Teil 1
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
23.6.2020
Adoleszenz – Heranwachsen
Audio
[00:00:01.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüssen zu diesem heutigen Thema: Adoleszenz.
[00:00:07.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie Sie schon gesagt haben, es heisst heranwachsen, man sagt manchmal auch Pubertät. Man spricht
von Pubertierenden.
[00:00:15.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Pubertierende sind junge Menschen, die etwas schwierig sind.
[00:00:22.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sigmund Freud sagte, in den ersten drei Entwicklungsjahren passiert alles, das ist ganz wichtig, wenn es
dort schief läuft, ist das nicht so gut für den Menschen.
[00:00:32.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, die Adoleszenz, also die Pubertät, ist eine sehr wichtige Entwicklungsphase. Die meisten
psychiatrischen Krankheiten fangen dann an, wenn sie anfangen.
[00:00:43.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Adoleszenz, die Pubertät, ist die Entwicklungsphase, wie jemand auch schon gesagt hat, in der der
junge Mensch sich langsam zum Erwachsenen entwickelt, in der er seine Persönlichkeit entwickelt und
sich auseinandersetzen muss mit der Welt.
[00:01:01.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kommt langsam in die Autonomie und muss seine eigenen Fähigkeiten zum Ausdruck bringen.
[00:01:10.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht hier immer vom Ablösungskonflikt. Die Jugendlichen müssen sich mit ihrem Umfeld
auseinandersetzen.
[00:01:21.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erwachsenen, also die Eltern und auch die Lehrer, müssen von ihrer Beschützerfunktion loslassen.
[00:01:29.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft wollen sie noch länger beschützen, weil sie denken, sie müssen es korrigieren. Die Jugendlichen
werden von einem Autonomieinstinkt geführt.
[00:01:38.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie drängen nach aussen, sie wollen es selbst machen.
[00:01:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig sagen sie dann auch, sie wollen es selbst machen, sie machen, was sie wollen. Wenn sie in
Schwierigkeiten kommen, fallen sie oft wieder zurück, sie wollen doch noch aufgefangen werden.
[00:01:55.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwende oft den Begriff «Welpenschutz».
[00:01:58.880] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Adoleszenz muss der Jugendliche für sich einstehen, sich wehren, kämpfen etc. Er muss auch
ausprobieren.
[00:02:07.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Er geht zum Teil auch auf die Erwachsenen los, auf eine Art und Weise, wie wir es noch nicht ganz richtig
finden.
[00:02:14.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erwachsenen dürfen nicht gleich zurückbeissen, wie die Jugendlichen das machen. Das nenne ich
«Welpenschutz».
[00:02:23.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das fällt vielen Erwachsenen schwer, fällt vielen Eltern schwer, fällt auch zum Teil den Lehrern schwer.
[00:02:30.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache jetzt aber schnell einen Schwenker in die Neuropsychologie.
[00:02:35.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir werden mit sehr vielen Möglichkeiten geboren.
[00:02:43.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Hirn ist das anpassungsfähigste Organ, das man haben kann und da sind viele Potenzen drin.
[00:02:52.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Mensch, ein Baby kann alle Laute erkennen, bis zu zwei Jahren und dann wechselt es langsam auf
die Muttersprache. Es gibt Sprachen, die eine weite Variante von Tonalitäten haben und andere, die mehr
eingeengt sind. Ich kann nicht mehr sagen, welche.
[00:03:18.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann beginnt es zu selektieren. Es muss sich auf die Muttersprache konzentrieren, damit es überhaupt
alles versteht.
[00:03:27.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es alle Reize immer wahrnehmen würde, dann könnte es die Muttersprache nicht so gut erlernen.
[00:03:33.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche kann man sagen vom Hirn. Es gibt alle möglichen Möglichkeiten.
[00:03:37.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat ganz viele Hirnzellen und ganz viele Synapsen, also Kontaktstellen zwischen den Nerven.
[00:03:46.520] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Adoleszenz passiert eine Art eine Säuberung des Hirns.
[00:03:50.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nennt das Pruning.
[00:03:52.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, das Hirn beginnt Verbindungen zu machen, Autobahnen, die viel gebraucht werden und
andere, die nicht gebraucht werden, die werden rausgeschmissen.
[00:04:05.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es mit einem Elektriker vergleicht, gewisse Bahnen werden gekappt.
[00:04:12.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Umfeld in der Adoleszenz ist wichtig. Ob man eine gute Organisation in seinem Hirn macht oder ein
riesiges Chaos.
[00:04:24.280] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne wird während des Säuberungsprozesses des Hirns, dem Pruning, wird eine gewisse
Struktur gelegt, so wie wenn Sie aus der Vogelperspektive oder Flugzeugperspektive herunterschauen,
dann sehen sie, wie die Autobahnen laufen, wie die ganze Struktur ist, so wird eine Struktur gelegt.
[00:04:44.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesem Grund ist die Adoleszenz ganz, ganz wichtig und es ist wichtig, wie wir umgehen mit den
Adoleszenten.
[00:04:53.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Umfeld unsicher ist und unklar und emotional immer geladen, dann kann der Jugendliche nicht
so gut alle seine Fähigkeiten entwickeln und nach seinen Bedürfnissen ausbauen, dann ist er immer auch
noch beschäftigt mit "wie läuft es aussen dran?", "was muss ich machen, damit meine Eltern sich wohl
fühlen?", er also mit emotionalem Ausgleich beschäftigt.
[00:05:21.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Umfeld relativ stabil ist, dann kann er seinen Weg gehen.
[00:05:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vorhin gesagt, dass die Auseinandersetzung wichtig ist. Man muss in der Adoleszenz seine
eigenen Wertvorstellungen entwickeln.
[00:05:37.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft ist das so, dass man nicht das will, was die Eltern wollen. Man findet das alles falsch. Das ist okay.
Wenn die Eltern nicht standhaft genug sind, kann man sich nicht recht auseinandersetzen.
[00:05:53.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber ist sehr wichtig, um sich selbst zu spüren.
[00:05:59.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man auch philosophisch anschauen, wie Martin Buber, Ich und Du.
[00:06:02.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man lernt sich anhand der Auseinandersetzung mit dem Gegenüber kennen.
[00:06:09.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher sage ich, alle Jugendlichen haben das Recht auf stabile Eltern, die sich mit ihren Jugendlichen
auseinandersetzen können, ohne, dass sie immer recht haben müssen.
[00:06:20.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage den Eltern von pubertierenden Jugendlichen, sie müssen nicht immer recht haben. Wenn sie ab
und zu im Machtkampf verlieren, dann tun sie etwas für das Selbstwertgefühl des Jugendlichen.
[00:06:34.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig meinen die Erwachsenen, es müsse nach ihrer Bahn gehen und steigen in den Machtkampf ein
und zum Teil auch zerstörerisch.
[00:06:45.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Jugendlicher sehr viel Eigenständigkeit und Eigenwille hat, dann sagt er vielleicht, ihr seit mir
zu eng und ich will das nicht mehr und haut ab. Früher sind sie nach USA abgehauen mit 17 Jahren und
haben dann dort ihr Leben bestritten. Heute macht man das nicht mehr so
[00:07:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er aber diese Energie und das Selbstbewusstsein nicht hat, dann passt er sich eher an. Es geht
hier auch um die Mädchen.
[00:07:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann passt sich die Person an und unterdrückt ihre eigenen Fähigkeiten, also kann er ihre Fähigkeiten
nicht so gut entwickeln.
[00:07:31.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erwachsenen finden es toll, dass der Jugendliche sich anpasst, aber für die Person an sich ist es
nicht gut.
[00:07:39.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Eltern, Umfeld und Jugendliche gut zusammenpassen, dann verstehen sie, was er will und lassen
ihn, haben Vertrauen. Dann kann er seine Experimente und Explorationen machen.
[00:07:53.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie aber finden, dass der Jugendliche in eine ganz falsche Richtung geht, dann wird kontrolliert.
Dann muss sich der Jugendliche im Ablösungskonflikt so stark gegen die Eltern wehren, dass er
selbstschädigend wird.
[00:08:10.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Art und Weise, wie man sich gegen die Eltern selbstschädigend wehren kann, ist wenn man Drogen
nimmt.
[00:08:16.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Drogen nimmt, ist es egal was die Eltern schwatzen, man kann einen Schleier um sich herum
machen und dann geht man fröhlich weiter. Das ist ein selbstschädigendes
Auseinandersetzungsverhalten der Jugendlichen.
[00:08:33.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit solchen Jugendlichen spricht und sie genauer fragt, dann sagen sie, sie seien nach Hause
gekommen und wurden kritisiert, dann ist es ihnen so auf den Wecker gegangen, dass sie wieder
rausgehen mussten und Drogen nehmen, um das überhaupt aushalten.
[00:08:49.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann läuft etwas verkehrt.
[00:08:51.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt die andere Möglichkeit, jetzt geht es eher um Mädchen, also temperamentvolle Mädchen, wenn
sie in der Jugend zu eng eingeengt werden oder wenn ein kranker Elternteil da ist, sei es eine Mutter
oder ein Vater, auf den man Rücksicht nehmen muss, dann getrauen sie sich nicht so zu pubertieren, wie
das eigentlich ihrem Wesen entsprechen würde.
[00:09:15.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann setzen sich unter Druck, passen sich an und die ganze Emotionalität staut sich auf und was
machen sie dann? Dann schneiden sie sich. Dann sagt man, ich habe eine Borderline
Persönlichkeitsstörung.
[00:09:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie unterbrechen ihre Emotionalität durch einen körperlichen Schmerz.
[00:09:37.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es den Spruch: Erst wenn das Blut fliesst, werde ich wieder ruhig.
[00:09:46.580] – Dr.med. Ursula Davatz
So machen es oft Mädchen.
[00:09:48.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Jungs, die sich nicht anpassen, wenn sie nicht genügend Spielraum haben, weichen sie aus, tun sich zu
Banden zusammen, die Peer Group ist in diesem Alter ohnehin wichtig. Dann verwenden sie die Banden,
um gegen die Eltern oder gegen die Gesellschaft vorzugehen.
[00:10:09.080] – Dr.med. Ursula Davatz
So kann sich dann Delinquenz entwickeln.
[00:10:12.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Immer wenn man schaut, wer ist delinquent geworden, dann sind das oft solche, die nicht genügend
Spielraum hatten, die zu rigid erzogen wurden, zu bestrafend, sodass sie dann einfach über die Grenze
hinausgehen und ihre eigenen Regeln entwickelen und als Bande sind sie natürlich stärker.
[00:10:34.920] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinne sind Jugendliche, die noch dran sind, ihre Persönlichkeit zu bilden, wenn die zu sehr
eingeengt werden und man ihnen nicht genügend Platz gibt, dann sind sie sehr anfällig auf ein anderes
Kollektiv, also zum Beispiel für Dschihadisten.
[00:10:53.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die machen es auch so, die versprechen dann denen alles Wunderbare. Wenn du hier mit uns kommst,
bekommst du das Geld, ein Auto, eine Frau, also bei den Islamisten.
[00:11:03.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie dann mal drinnen sind, dann merken sie, jetzt bin ich gefangen.
[00:11:08.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche, die noch nicht ihre Persönlichkeit ganz entwickelt haben, die sind sehr anfällig auf so
Verführungen von irgendwelchen Gruppen.
[00:11:21.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Da natürlich längstens nicht alle Eltern die Kraft haben, ich sage, jeder Jugendliche hat eigentlich das
Recht auf starke Eltern, die sich mit ihm auseinandersetzen können.
[00:11:34.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Da aber nicht alle Jugendlichen so ein Umfeld haben. Zum Teil auch Lehrer und Lehrmeister. Dort kann
es auch wieder hervorkommen.
[00:11:43.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele werden in ihrer Persönlichkeit gestört und was macht dann die Psychiatrie? Die spricht dann von
Persönlichkeitsstörung.
[00:11:53.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle, die die Diagnose Persönlichkeitsstörungen bekommen, sind gestört worden während ihrer
Persönlichkeitsentwicklung. Das erlebe ich so.
[00:12:06.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage passiert leicht, entweder kommen sie ins Gefängnis oder in ein Erziehungsheim, da werden
sie noch einmal gestört.
[00:12:14.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Erziehungsheim kann man sich nicht anpassen auf jeden Einzelnen.
[00:12:19.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal lernen sie sich dort behaupten.
[00:12:23.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erfolgsquote im Erziehungsheim ist nicht so gross, dass sie dann wirklich gut in die Gesellschaft
heraus kommen.
[00:12:30.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie werden noch einmal gestört. Dann gibt es verkrüppelte Persönlichkeiten.
[00:12:37.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch solche, die es schaffen.
[00:12:40.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie in dieser Phase gestört werden, kommen sie in eine Nacherziehung oder in die Psychiatrie.
[00:12:49.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Studentin, als ich Psychiatrie gelernt habe, habe ich immer kritisiert, dass wir Psychiater nie gelernt
haben, wie die normale Psyche funktioniert. Wir haben nur alle Abarten gelernt. Wir haben nur die
Krankheiten gelernt.
[00:13:08.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychologen lernen noch ein wenig über die normale Psyche, Mechanismen, Therapie und solche
Sachen.
[00:13:15.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Psychiater beginnen gleich mit der Pathologie. Wir fokussieren uns auf die Pathologie. Dann sehen
wir das Symptom. Diagnosen zeigen verschiedene Symptome. Dann hat man einen Symptomkomplex
und gibt eine Diagnose. So werden Diagnosen gemacht.
[00:13:36.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Umfeld nur auf die krankenhaften Symptome schaut, was macht man dann? Man fördert
eigentlich nur die Symptome.
[00:13:49.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche wollen in der Regel nicht zum Psychiater gehen, nicht zum Therapeut. Wenn sie gehen,
dann wehren sie sich wie verrückt, dann kommt die ganze Adoleszentenkrise, der Ablösungskampf läuft
dann ab mit der Institution.
[00:14:08.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Institution hat natürlich ihre Regeln, sie müssen eingemittet werden und nichts von
Persönlichkeitsentwicklung.
[00:14:18.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie lange in einer psychiatrischen Institution sind, dann kommen sie schlussendlich heraus, ich
habe halt das, ich habe das, ich habe das, ich habe eine Depression, ich habe eine Borderline Störung,
ich habe eine Zwangsstörung, eine Angststörung und dann definieren sie sich über ihre Störung.
[00:14:37.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man gibt ihnen auch Medikamente, denn sie sind ja nicht ausstehbar.
[00:14:42.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Medikamente werden eingebaut in ihre Persönlichkeitsentwicklung und sie lernen nicht selbst zu
regulieren.
[00:14:54.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein anderer wichtiger Punkt, in der Pubertät muss man lernen, mit seinen Emotionen selbst
umzugehen.
[00:14:59.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Baby, als Kind, als Kleinkind, ja, auch noch als Teenager, ein bisschen vorher, wenn es einem
schlecht geht, kann man zu den Eltern gehen und die beruhigen einem oder geben einem einen
Ratschlag oder so.
[00:15:11.600] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät müssen wir lernen, unsere Emotionen zu kontrollieren. Man kann nicht einfach nur immer
so rausschreien.
[00:15:20.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Emotionsregulation nur über Medikamente passiert, dann denkt man, ich bin sonst ein
Krüppel, ich sage es ein bisschen extrem, ich brauche das, sonst kann ich nicht funktionieren. Da gibt
man jetzt immer mehr, schon relativ früh, gibt man diesen jungen Menschen Medikamente. Man steuert
sie über Medikamente.
[00:15:43.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird in die Persönlichkeit eingebaut.
[00:15:46.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann quasi nur mit diesen Medikamenten leben.
[00:15:49.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein Bild nicht gesagt. wenn jemand sehr, wie soll ich sagen, experimentierfreudig ist, wenn man
ein Temperament hat und das Umfeld zu einengend ist, dann kann man auch ein Zwangsverhalten
entwickeln.
[00:16:08.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Man gibt sich dermassen Mühe sich anzupassen, dass man alle Energie verbraucht, um anzupassen und
nicht mehr zur Verfügung hat, um zu lernen und seine Persönlichkeit zu entwickeln.
[00:16:22.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das schon schief gelaufen ist, dann landen die in der Psychiatrie und wenn ich durchschaue, alle
Patienten, die ich begleite, komme ich oft in den Ablösungskonflikt hinein. Das heisst, die Menschen tun
dann an mir als Bezugsperson die Pubertät nachholen.
[00:16:46.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann manchmal sehr anstrengend sein. Sie erleben es zum Teil auch bei ihren Leuten. Ich muss die
Bezugsperson darstellen, sie leben, wo sie ihren Pubertätskampf, ihren Ablösungskampf durchmachen
können.
[00:17:11.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde so weit gehen, dass alle Psychiatriepatienten immer noch irgendetwas von diesem
Pubertätskampf in sich haben und dass das in der Therapie immer herauskommt.
[00:17:27.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal kommt es mehr mir gegenüber als Therapeutin heraus.
[00:17:33.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich instruiere sie dann auch, sich noch mit ihren Eltern auseinanderzusetzen, wenn die noch leben und
wenn sie nicht mehr leben, dann instruiere ich sie, Briefe zu schreiben an die Eltern, wo sie für sich
einstehen.
[00:17:51.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele haben die Haltung, dass ihr Vater und Mutter sie nicht verstehen. Dann sage ich, dass das der
falsche Weg ist. Sie müssen nicht von ihren Eltern verstanden werden. Das zeigt schon wieder eine
Abhängigkeit auf. Wenn man von den Eltern verstanden werden will, ist man in einer Abhängigkeit.
Abhängig von ihrem Okay. Ich sage, sie müssen nicht verstanden werden wollen, sondern sie müssen
nur für sich einstehen.
[00:18:18.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen sich selbst hören, wie sie für sich einstehen, als was sie sich sehen, was für sie wichtig ist
und was sie nicht gerne haben.
[00:18:27.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das Einstehen bekommt die Persönlichkeit ein gewisses Selbstwertgefühl und spürt sich. Den
Boden unter den Füssen spüren. Man steht für sich hin.
[00:18:42.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern schon gestorben sind, können sie auch noch für sich aufstehen in einem Brief, in dem
sie das in Worte fassen und dadurch in sich integrieren.
[00:18:58.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn immer sie mit Leuten an der Arbeit Konflikte haben, mit jemandem, der spät pubertiert ist, ist es
wichtig, dass sie es nicht persönlich auf sich nehmen, sondern dass sie ein Stückchen zurücktreten, sie
schauen, was ein Konflikt sein könnte.
[00:19:17.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen keine Therapeuten sein, aber wenn Sie besser verstehen, um was es geht, dann schaut man
kurz in die Adoleszentenzeit und überhaupt in die Erziehung.
[00:19:28.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Was waren dort für Muster? Wie hat man sie abgeklemmt oder wie haben sie sich durchgedrückt, aber
ohne dass es eine Auseinandersetzung ist? Dann kann man besser darauf reagieren. Man muss es auch
nicht so persönlich nehmen.
[00:19:42.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage in den Schulen und auch in den Heimen, wenn man nicht mehr mit dem Jugendlichen zu
Gang kommt, dann spricht man oft von Auszeit. Der muss eine Auszeit machen. Ich hatte gerade wieder
einen. Das heisst, die Erwachsenen ertragen ihn nicht mehr. Eine Auszeit ist ein Liebesentzug der
erziehenden Person. Man schickt ihn in ein anderes Umfeld weg.
[00:20:12.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man am zu Grunde gehen ist, darf man das. Als therapeutische Methode finde ich es nicht gut.
Man sollte sich immer auseinandersetzen. Der Jugendliche muss einen spüren. Der muss den
Standpunkt des anderen spüren und hören, ohne dass man überzeugen muss, man muss nur selber
überzeugt sein. Anhand dieser Auseinandersetzung kann der Jugendliche wachsen.
[00:20:38.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte mal eine jüdische Familie. Jüdische Familien haben viele Regeln, Gesetze und Bräuche. Die
Mutter war verzweifelt. Der Sohn war ein ADHS Kind und hat alles falsch gemacht. Er hat sich nicht an
die Regeln gehalten. Ich sagte zu der Mutter, es sei okay, sie würden sehen, in fünf Jahren hält er
vielleicht ihre Regeln besser ein, als sie denkt.
[00:21:05.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, sie haben ihm die Regeln gegeben sie haben nicht einfach nachgegeben, aber sie sind
auch nicht untergegangen, wenn er es nicht recht macht.
[00:21:13.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat es dort nicht geglaubt, aber fünf Jahre später hat sie mir wieder einmal angerufen und gesagt, ich
hätte recht gehabt.
[00:21:20.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Regeln kommen durch. Wenn man diese Regeln lebt, wenn man sie vorlebt, als Vorbild, auch
wenn man sie mit Worten sagt, dann werden die wahr genommen auch wenn der Jugendliche noch
dagegen geht, er kopft es trotzdem.
[00:21:36.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kann nicht sagen, du hast recht, ich mache es jetzt so, wie du es sagst. Das geht natürlich nicht aber
er hört es und er besinnt sich vielleicht später wieder darauf und kann es dann nach vorne nehmen.
[00:21:48.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen, wenn man den Jugendlichen zwingt, sich anzupassen, dann macht er Widerstand und kann
die Regeln nicht annehmen.
[00:21:57.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss den Menschen die Möglichkeit lassen, dass sie selbst entscheiden können und die Regeln
übernehmen.
[00:22:04.540] – Dr.med. Ursula Davatz
So sage ich auch in der Pubertät, eigentlich kann es schon früher anfangen, aber man darf nicht
gehorsam verlangen, sondern man muss einen klaren Standpunkt beziehen. Man muss bereit sein, sich
über diesen Standpunkt mit dem Jugendlichen auseinanderzusetzen.
[00:22:24.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Beispiel in Bezug auf die Drogenkonsumation.
[00:22:27.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben viele Eltern gesagt, sie müssen ihn kontrollieren. Sie müssen schauen, dass er nicht zu den
Drogen kommt.
[00:22:39.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier sage ich: das können sie ohnehin nicht. Sie müssen aber ihren Standpunkt beziehen und ihre
Haltung.
[00:22:46.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Eltern haben es so gemacht, speziell Mütter, dass sie mit einem Jugendlichen zusammen
konsumiert haben und gedacht haben, dass sie ihn unter Kontrolle haben können. Das finde ich natürlich
ganz falsch. Man darf seinen Standpunkt haben, man muss seinen Standpunkt haben, aber man kann
das nicht immer durchsetzen.
[00:23:05.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich muss der Jugendliche selber in Eigenverantwortung die Verantwortung für sich
übernehmen.
[00:23:11.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche gilt für die Gesundheit. Du isst nicht gesund, du schläfst nicht genug. Der Jugendliche muss
selbst die Verantwortung übernehmen für seine Gesundheit. Wie man gesund isst, wie man genügend
schläft etc.
[00:23:32.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir glauben so viel an unser Intellekt und ich konnte ihn nicht überzeugen…
[00:23:38.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen sie nicht überzeugen. Wenn wir die Jugendlichen überzeugen wollen, dann ist das
übergriffig. Dann wollen wir in ihr Hirn hinein.
[00:23:46.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen, wenn wir unseren Standpunkt beziehen, er kann den nehmen oder nicht, oder er kann sich
darüber Gedanken machen, dann ist die Chance viel grösser, dass der junge Mensch die Regeln
irgendwann integriert.
[00:24:01.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht modifiziert er die Regeln ein wenig, aber das ist ja auch recht.
[00:24:06.340] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne ist es ganz wichtig, dass wir Erwachsene bereit sind, uns mit den Jugendlichen
auseinanderzusetzen, dass wir wissen, was wir für einen Standpunkt haben.
[00:24:16.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem kann sich der Standpunkt auch ein wenig ändern. Wir werden natürlich auch belehrt, dass
man altmodisch ist, hinter dem Mond aber sie haben etwas, um sich auseinandersetzen zu können.
[00:24:30.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich zu sehr an die Jugendlichen anbiedert und alles so macht, wie die es machen, das
mögen sie gar nicht.
[00:24:38.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hört auch von Jugendlichen, die sagen, die will es mir immer recht machen, ich mag das nicht. Ich
will nicht, dass meine Mutter meine Freundin ist. Ich will nicht, dass mein Vater mein Freund ist. Er ist
schliesslich mein Vater.
[00:24:54.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf durchaus einen Standpunkt beziehen, der sich nicht gemeinsam genau deckt mit dem, was der
Jugendliche für sich als wichtig erachtet.
[00:25:07.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sonst können sie sich ja gar nicht mehr auseinandersetzen. Sie müssen sich wetzen, sie müssen sich
auseinandersetzen.
[00:25:15.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären so ein paar Gedanken zur Adoleszenz. Und jetzt wäre ich natürlich froh, Sie stellen mir
Fragen. Wer hat eine Frage?
[00:25:25.950] – Bemerkung 1
Sie haben angesprochen, dass sich die Jugendlichen entfalten müssen, um zu dem zu werden, was sie
sind.
[00:25:51.590] – Bemerkung 1
Vor 50, 60, 100 Jahren war das gar nicht möglich. Dann hat man gesagt so und so ist es und fertig. Es
war sehr ungesund, ein Stück weit. Gleichzeitig denke ich nicht, dass die Leute weniger glücklich
gewesen sind.
[00:26:18.940] – Bemerkung 1
Man hat sich in dem drinnen bewegt. Man hat es nicht anderes gekannt.
[00:26:23.700] – Bemerkung 1
Heutzutage ist die ganze Welt offen und so ein junger Mensch kann sich sehr schnell darin verlieren. Wer
bin ich jetzt? Was soll ich jetzt?
[00:26:36.380] – Bemerkung 1
Ich muss jetzt entscheiden, wohin und die Erwachsenen denken, du darfst frei entscheiden. Du kannst
frei entscheiden und das ist der erste Punkt.
[00:26:45.280] – Bemerkung 1
Der andere Punkt ist, jetzt kommt noch hinzu, ihr habt gesagt, mit einem gut gesitteten oder mit einem
starken Elternhaus. Jetzt haben wir das aber 99% das nicht. Es hat irgendwie der Vater gefehlt oder das
Kind war sogar im Heim. Das heisst, die Adoleszenz ist immer verschoben worden.
[00:27:25.320] – Bemerkung 1
Jetzt kommen wir irgendwann an diesen Punkt hier, sagen wir mal, das Kind ist nicht mehr ein Kind,
sondern es ist langsam 20 Jahre und es ist immer aufgeschoben worden. Jetzt kommt aber der Punkt,
jetzt haben wir keine Zeit mehr eigentlich, um das frei machen zu lassen, du darfst dich entfalten, und
weiss ich nicht was, wir haben da noch verschiedene zuweisende Stellen, und so weiter.
[00:27:45.720] – Bemerkung 1
Der Welpenschutz ist ja dann eigentlich vertan, weil es ein erwachsener Mensch ist.
[00:27:51.480] – Bemerkung 1
Jetzt haben wir auf der einen Seite die absolute Freiheit, die es braucht, um sich zu entwickeln, und auf
der anderen Seite haben wir auch den Druck und es ist immer weitergegangen. Jetzt erhalten wir, ich
sage es mal ganz böse, wie ich es sage, das Frack, in dem Sinne, die vergründete Entfaltung. Wie bringt
man das jetzt wieder hin?
[00:28:18.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie machen jetzt hier eine Dichotomie. Sie haben gesagt, ich sage, es brauche eine absolute Freiheit,
damit sich der Jugendliche entwickeln kann. Vielleicht muss ich hier etwas nach korrigieren. Es braucht
nicht die absolute Freiheit, es braucht einen gewissen Freiraum.
[00:28:35.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Der darf nicht zu weit und nicht zu eng sein.
[00:28:37.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Jedes Kind braucht etwas anderes.
[00:28:46.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erwachsenen müssen in diesem Freiraum vorhanden sein, um sich auseinandersetzen zu können.
[00:28:51.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Eltern wie Watte sind und immer ausweichen, wenn irgendetwas ist, und gar nie einen Standpunkt
beziehen, dann kann sich der Jugendliche überhaupt nicht auseinandersetzen und dann muss er die
Grenzen immer wieder rausschreiben und dann kommt schlussendlich Vaterstaat.
[00:29:06.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist oft ein Zeichen, dass entweder die Vaterfigur zu eng war oder gar nicht vorhanden.
[00:29:19.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher waren alles so Kollektivgesellschaften. Man wuchs in einem Clan auf und musste sich nach
diesem Clan richten.
[00:29:27.200] – Dr.med. Ursula Davatz
In Indien, Italien, oder in der jüdischen Familie ist man immer noch sehr stark vom Clan geprägt.
[00:29:36.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Individuum hat vielleicht nicht ganz so viel Platz.
[00:29:40.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kommt dann darauf an, wie ein Mensch geartet ist. Wenn er ein ganz starkes Ego hat, also ein
Alphatier ist. Dann haltet er es in der Gemeinschaft vielleicht nicht aus und wandert raus.
[00:29:54.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn gar nichts da ist, ist es eben auch nicht gut.
[00:29:57.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sie dann machen müssen, sind sie dann wieder ein Gegenüber, der sich mit diesem Menschen
auseinandersetzen muss.
[00:30:05.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können nicht von Anfang an erwarten, dass er sich gerade anpassen kann.
[00:30:11.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas Wichtiges noch, bei all diesen Auseinandersetzungen, man hat es ja schon im Kindergarten, der ist
aggressiv etc.
[00:30:20.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat es immer zwei Seiten. Ein Mensch ist nicht primär einfach aggressiv und bösartig. Ein Mensch hat
vielleicht viel Energie. Aber auf der anderen Seite ist er sensibel.
[00:30:33.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Aggressiven vorne dran ist immer eine Verletzung und eine Sensibilität.
[00:30:39.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer auch die Sensibilität wahrnehmen, was die Verletzung ist. Für Männer ist das oft sehr
schwierig. Was hat sie eigentlich verletzt?
[00:30:47.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich, wenn man sich mit solchen Leuten auseinandersetzt, zu schauen, woher die Aggressivität
kommt. Ist da eine Verletzung vorne dran? Die kann man wertschätzen, muss man wertschätzen, also
validieren und dann sagen, aber das ist keine gute Methode.
[00:31:05.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht punktuell immer wieder um Auseinandersetzung.
[00:31:11.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort kann man natürlich auch immer sagen, ich sehe, du machst das so, du handhabst das so, aber bei
uns ist die Regel so.
[00:31:21.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schweiz, wir sind ja ein Einwanderungsland, also wir haben wahrscheinlich am meisten
Eingewanderte von allen Ländern.
[00:31:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann es nicht genau sagen. Wir haben viel. Wir hatten mal 20, jetzt haben wir fast 30 Prozent.
[00:31:35.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind schlecht im Sagen, bei uns macht man es so, bei uns ist es so.
[00:31:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben wir das Gefühl, das müsste der andere einfach selber merken. Es ist doch klar, dass er das
weiss.
[00:31:51.260] – Dr.med. Ursula Davatz
In Amerika wird es zum Teil mehr gesagt. Ich habe es ein bisschen erlebt dort. Ich weiss nicht, wie es in
anderen Ländern ist. Aber ich denke, dadurch dass wir ein so starkes Einwanderungsland sind, wäre es
wichtig, dass wir unsere Regeln in der Schweiz immer wieder sagen.
[00:32:09.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn sonst passiert das Gegenteil. Dass die, die einwandern, uns ihre Regeln aufdrücken.
[00:32:14.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sieht es in der Sprache. Es gibt Klassen, in denen 90% Ausländer sind. Die Schweizer Jugendlichen
sprechen dann albanisches Schweizerdeutsch, weil das "in" ist. Das ist cool.
[00:32:37.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man sagen, dass wir unsere Schweiz schlecht verteidigen, schlecht verkaufen.
[00:32:51.780] – Bemerkung 2
Als Quintessenz würden sie sagen, dass man die Individualität des Einzelnen rausholen muss.
[00:32:58.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Du willst bei uns arbeiten, du willst das Geld, das du für dich bekommst. Hier gibt es diese Regeln. Du
musst mit diesen Regeln umgehen lernen.
[00:33:06.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind kein Selbstverwirklichungsladen. Sie haben ihre Arbeit und innerhalb dieser Arbeit gibt es
gewisse Regeln.
[00:33:17.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können sie auch soziale Regeln machen. Man geht nicht schlecht mit seinem Kollegen um, man
macht ihn nicht runter, man provoziert ihn nicht. Gleich wie im Fussball gibt es Regeln.
[00:33:29.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort werden die Regeln auch gebrochen, wenn etwas Böses ins Ohr geflüstert wird, dann läuft alles
schief.
[00:33:36.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen diese Regeln vertreten, sonst können die sich nicht richtig auseinandersetzen. Das ist ganz
wichtig.
[00:33:44.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Schweizer sagen es eher zu wenig. Wir erwarten, das weiss man einfach und man weiss es nicht.
[00:33:49.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die, die hierher kommen, wissen es nicht.
[00:33:55.060] – Bemerkung 3
Bezüglich die Regeln wieder sagen und sie daran erinnern, wie konsequent macht man das wirklich? Den
Standpunkt vertreten aber nicht immer erzwingen. Die Leitplanken geben, die wird aber übergangen und
ich merke das. Spreche ich das jedes Mal an?
[00:34:24.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, jedes Mal. In Brasilien, als man gegen Gewalt gekämpft hat, hat man gesagt null Toleranz.
[00:34:24.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald es überschritten wird, muss man es ansprechen, man muss nicht unbedingt bestrafen. Mit
Bestrafung wird nicht mehr gelernt.
[00:34:24.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es natürlich auf verschiedene Arten ansprechen, man kann es laut sagen, man kann es
bewusst leise sagen.
[00:34:54.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann immer wieder daran erinnern.
[00:34:58.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt solche, die von zu Hause gewohnt sind, dass sie nur gehorchen, wenn ein Geschrei gemacht
wird.
[00:35:05.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte mal einen, der mit einer Frau verheiratet wurde, die aus einer gepflegten Familie kam, wo man
nicht rumgeschrien hat, wo man nicht laut geworden ist.
[00:35:13.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ihm gesagt hatte, dass er im Haushalt etwas machen solle oder "Könntest du bitte das
machen?", antwortete er "Ja, könntest du bitte?" "Nein, ich kann nicht, ich mache es nicht."
[00:35:33.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich ihn gefragt und er hat gesagt "Ja, in meiner Familie war es immer sehr laut, mach das,
sonst gibt es eines…"
[00:35:41.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat es erst gemacht, wenn er geschrien wurde oder irgendwie gedroht wurde.
[00:35:45.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist man dann ein bisschen aufgeschmissen, wenn man so höflich ist.
[00:35:49.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht gerade das aller Extremste nehmen, aber da darf man sich dann auch selber einsetzen
mit seinen Emotionen und sagen, wenn du dich nicht an das haltest, werde ich absolut verrückt. Jetzt
reicht es mir.
[00:36:05.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf manchmal auch mit Emotionen kommen, aber man kann das nicht die ganze Zeit, denn dann ist
alles verpufft.
[00:36:13.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Lehrern sieht man das auch, heute hat mir einer erzählt, ein demokratischer Lehrer, der gesagt
hat, nach altem Schrott und Korn, so ein autoritärer Lehrer aber die Schüler haben dem gefolgt. Die
hatten Respekt vor dem.
[00:36:33.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Aushilfslehrer, der ganz anders war, haben sie Theater gemacht und so, und als er gekommen ist,
waren alle sofort still.
[00:36:41.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht jedermanns Sache. Aber manchmal muss man auch das verwenden. Je nach
Persönlichkeit, je nachdem, wie sie geartet sind, können sie das einsetzen. Wenn man es zu viel einsetzt,
ist es wieder verbraucht.
[00:37:04.870] – Dr.med. Ursula Davatz
So Menschen, die in sehr autoritären Systemen aufgewachsen sind, da muss man oft auch wieder ein
bisschen das anwenden. Es geht nicht immer demokratisch.
[00:37:22.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss mit ihrer Persönlichkeit übereinstimmen.
[00:37:28.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sich nichts vormachen, das nicht authentisch wirkt. Junge Jugendliche sind sehr empfindlich,
wenn es nicht authentisch ist. Man kann nicht mit einer aufgesetzten Autorität daher kommen.
[00:37:52.690] – Bemerkung 4
Mir fehlen die Konsequenzen im Ganzen. Sie haben zum Beispiel "Timeout" gesagt, das finden sie keine
gute Lösung. Wann muss dann jemand Konsequenzen tragen. Diese Handlund, welche gemacht wurde,
das geht nicht.
[00:38:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man glaubt oft, dass Bestrafung bei der Erziehung hilft.
[00:38:25.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sieht ja mit unserem ganzen Strafsystem, wie gut das funktioniert.
[00:38:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viel mit Gefängnissen zusammengearbeitet, mit Delinquenten etc.
[00:38:35.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Strafen ist aus meiner Erfahrung nicht eine gute Erziehung.
[00:38:40.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Timeout ist in der Regel für die Erziehenden, nicht für die Jugendlichen.
[00:38:49.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal sind die Jugendlichen sogar froh, dann haben sie alles los. Dann kann ich irgendwo anderes
sein.
[00:38:54.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf ein Time Out machen, wenn man es selber nicht mehr aushält.
[00:39:00.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Bestrafung oder Lerninstrument, meine ich, ist das Timeout nicht sehr hilfreich.
[00:39:07.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte das oft bei den Drogensüchtigen. Früher haben dann die Drogenberatungsstellen gesagt,
schmeissen sie ihren Sohn raus und dann wird er schon auf die rechte Spur kommen.
[00:39:23.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Väter wollten das immer, die Mütter hatten immer Angst.
[00:39:27.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben die Väter die Kinder vorne rausgeschmissen und die Mütter liessen die Kinder hinten wieder
rein, also zur Hintertür.
[00:39:33.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sagte den Eltern immer, sie dürfen ein Kind rausstellen, aber sie dürfen es nicht als erzieherische
Massnahme deklarieren, sondern sie müssen sagen, sie ertragen es nicht mehr, sie können nicht mehr
mit ihm unter einem Dach leben und darum musst Du jetzt gehen.
[00:39:48.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass man sagt: Ich ertrage es nicht.
[00:39:51.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte nicht sagen: Es ist gesund für dich.
[00:39:54.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen sagen, Du steckst alle an, Du bist so ein fauler Apfel.
[00:40:03.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Du brichst unsere Regeln so stark. Du bist nur da, um zu zeigen, dass du die Regeln brechen kannst.
Von dort her kann ich dich nicht brauchen. Von dort her musst du jetzt raus.
[00:40:16.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen es von sich her argumentieren und nicht als Erziehungsmethode.
[00:40:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte auch mal eine, ich spürte, sie arbeitet nur gegen mich. Das war noch im Sozialpsychiatrischen
Dienst.
[00:40:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt: Du willst gar nicht von uns profitieren. Von daher können sie nicht mehr in dieses
Programm kommen. Wenn sie von uns profitieren wollen, dann können wir wieder miteinander arbeiten.
Aber ich arbeite ja nicht mit jemandem zusammen, der es einfach nur lustig findet, gegen mich zu
arbeiten.
[00:40:46.790] – Bemerkung 4
Es gibt immer eine Konsequenz bei jeder Handlung.
[00:41:13.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Wort Konsequenzen in diesem Kontext, warum ich das nicht so gerne habe, ist, man distanziert sich,
man sagt, wenn du das so machst, dann gibt es Konsequenzen. Es ist nicht persönlich.
[00:41:29.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Konsequenz wäre, du schaffst so stark gegen die Gruppe, dass ich dich nicht mehr tolerieren kann
in diesem Kontext. Wenn du bereit bist, kooperativer zu sein, dann kann ich dich wieder reinnehmen. Sie
können das Konsequenzen nennen, Strafen. Ich meine, diese Konsequenz muss ganz persönlich
ausgesprochen werden.
[00:41:57.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die persönliche Golddeckung hinter dieser Handlung wirkt mehr als einfach jetzt fliegst du raus.
[00:42:05.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Konsequenz klingt für mich immer ein bisschen unpersönlich.
[00:42:25.940] – Bemerkung 4
Ich bin ja auch noch in dem Schiff drinnen, ich distanziere mich nicht.
[00:42:37.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sagen: ich entscheide jetzt, das ist die Konsequenz. Wenn es bei ihnen ist, dann ist das absolut
okay.
[00:42:54.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es einfach unpersönlich macht, dann geht es nicht so gut.
[00:42:54.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern müssen anders argumentieren als ein Lehrer. Sie sind eher wie ein Lehrer. Sie haben eine
ganze Gruppe. Von daher können sie sagen, bei mir ist die Konsequenz so. Da können sie das Wort
"Konsequenz" verwenden.
[00:43:21.500] – Bemerkung 5
Es braucht beides. Wenn man das Geld verbratet, dann hat man kein Geld mehr.
[00:43:34.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Konsequenz.
[00:43:39.950] – Bemerkung 5
Man kann sagen: wenn Du im Ausgang alles Geld verwendest und danach nichts mehr hast, dann finde
ich das nicht gut.
[00:43:51.170] – Bemerkung 5
Das man diese Reibung hat. Das man sich nicht entzieht als Eltern oder Erzieher, dass die Jugendlichen
das brauchen.
[00:43:51.370] – Bemerkung 5
Das ist für mich eine grosse Herausforderung, dass man nicht einfach sagen kann, dass sie genug alt
sind, sie sollen selber schauen mit zwölf Jahren. Man soll sich die Zeit nehmen und die Aufgabe
wahrnehmen.
[00:44:25.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht beides. Es braucht die Regeln mit dieser Konsequenz und es braucht auch den persönlichen
Einsatz, die persönliche Stellungnahme, wo man Anteil nimmt an dem Gegenüber und seine eigene
Meinung sagt.
[00:44:48.120] – Bemerkung 5
Die Tendenz ist, dass man die Jugendlichen zu schnell sich selber überlässt.
[00:44:57.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, dann verwildern sie. Dann kann der Staat und die Gesellschaft diesen Jugendlichen die
Konsequenzen unter die Nase reiben.
[00:44:58.050] – Bemerkung 5
Bei kleinen Kindern merkt man es sehr schnell. Wenn ein Kind mit Wasser spielt, dann wird es nass und
hat kalt.
[00:45:01.930] – Bemerkung 5
Man soll sich der Auseinandersetzung nicht entziehen.
[00:45:42.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja das ist nicht gut.
[00:45:43.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann spricht man von der vaterlosen Gesellschaft also es setzt sich niemand mehr mit diesen jungen
Menschen auseinander. Selber Schuld, sie sollen selber schauen.
[00:45:48.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das ist nicht gut und dann muss die Polizei kommen, das Heim, etc.
[00:45:55.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal bei kleineren Sachen, bei den kleineren Kindern und bei ADHS Kindern, wenn man zu fest
reinredet, wie es läuft und was sie nicht dürfen, dann müssen sie oft direkt dagegen gehen.
[00:46:12.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Allgemein ist es eine Beteiligunglosigkeit, Gleichgültigkeit vorhanden.
[00:46:19.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht auch bei Entscheidungen, die getroffen von der allgemeinen Verantwortungslosigkeit. Jeder
schiebt es einem Paragrafen zu und niemand steht persönlich dazu.
[00:46:35.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz wichtig, damit ein Mensch wachsen kann, dass er ein persönliches Gegenüber hat, der für
etwas hinsteht. Das ist sehr, sehr wichtig.
[00:46:46.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage summiert man gerne alles unter ein Paragraf, das ist dann nicht persönlich.
[00:47:05.840] – Bemerkung 6
Wie holt man diese Leute ab? Wie macht man einen Anfang mit diesen Personen?
[00:47:33.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine gute Frage. Es gibt einen Spruch, "you never have a second chance to make a first
impression". Sie haben nie eine zweite Chance, einen ersten guten Eindruck zu machen.
[00:47:46.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ja Begrüssungsrituale. Wenn man auf der Strasse läuft und jemandem in die Augen schaut,
entweder schaut er weg oder begrüsst einen.
[00:47:56.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben absolut recht, viele von ihnen sind hypersensibel. Wenn man bei der Begrüssung daneben
greift und zu schnell in den Kampf einsteigt, hat man verloren.
[00:48:07.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her würde ich raten, allgemein eher wachsam, beobachtend auf den anderen zugehen und
vielleicht auch eine kleine Regel sagen.
[00:48:21.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Man stellt sich mit seinem Namen vor und ich mache jetzt das und das.
[00:48:27.480] – Dr.med. Ursula Davatz
In den Spitälen lernt man das jetzt ein bisschen. Man kommt hin und stellt sich vor als Schwester so und
so und ich habe heute Nachtschicht.
[00:48:36.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass Sie sich vorstellen und dass Sie auch den anderen fragen, wie er hierher gekommen ist also, ein
bisschen ein verlängertes Begrüssungsritual und nicht gerade nur so einsteigen und wir fahren ab.
[00:48:56.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein kleines bisschen mehr Zeit lassen.
[00:49:00.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Fluchttieren, also bei einem Pferd, wenn man es kennt, kann man alles damit machen. Wenn das
Pferd einem nicht kennt, muss man das Pferd zuerst begrüssen und man berührt das Pferd am Hals und
fährt am Hals nach runter und dann gibt das Pferd einem den Huf.
[00:49:14.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Begrüssungsritual ein bisschen sorgfältiger machen.
[00:49:22.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele von denen, die sie haben, sind geschädigt. Geschädigt von zu Hause, geschädigt von der
Institution, von irgendwelchen Institutionen, vielleicht noch kriegsgeschädigt und sind dadurch so sehr
schnell auf Angriff.
[00:49:38.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das können sie unterwandern, indem sie freundlich begrüssen und sie dan noch etwas fragen.
[00:49:46.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab eine Sendung in der Arena über Rassismus. Da haben sie dann gesagt, warum werden wir
gerade gefragt, woher kommst du? Das haben sie als demütigend oder rassistisch gefunden.
[00:50:14.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich, ich frage viele Leute, woher kommen sie, welche Sprache sprechen sie, weil ich neugierig
bin. Ich will schauen, ob ich an der Physiognomie, manchmal rate ich auch und denke, vielleicht von
diesem Land oder von diesem Land und wenn es dann trifft, dann bin ich Ich bin stolz, dass ich es
herausgefunden habe.
[00:50:33.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie hier mit Leuten zusammenkommen, ich meine, sie dürfen die Frage stellen.
[00:50:39.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt auf sie an, welche Sprache sprichst du?
[00:50:43.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas Bezug nehmen auf sie, wenn es Ausländer sind. Wenn es Schweizer sind, ist es wieder etwas
anderes.
[00:50:53.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sorgfältig begrüssen.
[00:50:57.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite ja oft mit Schizophreniefamilien, die sind hypersensibel. Wenn man es nicht direkt trifft, hat
man es verdorben.
[00:51:08.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele können die nicht binden. Ich überlege mir, wie ich begrüssen möchte. Wie mache ich das Joining,
das Zusammenkommen?
[00:51:17.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich, sorgfältig zu sein. Das ist der Anfang. Der Anfang der Beziehung.
[00:51:38.040] – Bemerkung 7
Ich habe mit Jugendlichen, die man fast gar nicht spürt viel mehr Mühe. Sie sind wie nicht greifbar.
[00:52:11.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche, die nicht spürbar sind, gehen schnell in die innere Flucht.
[00:52:22.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie eine Begegnung haben, flüchten sie nach innen in ihre Gedanken.
[00:52:27.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie dann fragt, wenn man mit ihnen spricht, muss man sie anschauen, also die Augen
anschauen.
[00:52:36.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich mit einem spreche, sehe ich an den Augen, jetzt ist er irgendwo anders, dann würde ich fragen,
was hast du jetzt gedacht, was ist dir durch den Kopf gegangen?
[00:52:46.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Also mit denen müssen sie auch sorgfältiger Kontakt aufnehmen.
[00:52:50.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben als Problembewältigungsstrategie, sie flüchten nach innen, sie weichen aus, wie ein Fisch.
[00:52:59.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die muss man ein bisschen nageln.
[00:53:04.250] – Dr.med. Ursula Davatz
An den Augen sieht man, ob jemand mit einem verbunden ist oder ob er mit jemand anderem verbunden
ist.
[00:53:10.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es eine Untersuchung. Google wollte wissen, welche Teams am erfolgreichsten sind. Sie haben x
Untersuchungen gemacht und alle möglichen Parameter gemessen, es ist nichts dabei
herausgekommen.
[00:53:28.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Schluss haben sie herausgefunden, dass es etwas ganz Einfaches ist. Das eine war "equal speaking
time", das heisst, wenn die Gruppenmitglieder alle ungefähr gleich lange Zeit zum Sprechen gebraucht
haben. Das heisst, das ist ein demokratisches System. Es haben alle ihren Platz. Das war ein Faktor.
[00:53:56.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Der andere Faktor war "social sensitivity". Wenn man gemerkt hat, was beim anderen läuft, anhand der
Augen.
[00:54:07.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesen Parameter hat man von der Autismusforschung herausgenommen. Man behauptet immer,
Autisten können nicht sehen, wie es dem anderen geht. Das stimmt von mir aus nicht. Autisten sind so
beschäftigt mit sich selbst, dass sie gar nicht mehr die Energie haben, zu schauen, wie es dem anderen
geht.
[00:54:27.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ihnen eine Atmosphäre gibt, in einer Atmosphäre wo sie sich wohlfühlen, dann können sie die
Augen auch lesen.
[00:54:35.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen lernen, die Augen zu lesen.
[00:54:38.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie merken, dass sie nicht an den rankommen, dann müssen sie den ein bisschen einzeln nehmen
und dann in ein Gespräch kommen.
[00:54:50.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald er entschlüpft, sagen sie, wo bist du jetzt? Was denkst du? Was geht dir durch den Kopf? An den
Augen sieht man es, ob sie da sind oder nicht.
[00:55:05.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ausprobieren!
[00:55:10.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Verifizieren oder falsifizieren, sagen wir da.
[00:55:18.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue manchmal beim Fernsehen, wenn da Leute sind, die lügen.
[00:55:25.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann denke ich immer, jetzt muss ich schauen, ob ich an den Augen sehe, wie er sich benimmt und dass
jemand lügt.
[00:55:32.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab mal in einem Magazin verschiedene Sachen, an denen man sieht, dass jemand lügt.
[00:55:41.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Eines ist sicher an den Augen. Da sieht man es auch und stereotype Bewegungen, die zeigen auch noch
auf Lügen.
[00:55:53.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die wollen ja nicht lügen, die weichen nur aus. Die weichen vor ihnen aus, die haben das Gefühl, sie
seien zu dominant und dann wird einfach ausgewichen. Zähmen. If faut apprivoiser.
[00:56:17.420] – Bemerkung 8
Ich habe eine Frage im Zusammenhang mit der Generation Z. Es wird immer mehr kommen, dass man
sich auseinandersetzen muss. Man kann nicht davon ausgehen, dass die Regeln klar sind. Sie haben
eine grosse Auswahl.
[00:56:46.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, die nimmt eher zu, dass wir für unsere Regeln, für unsere Wertvorstellungen einstehen müssen.
Sonst gehen die verloren.
[00:56:54.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht erwarten, dass die Leute unsere Regeln einfach übernehmen.
[00:56:58.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle, die aus ganz verschiedenen Hintergründen kommen.
[00:57:01.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müssen wir Schweizer ein wenig ausdrucksstärker werden und sagen, dass es bei uns so ist. Wir
haben es gerne so. Wir mögen es so und wollen es so.
[00:57:11.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht erst, wenn wir finden, dass alle Regeln übergangen wurden und klagen und sagen, er solle besser
wieder nach Hause gehen. Das geht nicht.
[00:57:19.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das ist ein Auftrag an uns.
[00:57:23.820] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Schweiz haben wir keine Naturschätze, kein Öl, kein Gold, nichts dergleichen. Unsere
Naturschätze sind unsere Menschen und unsere Arbeitsweise und diese müssen wir auch zeigen,
verkaufen. Das ist ganz wichtig. Wir dürfen auch stolz darauf sein, das ist ja schön.
[00:57:47.790] – Bemerkung 9
Ganz herzlichen Dank, Frau Dr.med. Davatz.
[00:57:51.190] – Bemerkung 9
Vorleben ist besser als überzeugen und in der Beziehung zu leben, das höre ich immer wieder in ihrem
Vortrag, finde ich cool und das entspricht unseren Werten, Beziehung und Vorleben unseren Leuten
gegenüber, da bewirken wir etwas.