnell.
[00:19:34.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Diejenigen, welche die Regeln nicht so schnell lernen, denen muss man ein wenig Zeit
geben.
[00:19:39.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Zirkus Knie mit jungen Pferden habe ich das folgende erlebt.
[00:19:44.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Freddy Knie hat mit den Pferden gearbeitet.
[00:19:45.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pferde waren unberitten, sie waren frei.
[00:19:45.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Freddy Knie sagte: Gewisse Pferde, die sind ganz brav, die wollen alles richtig machen,
andere Pferde, die testen die Grenzen.
[00:19:49.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt schauen wir und versuchen es nochmals.
[00:19:49.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche Pferde seien ganz brav und wollten alles richtig machen. Andere Pferde
täuschten die Grenzen. Jetzt schauen wir, wir probieren es noch einmal und schauen,
ob es klappt.
[00:20:03.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es nicht klappt, dann üben wir es morgen Nachmittag wieder.
[00:20:08.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf üben.
[00:20:11.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss nicht alles von vornherein klappen.
[00:20:14.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss nicht perfekt sein.
[00:20:16.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Beispiel bringe ich dann das Tennisspiel.
[00:20:19.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder Tennisspieler hat zwei Anschläge.
[00:20:22.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch der beste Spieler schlägt manchmal ins Netz, hat einen schlechten Tag und es
klappt nicht.
[00:20:25.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen zum Teil auch mehr Anfänge haben.
[00:20:31.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn alles immer nur Übung bleibt, und die Regeln nicht durchgesetzt werden können,
dann muss man sich überlegen, ob die Regeln nicht passen für das Kind oder die Art
und Weise, wie man die Regeln durchsetzen will, nicht geschickt ist.
[00:20:49.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man bei sich über die Bücher und schauen, wie man es anders machen
könnte.
[00:20:56.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick wo die Pubertät schief läuft, rate ich allen Erziehern eher früher Hilfe zu
holen, sich Unterstützung zu holen.
[00:20:56.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertät ist eine ganz wichtige Phase, in der alles mögliche schief laufen kann.
[00:21:12.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertät ist gleichzeitig auch eine sehr flexible Phase, in der man noch ganz viel
steuern kann, wo man oft mit wenig Eingriff sehr viel erreichen kann.
[00:21:22.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Pubertät schief gelaufen ist, wenn ein Kind erwachsen ist und der
erwachsene Mensch dann Störungen hat, dann braucht es länger, um die
Fehlentwicklungen zu korrigieren.
[00:21:35.220] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät ist es viel einfacher.
[00:21:38.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist anstrengend für die Eltern und auch für die Lehrer.
[00:21:42.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich sorgfältig und geschickt mit den pubertierenden Jugendlichen umzugehen
und sich Hilfe zu holen, wenn man sich selber überfordert fühlt.
[00:21:43.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man von dem Pubertierenden, der ganz viel Kraft hat, sich überfordert fühlt, dann
hat man manchmal die Neigung, zu bestrafen.
[00:22:06.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht den Eltern und den Lehrern so.
[00:22:06.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat die Neigung, zur Strafe zu greifen und je nachdem dann auch zu einer starken
Strafe.
[00:22:11.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mehrere Jahre auf der Aarburg, in einem Erziehungsheim konziliarisch
gearbeitet als Psychiaterin.
[00:22:19.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit den Jugendlichen ist uns immer wieder der gleiche Fehler passiert, dass die Strafen
überhaupt nichts mehr gebracht haben, dass wir einfach in einen reaktionslosen
Zustand mit den Jugendlichen gekommen sind.
[00:22:30.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat alles nur schlechter gemacht.
[00:22:33.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann musste man aufhören und ganz neu wieder anfangen.
[00:22:37.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Verbeissen sie sich nicht, wenn etwas nicht funktioniert, sondern holen sie sich Hilfe
und schauen sie es neu an.
[00:22:44.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht gibt es andere Methoden und vielleicht kommen sie dann schneller zum Ziel.
[00:22:49.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt schaue ich auf die andere Seite.
[00:22:53.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären Ablösungssachen der Erwachsenen.
[00:22:58.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer könnten mir später noch Fragen stellen. Ich fokussiere jetzt mehr auf die
Eltern.
[00:23:04.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ablösung der pubertierenden Jugendlichen von seinen Eltern, auch vom Lehrer.
[00:23:14.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer werden oft auch geliebt von den Schülern, wenn es gut läuft.
[00:23:20.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es schlecht läuft, dann sind die Lehrer froh, dass sie den endlich los haben.
[00:23:26.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war am 20jährigen Bezirksschultreffen in Klingnau.
[00:23:32.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer meiner Schulkollegen hat gesagt, er habe das Trauma vom seinem damaligen
Bezirksschullehrer bis zum heutigen Tag nicht verarbeitet.
[00:23:51.640] – Dr.med. Ursula Davatz
So bleibt man am Lehrer hängen, wenn er einem etwas zufügt.
[00:23:56.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand bei mir in Therapie ist, dann sage ich, schreibe doch dem Lehrer noch
einen Brief. Wenn der Lehrer noch lebt, sprechen sie nochmals mit ihm.
[00:24:08.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Patientin, die hat den sehr alte Lehrer mal angetroffen und hat dann noch
etwas gesagt.
[00:24:19.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre eine sogenannte Gegenüberstellung und Traumaauflösung.
[00:24:26.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig geht das nicht, die meisten getrauen sich auch nicht.
[00:24:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer sind oft sogar froh, ach, ich habe das gar nicht gemerkt, das war mir gar
nicht bewusst.
[00:24:35.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her tut es den meisten auch leid.
[00:24:38.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch solche, die sich eher verteidigen und sagen, das war immer ein
Schwieriger.
[00:24:43.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man halt auch ein bisschen schauen, wie die Situation ist.
[00:24:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Rolle der pubertierenden Jugendlichen, die müssen sich nach ihrem
Autonomieinstinkt verhalten, sie müssen ihrem Autonomieinstinkt folgen.
[00:25:01.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen müssen die Grenzen überschreiten.
[00:25:06.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen müssen die Traditionen brechen.
[00:25:08.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind schliesslich die nächste Generation.
[00:25:12.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir alle immer gleich weitermachen würden wie unsere Eltern, wären wir heute
noch wie die Höhlenbewohner.
[00:25:19.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist so, dass die neue Generation ein neues Leben hat und auch neue Sachen
ausprobieren muss.
[00:25:29.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere heutige Zeit ist ein Weg sehr viel schnelllebiger.
[00:25:32.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommen viele neue Sachen.
[00:25:35.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugend kann auch überfordert sein, mit all diesen neuen Dingen.
[00:25:36.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen müssen den Eltern lernen zu widersprechen.
[00:25:44.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen müssen frech sein.
[00:25:47.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sich Eltern über ihre freche jugendliche Tochter beklagen, dann sage ich, dass es
eigentlich ein gutes Zeichen ist, wenn sich ihr Kind getraut frech zu sein.
[00:25:58.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann heisst das, es sieht sie als stark an, als fähig, das frech sein entgegenzunehmen.
[00:26:08.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Frech sein heisst, eigene Kraft haben, Mut haben für sich einzustehen.
[00:26:20.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Gleichzeitig brauchen die Jugendlichen aber auch noch Rückenstütze.
[00:26:27.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwende das Wort Welpenschutz.
[00:26:30.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen sind frech zu den Eltern, aber die Eltern dürfen nicht haargenau gleich
zurückbeissen.
[00:26:39.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern haargenau gleich zurückbeissen oder zurück ellbögeln, dann kann das
zu viel sein für den Jugendlichen und das ist nicht gut.
[00:26:47.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie bei einer Hundemutter zuschauen, die Kleine hat, die sie zwicken und
machen, dann schüttelt sich die Hundemutter nur ein wenig. Sie beisst nie mit ihren
festen Zähnen zurück. Das kleine Hündchen hat ja noch Milchzähne.
[00:27:02.570] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne sage ich: die Jugendlichen haben noch Anrecht auf Welpenschutz,
auch wenn sie sehr extrem beißen, wenn sie böse Dinge sagen, darf man nicht genau
gleich zurückbeissen, auch wenn es einem manchmal reizt.
[00:27:21.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist zum Teil sehr gereizt: jetzt gebe ich es Dir zurück.
[00:27:28.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wichtig, dass sich die Eltern und auch die Lehrer vor Augen halten: es ist immer
noch ein Jugendlicher, und auch wenn der sehr frech und ungezogen ist, ich darf nicht
genau gleich zurückschlagen.
[00:27:44.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen brauchen ein Gegenüber, das eine eigene Meinung hat.
[00:27:50.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Summerhill, die antiautoritäre Erziehung, wurde zum Teil auch falsch verstanden.
[00:27:57.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kam dort etwas zur demokratischen Erziehung, was aber nicht heisst, dass man
keine Meinung mehr haben darf und dass man nicht Nein sagen darf.
[00:28:13.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche, die temperamentvoll sind, brauchen auch ein gegenüber, mit dem sie sich
auseinandersetzen können.
[00:28:21.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Grenzen zu weich und zu wattig sind, dann kann der Jugendliche seine
Krallen nicht richtig wetzen, kann seine Kräfte nicht messen.
[00:28:30.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sind die Jugendlichen unglücklich und gehen so darüber hinaus.
[00:28:40.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen fühlen sich dann orientierungslos, wenn kein klares Gegenüber ist.
[00:28:49.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gegenüber, das man den Jugendlichen stellt, soll nicht missionierend sein.
[00:28:55.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht überzeugen wollen. Man muss nur überzeugt sein.
[00:28:58.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Deshalb mache ich das Wortspiel.
[00:29:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen überzeugt sein, sie dürfen überzeugt darstellen, überzeugt für ihre
Wertvorstellungen stehen, aber sie dürfen nicht die Jugendlichen überzeugen wollen.
[00:29:11.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann missionieren sie und dann lernt der Jugendliche oder die Jugendliche, lernt dann
nur Widerstand gegen sie zu machen.
[00:29:19.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht das, was wir bis ins erwachsene Alter brauchen.
[00:29:28.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche, Pubertierende, brauchen auch Freiräume.
[00:29:32.700] – Dr.med. Ursula Davatz
In unserer stark regulierten Gesellschaft, und die Schweiz ist ganz speziell gut in dem.
[00:29:41.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich aus den USA zurückgekommen bin, hatte ich das Gefühl, die Schweizer seien
ein Volk von Erziehern.
[00:29:48.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Überall, wo ich irgendetwas gemacht habe, war es falsch.
[00:29:55.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Dadurch funktioniert unsere Gesellschaft auch so gut.
[00:29:58.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche brauchen gewisse Freiräume, damit sie Fehler machen können, dass sie
die Nase anschlagen können und dass sie aus diesen Fehlern auch lernen dürfen.
[00:30:10.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht Freiräume, je nach Temperament.
[00:30:15.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es sehr explorative Jugendliche sind, brauchen sie mehr Freiräume.
[00:30:21.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es sehr angepasste sind, brauchen sie auch Freiräume, damit sie lernen, andere
Dinge zu machen.
[00:30:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Kinder zu sehr in Watte packt, dann werden sie nicht widerstandsfähig.
[00:30:38.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Zimmerpflanzen muss man berühren und ein wenig stören, damit sie stärker werden.
[00:30:51.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen muss man auch in die Welt rauslassen, damit sie üben können,
gegen Widerstand anzukämpfen.
[00:30:59.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche haben unterschiedliche Persönlichkeiten.
[00:31:06.080] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne muss man die Jugendlichen auch persönlichkeitsspezifisch freilassen
oder unterstützen.
[00:31:13.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht für alle die gleiche Methode verwenden.
[00:31:22.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr sensible Jugendliche, die merken, was man von ihnen möchte.
[00:31:22.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr sensible Jugendliche machen solche Dinge, dass sie sich den Wünschen vom
Vater oder der Mutter anpassen, vielleicht auch dem Lehrer, sodass sie gar nicht
wissen, wer sie selber sind.
[00:31:42.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe so Leute, mit 50, die immer das gemacht haben, was man von ihnen verlangt
und erwartet hat.
[00:31:53.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss ihnen helfen, herauszufinden, wer bin eigentlich bin, was ich will.
[00:31:57.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann dürfen sie ihre Persönlichkeit entwickeln.
[00:32:01.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher ist es wichtig, dass man daran denkt, dass man diesen Jugendlichen
während der Persönlichkeits-Entwicklungsphase den Freiraum lässt, damit sie ihre
eigene Persönlichkeit entwickeln können und nicht nur angepasst sind.
[00:32:15.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine der grössten Aufgaben in der Pubertät ist, dass man mit seinen eigenen
Emotionen aus kommt.
[00:32:25.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der Pubertät sagt man: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.
[00:32:27.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Man liest dann "Die Leiden des jungen Werther" oder "Lenz" von Georg Büchner und
solche Geschichten, in denen Dichter beschreiben, wie das läuft mit den Emotionen.
[00:32:44.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage in der Psychiatrie, wo es so viele Psychopharmaka gibt, werden dann oft
Psychopharmaka eingesetzt.
[00:32:56.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig hört man dann schon von den Eltern, dass sie sagen: Mein Sohn ist depressiv,
braucht er kein Medikament? Meine Tochter ist depressiv, braucht sie nicht ein
Medikament?
[00:33:05.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehöre zu diesen Psychiatern, die sagen: Es ist ein Kunstfehler. Es ist kriminell,
wenn man solchen Jugendlichen, während ihrer Persönlichkeitsentwicklung schon
Psychopharmaka gibt.
[00:33:27.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann bekommen sie das Gefühl, dass sie ihre Gefühle nicht selbst steuern können.
[00:33:33.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die müssen über die Chemie gesteuert werden.
[00:33:36.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin quasi ein Krüppel ohne Medikamente.
[00:33:40.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie halten sich dann an diesen Medikamenten fest.
[00:33:43.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele steuern ihre Emotionen dann auch mit Drogen.
[00:33:43.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Man raucht ein wenig Haschisch, dann ist man etwas gleichgültiger, dann sind einem
die Eltern ein bisschen egal.
[00:33:52.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man das besser handhaben.
[00:33:57.010] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich ist es egal, ob es illegale Drogen sind.
[00:34:01.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen sogar schon Versuche machen.
[00:34:05.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Alain Berset will in Bern, Genf und Neuchâtel einen Versuch machen, Haschisch
freigeben, damit die Jugendlichen Haschisch konsumieren dürfen, damit sie dann eher
zu den Drogenberatungsstellen gehen und sich Hilfe holen können.
[00:34:22.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist für mich ein absoluter Irrsinn.
[00:34:26.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich gar keine gute Idee.
[00:34:28.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe kein Problem, an die Jugendlichen heranzukommen, auch wenn Haschisch
verboten ist.
[00:34:32.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss auch nicht moralisieren mit ihnen.
[00:34:35.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage ihnen einfach, wie es ist.
[00:34:38.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Haschisch ist schizophrenogen.
[00:34:42.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das habe ich in meinem Büchlein geschrieben.
[00:34:44.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals hat man das noch nicht geglaubt. Heute ist es bewiesen.
[00:34:48.320] – Dr.med. Ursula Davatz
30% der Psychotiker, der jungen Schizophrenen, sind über Haschisch schizophren
geworden.
[00:34:56.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt immer noch viele andere Faktoren.
[00:34:58.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Haschisch ist nicht harmlos.
[00:35:00.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst nicht, dass man Angst davor haben muss, aber es wird oft verharmlost.
[00:35:07.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher finde ich das an sich gar keine gute Idee, wenn man das freigibt und dann
experimentiert damit.
[00:35:18.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich sagen will, das gilt für die legalen Medikamente und für die Drogen.
[00:35:25.680] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät muss man lernen, mit seinen Gefühlen umzugehen.
[00:35:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss lernen, seine eigenen Gefühle zu regulieren. Das ist eine der wichtigen
Aufgaben.
[00:35:34.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch Jugendliche, die sehr starke Emotionen haben, die mehr Mühe haben, das
zu lernen, die auch stark über das Zeug hinaus schiessen.
[00:35:44.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss das Umfeld etwas toleranter sein.
[00:35:46.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die starken Jugendlichen einengt, werden sie eher selbstzerstörerisch.
[00:35:52.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch nicht das, was ich möchte.
[00:35:52.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte sie auch nicht über Antidepressiva einengen.
[00:35:59.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte, dass sie ihre natürliche Persönlichkeiten entwickeln dürfen.
[00:36:03.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Je temperamentvoller sie sind, umso anstrengender ist es sowohl für die Lehrer als
auch für die Eltern.
[00:36:17.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine ganz wichtige Regel für die Eltern in der Pubertätsphase, zum Teil auch
anwendbar für die Lehrer.
[00:36:25.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht mehr erziehen, man darf nur noch Beziehung pflegen.
[00:36:33.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich standhaft auseinandersetzen.
[00:36:37.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mal nicht mehr mag, dann lieber nicht erziehen, sondern abbrechen und
sagen, ich mag jetzt nicht mehr.
[00:36:46.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Mir ist es zu viel, wir sprechen morgen wieder darüber.
[00:36:46.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will hier unterbrechen.
[00:36:46.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche haben unheimlich viel Energie. Sie sind zäh, sie halten fest am Konflikt. Sie
wollen immer das letzte Wort haben, das kann man ihnen auch lassen.
[00:37:05.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht noch selber das letzte Wort aufsetzen, sondern man darf wirklich
sagen: aus meiner Sicht bringt die Auseinandersetzung nichts mehr, ich muss sie
vertagen.
[00:37:14.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man auch in einer Partnerschaft lernen.
[00:37:17.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Probleme muss man auch vertagen können.
[00:37:20.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht sofort eine Lösung haben. Wenn man merkt, dass man in eine falsche
Richtung läuft, darf man es unterbrechen.
[00:37:30.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder Erzieher hat das Recht, das zu machen, die Kinder verstehen das auch.
[00:37:30.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht findet das Kind: Jetzt habe ich ihn besiegt.
[00:37:35.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben sie etwas für den Selbstwert des Jugendlichen getan.
[00:37:37.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch nicht so schlecht.
[00:37:41.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht hat er auch ein schlechtes Gewissen.
[00:37:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Jugendliche kommen zurück und sagen, ich war ein bisschen sehr schwierig,
es tut mir leid.
[00:37:45.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch hat immer beides in sich. Er will dominieren und trägt einen sozialen
Instinkt in sich, er will zusammenarbeiten.
[00:37:56.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch will zusammenarbeiten und will nicht bösartig sein, auch nicht zu seinen
Erziehungspersonen.
[00:38:13.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sich mit den Jugendlichen auseinandersetzen, ist es wichtig, dass sie einen
ganz klaren Standpunkt haben, nicht missionieren, nichts den Hals runter stopfen
wollen, nicht überzeugen wollen, sondern selbst überzeugt sind.
[00:38:29.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Seine Wertvorstellungen möglichst klar darlegen, aber nicht zu fest anreichern mit:
Wenn du das nicht machst, dann passiert das und dann wird nie etwas aus dir, du
findest nie eine Stelle, du findest nie einen Mann oder eine Frau, etc.
[00:38:50.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht mit der Zukunft drohen.
[00:38:50.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollen die Zukunft der Jugendlichen nicht vermiesen.
[00:38:58.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine negative Zukunft verwenden, um den Jugendlichen auf den rechten Weg zu
bringen, ist eine schlechte Idee.
[00:39:06.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man geschieden ist und Streit hatte mit dem Kindesvater dann sagt man: du bist
wie dein Vater.
[00:39:14.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man der Vater ist, sagt man: du bist wie deine Mutter.
[00:39:16.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas ganz Schlimmes, das man machen kann.
[00:39:21.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Man macht das zum Teil auch, wenn man nicht geschieden ist und verwendet dann den
Partner und all die Eigenschaften, die man am Partner nicht mag: du bist wie der.
[00:39:28.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich auch nicht sehr gut.
[00:39:37.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der Formulierung her muss man aufpassen, dass man keine Befehle mehr
durchgibt.
[00:39:42.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Du musst jetzt das machen, du musst jetzt das machen, mach das.
[00:39:47.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich zitiere gerne den Jesper Juul, der sagt: Ich will.
[00:39:52.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu einer Mutter habe ich gesagt: sie darf nicht sagen, du musst dann noch das und das
und das machen.
[00:39:57.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte gerne, dass du die Pflanzen giesst.
[00:40:01.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte gerne, dass du die Geschirrspülmaschine ausräumst. Oder was auch immer
und dann aufhörst.
[00:40:06.377] – Dr.med. Ursula Davatz
Und dann aufhören.
[00:40:06.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht noch irgendetwas hinten nach schieben.
[00:40:13.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine klare Absichtserklärung, was man möchte.
[00:40:15.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich immer gefragt: wenn es nicht gemacht wird?
[00:40:21.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht hatte ich die Aufmerksamkeit nicht.
[00:40:24.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einen Hund erzieht, muss man zuerst seinen Appell haben.
[00:40:27.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss schauen, dass man seine Aufmerksamkeit hat.
[00:40:35.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche bei unseren Jugendlichen.
[00:40:37.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die irgendwie beschäftigt sind am Computer und man sagt noch irgendeinen
Befehl, dann geschieht nichts.
[00:40:50.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht mehrere Dinge gleichzeitig machen, sondern ich möchte dir etwas sagen.
[00:40:54.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Hörst du?
[00:40:54.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst danach etwas sagen.
[00:40:59.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das braucht etwas mehr Zeit, aber man wird erfolgreicher.
[00:41:04.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will, ich möchte, mir ist es wichtig, ich erwarte. Als Eltern nicht befehlen.
[00:41:04.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer darf natürlich Befehle geben.
[00:41:19.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas anderes. Die Lehrer haben eine andere Situation.
[00:41:23.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Rollen des Lehrers sind ein bisschen anders.
[00:41:28.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe oft Probleme mit den Müttern. Die sagen, machst du noch schnell das, machst
du noch schnell das, machst du noch schnell das.
[00:41:43.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mütter verwenden das Kind als Helfer.
[00:41:49.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Mädchen und hilfreiche Jungs, sensible Jungs, die machen das alles.
[00:41:55.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man bläst ihnen immer den Hals runter.
[00:41:59.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwann kommt der Moment, wo sie sagen, dass sie nicht mehr den Gango
machen.
[00:42:06.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass man Regeln einführt.
[00:42:08.180] – Dr.med. Ursula Davatz
In meinem Haus möchte ich das. In meinem Haushalt möchte ich, dass es so läuft.
[00:42:14.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Befehle in Regeln umwandeln, die man auch aufhängen kann.
[00:42:19.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder soll die Regeln sehen können. Regel Nummer 1.
[00:42:19.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist es nicht so ein persönlicher Affront, dass die Mutter dem Jugendlichen befiehlt,
was er machen muss.
[00:42:35.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist Ehrenrührig für einen jungen Mann, für eine junge, temperamentvolle Frau, wenn
die Mutter befiehlt, was sie machen muss.
[00:42:43.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man dagegen gehen.
[00:42:45.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es eine Regel ist, kann man diese Regeln internalisieren und dann die befolgen.
[00:42:51.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man auch dem anderen sagen, der hat sich nicht an die Regeln gehalten.
Ja, stimmt, also gut, das machen wir jetzt?
[00:42:57.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Dinge, die man durchbringen will, eher in Regeln formulieren als in Befehle.
[00:43:04.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Befehle sind immer eine Demütigung für die Jugendlichen.
[00:43:08.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage es ein wenig extrem.
[00:43:08.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen müssen nicht unbedingt gehorchen müssen.
[00:43:19.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss den Jugendlichen helfen, sich zu sozialisieren.
[00:43:23.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen müssen Eigenverantwortung übernehmen können.
[00:43:27.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begleitete einen Mann, der vier Kinder hatte, die alle in der Pubertät waren. Das
ging zu und her wie im hölzernen Himmel.
[00:43:35.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Er ist verzweifelt und ist krank geworden. Er hat emotionalen Druck aufgesetzt.
[00:43:35.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihm immer wieder gesagt: Eigenverantwortung.
[00:43:51.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Zeit hat er das kapiert. Er hatte keine Frau.
[00:43:58.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hatte sich von seiner Frau geschieden.
[00:44:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Zeit ging das dann rein.
[00:44:02.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder haben begonnen Eigenverantwortung zu übernehmen.
[00:44:08.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle haben einen Beruf gelernt.
[00:44:08.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jüngste, die darunter und darüber gegangen ist, die sehr frech war, wirklich gar
nichts gemacht hat, die lernt jetzt Bäckerin und steht am Morgen um vier Uhr auf,
alleine mit ihrem Bruder und schmeisst den Haushalt und es läuft gut.
[00:44:21.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist so wichtig, dass wir Eltern unseren klaren Standpunkt beziehen, Vertrauen
haben, dass die Kinder das schon lernen.
[00:44:36.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein wenig verzögern.
[00:44:38.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass wir ihnen nicht ständig vorschwatzen, was sie tun sollen und sofort verzweifeln,
wenn es nicht sofort klappt.
[00:44:47.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erzieher, sowohl die Lehrer wie auch die Eltern müssen Vertrauen haben, auch in
sich und dem Kind die Eigenverantwortung übergeben, anhand von klaren Regeln.
[00:45:01.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht so schlimm, wenn diese Regeln ab und zu übertreten werden.
[00:45:04.180] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Sprache heisst es ja auch: keine Regeln ohne Ausnahme.
[00:45:09.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ausnahmen bestätigen das Lebendige.
[00:45:13.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich vergleiche das mit Gegenständen.
[00:45:15.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Gegenstand, der von einer Maschine gemacht ist, sieht tot aus.
[00:45:20.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Gegenstand, der von Hand gemacht ist, hat Fehler drinnen. Das sieht lebendig aus.
[00:45:27.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Man versucht, künstliche Intelligenz herzustellen.
[00:45:32.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit die künstliche Intelligenz, also der Computer, lernen kann, baut man Fehler ein.
[00:45:41.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen fehlerhaft sein als Eltern. Sie dürfen fehlerhaft sein als Lehrer.
[00:45:46.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass sie sich ernsthaft auseinandersetzen in der Pubertät mit ihren
Jugendlichen.
[00:45:54.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht, dass alles perfekt läuft.
[00:45:56.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage das ganz speziell in einer Zeit, in der so viel normiert wird.
[00:46:03.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch in der Medizin sind wir einen solchen Normierungsprozess unterworfen.
[00:46:05.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wehre mich dagegen.
[00:46:06.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich werde von der Krankenkasse schon normiert.
[00:46:12.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum haben sie hier kein Antidepressivum gegeben?
[00:46:15.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss mich dann wehren. Das ist hier nicht richtig gewesen.
[00:46:18.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Evidence Based Medicine sagt, bei diesen Symptomen muss man das und das
geben.
[00:46:27.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt jetzt ein neues Buch von Allan Guggenbühl.
[00:46:30.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Allan Guggenbühl sagt: man kann alles richtig machen, aber es ist nicht klug.
[00:46:38.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Richtige machen ist nach der Statistik und der Regel.
[00:46:42.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Jedes Kind ist speziell.
[00:46:44.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Jede Elternsituation ist speziell.
[00:46:47.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Klugheit kommt nicht aus der Normierung, sondern aus dem momentanen,
persönlichen, authentischen, eigenverantwortlichen, in der Auseinandersetzung mit
diesen zum Teil schwierigen Jugendlichen.
[00:47:04.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht noch etwas zum Abschluss.
[00:47:07.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich seit Jahren mit ADHS/ADS Kindern beschäftigt.
[00:47:12.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das auch in meinem Buch "ADHS und Schizophrenie" festgehalten.
[00:47:13.950] – Dr.med. Ursula Davatz
80% der Menschen mit ADHS/ADS entwickeln eine zusätzliche psychiatrische
Krankheit, eine Folgekrankheit.
[00:47:34.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychiater sagen häufig, das ist eine Komorbidität, das trifft sich einfach zusammen.
[00:47:37.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich beobachte das. Früher nannte man das ADHS/ADS (POS) das wächst sich aus,
wenn man erwachsen wird.
[00:47:45.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Stimmt nicht.
[00:47:45.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage weiss man, das ist eine Eigenschaft, die einem bleibt.
[00:47:56.860] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS ist keine Diagnose, sondern es ist ein Persönlichkeitstyp, der genetisch
vererbt wird.
[00:48:06.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Persönlichkeitstyp ist ein wenig schwieriger zum Erziehen.
[00:48:10.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Viel schwieriger, bedeutend schwieriger aber man lernt auch viel von den ADHS/
ADSlern.
[00:48:18.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss mit den ADHS/ADSlern sorgfältig umgehen, damit nicht Folgekrankheiten
daraus entstehen.
[00:48:25.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn in 80% Folgekrankheiten daraus entstehen, das ist ein hoher Prozentsatz.
[00:48:30.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Da könnte man einiges verhindern, wenn man das in der Pubertät oder auch schon
früher geschickter machen würde.
[00:48:39.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss mit den ADHS/ADS Kindern persönlichkeitsgerecht, artgerecht (wie bei den
Tieren) umgeht, dann hat man weniger Schädigungen.
[00:48:45.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch ein Buch von Margrit Stamm: Lasst die Kinder los.
[00:48:57.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Margrit Stamm sagt: 20% der jungen Menschen gehen uns verloren in der Schule, weil
man sie irgendwie nicht richtig anpackt, nicht persönlichkeitsgerecht,
temperamentgerecht mit ihnen umgeht.
[00:49:18.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist sehr schade.
[00:49:20.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben nicht mehr so viele Kinder.
[00:49:24.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Familien haben wenig Kinder, früher hatten wenig Familien viele Kinder.
[00:49:27.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass wir gut zu unseren Kindern schauen und dass uns möglichst keine
verloren gehen, auch nicht in der Schule.
[00:49:39.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Dankeschön!