Vortrag zum Thema: Wann lässt die Seele den Körper sprechen?
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
4.5.2022
Wann lässt die Seele den Körper sprechen?
Audio
[00:00:00.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüssen zu unserem heutigen Tag. Ich sehe, es sind wahnsinnig viele
gekommen. Das freut mich natürlich. Ich denke, der Titel hat gezogen. Und der heisst:
[00:00:15.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wann lässt die Seele den Körper sprechen?"
[00:00:19.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Und die, die mich kennen, kennen auch ein bisschen, was ich verwende. Aber ich versuche jetzt noch
einmal, ein bisschen vertiefter einzugehen auf das menschliche Gehirn. Das ist das Organ, das wir
Psychiater bearbeiten und versuchen zu verstehen. Leider häufig mit naturwissenschaftlichen Methoden,
die nicht so hilfreich sind. Wir gehen auch verloren im Detail. Wir schauen nur noch Mikrobiologie an. Ich
setze mich natürlich für die Makrobiologie und für das Psychosoziale ein. Psychiatrie befasst sich mit dem
Gehirn. Das Gehirn ist ein soziales Organ. Das ist eigentlich banal. Aber Sozialverhalten hat man zum
Teil der Soziologie übergeben. Und die Soziologie ist aus meiner Sicht sehr stark politisch beeinflusst und
beobachtet nicht sehr neutral. Und wenn ich die Soziologie Professoren gefragt habe oder geschaut
habe, was sie für Prinzipien verwenden, ist man immer bei Marx gelandet. Das ist für mich eine etwas
veraltete Theorie. Und wenn ich in der Zeitschicht schaue, dann ist der Marx nach dem
Evolutionstheoretiker Darwin gekommen.
[00:01:56.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Also die Thesen von Marx sind ungefähr 10 Jahre nachdem der Darwin seine Evolutionstheorie in der
Welt verbreitet hat, sind die dann angeschlagen worden. Und man sagt ja, auf Englisch sagt man
"survival of the fittest", also das Überleben des und eben nicht Stärksten, das ist falsch. Aber so ist es
übersetzt worden "nur der Stärkste überlebt" und das hat man dann in der Sozialtheorie verwendet. "Fit"
heisst "angepasst". Also jemand, der fit ist, kann sich gut an die Situation anpassen. Und je nach
Situation ist immer wieder eine andere Anpassungsstrategie notwendig. Aber die Theorie "survival of the
fittest" ist oft verkehrt dargestellt und verkehrt verstanden worden.
[00:02:48.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Anpassung des Menschen läuft über unsere Sinnesorgane. Das heisst, wir nehmen unser Umfeld wahr
über die Sinnesorgane. Über die Augen, die Ohren, den Tastsinn, das was man hört, den Inhalt. Das Hirn
ist für die ganze differenzierte Wahrnehmung unserer Umwelt zuständig. Über das Schmecken, das ist
auch eine wichtige Wahrnehmung. Der Reicher, man geht seinem Reicher nach, das geht mehr in die
Intuition. Interessanterweise ist unser Grosshirn auf das wir stolz sind, und das bei uns im Vergleich zu
den anderen Primaten um ein Kilo schwerer geworden ist, hat sich entwickelt aus dem Vorderhirn. Und
das ist noch, ja, evolutionsgeschichtlich eine interessante Tatsache.
[00:03:49.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Weiter nehmen wir noch unser Umfeld emotional wahr. Also wir nehmen Schwingungen vom Umfeld
wahr. Und alle, die mit Tieren zu tun haben, wissen, dass die emotionale Wahrnehmung etwas ganz
Wichtiges ist. Kinder und Tiere, die nehmen uns noch an erster Stelle emotional wahr, aber nicht
konzeptuell, also nicht über die Sprache. Da wir aber sehr stark über die Sprache ausgebildet sind,
meinen wir, es gebe nur noch die sprachliche Wahrnehmung, also die sprachliche Einteilung. Das
Problem der sprachlichen Wahrnehmung ist, dass es konzeptuell ist, in Reihen, also seriell. Man macht
eine Linie. Man sagt ja, man muss es auf die Reihe bringen. Das ist seriell. Ich als Familientherapeutin,
Systemtherapeutin, musste stark lernen, um aus dem seriellen wegzukommen, hin zum systemischen
Wahrnehmen. Das Systemische Wahrnehmen ist vernetzt. Das ist nicht linear. Das bezieht alle möglichen
Sachen mit ein. Die Emotionen kommen über Körperhaltung. Es gibt ein Institut für Atem und
Körpertherapie. Die Körpersprache ist nicht linear, sie ist ganzheitlich. In diesem Sinnen, nehmen wir
Menschen, auch wenn wir gut sprechen können, nehmen wir doch unser Umfeld immer noch stark
emotional wahr. Und die emotionale Wahrnehmung läuft über den Ton. Ich gehe davon aus, dass der
Mensch früher gesungen hat und erst später geredet, die Vögel singen auch.
[00:05:34.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Die emotionale Wahrnehmung kommt über den Ton, die Intonation etc. Und da sagt man ja auf
Französisch: "C'est le ton qui fait la musique". Also wenn wir etwas erzählen, dann hat es einen Inhalt
und es schwingt noch ein Ton mit. Und je nachdem, es gibt auch das Vierohrenprinzip, ich arbeite sonst
nicht mit dem, aber wenn der emotionale Ton sehr stark ist, hört man den Inhalt nicht mehr, sondern nur
noch das Emotionale. Und gerade im Bereich der Psychotherapie und von psychiatrischer und
psychologischer Arbeit, also alles Therapeutische, spielt der Ton eine grosse Rolle. Ich könnte jetzt einen
Sprung machen, der Ton, der Tonus der Muskeln spielt auch eine Rolle. Die Muskeln sagen dann, wenn
jemand verspannt ist, wenn ein Thema sehr gestresst ist. Das ist natürlich nicht bei jedem gleich. In
diesem Sinne können alle Körpertherapeuten den Ton am Körpertonus wahrnehmen. Das ist alles Ton,
Tonus. Stimmbänder reagieren auch auf die Stimmung. Jetzt gehe ich wieder zum Grosshirn. Das heisst
Grosshirn, weil es so stark gewachsen ist. Unser Grosshirn hat eine enorme Speicherfähigkeit. Das
heisst, unser Grosshirn kann gemachte Erfahrungen zuerst verarbeiten und dann ablegen und speichern.
Mit diesen abgeleiteten Mustern, mit diesen abgeleiteten Erfahrungen, wenn man dann in neue
Erfahrungen kommt, kann man von dem wieder hervorholen.
[00:07:30.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann alte Erfahrungen herausholen und anwenden bei einer neuen Erfahrung, die einigermassen
ähnlich wirkt wie die alte Erfahrung. Das kann aber auch eine Voreingenommenheit mit sich bringen. Das
heisst, wir wollen ja schnell sein, also unser Hirn will alles möglichst schnell verarbeiten. Und man sieht
einen Auslöser und denkt, das ist wieder das Gleiche. Und so interpretiert man zum Teil auch Sachen
falsch. Und da sagt man, man attribuiert seine alte Erfahrung an die neue und schaut gar nicht mehr offen
und sieht gar nicht, was da neues passiert. Und ich denke, wir, die therapeutisch arbeiten, sollten
eigentlich immer wieder offen sein und auch alles, was wir erfahren haben von unseren Patienten, die
uns anvertraut wurden, dass wir nicht mit unserem Schema kommen, um das unseren Patienten
überstülpen. Und das ist etwas, was ich der Psychiatrie vorwerfe, dass sie fixe Diagnosen hat und dann
nach diesen Diagnosen suchen geht und dann eigentlich den Menschen verpasst, also den Menschen
gar nicht mehr erlebt. Und ich denke, wir müssen uns immer wieder öffnen und immer wieder schauen,
was uns hier entgegenkommt. Und klar, dann fragen wir nach den alten Erfahrungen, die sie gemacht
haben und dann kann man es vielleicht ein bisschen zusammensetzen.
[00:08:56.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber man muss eigentlich immer wieder wie ein blankes Blatt vor die Leute herantreten und sich einen
Eindruck geben lassen. Jetzt bei den Anpassungsmustern. Wir haben sehr differenzierte Möglichkeiten
uns anzupassen. Über unser Lernprogramm im Grosshirn. Je mehr wir gelernt haben, umso mehr Muster
haben wir. Und man sagt auch, je mehr man sich im Umfeld aussetzt, je mehr Erfahrungen man macht,
umso komplexer wird das Hirn vernetzt und umso anpassungsfähiger wird es. Das klingt wie ein
Gegensatz, aber das ist so. Wenn das Hirn komplex strukturiert ist, komplexe Verarbeitung hat, ist es
anpassungsfähiger für alle möglichen Situationen. Sobald es um den Körper geht, kommen noch andere
Anpassungsmuster rein. Ich baue immer das dreieinige Gehirn auf. Das dreieinige Gehirn von Paul
D. MacLean. 1966 hat er das entwickelt. Er war ein Neurophysiolog und hat das entwickelt. Und ich zeige
es sehr primitiv. Jetzt habe ich gerade rot erwischt. Das wäre das Grosshirn. Das, das eben um ein Kilo
gewachsen ist, das wäre das Mittelhirn. Das ist das emotionale Hirn. Und hier unten ist das Stammhirn
und das ist das motorische Kleinhirn. Das ist das Hirn, das überlappt, das ist eigentlich eingepackt. Das
ist das emotionale Hirn, das ist das Beziehungshirn, das ist das Stammhirn, das steuert die vegetativen
Funktionen und das steuert die motorischen Funktionen. Ich habe von der Anpassung gesprochen, da
holen wir alle möglichen Erinnerungen hervor aus dem Grosshirn und verwenden diese wieder auf die
Situation.
[00:12:00.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit Marx arbeitet, dann holt man Theorie "von der Stärksten überlebt". Und wenn man aber
eine etwas differenziertere, philosophische Vorstellung der Welt hat, dann holt man ein bisschen andere
Theorien. Das ist aber das emotionale Hirn. Und die emotionale Verarbeitung ist eine schnelle
Verarbeitung. Die macht sich sofort einen Eindruck. Man hat eine negative Reaktion, das wäre Aversion,
man lehnt ab. Oder eine positive, man zieht an. Eine Beziehung, eine Bindung. Und über das läuft auch
unser Lernen. Das wäre das Stammhirn. Von dort her werden dann alle reflexhaften
Anpassungsmechanismen gestört. Und unter den reflexhaften Anpassungsmechanismen gibt es Flucht,
das ist das davon rennen. Wir Frauen flüchten eher. Man kann körperlich davor rennen und man kann
aber auch innerlich flüchten. Man zieht sich zurück, meldet sich ab, geht in eine Fantasiewelt und ist weg.
Man muss nicht nur davonrennen. Flucht, Flight, Kampf, dann geht man darauf los. Männer haben eher
die Tendenz, Kampfverhalten. Dann machen sie aktiv etwas. Wenn wir Aktivismus zeigen in der Therapie,
gehen wir auch in das hinein. Und um den Kampf durchzuführen, braucht es natürlich einen vegetativen
Funktionsaufbau und das geht dann alles in den Körper hinein. Das wäre das vegetative Nervensystem.
[00:13:47.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Und dann sind wir schon bald beim Körper. Also wenn Sie jetzt an ein Vorstellungsgespräch gehen und
sie haben Angst, sie machen keinen guten Eindruck, dann müssen sie eigentlich hier schauen, wie sie
sich verhalten können, etc. Aber meistens macht man auch vegetative Reaktionen. Man fährt den Puls
hoch, man fängt an zu schwitzen, der Blutdruck geht wahrscheinlich noch hoch, obwohl das gar nichts
bringt. Sie sitzen ja und müssen nur schwatzen. Blut müssen Sie in dieses Hirn hineinführen, das kommt
auch von hier, damit Sie gut denken können. Denn nichts braucht so viel Sauerstoff wie unser Hirn. Das
merken sie, wenn sie schwer gearbeitet haben mit jemandem und rausgehen und wieder ins Zimmer
kommen, dann schmeckt die Luft verbraucht. Und dabei waren nur zwei Leute drin. Man sagt, das Hirn
brauche mehr Sauerstoff als ein Athlet, der viel körperliche Leistung macht. Das Hirn braucht viel mehr
Sauerstoff als die Muskeln.
[00:15:01.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Und jetzt, wenn ich sage: "Wann lässt die Seele den Körper sprechen?" Unser emotionales Hirn
balanciert uns aus. Von daher kommt auch die Motivation. Wenn wir etwas lernen wollen, fahren wir
Energie hoch. Dann können wir etwas machen. Wir können denken, handeln, mit jemandem reden. Über
das kommt die Motivation. Motivation, emovere, heisst ja bewegen.
[00:15:35.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Gefühlsmässig sagt man, das bewegt mich. Das heisst, es erfasst mich gefühlsmässig. Und wenn mich
etwas gefühlsmässig erfasst, dann will ich auch Energie verwenden, um hier etwas zu machen. Sei es
davon weg zu gehen, oder hinzugehen, oder besser herauszufinden. In diesem Sinne spielt das
Mittelhirn, das emotionale Hirn eine riesige Rolle in der Auseinandersetzung mit unserem Umfeld. Das
spielt eine grosse Rolle zwischen Mutter und Kind und später natürlich zwischen Schüler und Lehrer und
so weiter zwischen Untergebenen und Vorgesetzten etc. Und das nimmt, le ton qui fait la musique, sehr
gut auf.
[00:16:30.690] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne nehmen auch die Tiere unseren Ton und unseren Habitus auf. Wie schnell wir uns, wie
langsam wir uns bewegen. Das sind alles Dinge, die wir oft gar nicht mehr sehen. Wir achten nicht mehr
darauf. Und in der Familientherapie, wenn man nicht mehr weitergekommen ist mit der Familie, hat man
sie gefilmt und den Ton abgestellt, dass man sich nicht mehr auf die Worte abstützen konnte und nur
noch auf die Gestik und wer spricht und wie läuft es und was geschieht. Und dann auf einmal muss man
wieder mehr wahrnehmen und muss mehr ganzheitlich wahrnehmen. Denn wir sind sehr ausgerichtet auf
das kognitive Wahrnehmen. Das haben wir geschult, 9 Jahre und dann noch in der Ausbildung.
[00:17:19.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn ist ein soziales Organ. Wir interagieren über unser Kleinhirn, über unser Grosshirn, mit
unserem Umfeld. Dann kommen wir in eine Situation hinein, in der das nicht funktioniert. Wir können
unser Gegenüber nicht überzeugen oder fühlen uns nicht verstanden. Es kommt nicht an. Dann geht hier
Energie los. Motivationsenergie. Aber wenn wir es hier hoch tun, zuviel hier hochtun, dann drehen wir
durch. Dann gibt es Schizophrenie. Wenn wir es hier gut beherrschen können und wir nicht alles hier
hochtun und man merkt, dass es nichts bringt, aber es stört uns trotzdem, wo geht dann die Energie hin?
Hier oben. Und dann geht vom emotionalen Hirn die Energie in den Körper. Das ist natürlich viel
komplizierter, die emotionale Energie, der Emotionsstau, der hier passiert, der dann ins Stammhirn geht,
ins vegetative Hirn, dann werden lauter Körperorgane aktiviert. Das ist der Moment, das ist unsere
Psyche, also an erster Stelle das Emotionale.
[00:18:36.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere Psyche lässt den Körper reden. Wenn wir uns hier nicht mehr ausdrücken können. Ich komme
nicht mehr durch, ich werde nicht verstanden, ich werde nicht gehört, ich werde nicht akzeptiert. Aber die
Energie geht nicht weg. Dann kann ich natürlich Sport machen gehen. Ich kann joggen. Man sieht selten
so viele Leute umrennen wie heutzutage. Alle machen Sport und sind unterwegs. Und dann geht es hier
über das und in die Muskeln. Und dann hat man hier Energie abgeleitet. Und man sagt auch, nach dem
Sport können die Kinder besser aufpassen, weil die überschüssige Energie abgeleitet ist. Wenn man das
nicht macht, dann bleibt sie hier im vegetativen Nervensystem und dann wird Energie in allen möglichen
Körperorganen abgeleitet.
[00:19:32.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Und das ist, die Psyche lässt den Körper sprechen, wenn er sich so mit unserem tollen Grosshirn nicht
mehr ausdrücken kann und nicht sportlich ableiten kann, über Krafttraining, weiss ich nicht was alles.
Dann geht es in den Körper und dann tritt irgendwo ein Symptom auf. Welches Körperorgan gewählt wird,
um die Energie abzubauen, Das ist bei jedem wieder anders. Und da sind natürlich auch wieder
Vorbilder, spielen eine Rolle, was man zu Hause gesehen hat. Wenn die Mutter immer einen
Asthmaanfall hatte, hat man vielleicht auch einen. Oder wenn sie nur einen roten Kopf bekommen hat,
dann macht man Blutdruck, hoher Blutdruck usw. Das muss man dann in jeder Geschichte einzeln
anschauen. Jetzt frage ich Sie, versteht man das? Haben Sie da gerade Fragen dazu?
[00:20:39.820] – Bemerkung 1
Viele sagen psychosomatisch.
[00:20:40.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychosomatisch wäre genau, wenn hier zu viel Energie ist, es in das Stammhirn geht und dann macht
es irgendein Symptom in einem Körperteil. Vor zwei Jahren hatte ich eine Auseinandersetzung mit einer
Organisation. Dann habe ich psychosomatische Beinbeschwerden gemacht, d.h. einen Ausschlag an den
Beinen. Ich bin zum Hausarzt. Ich habe das anschauen lassen. Ich habe natürlich Kortison bekommen,
wie man immer bekommt. Ich habe geschmiert und gemacht, aber es hat überhaupt nichts genutzt. Ich
bin wieder gegangen. Dann hat der Hausarzt gesagt, dass wir eine Gewebeprobe machen müssen. Er
hat dann gesagt, Vaskulitis, das wäre eine Entzündung der kleine Gefässe. Was? Vaskulitis? Ja, das
muss ich selber heranbringen. Nein, ich mache keine Hautprobe, also keine Gewebeprobe. Und ich
bringe das selber hin. Also, ich muss hier mein Hirn ein bisschen anders steuern. Ich habe es wieder
weggebracht. Das ist natürlich nicht immer so erfolgreich wenn es schon zu weit gegangen ist. Aber
psychosomatisch ist ja, wenn diese Emotionen hier in diesen Hirnteil gehen und dann alle möglichen
Signale an den Körper geben, dass der Körper etwas lösen sollte, was er gar nicht kann. Und das ist halt,
weil das alles verbunden ist. Also der Teil des Hirns ist sehr stark mit dem Körper verbunden. Das muss ja
funktionieren.
[00:22:15.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nennt das auch Reptilienhirn, weil das bei den Reptilien schon sehr gut ausgebildet war. Und von
daher kommen reflexmässige Anpassungen. Also Kampf, Flucht oder Todstellenreflex. Man nennt es
"Fight, Flight or Freeze". Also "Freeze Reaction". Auf Deutsch sage ich "Todstellenreflex".
[00:22:46.700] – Bemerkung 2
An dieser Stelle die Frage: wie kann man diese Energie umleiten?
[00:23:01.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazu komme ich noch.
[00:23:01.920] – Bemerkung 3
Ist das die soziale Vererbung, anstatt genetisch, wenn Sie sagen, das Kind hat gesehen wie die Mutter
einen Asthmaanfall hatte.
[00:23:05.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Jaja, das ist eine soziale Vererbung. Über das Grosshirn läuft alles soziale Vererbung. Über das
emotional Hirn und das Stammhirn ist mehr die genetische Vererbung. Die ist mehr vorgeprägt. Das
Grosshirn lernt und macht dann individuelle Anpassungsmuster, also was ich gelernt habe, wende ich
wieder an. Wenn man gute Dinge gelernt hat, ist man anpassungsfähig. Wenn man eher ein rigides
System gelernt hat, muss man das ausweiten und das ist nicht so einfach. Im limbischen System, im
emotionalen Hirn, das ist auch genetisch, da kann man sehr leicht erregbar sein. Das heisst, man
schwingt gerade mit, man ist emotional sehr mitschwingend und dann muss man das immer wieder etwas
runterbringen. ADHS Menschen und ADS Menschen sind viel stärker schwingungsfähig in diesem
Hirnbereich. Und die müssen von dort her mehr lernen, das wieder selber in eine Ruhe reinzubringen.
Und wenn es hier stark schwingt und hier kann man nichts sagen, dann geht es halt in den Körper hinein.
Und die ADHSler, also mit der Hyperkinese, die arbeiten es dann über das Kleinhirn ab, also die müssen
bewegen und etwas machen. Die ADSler denken eher still vor sich hin. Die haben dann eine
Hyperaktivität im Grosshirn, die nach aussen niemand sieht. Und je nachdem natürlich auch
psychosomatische Sachen.
[00:24:53.490] – Bemerkung 4
Ich möchte eigentlich fast behaupten, dass die Psychosomatik durch die Schulmedizin eingeführt wurde.
Von mir aus gesehen kann man das nicht trennen.
[00:25:06.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, man kann es nicht trennen. Das ist so. Sämtliche Krankheiten kann man auch vom
psychosomatische Aspekt her anschauen. Das Organ, unser Hirn, steuert alle unsere Organe und steuert
auch unser Verhalten. Eigentlich kann man die Somatik nicht richtig abtrennen. Aber es wird gemacht.
[00:25:31.000] – Bemerkung 5
Ja, es wird auch ein wenig abschätzig gemacht. Es hat alles auch einen psychischen Aspekt auch im
Körperorgan.
[00:25:42.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Also eine Dermatologin hat mir mal gesagt, alle Hautkrankheiten haben immer einen seelischen Aspekt
dabei. Und man kann bei jeder Krankheit, klar, eine Infektionskrankheit, da ist ein Virus. Aber, dass man
den Virus bekommt, das ist wieder unser Abwehrsystem.
[00:26:06.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich hier noch vergessen habe, ist die Hypophyse, die hier dran hängt. Das wäre die Hypophyse. Die
sogenannte Hirnanhangsdrüse. Vom emotionalen Hirn zur Hypophyse gehen direkt die Nervenbahnen,
die die aktivieren. Und die regiert dann das ganze Hormonsystem. Und das Hormonsystem ist das
Immunsystem. Und wir hatten ja jetzt das Coronavirus. Und es war nicht das Coronavirus, das die Leute
zum Sterben gebracht hat, sondern es war die Reaktion des Körpers, welche die Leute sterben liess. Und
wenn man bei der Behandlung geschaut hat, war die Behandlung immer mit Cortison. Und diese
Hypophyse geht zur Nebennierenrinde. Also das ist der Hypothalamus, Hypophyse, Nebennierenrinde.
Die Nebennierenrinde die schüttet dann das Cortison aus. Bei allen Stresskrankheiten gibt man Cortison.
Auch bei Covid, wenn die überreagiert haben und überall Entzündungen gemacht haben, in den
Hirngefässen, in den Herzgefäßen usw. hat man Cortison gegeben. Und das Cortison wird hier in den
Nebennierenrinde gemacht. Man trennt natürlich Medizin in verschiedenen Gebieten ein. Die arbeiten
zum Teil zusammen, zum Teil auch nicht. Aber in der Neuroimmunologie lässt man sie wieder
zusammenarbeiten.
[00:28:17.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher gehen die Nerven in den Darm. Und jetzt hat man den Zusammenhang zwischen Hirn und
Darm wieder gemacht. Eigentlich kommen aus dem Darm mehr Signale ins Hirn als runtergehen. Die
Verdauung und all das Zeug ist natürlich wichtig. Also unser Körperhaushalt muss ja funktionieren, damit
wir kämpfen können und dass wir flüchten können. Wenn wir eine Todesstellerreaktion machen, also
Todstellerreflex, dann wird alles ein bisschen runtergefahren. Dann kann die Herzfrequenz und der
Blutdruck zusammenfallen. Früher haben Frauen eine Todesstellerreaktion gemacht, wenn sie
ohnmächtig wurden. Dann sagte man, man braucht eine Aktivierung. <Da sind wir dann wieder beim
Riechorgan.
[00:29:34.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Auge ist ja selber ein Hirnteil. Das ist ein Sinnesorgan, das ein herausgestellter Hirnteil ist. Das ist
auch noch interessant. Ich muss ich schauen, wie ich weiterfahre.
[00:30:00.000] – Bemerkung 6
Mit den Augen?
[00:30:10.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gehen die Bahnen von hinten her durch und das wäre dann das Auge. Da ist noch etwas wichtiges.
Wir müssen ja ganzheitlich wahrnehmen. Die Augenbahnen, die überkreuzen. Also von der linken
Hirnhälfte geht die Hirnhirnbahn ins rechte Auge. Von der rechten Hirnhälfte in die linke. Ich bringe
wahrscheinlich nicht mehr alles hin, aber das ist die Kreuzung. Und bei der Motorik läuft es auch so. Sie
wissen es vielleicht noch besser als ich. Von der Motorik her. Und diese Kreuzung ist wichtig, auch für die
Anpassung. Wenn wir nur so durch die Welt laufen würden, hätten wir einen Tunnelblick. Wenn wir so
durch die Welt laufen, haben wir einen weiteren Blick.
[00:31:34.280] – Bemerkung 7
Ich habe von Kleinkind her nicht gut gesehen. Man hat es erst mit 8 Jahren in der Schule gemerkt und ich
wurde als Trottel abgestempelt und das ist eine Prägung für mich. Das ist für mich immer wieder eine
Blokade. Ich habe immer das Gefühl ich weiss zu wenig. Ich sehe zu wenig. Tatsächlich ist mir bewusst
geworden, dass ich 8 Jahre lange zu wenig gesehen habe. Es ist extrem wichtig, denn all die
Verbindungen, die ich jetzt gehört habe, was das Hirn macht, kann nur aus der Intuition kommen. Jetzt
habe ich das Grosshirn gefüttert.
[00:33:11.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Medizin ist zu mechanisch. Sie nimmt einen festen Zustand wahr. Wenn sich etwas ändert, im Hirn
ändert sich sowieso immer alles, aber wenn sich auch im Organ etwas ändert, dann sagt man, das war
eine falsche Diagnose. Das stimmt nicht. Das kann sich entwickeln.
[00:34:00.410] – Bemerkung 7
Es liegt am Sauerstoff.
[00:34:44.980] – Bemerkung 8
Wir speichen sehr viel über die Augen. Man hatte einen Umfall im Regen. Man assoziiert dann.
[00:35:19.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Über Gerüche assoziiert man auch. Das sind die Gehirnkörperbeziehungen. In er Neuro-Immunologie, da
versucht man die Gehirnkörperbeziehungen wieder anzuschauen. Das Immunsystem ist ein chemisches
Anpassungsmuster, also eine Methode. Man macht Antikörper gegen Feinde, die von aussen kommen.
Bei den Autoimmunkrankheiten macht man Antikörper gegen das eigene Körperorgan, was man
eigentlich nicht will. Und dann gibt man auch wieder Cortison.
[00:36:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gehirnkörperbeziehung, ich kann auch sagen Seele-Körper-Beziehung wird in letzter Zeit wieder
etwas mehr angeschaut. Und so sagt man zum Beispiel, weil so viele Signale vom Darm ins Gehirn
gehen, muss man jetzt eine Darmimpfung machen, damit es dem Gehirn besser geht. Das ist natürlich für
mich etwas übertrieben. Ich würde umgekehrt sagen, ich muss meinem Gehirn besser schauen, dass ich
besser esse oder was auch immer, dass ich besser verdaue. Denn wenn ich gestresst bin, werden die
vegetativen Signale abgestellt. Dann verdaue ich nicht recht, dann habe ich die Blähungen. Sobald ich
Blähungen habe, gibt es eine andere Darmflora, dann wachsen andere Bakterien etc. Und dann tut es
mir weh und am Schluss habe ich, weiss ich nicht was, eine Colitis Ulcerosa. Und ich möchte als
Psychiaterin viel mehr von dem ganzheitlichen Hirn her steuern. Und ich möchte meinen Patienten nicht
Stuhl impfen, damit es ihnen besser geht. Aber die Somatik ist halt sehr differenziert und dann muss man
einen Stuhl bringen, um das zu analysieren und dann macht man quasi eine Stuhldiagnose, ich komme
eher vom Hirn her.
[00:37:47.140] – Bemerkung 9
Man sagt aber auch das Bauchgefühl.
[00:38:46.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Über die vegetative Wahrnehmung läuft viel Intuition. Wie geht es eigentlich mir? Mein Bauch ist zum Teil
intelligenter als das Grosshirn, weil der Bauch meinen Zustand wahrnimmt. Das andere ist nur immer
intellektuell.
[00:38:55.955] – Bemerkung 10
Wäre das dann die Intuition?
[00:38:56.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Also die Intuition nimmt schon auch Erfahrung aus dem Grosshirn mit aber prozessiert es sehr schnell
aber prozessiert es nicht nach der intellektuellen Funktion. Es nimmt alle Erfahrungen die man gemacht
hat, körperlich, visuell usw., nimmt es mit und prozessiert es viel schneller. Wenn man es mit dem Hirn
durchdenken muss, muss man alles linear durchdenken. Wenn man es mit dem Bauch prozessiert, gibt
es eine ganzheitliche Reaktion. Menschen, Analapheten, wenn man zu früh in der Schule lesen lernt, ist
man nicht mehr so gut in der ganzheitlichen Wahrnehmung. Und die, die nicht lesen lernen, also
Zigeunerkinder zum Beispiel, die haben eine viel bessere breite Wahrnehmung. Und ich sage jetzt bei
den ADHS Menschen, da sagt man Aufmerksamkeitsstörung und ich sage breite Aufmerksamkeit. Also
die nehmen alle möglichen, detaillhaften Sachen wahr, die andere gar nicht sehen. Und je nachdem kann
man die natürlich brauchen. Jetzt wenn man nur gezielt etwas lernen muss, dann ist es ein Störfaktor.
[00:40:34.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt vielleicht noch zum emotionalen Hirn. Das emotionale Hirn ist das Mittelhirn, zwischen dem
vegetativen und dem kognitiven. In der Pubertät, wenn wir lernen, unsere Emotionen, wir sprechen von
Emotionsregulation, dann je nachdem wie fest das ausschwingt, geht es uns gut und wir sind euphorisch
oder wenn das zusammengebrochen ist, weil wir zu viel Energie vergeudet haben, dann fällt das runter
und dann ist man depressiv.
[00:41:07.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Emotionsregulation ist eine ganz schwierige Aufgabe und die müssen wir immer wieder lernen. Man
lernt es in der Pubertät, man sollte es lernen. Wenn immer jemand anderes hineinschweizt, dann lernt
man es nicht so gut. Und wenn in der Pubertät aus meiner Sicht schon Psychopharmaka verwendet
werden, um das zu regulieren, dann meint man könnte das nicht selber, dabei könnte man es. Es ist
natürlich viel gesünder, wenn man lernt, seine Emotionen selber zu regulieren, über unterschiedliche
Anpassungsmechanismen, zum Teil über Flucht, zum Teil über Kampf, zum Teil einfach still zu sein und
nichts zu sagen, den Mund zu halten. Man sollte eigentlich lernen, seine Emotionen selbst zu regulieren.
Aber weil wir die körperfremden Emotionsregulatoren haben, also Psychopharmaka, wird heutzutage
schon bei den Kindern Psychopharmaka gegeben. Und für mich ist das schlimm.
[00:42:16.020] – Bemerkung 11
Kann man das von einem Kind erwarten, diese Emotionskontrolle? Ab welchem Alter?
[00:42:25.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein bisschen unterschiedlich, aber eigentilch lernt man es in der Pubertät. Man sagt von ADHSler,
dass die es ein bisschen später lernen, die brauchen ein bisschen länger, weil sie eine viel stärkere
Schwingungsfähigkeit haben. Aber heute sagt man, die Pubertät geht bis 24 Jahre. Man sagt, das Hirn
kann sich noch bis 24 Jahren verändern. Und nach der Geburt eines Kindes kann es sich noch mal
verändern. Also ich würde jetzt sagen, von 13 bis 23. Man sagt ja, die Pubertät wurde auch eher
verlängert, weil man eine längere Ausbildungsphase hat und weil man noch nicht die Verantwortung
übernehmen muss. Die Emotionsregulation läuft so: man merkt, man wird emotional. Als erstes muss
man ja wahrnehmen, dass man emotional wird. Bei den Alkoholikern muss ich das denen beibringe, dass
sie wahrnehmen, dass sie verletzt sind und nicht gleich Alkohol trinken gehen. Man muss zuerst eine
Wahrnehmung haben, die natürlich auch über den Körper läuft. Da sind viele Emotionen, dann geht
etwas in den Körper und ich spüre mich verspannt. Ich muss wahrnehmen, jetzt hat mich etwas gestört.
Dann muss ich schauen, was mich gestört hat. Dann kann ich einfach Kampf, Flucht oder Freeze
Reaction machen. Oder ich kann überlegen, was ich jetzt noch machen könnte. Da muss man sich ein
wenig abstoppen. Und dann schauen, was ich aus meinem Repertoire holen kann. Oder was kann ich
Neues lernen? Ist das ein wenig so beantwortet?
[00:44:15.430] – Bemerkung 27
Jetzt wo sie gesagt haben bei Medikamenten bei Kindern und Jugendlichen. Sind sie generell bei allen
Jugendlichen gegen Medikamente? Ich habe eine Freundin, die hat einen depressiven Sohn, der nicht
mehr in dei Schule gehen konnte. Er ist nur noch zu Hause rum gelegen. Dann hat man ihm
Medikamente gegeben, dass er wieder in die Schulen gehen kann. Würden Sie das anders machen?
[00:44:59.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand depressiv ist, wenn jemand Rückzug macht, wenn der Speicher ausgeschöpft ist, dann ist
irgendwo eine Fehlanpassung. Dann hat sich der an etwas angepasst, das nicht gesund ist für ihn. Wenn
ich ihm dann einfach Medikamente gebe, damit er wieder funktionieren kann, muss er sich wieder
unserer Gesellschaft anpassen. Und wir erwarten natürlich immer, Kinder sind die Kleinen, die müssen
sich unserer Gesellschaft anpassen. Aber das ist nicht immer gesund. Ich meine, wir Erzieher müssen
uns auch dem Kind und seinen Bedürfnissen anpassen. Wir müssen herausfinden, was bei diesem Kind
nicht funktioniert, was im Umfeld nicht gut ist und wo ich Veränderungen machen könnte. Ja, darum bin
ich ja Familientherapeutin. Ich schaue das ganze System an, wo es nicht funktioniert. Ich versuche, dort
Platz zu machen, wo das Kind keinen Platz hat. Ich bringe nicht einfach das Kind wieder zum
Funktionieren. Wenn ich das Systeme verändern kann, gibt es Platz. So wie wenn ich die Darmbakterien
verändere. Das ist auch ein System. Aber ich verändere soziale Systeme, damit das Kind mehr Platz hat,
sich entwickeln kann. Und dass wieder die Energie von sich aus kommen kann, intrinsisch von sich aus
und nicht von aussen her stimuliert. Ich vergleiche das manchmal auch so:
[00:46:22.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen fahren ja Moped und frisieren ihre Mopeds immer. Damit sie schneller fahren. Und wir
machen genau das gleiche. Das Hirn funktioniert nicht recht, weil irgendetwas falsch läuft im System. Ich
gebe einfach mehr Sprit rein oder frisiere ein bisschen und dann läuft es wieder. Und dann kann es sich
wieder unserer Gesellschaft anpassen und das finde ich nicht in Ordnung.
[00:46:47.080] – Bemerkung 13
Wenn es die Erwachsene machen in Form von Medikamenten, ist es richtig, wenn es die Jugendlichen
machen in Form von Mopeds frisieren, dann reklamieren die Erwachsenen.
[00:46:56.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erwachsenen sagen den Jugendlichen, sie dürfen das nicht. Aber wir dürfen es.
[00:47:04.660] – Bemerkung 13
Es wäre besser die Jugendlichen ihre Mopeds frisieren zu lassen.
[00:47:30.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das finde ich auch aber das ist immer die erste Jungendkriminalität. Das werfe ich der
Jugendpsychiatrie vor. Mit den modernen Antidepressiva macht man weniger sensibel, dann wird das
alles etwas ruhiger. Und mit den Stimulierenden, den alten Antidepressiva, gibt man mehr Energie rein.
Die einen wirken auf der sensorischen Seite, es ist einem alles gleich, man hat eine dickere Haut, das
sagen die Leute auch. Und mit den anderen ist man dann einfach wieder stimuliert. Und wenn man bei
einem Jugendlichen einfach Antidepressiva gibt, damit er wieder in die Schule gehen kann, dann füttern
wir nur das Großhirn. Aber den Rest nicht. Nein, ich mache es nicht. Ja, da bin ich halt wieder kritisch.
Wenn man dann Therapie macht, also die Therapie, die von der Krankenkasse bezahlt wird, ist das die
Verhaltenstherapie. Und früher war es noch die analytische Therapie. Es wird heutzutage nicht überall
Systemtherapie bezahlt, aber es wird nicht gemacht. Es gibt nicht so viele Leute, die mit dem ganzen
Familiensystem umgehen können. Und dass man das kann, muss man unglaublich viel üben, üben,
üben.
[00:48:49.000] – Bemerkung 14
Gehen denn bei diesem Sohn die Eltern auch in Therapie?
[00:48:54.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, wahrscheinlich wird nur der Jugendliche therapiert. Einzeltherapie? Alle? Okay, dann darf ich nichts
sagen. Vielleicht machen sie das ja gut.
[00:49:03.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Kind kann man am besten lernen. Mir hat der Kielholz am Staatsexamen noch gesagt: Ihre Hirnzellen
sterben ab mit 26 Jahren, dann lernen sie nicht mehr so viel. Das stimmt zum Glück nicht. Aber klar,
wenn man sie nicht braucht, dann sterben sie ab. Wir Erwachsene haben schnell die Tendenz, den
Jugendlichen an unser System anzupassen, denn das ist für uns am einfachsten. Wenn wir den
Jugendlichen nicht anpassen können, werden wir gezwungen etwas zu lernen. Und wir lernen gerne so
intellektuell, aber sozial, das wird ein bisschen schwieriger, denn dann müssen wir uns ja immer ein
wenig in Frage stellen.
[00:49:04.040] – Bemerkung 15
Das geschieht dann auch aus einer Hilflosigkeit heraus.
[00:50:21.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, natürlich, es ist nicht Bösartigkeit. All die Schritte sind immer, ich weiss wie es geht und du solltest
folgen. Also meistens ist es eben so. Und eben, wenn man in der Familientherapie das Gehör, also den
Ton abstellt, muss man schauen, wenn ich ins Ausland gehe reisen, da kann ich noch nicht sprechen.
Wenn ich die Sprache nicht kann, muss ich viel besser schauen. Und wir müssen immer wieder lernen,
zu schauen und zu hören, was kommt. Aber wir denken natürlich, wir wissen schon, und wir wissen, was
der richtige Weg ist.
[00:50:55.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Im sokratischen Lernen, da sagt der Sokrates, ich lerne von meinen Schülern. Und wir müssen eigentlich
immer wieder diese Haltung haben. Und erst dann gibt es eine flexible Anpassung auf beide Seiten. Das
heisst nicht, dass wir alles aufgeben müssen und nur noch von der Jugend lernen können. Aber es
heisst, es muss interaktiv und flexibel sein. Und nicht, ich weiss es und du musst es so machen.
[00:51:24.010] – Bemerkung 16
Ich habe noch eine Frage: Hat der Mund nicht auch noch eine wichtige Bezeichnung?
[00:51:45.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mund ist motorisch. Der Kaueffekt hat auch einen Wirkung. Ich bin gerade daran ein Buch zu
schreiben. Ich wollte sagen, das psychosomatische Wörterbuch. Aber ich habe jetzt einfach
psychosomatische Krankheiten. Das behandle ich auch.
[00:53:15.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt, beiss dich durch. Das ist der stärkste Muskel im ganzen Körper. Darum können im Zirkus die
sich mit einem Knüppel im Maul halten. Wir haben ein Kauenapparat. Früher waren wir Körnchenpicker.
Wir mussten Getreide roh vermahlen. Dadurch haben wir hier so starke Muskeln. Wenn man im Stress
ist, heisst es, beiss dich durch. Dann beisst man hier zu und in der Nacht beisst man auch noch. Dann
hat man abgeschliffene Zähne. Der Zahnarzt macht dann einen Keil oder eine Schiene dazwischen. Er
behandelt es mechanisch. Hier gibt es Schmerzen. Der Neurolog gibt Schmerzmittel und Antiepileptika,
damit das nicht mehr ist. Das läuft alles über den Trigeminus, also unseren vegetativen Nerv. Ich bringe
das auch in mein Buch.
[00:54:18.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage , was musst Du ändern in deiner Situation. Bei einem habe ich gesagt, du musst kündigen. Der
hat gekündigt.
[00:54:31.860] – Bemerkung 17
Das Kiefergelenk ist eigentlich das dominanteste Gelenk vom ganzen Körper
[00:54:38.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist natürlich alles verbunden und wenn man hier verbeisst, verbeisst man auch noch irgendwo
anders. Und im ganzen Körper usw. Das wissen alle Körper- und Atemtherapeuten besser als ich.
Machen wir eine kurze Pause um unsere Verspannungen zu lösen.
[00:55:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema heisst ja, wenn lässt die Seele den Körper sprechen? Und die Seelen-Psychotherapie, das ist
immer Seelentherapie, Psychologie, die Lehre der Seelen, Psychiatrie, die ärztliche Kunde der Seelen.
Wenn man wissenschaftlich schaut, dann ist die Seele eigentlich ein Konstrukt. Und das ist eigentlich ein
alter Begriff. Und er kommt aus dem Griechischen. Da hat man, wenn der Mensch stirbt, am Ende, also
wenn er den letzten Atemhauch macht, dann zieht sich das Zwerchfelll zusammen und dann wird noch
etwas ausgehaucht. Und da hat man früher gemeint, das sei dann die Seele. Und ich habe als Kind noch
Wilhelm Busch gelesen und dann ist die Seele, da sitzen sie da im Topf und dann sterben sie und dann
geht die Seele zum Kamin raus. Und oben ist dann der Teufel gesessen mit der Gabel und hat die Seele
weggenommen. Und ich hatte so Mitleid mit dieser Seele, dass der Teufel sie trotzdem erwischt. Ich
wollte ja, dass sie weggehen kann. Aber jetzt arbeite ich auf dem Bereich, dass der Teufel die Seele nicht
erwischt. Ich versuche die Seele zu gestalten.
[00:56:27.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwende deshalb trotzdem diesen Begriff. Er ist eingeführt, auch wenn er wissenschaftlich nicht
exakt ist. Die Seele, wenn man sie irgendwo verankern würde, wahrscheinlich am ehesten hier im
emotionalen Bereich. Aber auch im mentalen Bereich, denn das interagiert stark miteinander. Unser
Grosshirn interagiert stark mit unserem emotionalen Hirn. Im Gesangsunterricht muss man die
Kopfstimme mit der Körper-, Bruststimme zusammenbringen, den Bruch überwinden. Erst dann hat es
einen vollen Klang. Chinesen singen nur mit Kopfstimmen. Das ist dann so schrill. In diesem Sinne
verwende ich das immer noch. Ich habe vorhin von den beiden Anpassungsmechanismen gesprochen.
Wir haben eine gelernte individuelle Anpassung, wo das Grosshirn mit einbezogen wird, wo es alles
verwenden kann, was es gespeichert hat aus der reellen Erfahrung. Und wir haben die reflexartige
Anpassung, die reflexartig läuft und bei allen gleich ist. Kampf, Flucht und Todesstellereflex ist nicht nur
beim Menschen, sondern bei allen Tierarten bis zum kleinen Käfer. Das ist ein Muster, das alt bewährt ist.
[00:57:59.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man den individuellen Anpassungsmechanismus nicht mehr verwenden kann, weil er aus
irgendeinem Grund nicht mehr funktioniert, dann gehen wir zurück auf unsere primitive
Anpassungsmechanismen, also wir kämpfen, flüchten oder stellen uns tot, wenn der hochentwickelte,
menschliche Anpassungsmechanismus nicht mehr funktioniert.
[00:58:30.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Seele läuft über, wenn das emotionale Hirn wirklich überlauft und man kein Repertoire mehr aus dem
Grosshirn findet; dann gehen wir ins Körperhirn hinein.
[00:58:47.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich könnte es so sagen, die Seele lässt den Körper sprechen, wenn sie keine Worte mehr findet. Wenn
sie sich nicht mehr ausdrücken kann, wenn sie sich nicht mehr verständlich machen kann. Wenn sie das
Gefühl hat, dass das Gegenüber sie nicht mehr versteht. Die Worte, die man bringt, werden nicht
verstanden. Dann staut sich die Energie im emotionalen Hirn an. Dann kann sie nirgendswo anders
hingehen als im Körper oder in das Grosshirn. Aber das wäre dann Schizophrenie. Das behandeln wir
heute nicht. Ich habe mein Buch von ADHS und Schizophrenie mitgebracht. Ich habe mich in der
Psychiatrie von Anfang an um diese Krankheit bemüht. Ich fand sie auch immer interessant. Bei den
Schizophrenen geht die ganze emotionale Energie in den Kopf, in das Grosshirn. Aber das Grosshirn und
der Gedankengang, den man dort aufbaut, ist nicht mehr nach den normalen Vernunftregeln, auch nicht
mehr nach der Wahrnehmung, sondern man baut sich dann, ich könnte sagen, eine Lügegeschichte, eine
alternative Realität im Grosshirn auf. Man baut sich eine alternative Wahrheit im Grosshirn auf. Man
versucht dann das Umfeld nach dem zu gestalten, was in der Regel nicht funktioniert. Wenn man das
aber nicht macht, man schickt zu viele Energie nicht ins Grosshirn, dann geht es in den Körper. Dann
muss man dort wieder suchen gehen, was es eigentlich sagen will.
[01:00:37.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kleine Kind ist spontan, das sagt alles wie ihm Schnabel gewachsen ist. Wenn er erwachsen ist,
kann er alle diese Spontanreflexe unterdrücken. Aber im Augenblick, wo zu viel Energie im Mittelhirn ist,
dann kann man es nicht mehr unterdrücken. Dann benimmt man sich reflexartig und eher wie ein kleines
Kind.
[01:01:11.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt ist natürlich die Frage, wie stark man emotional reagiert, das ist das genetisch vererbt. Wenn man
sehr stark reagiert, hat man mehr Mühe, seine Emotionen im Griff zu halten. Wenn man eher ein ruhiger
Typ ist, schwingt das nicht so fest, kann man alles Mögliche einstecken. Man muss nicht so viel Arbeit
leisten, um die Emotionen im Griff zu halten. Das wäre die Emotionsregulation. Wie gesagt, wenn die
Emotionen überwiegen und man es nicht im Grosshirn als Psychose ableiten kann, dann tut man es in
den Körper und dann gibt es alle psychosomatischen Krankheiten.
[01:02:13.120] – Bemerkung 18
Ich habe noche ein Frage zum Thema Autismusspektrum.
[01:02:19.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Man behautptet immer, dass Autisten keine Empathie für ihr Gegenüber haben. Sie würden die Umwelt
nicht wahrnehmen. Das stimmt nicht. Nein, sie nehmen eher das Umfeld zu stark wahr, dass ganz schnell
ein System Overload passiert. Sie werden überfordert. Dann machen sie als Fluchtreaktion: Flucht nach
innen. Sie gehen in sich zurück. Sie gehen vielleicht in eine Fantasiewelt oder beschäftigen sich mit
irgendetwas und nehmen einen dann nicht mehr wahr. Aber jeder Mensch, wenn er sehr gestresst ist,
sehr beschäftigt mit etwas, kann nicht mehr richtig wahrnehmen. Es ist immer ein Gleichgewicht zwischen
Wahrnehmen von aussen und wieder innerlich verarbeiten. Jean Piaget hatte das Konzept von
Adaptation und Assimilation. Man passt sich im Umfeld an mit seinem Repertoire, man hat etwas Neues,
man assimiliert das bei sich und kann es dann wieder verwenden. Autisten sind hochsensibel, leicht
störbar und ziehen sich schnell zurück. Eigentlich hat man den Begriff des Autismus bei den
Schizophrenen prägt. Schizophrene, die übererregt sind und dann gar nichts mehr machen. Der katatone
Zustand wäre dann das Endprodukt. Die sind hochwach, aber können sich nicht mehr bewegen. Das
motorische Hirn ist blockiert, das Sprechmaul ist auch zu und es funktioniert alles nicht mehr. An sich ist
der autistische Zustand ein innerlich aktiver Abwehrzustand. Macht das Sinn? Meistens sind sie auch
schnell störbar und darum wollen sie immer alles gleich.
[01:04:22.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Und wenn das Besteck nicht genau gleich liegt, dann gibt es einen Anfall. Sie sind so leicht störbar, dass
sie ausrasten, wenn nur etwas verrückt ist. Gleichmässigkeit, feste Struktur gibt uns Sicherheit. Und die
kann man sehr, sehr leicht verunsichern. Aber man kann sie leicht verunsichern, weil sie alles in ihrem
Umfeld wahrnehmen. Zu viel wahrnehmen. In Lausanne wollte Henry Markram Autismus studieren. Er hat
offensichtlich einen autistischen Sohn. Er wollte über künstliche Intelligenz herausfinden, was bei den
Autisten läuft. Ich denke über die künstliche Intelligenz geht es nicht, weil das mittlere System
ausgelassen wird, das emotionale System, das mittlere Hirn. Sie sind hochsensibel.
[01:05:34.830] – Bemerkung 19
Jeder Hochsensible ist Autist?
[01:05:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein. Nein. Nein. Da kommt wieder die Medizin, welche feste Diagnosen macht. Man sagt zuerst
Autismus und nachher sagt man Autismus-Spektrum-Krankheit. Dann weitet man es wieder aus. Man
sagt Hochsensibel, also alle ADHSler und ADSler sind sensibel und man kann dann noch hochsensibel
sein und dann hat man eine neue Diagnose gemacht und hochsensibel. Und hochsensibel heisst noch
nicht, dass man immer nur Rückzug macht. Es sind alles Reaktionsmuster. Es sind alles
Anpassungsmuster, kann man sagen. Und man macht dann so ein bisschen grössere Kategorien, aber
eben, das Hirn kann mit ganz vielen verschiedenen Kombinationen sein. Das Hirn wird nicht aufgebaut
nach Krankheit. Das ist nur unsere medizinischen Vorstellung, damit wir es besser verstehen oder
darüber sprechen können.
[01:06:35.980] – Bemerkung 20
Es hat auch sehr viele Vorteile wenn man bei sich ist und sich selber spührt, dann ärgert man sich
weniger und kann die Energie besser nutzen.
[01:07:04.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Nervensystem hat afferente Bahnen, das heisst alles was von aussen her rein kommt, wird in das
Verarbeitungsorgan getan. Und efferent, das heisst es geht nach aussen. Und wenn man etwas
wahrnehmen will, geht man nach aussen und geht wieder wahrnehmen und sieht was zurückkommt.
Wenn man hochsensibel ist, muss man immer wieder schauen, dass man seine Fühler zurückzieht und
schaut, wo bin ich eigentlich, dass man sich wieder erdet, dass man seine Mitte wieder findet. Die
sensiblen Leute müssen lernen, sie können meditieren, ein Buch lesen und sich zurückziehen. Sie
müssen lernen, sich immer wieder zu mitteln. Wenn sie zu stark draussen sind und alle Reize
wahrnehmen, dann wird das Hirn plötzlich gesprengt. Hochsensible Männer sind ja eher Typen, die
aggressiv werden, die machen eher etwas agressiv, wenn das nicht sofort klappt, die ganz schlimmen
Gewalttäter oder Kriminellen, die sind in der Regel wahrscheinlich hochsensibel, die sind so manchmal
verletzt, verletzt, verletzt worden und dann planen sie einen Angriff und sehr gut und sehr intellektuell und
alles vorbereitet. Und nachher sagt der Nachbar, ich habe gar nicht gemerkt, dass der irgend so etwas in
sich hat, das war ein ganzer Lieber Kerl. Ja der war lieb, aber er war innerlich verletzt. Er konnte es nie
abarbeiten und macht es dann in der Kriminaltat. Er war innerlich verletzt und konnte es nie abarbeiten
und hat es dann in der Kriminaltat, also der, wie heisst er da, der Norweger, der 60 Leute umgebracht hat,
Anders Behring Breivik.
[01:09:06.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich zur Herkunftsfamilie. Ich möchte, dass sie an sich arbeiten, nicht nur an den Patienten.
Wir wachsen alle in einer Herkunftsfamilie auf. Diese Herkunftsfamilie hat gewisse Regeln. Sie hat
gewisse Wertvorstellungen, was sich gehört und was nicht gehört. Man stiehlt nicht, man lügt nicht, man
ist immer ehrlich. Und vieles andere. Man fällt nicht auf. Schweizer haben viel davon. Man muss eine
gute Fassade haben, nach aussen. Sie können in Ihrer eigenen Familie schauen, was ihre
Wertvorstellungen in ihrer Herkunftsfamilie waren. Wenn ich Leute sehe, frage ich immer, was die
Wertvorstellung des Vaters und der Mutter gewesen ist. Das sind Konzepte, die im Grosshirn gelagert
sind und bewusst weitergegeben werden an die nächste Generation. Dann gibt es aber auch
Verhaltensmuster. Immer wenn Stress war, wurde geschimpft. Der Vater war jähzornig. Das ist ein
Verhaltensmuster. Das prägt einem natürlich auch. Unter Stress schreit man. Oder unter Stress wird man
ruhig. Da sagt man gar nichts mehr. Das wäre das Verhaltensmuster. Das eine ist das explizit beibringen,
das macht man so und das macht man nicht so. Das ist explizite Erziehung. Das Rollenmuster ist implizit.
Das macht man einfach und das wäre dann Rollen lernen. Also wir schauen ab. Tiere schauen einander
ab und wir Menschen schauen auch ab bei unseren Bezugspersonen. Je nachdem verwenden wir dann
auch genau nicht das Verhalten, sondern eine Gegenstrategie. Aber auch das ist eine Prägung. Wenn
man eine Gegenstrategie wählt, ist das auch eine Prägung. Und dann noch das Durchsetzungsmuster.
Also die Wertvorstellungen, die Verhaltensmuster und wie setzt man seine Sachen durch. Also befehle
ich meinem Kind einfach, du musst das und sonst habe ich dich nicht gern oder sonst kannst du ins
Zimmer gehen. Also man wird von der Gruppe weggesperrt, wenn man sich nicht korrekt verhält. Oder
werden die Verhaltensmuster ausgehandelt auf einer demokratischen Ebene. Man redet mit dem Kind
und zeigt, warum es einem wichtig ist. Aber nur reden mit dem Kind, das reicht auch nicht. Man kann auf
das Kind einreden und darum musst du das machen usw. Man kann dann noch Bestrafung und
Angstmachung verwenden. Wenn du das nicht so machst, dann bringst du uns keine Ehre. Dann hat dich
der Papi oder die Mami nicht mehr gerne. Man kann dann mit Liebesentzug erziehen. Man kann mit
Bestrafung, mit Liebesentzug, mit intellektuellem Argumentieren. Wichtig wäre an sich bei der Erziehung,
dass man nicht nur die eigenen Muster und die eigenen Wertvorstellungen dem Kind aufdrückt. Denn
wenn das Kind ganz andere Begabungen hat als man selber, dann passt das alles nicht recht.
[01:12:57.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Und von dort her müsste man eigentlich vom Kind lernen, wer bist Du und was willst Du? Und wie man
einen Kompromiss herbeiführen kann. Und hier gibt es ganz unterschiedliche, sie sind alle verschieden
erzogen worden, aber es hilft zu schauen, wie ich erzogen wurde, was war gut, was war nicht gut und
welche Wertvorstellungen waren dahinter. Sagen wir jetzt, man hat die Wertvorstellung gelernt, ein
anständiges Mädchen zus sein. Man schreit nicht oder kämpft nicht, sondern ist eher angepasst und
kooperativ. Und dann ist man mit einem Gegenüber zusammen, der sich halt ein bisschen brutaler und
primitiver benimmt, dann gehen einem die Anpassungsregeln verloren. Dann hat man nichts mehr. Was
mache ich jetzt? Und das ist der Moment, in dem man dann nicht mehr interagieren kann. Und dann gibt
es hier den Stau und dann geht es runter ins Stammhirn, ins Motorhirn und dann in den Körper. Überall
dort, wo wir mit unseren gelernten Anpassungsmustern, Verhaltensmustern und sozialen Regeln; wenn
wir auf Widerstand stossen, sind wir aufgeschmissen. Dann gibt es zwei Dinge. Entweder kann ich die
Wertvorstellungen und die Erziehungsmuster, die ich über viele Jahre gelernt habe, verlieren und sagen,
ich lerne etwas Neues und mache etwas anderes.
[01:14:38.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder ich kann sagen, nein, ich kann das nicht, ich kann nicht weg von meinen Wertvorstellungen, die sind
mir so wichtig. Dann ist man im Dilemma, dann staut es wieder und dann gibt es wieder körperliche
Dinge. Wir sind natürlich unseren Eltern, unserem Clan, unserer Kultur, sind wir Menschen mehr
verpflichtet als wir denken. Das ist tief in unserem Hirn verankert. Und wenn wir gegen die gelernten
Wertvorstellungen und Verhaltensmuster vorgehen, dann gibt das Schuldgefühle. Und die Schuldgefühle
tauchen wieder hier auf. Das gibt ein unangenehmes Gefühl. Ich kann es vielleicht noch körperlich
aufzeigen. Wenn Sie mit einer Reisegruppe unterwegs sind, wir Menschen sind ja nicht Einzelwesen, wir
sind Gruppenwesen, wir sind soziale Wesen. Wenn Sie mit einer Reisegruppe unterwegs sind, vielleicht
kennen Sie die Stadt sogar, oder Sie hätten einen Stadtplan, aber Sie sind gewohnt, von dieser
Reisegruppe geführt zu werden und mit ihr mitzulaufen, dann verpassen Sie den Anschluss, sind
irgendwo alleine, dann machen sie eine kleine Panikreaktion. "Oh, wo ist meine Gruppe? Ich weiss nicht,
wo sie ist." Und je nachdem, wie man aufgewachsen ist, hat man schneller Angst, wenn man auf einmal
allein als Individuum unterwegs ist. Oder man sagt, "Ja, das ist gut, jetzt habe ich sie los, jetzt kann ich
machen, was ich will." Ja, das ist die andere Möglichkeit.
[01:16:12.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine zeitlang Bücher gelesen über Kannibalismus, weil ich mich damit befasst habe. Und da
habe ich ein Buch gelesen über irgendein afrikanisches Volk gelesen. Und die sind fischen gegangen mit
einem Boot. Wenn einer der Gruppe aus dem Boot gefallen ist, dann war das kein Mensch mehr. Dann
war das ein Fisch. Ja, dann hat der den Namen gewechselt. Und wir reden ja heutzutage alle von
Mobbing und Mobbingopfern. Also Mobbing tritt dann auf, wenn ein Individuum zu sehr raussticht aus der
Gruppe heraussticht. Die Gruppenkohesion hilft, die Gruppenzusammengehörigkeit aufrechterhalten.
Wenn einer zu fest heraussticht, muss er runter gemacht werden. Das geht nicht, er stört die
Gruppenkohesion. Wenn er einfach austritt und sagt, er sei frei, geht es gut. Wenn er aber zur Gruppe
gehören will und dabei bleiben will, kommt er dran. In dem Sinne sage ich, Mobbing ist immer Chefsache.
Wenn eine Gruppe nicht gut geführt wird von einem Chef, dann hat das Kollektiv eher die Tendenz zu
regeln und zu machen, respektive den ein wenig köpfen. Heute Morgen kam am Radio, im Tessin wollen
sie das Baugesetz und die Bauregelung besser durchführen, dann haben sie eine App eingerichtet, dass
der Nachbar sagen dar, da hinten hat es zu viele Bauarbeiter, die tun wahrscheinlich das Baugesetz, das
Arbeitsgesetz unterwandern kann.
[01:18:00.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Da verwendet man das Kollektiv, um die Regeln aufrechterhalten zu können. Alle Religionen, unsere
Gesetze natürlich, haben so regulative Mechanismen, dass wir unsere Gruppenregeln aufrecht erhalten,
die haben einen strukturierenden Wert, die haben einen Vorteil, und dort spricht man dann nicht mehr von
Einzelselektion, also wie der Darwin das einzelne Individuum überlebt, wenn es fit ist, dort spricht man
dann von Kin Selection, also das heisst Gruppe überlebt, wenn sie gut anpassungsfähig ist, gescheiter ist
als die andere, bessere Technik hat usw. Wir haben ja jetzt Krach zwischen West und Ost und wir sind so
weit fortgeschritten mit unserer Technik und dann ist man eifersüchtig und dann muss man die Gruppe
zerstören. Die Gruppe überlebt dank ihrer Struktur. Je mehr Angst in der Gruppe ist, umso enger wird die
Kohäsion verlangt. Die Schafe rücken zusammen, wenn sie einen Feind haben. Wenn alles schön frei ist,
gehen sie wieder auseinander. So sind wir Menschen auch. Wir rücken zusammen und tun schneller
einen, der aus der Gruppe raussticht, ahnden. Wenn wenig Angst in der Gruppe ist, Ruhe, Frieden dann
ist viel mehr individuelles Verhalten erlaubt. Also Angst bringt einem immer dazu, dass man zusammen
rückt. Die Angst läuft natürlich auch wieder über das limbische System. Und das limbische System, das
emotionale Hirn, ist bindungsfähig. Es ist nicht nur Bindung Mutter/Kind, Vater/Kind, sondern auch
Bindung in der Gruppe.
[01:20:06.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn in der Schule gemobbt wird, dann ist der Lehrer nicht genügend aufmerksam. Und dann legt er
keinen Wert auf Sozialkompetenz. Oder nur in der Klasse. Dann kann er autoritär führen, dann sind alle
brav. Aber wenn sie draussen auf dem Pausenplatz sind, geht alles durcheinander. Und das ist
Pausenaufsicht. Und da wird immer wieder beklagt, dass die Lehrer keine gute Pausenaufsicht machen.
An sich müssten die Lehrer in der Pause schauen, wer wie darunter kommt und müssten eingreifen. Also
müssten helfen, Sozialkompetenz zu erlernen. Und wenn da Konflikt ist, geht es eben nicht nach
Rechtlichen und Schuld und Unschuld. Das ist der Schuldige, der Stärker ist dann der Schuldige, der
Schwache ist der Unschuldige. Nein, stimmt nicht. Es geht um Konflikt und wie lösen wir diesen Konflikt.
Und diesen Konflikt wollen wir nicht lösen mit Schuldig, also Täter und Opfer. Das ist ein sehr primitives
soziales Lösungsmodell. Und die Lehrer müssen viel aktiver sein und sehen, was eigentlich läuft.
[01:21:13.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage laufen diese Mobbing Sachen nicht nur auf dem Pausenplatz sondern über das Internet. Und
von dort aus müsste der Lehrer auch schauen was dort läuft und sich zeigen lassen. Und wie viele, wenn
dann über das Internet etwas läuft, sagen, dass man die Polizei holen muss.
[01:21:30.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Also ob die Polizei irgendetwas von dieser Sozialkompetenz verstehen würde. Die Polizei ist ja dann
schon das Ende. Also eigentlich zeigt das Hilflosigkeit. Durch unsere freie Gesellschaft und durch eine
Gesellschaft, die sich nicht mehr nur nach den Regeln der Religion richtet, sondern nach Menschenrecht,
Freiheit, Ausdrucksmöglichkeiten usw. Da werden alle sozialen Interaktionen ein wenig komplizierter und
anspruchsvoller zum regeln. Ist das eine Antwort darauf?
[01:22:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne treten psychosomatische Krankheiten auf, wenn wir mit dem, was wir gelernt haben über
unser emotionales Hirn, was wir im Hirn gespeichert haben, an den Anschlag kommen mit unserem
Anpassungsverhalten. Dann müssten wir neue dazu lernen. Da können wir Widerstand machen, weil wir
Angst, vor allem Neuem hat man Angst. Das Gewohnte, das gibt einem Sicherheit. Da braucht man dann
einen Coach. In der Therapie mache ich nichts anderes, als den Leuten zu helfen, ihre Anpassungsregeln
zu verändern. Nicht nur nach der Prägung der Herkunftsfamilien. Ich bringe ein Beispiel. In Kriegszeiten
musste man aufessen. Ich bin noch ein Kriegskind und musste auch aufessen. Wenn man dann in die
Überflusszeiten kommt und man muss aufessen, dann bringt das eigentlich nichts. Aber man übernimmt
ein Muster aus der Kriegszeit. Und so müssen wir schauen, wie gut sind die Regeln, die man gelernt hat,
noch anpassungsfähig an die jetzige, eigene Situation und an die jetzige Zeit.
[01:23:34.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann sagen, die Regeln, die man gelernt hat in der Herkunftsfamilie, die sind tief verankert, hier und
auch im emotionalen Hirn. Und wenn man diese durchbricht, bekommt man Angst, man macht
Symptome, man wird krank. Also man wird lieber krank, als die Regeln zu brechen. Und das erlebe ich
bei all diesen psychosomatischen Erscheinungen. Man tut lieber seinem Körper etwas an, als hier oben
etwas zu ändern. Also man hat eine gewisse Sturheit. Denn das gibt einem Sicherheit, das hat man
gelernt. Um das Ganze umzulernen, braucht man Zeit. Man hat 20 Jahre Regeln gelernt und verhält sich
nach ihnen. Man braucht nicht gleich 20 Jahre, um das wieder abzulernen, aber es braucht doch viel Zeit,
um es loszuwerden. Es braucht viel Zeit. Hier ist es hilfreich, wenn man einen Coach hat. In der Methode,
welche ich anwende, Familientherapie, wenn die Eltern noch leben, dann sage ich immer, das Konzept
nennt man Differenzierung der Ursprungsfamilie. Man schickt die Leute zurück in ihre Familie, dass sie
sich auseinandersetzen, ich sage jetzt mal mit dem Vater, wenn der noch lebt, und dass man die Regeln
des Vaters zwar weiss und kennt, aber dass man sich getraut zu sagen, das ist recht für dich, ich mache
es jetzt so. Also dass man für sich hinsteht.
[01:25:21.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ja die Tendenz, wir wollen immer gerne gleicher Meinung sein und dann gehen wir als Kinder
nach Hause und wollen unsere Eltern überzeugen. Sei es von einer politischen Meinung, mit dem Covid
ist hier auch furchtbar viel gelaufen und die einen waren Impfgegner und die anderen Impfbefürworter
und hat es mitten in der Familie Krach gegeben. Und da wäre dann die Idee, dass man lernt, das ist
deine Haltung und meine Haltung ist so. Und wir können trotzdem darüber reden. Also ich muss dich
nicht überzeugen von meiner Haltung, ich muss nicht nach Hause zu den Eltern missionieren gehen,
sondern ich darf einfach bei meiner Haltung bleiben. Und da sage ich nochmals, da sagen die Leute,
aber der versteht mich nicht. Der muss dich überhaupt nicht verstehen, das ist gar nicht wichtig, das ihre
Eltern sie verstehen. Wichtig ist, dass sie für sich hinstehen. Und das wäre wieder die innere Mitte finden,
das sein Zentrum finden. Ich verwende dann auch so Wörter von Saint Exupéry, "Il faut consulter votre
coeur". Man muss es spüren. Und da kommt wieder die Intuition und diese Mitte. Die ist nicht intellektuell.
Und aus dieser Mitte heraus sagt man, für mich stimmt es so.
[01:26:43.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss es nicht erklären, sodass es der andere versteht. Wenn er es nicht verstehen will, dann will er
es halt nicht. Das ist nicht so schlimm. Sonst werde ich ja immer zum Kämpfer.
[01:26:52.840] – Bemerkung 21
Für mich ist es auch so ein Muster, dass wir immer überzeugen wollen. Ich weiss, dass ich das von mir
selbst, ich beobachte es dauernd.
[01:27:04.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das muss man nicht. Und der andere muss einem auch gar nicht mal verstehen. Man muss einfach
für sich hinstehen. Ja, das ist nicht so einfach. Wir wollen ja ach so gern in Verbindung sein. Wir wollen
auch verstanden werden. Und im Augenblick, wenn man nicht verstanden wird, ist man einsam.
Erwachsen werden ist ein Einsamkeitsproblem. Man muss einsam sein können. Man muss die
Einsamkeit aushalten können. Nicht immer aber in gewissen Situationen.
[01:27:49.640] – Bemerkung 22
Ich denke, es ist ein Unterschied zwischen Verstehen und Akzeptieren.
[01:28:01.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erlebe ich immer zwischen Eltern und Kindern. Dann sagen mir Eltern, ich verstehe den nicht, dass
der so etwas macht. Und dann sage ich, nein. Und dann sage ich genau das. Sie müssen ihren Sohn
akzeptieren, wie er ist, auch wenn sie gar nichts verstehen. Gar nichts. Das habe ich gestern der Mutter
gesagt. Den Sohn akzeptieren auch wenn sie gar nichts verstehen. Einfach nichts. Und das ist die Kunst.
Dass man den Mut hat zu sagen, du bist mein Sohn. Du machst alles ganz anders. Ich verstehe
überhaupt nichts davon, aber du bist trotzdem mein Sohn und ich akzeptiere es und ich habe Vertrauen
in dich. Da kann man nur noch das geben.
[01:28:55.910] – Bemerkung 23
In der Covid Situation wollte man den anderen mit dem Faktor Angst überzeugen.
[01:28:56.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt. Beim Überzeugen wollen, weil wir ja soziale Wesen sind. Wenn man den anderen
überzeugen will, spielt immer die Angst mit. Man meint, man müsse den retten, der sei verloren, wenn er
nicht das macht, was die Regel sagt. Das hat ganz stark mitgespielt. Das spielt auch immer bei den
Eltern mit. Sie meinen, sie müssen einen überzeugen von dem, was sich bei ihnen bewährt hat. Dabei ist
längstens eine andere Zeit. Aber sie haben Angst, das Kind geht zu Grunde, wenn es nicht so macht, wie
sie selber denken.
[01:29:55.210] – Bemerkung 24
Das kann man auch auf die Politik übertragen.
[01:30:08.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist alles Sozialverhalten, Angstverhalten, Kampfverhalten.
[01:30:25.780] – Bemerkung 25
Das Kind sucht doch oft auch nach Anerkennung.
[01:30:25.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind ist natürlich immer noch abhängig von den Eltern. Die Eltern müssen dem Kind auch eine
Anerkennung geben. Aber die Eltern haben oft das Gefühl, es sei eine Einwegkommunikation. Das Kind
muss nur die Eltern als Autorität anerkennen. Aber wir müssen das Kind nicht anerkennen. Das stimmt
nicht. In der Therapie redet man ja da, und das kommt oft auch in den Umgang mit Dementen, also man
muss immer zuerst sein Gegenüber validieren, wertschätzen, anerkennen. Und bevor man nicht das
Gegenüber wertgeschätzt hat, das wäre ein Kind, dann, erst dann kann man seine Sachen reinbringen.
Aber wir sind ja ach so effizient. Dann geht gleich zur Handlung und überrundet den Anderen.
[01:31:28.750] – Bemerkung 26
Was sagen Sie zum Thema Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kind?
[01:31:28.950] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Theorie, die ich von Murray Bowen verwende, da spricht man von Cut Off. Ich spreche von Kampf,
Flucht. An sich ist Kontaktabbruch, Flucht innerhalb des gleichen Systems. Man meint, indem man
flüchtet, indem man den Kontakt abbricht, ist das Problem gelöst. Man kann auf die andere Seite des
Erdballs flüchten, man kann nach 20 Jahren zurückkommen und das gleiche Problem ist immer noch da.
Das Problem ist noch genau gleich da. Denn ist alles gespeichert hier oben, auf beiden Seiten und man
geht wieder gleich miteinander um. Es wird gar nichts gelöst.
[01:32:18.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Und manchmal braucht man diesen Kontaktabbruch, um… Und jetzt verwende ich wieder ein
französisches Wort: Il faut reculer pour mieux sauter. Man muss manchmal ein bisschen zurückziehen,
überlegen, und dann wieder aufeinander zugehen. Und in der Therapie ist dann die Erwartung oder die
Methode, man hilft ihnen wieder zusammen zu kommen und hilft dann da eine andere, wie soll ich sagen,
Konfliktlösung zu finden. Und es muss keiner recht haben, es muss keiner den Täter schicken, keiner das
Opfer sein, sie sind einfach verschieden. Und das ist okay. Und in der Diversität liegt ja unsere
Überlebenschance. Da mache ich dann auch immer wieder als Beispiel. Homogenität, also wenn alles
die gleichen Genen sind, dann kommt irgendein Virus und dann sind wir alle gestorben. Wenn man
heterogen ist, dann hat jeder irgendeine Reserve und dann überlebt man.
[01:33:11.930] – Bemerkung 27
Aber Kontaktabbruch, ist das nie eine Lösung? Es gibt ja schon idiotische Eltern.
[01:33:14.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber es sind immer noch die Eltern. Es ist nur eine vorübergehende Lösung nach meinem Prinzip. Nein,
es ist für mich nie eine Dauerlösung. Meine therapeutische Arbeit besteht darin, dass man wieder
zusammenführt und andere Interaktionen bewirkt. Wenn die Eltern gestorben sind, schicke ich die Leute
sogar Briefe schreiben. Also dass sie dann Briefe an die Mutter schreiben, Briefe an den Vater oder die
Schwester oder wer es dann ist. Die Technik ist: Zuerst beschreibt man wie es einem geht. Man steht für
sich hin. Man sagt, das und das hat mich verletzt, das war schwierig und ich hätte gerne das gehabt. Und
dann kommt die Validierung des anderen. Aber du hast es so gut gemacht, wie du es konntest. Und dann
sagt man, ok ich lasse dich jetzt gehen. Ich muss nicht sagen, ich verzeihe dir, man ist ja kein Priester,
aber ich lasse es jetzt gehen. Im Emotionalen, wenn hier abläuft, ist zuerst Wut, dann die Ruhe, dann
kommen die Tränen und dann kann man loslassen. Aber als Reaktion ist oft zuerst Wut.
[01:34:46.110] – Bemerkung 28
Wenn das alles erfolgt ist und es trotzdem keine Annäherung gibt?
[01:35:07.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bin ich natürlich Tüpfchenscheisser. Ich lasse mir dann erzählen, wie die Annäherung war. Dann
schaue ich auf kleine Details, also das Wort, der Schnauf, weiss ich nicht was. Und ich sage dann am
Ende, ja, vielleicht muss man halt mehrere Anläufe machen. Mehrere Annäherungen, also mit einem Mal
ist es nicht gemacht. Und im Menuettanz, also wo Frauen auf die Männer zukommen, man tanzt nach
vorne, wieder nach vorne, wieder vorwärts, wieder vorwärts. Also man darf auch mehrere Versuche
machen. Und okay, es ist dann jedem seine Sache, ob jetzt noch Zeit dafür verwenden will oder nicht.
Meine Haltung ist, ich versuche den Leuten zu helfen, dass sie es zu etwas bringen. Manchmal geht es
nicht. Und dann muss ich sagen, okay. Und dann lässt man es los.
[01:36:04.120] – Bemerkung 29
Ja aber wenn immer noch keine Akzeptanz kommt?
[01:36:24.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf keine Akzeptanz erwarten. Wenn diese Person tot ist, kann sie auch nicht mehr reagieren.
Wenn sie noch lebendig ist, muss man wirklich neutral herangehen und den Teil machen, den man selber
machen kann. Man darf aber gar nichts erwarten. Man darf nichts erwarten und man darf nichts bewirken
wollen. Sobald man etwas erwartet, ist man appellativ. Man will etwas vom anderen. Wenn man etwas
bewirken will, das läuft alles über das Emotionale Hirn. Wenn man etwas bewirken will, will man etwas
bewegen.
[01:37:16.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin kein Hellseher, trotzdem auf den anderen Zugehen, auch wenn man keine Akzeptanz erhält. Denn
man hat dann seinen eigenen Teil gemacht. Das gibt einem eine gewisse Ruhe. Ich hatte Kollegen, die
sich von mir trennten. Nicht auf die feine Art. Ich habe für mich jedem einen Abschiedsbrief geschrieben.
Ich bekam keine Reaktion, aber mir war es wohl. Ich habe das gemacht, was ich konnte.
[01:38:17.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage jetzt ein Abschiedsbrief. Vom Inhalt her ist es: Ich habe eine Position bezogen. Nicht in Hass,
auch wenn man an die toten Eltern schreibt, man darf nie beim Hass aufhören. Man darf zuerst von
seinem Negativen schreiben und wie man gelitten hat und dann gewisses Validieren vom anderen und
dann stehen lassen. Und da kommt wieder das. Hellinger sagte: Gefühle ohne Emotionen. Das Segel
muss im Wind stehen. Dann ist kein Druck auf dem Segel, wenn das Segel im Wind steht. Ich habe
zuerst gedacht, das gibt es doch nicht. Gefühle sind doch immer Emotionen. Aber wenn man seine
Gefühle in das Grosshirn nimmt und so gut zu beschreiben, ganz exakt beschreiben, dann nimmt das
den Druck der Emotionen heraus. Und da sagt man jetzt sogar neuropsychologisch, wenn man in der
Lage ist, seine Gefühle sauber, möglichst genau über das Grosshirn und das Maul auszudrücken, dann
geht 50% vom Druck weg.
[01:39:51.620] – Bemerkung 30
Es gibt ja auch das Sprichwort. Wie die Fahne im Wind.
[01:39:51.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dann das Negative. Da passt man sich immer an. Das habe ich auch in meinem Buch.
[01:40:08.150] – Bemerkung 31
Es ist auch ein Abschied der Wunscheltern.
[01:40:19.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Stimmt ganz genau. Und hier arbeite ich mit dem Konzept der enttäuschten Erwartungshaltung. Wir
gehen mit der Erwartungshaltung zu unseren Eltern, die müssen uns jetzt verstehen und nett sein etc.
Und dann geht man wieder weg und ist zu Tode betrübt, enttäuscht. Keine Erwartungshaltung mehr. Es
ist, wie es ist. Ich mache aus dem was ich kann, man lässt den anderen leben und man lässt sich leben.
Aber es ist nicht so einfach.
[01:40:54.510] – Bemerkung 32
Das ist manchmal auch traurig.
[01:40:56.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist manchmal auch traurig. Und die Erwartungshaltung wird natürlich auch wieder im emotionalen
Hirn generiert. Und wenn dann die Erwartungshaltung enttäuscht wird, gehen die Signale in den Körper.
Wenn Leute vom Mittelmeer zum Arzt gehen und sie haben die Erwartung, dass der etwas ändern kann.
Sie kommen mit ihren Schmerzen, ihren grossen und breiten Darstellungen und Jammern. Das nenne ich
ein appellatives Jammerverhalten. Die Ärzte haben ja keine Zeit. Und die werden dann verrückt. Und die
bekommen genau das Gegenteil von dem, was der Patient will. Geh weg! Und da hat man von den
transalpinischen Kranken gesprochen. Das waren dann alles die Schmerzpatienten.
[01:42:09.460] – Bemerkung 33
Das Mama-Mia Syndrom.
[01:42:09.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das Mama-Mia Syndrom.
[01:42:10.160] – Bemerkung 34
Das Interesse tut sehr gut in dieser Beziehung.
[01:42:30.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin selber sehr viel gereist. Wenn ich dann Leute aus anderen Ländern habe, ich habe mich mit
Ethnopsychiatrie befasst, es hat sehr viele Türken in Deutschland. Und dann mussten sich die Psychiater
mit der türkischen Mentalität befassen. Wir mussten uns mit der italienischen befassen. Und wenn man
dann hier den ersten Kontakt hat, also als erstes haben wir Schweizer die Haltung, die kommen hierher
und sollen sich einfach anpassen. Aber wir sagen es ihnen gar nicht so recht, wie es eigentlich läuft. Weil
wir ja das alles im Kopf haben und wissen. Und da hilft, wenn man den anderen fragt, wie ist das bei dir
und wie ist das für dich?
[01:43:01.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine türkische Familie. Und da hat eine Frau ein wenig Esswaren mitgenommen. Sie hat als
Putzfrau gearbeitet. Sie hat gedacht, das sei Ausschusswahre, das könne man nehmen. Sie hat das
mitgenommen. Dann war das aber gestohlen. Dann gab es eine Anzeige. Dann wurde sie krank. Dann
wurde die ganze Familie krank. Die konnte davor gut sprechen. Sie hat die Sprache verloren. Es ist gut,
dass wir den Mund aufgezeichnet haben. Sie konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr Deutsch. Nur
Türkisch. Autistisch zurückgezogen. Und dann haben wir zusammen mit dem Hausarzt haben wir die
ganze Familie eingeladen, also diese stumme Frau, drei Kinder sind gekommen, sind vier gewesen und
der Mann. Und dann habe ich das Sprichwort gebracht: Man soll dem Ochsen, der drischt, das Maul nicht
verbinden. Ich weiss nicht, ich kenne das Sprichwort. Kennen Sie es? Nein? Ich bin altmodisch. Also der
Ochs, der rundherum läuft und drischt, der darf ab und zu auch herunter schauen und fressen. Das ist die
Idee. Man soll dem Ochsen der drischt, das Maul nicht verbinden. Der sieht ja ständig das Fressen und
dann darf er ab und zu auch fressen. Eigentlich, wenn man das auf den Banker übertragen würde, Sie
haben es ja ständig mit Geld zu tun, Sie dürfen auch ein wenig wegnehmen. Sie machen es zum Teil
auch. Und wahrscheinlich gehen Sie noch nach dem Sprichwort, man soll dem Ochsen der drischt, das
Maul nicht verbinden. Und das habe ich auf die Türkin angewendet, weil die halt etwas mitgenommen
haben. Und wir haben fertig gebracht, dass die Strafanzeige der Klinik zurückgezogen worden ist, aber
gekündigt wurde ihr. Das hat in diesem ganzen System alles durcheinander gebracht. Das hat auch mit
Scham zu tun. Ich habe einen zeitlang mit ihnen gearbeitet, mit dem Hausarzt, mit dem Jugendanwalt,
mit den Kindern, etc. und habe am Ende Geschenke erhalten. Da hat die Familie zu mir gesagt, ich sei
mehr zu ihnen gestanden, als ihre Verwandten. Der Vater hat die Kinder aus der Bar rausgeholt, das sind
weibliche Kinder, also Mädchen müssen ja züchtig zu Hause bleiben in der Türkei, hier dürfen sie in den
Ausgang gehen, die gehen natürlich nach den Schweizer Regeln. Und er hat dann über einen
Verwandten das Kind zurückholen lassen, also abführen lassen. Über einen Onkel. Und das ist in der
Schweiz strafbar. Dann hat er eine Strafe bekommen. Dann haben aber die Kinder gesagt, wir zahlen
diese Strafe, denn wir ihm die Unbill verschafft. Wir sind ja Schuld, dass er diese Strafe bekommen hat.
Sie haben es wieder in das System zurückgenommen. So funktioniert das System. Das ist interessant.
Ich wollte fragen, ob Sie auch so ein Sprichwort haben. Ich habe es nicht recht herausgefunden, weil es
ja auch eine Agrarnation war. Manchmal hat es ähnliche Sprichwörter in anderen Sprache. Aber was Sie
gesagt haben, das stimmt, dass man sich erkundigt. Ganz generell. Das wäre wieder die Neugier, die
Nase. Mein Mann hat einen Film hochgeladen. Schnüffeln, Suchen und Zupacken. Wir haben einen
Neugierinstinkt. Wir gehen suchen. Diesen sprechen sie an. Ängstliche Leute haben ein bisschen
weniger davon. Explorative Leute haben mehr Neugier. Dann geht man suchen.
[01:48:11.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch der Nase nach gehen, nach Neuem suchen, man lernt.
[01:48:11.760] – Bemerkung 35
Du siehst es so und so, aber ich verstehe es nicht.
[01:48:12.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist sehr gut. Stimmt. Das ist sehr schön. Schon nur gehört zu werden, ein wenig validiert zu
werden. Verstehen ist dann noch einmal ein weiterer Prozess. Also Kommunikation besteht natürlich aus
so vielen Stufen. Man sagt ja, gesagt ist noch nicht gehört, gehört ist noch nicht akzeptiert, akzeptiert ist
noch nicht verstanden und dann kommt noch das Ungesetzte. Vielleicht wissen Sie es besser, aber es
geht in Schrittten.
[01:48:57.560] – Bemerkung 35
Kleiner Unterschied. Sie hat gesagt, ich habe es jetzt gehört und ich verstehe es nicht. Sie hat es jetzt so
schön gesagt, sie hat nicht gesagt aber ich verstehe es nicht.
[01:49:07.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Richtig, aber muss weg. Ich habe es gehört, ich verstand es nicht.
[01:49:23.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Chef Murray Bowen hat immer gesagt: I hear you! Gewisse Leute meinen dann, wenn man sagt "I
hear you", dass man einverstanden ist. Aber das stimmt nicht. Und wenn mir Leuten Dinge erzählen und
ich sage "Ja" oder ich sage nicht einmal etwas, dann sagen die Leute, dass ich einverstanden bin.
[01:50:04.040] – Bemerkung 36
Ich stelle mir schon länger die Frage warum ist das immer so weiblich. Sind wir einfach immer am
Suchen? Haben wir im Hirn noch etwas mehr als die Männer?
[01:50:15.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben noch Hormone. Ja, das ist so. Frauen sind natürlich stark in diesem emotionalen Bereich. Sie
halten das auch besser aus. In den Konzentrationslagern sterben die Männer schneller als die Frauen,
weil die Frauen anpassungsfähiger sind. Wir sind über unsere Rollen als Mütter, müssen hier Beziehung
machen, das ist ja das Beziehungshirn, das emotionale Hirn. Und wir müssen ständig verändern. Wir
müssen mit dem kleinen Kind anders umgehen als mit dem Pubertierenden. Wir müssen ständig lernen
innerhalb der Beziehung. In diesem Sinn sind wir auch lernbereiter auf diesem Gebiet. Die Männer, wir
hatten für 2'000 Jahre Patriarchat, sind hier in der Oberstube, also im Grosshirn, und dann in der Aktion.
Es wird gehandelt und es wird gemacht und es wird so gemacht wie wir sagen. Unser römisches Recht
wurde von den Männern gemacht und wir würden vielleicht andere Regeln machen. Das ist ein bisschen
sturer. Und von dort her in der Welt, unsere Sprache, man macht. Das ist natürlich tief verwurzelt. Und
wenn Männer etwas lernen sollten, wenn Männer in die Therapie gehen sollten, und ich habe gedacht,
dass nur Frauen kommen, das hat mich überhaupt nicht erstaunt. Wenn Männer therapeutisch etwas
lernen sollten, dann ist das für sie eher unwürdig. Ich kann doch alles, aber ich muss nicht mehr lernen.
[01:52:16.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe immer wieder in die Tierwelt. Ich bringe ein Beispiel von den Affen. Man hat den Affen, den
Schimpansen, verschiedene Essmaterialien zur Verfügung gestellt. Eines ist Getreide in Sand gerührt,
das andere sind Süßartöpfel, die dreckig waren. Und wer es gelernt hat, sind die kleinen Affen, die
Kinder. Die sind ja lernfreudig, die sind ja neugierig und die Mütter. Dann kommt der Clou, der dominante
Affe, hat es nie gelernt. Denn der ist so beschäftigt mit der Struktur aufrechterhalten. Das ist schon auch
etwas Wichtiges. Wenn man ein Zimmer voll Frauen hat und sagt, die müssen jetzt irgendeine
Organisation machen, dann schmeissen die ständig alles wieder über den Haufen. Und das sagen ja die
Männer auch von uns, ihr könnt euch an keine Regeln halten, bei Euch ist immer alles wieder neu. Wir
machen flache Hierarchien. Wir diskutieren das aus. Wenn man nur Männer in eine Gruppe tut, dann
haben die viel schneller ihre Hackordnung. Wer ist der Hahn? Man nennt das auch Matrixorganisationen,
also mütterliche Organisationen. Man muss nicht das eine gegen das andere ausspielen, es braucht
beides. Aber ich erlebe so häufig, dass Männer sagen, ich brauche keine Therapie. Wenn ich eine
Therapie brauche, wäre ich ja krank. Ich bin doch nicht falsch. Hingegen im Business, wenn dann so
Consulting Firmen kommen, wird es wieder erlaubt. Und dort müssen die Männer dann lernen. Dort wird
man dann in den Teambildungsworkshop gesendet etc. Oder sie gehen in eine psychiatrische Klinik. Dort
gibt es ein Projekt, das man lernen kann und da sagt man dann gegenseitig. Man sieht mal, wie es auf
der anderen Seite aussieht. Und nicht nur immer seine Businesswelt.
[01:54:40.860] – Bemerkung 37
Haben Sie nicht das Gefühl, dass die neue Generation jetzt die Rollen eher vertauscht?
[01:54:47.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich spreche jetzt eher von der alten Generation. Es ändert jetzt schon. Die jungen Väter sehen wir
auch mit den Kindern auf dem Bauch herumlaufen, die kümmern sich um die Kinder, die erleben das
Ganze. Die erleben das Ganze, die anderen haben es gar nicht erlebt.
[01:55:20.000] – Bemerkung 38
Früher hat man vom Nervenzusammenbruch bei den Frauen gesprochen. Bei den Männern spricht man
von Burnout. Also so sehe ich es.
[01:55:28.770] – Bemerkung 39
Die Männer holen langsam auf, wenn man sie im Grosshirn abholt.
[01:55:53.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich eher dort abholen, das stimmt. Und dann kommen sie langsam auch in das andere rein.
Und das ist auch toll. Und zum Teil habe ich natürlich Männer, die dann besser an sich arbeiten als
Frauen. Frauen wissen es immer besser und mein Gefühl ist wichtiger, als was sie mir hier erzählen. Ich
höre es schon, aber nein, das geht nicht.
[01:56:30.240] – Bemerkung 40
Ich hole die Leute via ihren Körper ab, als Körpertherapeutin. Und da kommen natürlich die Männer weil
sie ein körperliches Problem haben.
[01:56:50.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Männer mal überzeugen kann, resp. wenn sie es selber erfahren, überzeugen sie sich
selber, in dem sie das im Körper erfahren. Und dann läuft es.
[01:57:07.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die erste Frage ist, welche erlernten Verhaltensmuster können Sie am leichtesten über Bord werfen?
Also ich fange jetzt mal bei der einfachsten Aufgabe an. Und Sie müssen natürlich schauen, welche
Verhaltensmuster Sie gelernt haben und über welche können Sie sich hier hinwegsetzen. Und ich frage
jetzt die Runde. Wer hat ein Beispiel?
[01:58:02.550] – Bemerkung 41
Sicher nichts mehr alles aufessen.
[01:58:02.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Haben Sie das auch noch gelernt? Das können Sie über Bord werfen. Keine Schuldgefühle dabei und
nichts. Super. Da machen Sie kein Theater bei Ihrem Kind, wenn das etwa nicht fertig isst? Früher
sassen die Kinder stundenlang. Ich kenne solche Geschichten. Sie sassen und auf einmal kam der
Würgereflex. Dann haben sie gewürgt, erbrochen und mussten sie noch das Erbrochene essen. Und das
war Erziehung. Furchtbar.
[01:58:59.580] – Bemerkung 42
Ich muss nicht mehr Recht haben. Bei mir zu Hause muss man immer Recht haben.
[01:59:05.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben sie aber einen grossen Sprung gemacht. Denn das sitzt tief. Die Leute haben ja zum Teil
Entscheidungsschwierigkeiten. Und dann sage ich immer, es gibt kein richtig und kein falsch. Ihre
Entscheidung ist richtig. Wenn Sie diese machen, ist sie richtig. Und die wollen immer das Richtige
entscheiden, dann gehen sie hin und her und hin und her. Dann haben sie ewig um eine Entscheidung zu
treffen. Weil sie es nicht falsch machen wollen. Und das ist auch wieder ein bisschen eine schweizerische
Eigenschaft. Wir wollen alles recht machen. Unsere Uhren ticken alle ganz genau. Man streckt darum
nicht auf. Man könnte es ja falsch, man könnte sich lächerlich machen. Da ist es wichtig, dass man das
herauslässt, was einem dann gleich in den Sinn kommt. Und an der Reaktion kann man dann wieder
etwas lernen. Aber es gibt kein Falsch.
[02:00:17.840] – Bemerkung 43
Ich möchte mich dem Beispiel mit dem Essen anschliessen. Wenn es mir gut geht, wenn ich
ausgeglichen bin, wenn ich bei mir bin, dann muss ich nicht alles aufessen. Wenn ich aber gestresst bin,
oder nicht ganz bei mir bin, dann merke ich es nicht einmal, dass ich es aufessen muss. Es geschieht
einfach.
[02:00:20.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, dann fallen sie auf dieses alte Muster zurück. Und die alten Muster, die man gelernt hat, werden
natürlich dann hier verankert und dann auch im Verhalten verankert. Es macht einfach. Es wird
automatisiert. In diesem Sinne haben sie dann das Muster runter verankert. Je mehr sie gestresst sind,
kommt das alte, automatische Muster von hinten hervor.
[02:01:32.320] – Bemerkung 44
Mein Ex-Mann hat immer das Glas halb leer gesehen und ich nicht. Ich wollte ihn über Jahren immer
überzeugen ins Positive. Bis ich gesagt habe, dass ich keine Kraft habe.
[02:01:38.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Und konnten sie das über Board werfen? Oder haben sie die Ehe über Board geworfen? Das ist auch
eine Möglichkeit.
[02:02:16.940] – Bemerkung 44
Ich denke schon für mich ist es sehr wichtig, ich habe schon mich selber gefunden.
[02:02:30.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr man bei sich ist, desto weniger muss man den anderen überzeugen. Beim Ehe über Board
werfen, da kommt ja dann wieder ein anderes Prinzip rein. Man heiratet, man bleibt zusammen bis der
Tod euch scheidet. Es wird nicht gescheiden. Da muss man das Prinzip der Eltern überwinden, dass man
nicht scheiden darf.
[02:03:29.410] – Bemerkung 45
Ich bin in einer gemischten religiösen Familie aufgewachsen, gerade in Deutschland. Meine Mutter hat
immer gesagt, man bleibt bei dem wie man getauft ist. Hinzustehen und zu sagen, dass es schon lange
nicht mehr stimmt. Das ist sehr schwierig. Das musst ich über Board werfen.
[02:05:52.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das glaube ich. Haben Sie psychosomatische Symptome entwickelt oder konnten Sie es ohne machen?
[02:06:03.120] – Bemerkung 45
Ich hatte früher im Bauch Probleme damit.
[02:06:13.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Leute Probleme im Bauch haben, dann sage ich immer, das ist tief unten. Die müssen
Auslegeordnung machen. Man muss das rausholen und anschauen. So wie eine Kotanalyse, aber im
Kopf. Ich analysiere nicht Bakterien, ich analysiere das Problem. Und Sie hatten es im Bauch?
[02:06:47.310] – Bemerkung 45
Ja, ja, ich hatte sogar eine medizinische Diagnose. Man hat mir Morbus Crohn anghängt.
[02:07:02.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt haben Sie es nicht mehr? Super, das ist der Beweis, dass man nicht mit den Darmbakterien
arbeitet, sondern mit dem Kopf. Sehr schön.
[02:07:13.190] – Bemerkung 46
Ich mag mich an ein Gespräch mit meiner Mutter erinnern, wo sie gesagt hat, was wirst denn du Mal für
eine Scheissfrau. Und ich habe geantwortet: keine. Danach war es wie erledigt. Sie hat dann einmal leer
geschluckt.
[02:07:21.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben ihr den Wind aus den Segeln genommen. Hat irgendjemand, wenn er so seine Sachen
geändert hat, ein Angstgefühl empfunden? Also sie hatten einmal Bauchprobleme. Also wenn man
abspringt von den Regeln, die man eigentlich gelernt hat, kann das Angst auslösen. Also wenn man von
der Gruppe weg geht, kann das Angst auslösen. Also ja, hat jemand das von ihnen gespürt?
[02:08:59.400] – Bemerkung 47
Ja, man ist plötzlich mehr alleine. Dann entwickelt man ein Gefühl, das wir alle zusammen sind. Es war
eine Velogruppe wo wir schon länger Mühe hatte. Man hat einfach mitgemacht und wenn man nach
Hause kam hat man sich wieder negativ gefühlt. Es ist ja frei. Dann gehört man plötzlich nicht mehr dazu.
[02:09:59.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es macht unsicher man ist wie ein bisschen nackt wenn man alleine ist. Ich sage dann den Frauen, wenn
sie sagen nein, ich gehe nicht in den Ausgang, oder ich kann nicht auf die Reise gehen, ich finde
niemand der mitkommt, dann sage ich, gehen sie alleine und entwickle dieses Gefühl, ich und die Welt.
Also hier bin ich und hier ist die Welt und ich kann die Welt anschauen, ich kann mit ihr interagieren und
das ist an sich schön. Ich werde überhaupt nicht gestört, wenn irgendetwas neben mir ist.
[02:10:30.110] – Bemerkung 48
Das hat auch Vorteile. Wenn man alleine geht, dann hat mehr Kontakt mit den Einheimischen.
[02:11:13.940] – Bemerkung 49
Bei meiner Scheidung hatte ich grosse Magen-Darm Probleme. Das interessante daran fand ich aber,
dass meine Eltern die Scheidung befürwortet haben. Die Wertevorstellungen waren irgendwie sehr tief
verankert. Ein Mann darf sich scheiden lassen, die Frau nicht.
[02:11:36.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Männer weggehen können, dann geht das. Wenn die Frau den Mann verlässt, dann ist das
ehrunwürdig. Dort geschehen auch die meisten Morde. Ein Mann, der verlassen wird, für ihn ist das eine
sehr grosse narzisstische Kränkung.
[02:12:23.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir auf die andere Seite gehen, was für Verhaltensmuster sind für Sie am schwersten zum
Loslassen?
[02:12:45.000] – Bemerkung 49
Mein Vater hat im Zeugnis immer auf Fleiss und Ordnung geschaut.
[02:12:45.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sitzt hier drin. Haben Sie Kinder? Nein. Patienten? Ja. Wie übertragen sie das auf die? Haben Sie
Mühe, wenn jemand nicht zur Arbeit geht oder ein Messie ist?
[02:13:07.240] – Bemerkung 49
Also, in Gedanken schon. Ich arbeite daran.
[02:13:23.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen, der aus einer gebildeten Familie war. Er hat sich extra Mühe gegeben, Schreibfehler zu
machen. Er hat dann einen Brief an irgendein Amt geschrieben. Aber extra mit ganz vielen
Schreibfehlern. Und korrigiert. Das ist so ein bisschen Gegenstrategie.
[02:13:54.810] – Bemerkung 50
Ich bin auf Deutsch und Französisch in die Schule. Weder noch ist perfekt. Darum habe ich immer wieder
so Blockaden zum Schreiben.
[02:13:59.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Es könnte ja ein Fehler haben. Wie versuchst du die Blockade zu überwinden?
[02:14:51.960] – Bemerkung 50
Ich habe mir gesagt, nächste Woche sitze ich dran und mache einfach.
[02:14:55.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie es dann läuft, fertig. Mit Fehler und allem? Genau. Da bringe ich immer das Beispiel in der Evolution
über Fehler. Der Mensch ist eigentlich abverheiter Affe. Wenn wir stark gewesen wären, wären wir im
Urwald geblieben. Dann wären wir nicht in die Savanne raus, dann hätten wir nicht unseren aufrechten
Gang gelernt. Dann hätten wir nicht die Hände frei gehabt, um Sachen zu machen. Dann hätten wir nicht
unsere Kinder so früh geboren. Also ich sage, wir haben eine habituelle Frühgeburt. Das Kind fällt früher
raus, als das bei den anderen der Fall ist. Und dann lernt es wieder mehr. Das Hirn ist dann schon im
Umfeld und lernt mehr. Also dadurch, dass wir aus dem Urwald vertrieben wurden, mussten wir mehr
lernen. Und alle diese Wandervölker haben wahrscheinlich auch sehr viel gelernt. Die, die einfach am Ort
geblieben sind, sind immer beim alten Zopf geblieben. Also in dem Sinne muss man sich immer wieder
ein bisschen intellektuell auf die Wanderschaft schicken und man darf Fehler machen. In der
Wissenschaft, also der Alexander Fleming, das Penicillin ist gefunden worden über ein Schlamperei. Weil
er seine Agarplatte draussen stehen gelassen hat und dann ist Penicillin drauf gewachsen. Wenn er es
schön brav im Kühlschrank getan hätte, hätten man es nicht. Über Fehler kommen immer neue Sachen.
In der ganzen Genetik werden auch Fehler gemacht, aber die Fehler sind immer eine Chance, um etwas
Neues auszuprobieren. Von dort her dürfen Sie so viele Fehler machen wie möglich. Dann lernen Sie am
meisten. Man hat ja dann auch immer eine Reaktion vom Unfall.
[02:16:57.000] – Bemerkung 51
Es ist schwer loszulassen vom Verhalten. Man lernt etwas. Man merkt, es ist nicht richtig so
weiterzumachen oder weiterzugeben. Ich bin sehr autoritär erzogen worden. Und das funktioniert. Und
jetzt mein Sohn ist sehr rebellisch. Er lässt sich gar nichts sagen und dort habe ich noch keine neue
Strategie, wie man es besser machen könnte.
[02:17:22.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wurden eher autoritär erzogen worden und als Mädchen folgt man ohnehin leichter. Ich sage immer,
Stuten sind leichter zum Reiten als Hengste. Darum kastriert man die Hengste. Aber das machen wir bei
uns nicht. Das wollen wir nicht bei ihrem Sohn. Da müssen Sie eine neue Methode finden. Wann immer
ich Jugendliche und Eltern habe, dann sage ich das und das und das ist das Problem. Und dann frage ich
zuerst den Jugendlichen, was er für eine Lösung für das Problem hat. Dass er seine Vorstellungen
eingeben darf, wie man es machen soll. Ich habe in therapeutischen Gemeinschaften gearbeitet, in
Schottland. Und da hat man immer miteinander Lösungen erarbeitet. Und indem man den Jugendlichen
fragt, man beschreibt das Problem, nicht ich will das und wir können es so machen, sondern wir haben
ein Problem miteinander, also ihrer Seite und die vom Jugendlichen. Und dann den Jugendlichen fragen,
wie löse ich es? Was ist dein Vorschlag? Und dann kann er einen Vorschlag machen, dann sind wir auf
dem Markt. Dann können sie sagen, es geht um das Heimkommen. Er sagt, er komme um 12 Uhr nach
Hause. Und dann sagen sie, das ist mir ein bisschen spät, hast du einen besseren Vorschlag? Also, dass
man in die Verhandlung reingeht, man bezieht ihn mit ein, und dann landet man bei einem Konsensus.
Also von dort her würde ich Ihnen raten, überhaupt nicht mehr Ihrem Vater seine Methode anzuwenden,
sondern wie alt ist er? 10 Jahre. Ja, schon dort. Immer sagen, oh, jetzt haben wir ein Problem. Du willst
das und ich das. Und dann und dann sollten wir dort und dort sein. Was machen wir denn?
[02:19:28.850] – Bemerkung 51
Es geht um seine Emotionen, er wird extrem verrückt und agressiv.
[02:19:53.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Achten Sie einmal darauf. Er wird verrückt, wenn sie ihn zu schnell stören.
[02:20:02.020] – Bemerkung 51
Er kann die Hausaufgaben nicht.
[02:20:05.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Aha, okay, Hausaufgaben. Ja, das muss man vielleicht das Verrücktsein ein bisschen inszenieren. Man
sagt, man sollte etwas machen und kann es nicht. Und dann kann man sagen, oh je, schrecklich, so blöd,
dass das nicht einfach geht. Also, dass sie es ein bisschen noch rauszögern, dass es nicht geht. Was
machen wir jetzt? Dass sie nicht allzu schnell rein kommen und sagen, so und so. Sie sollten sich mehr
Zeit geben.
[02:20:47.210] – Bemerkung 51
Er muss es ja selber lösen, er muss es haben. Er hat eine Lernschwäche.
[02:21:05.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das macht nichts. Er muss es auch nicht haben. Nein, da sind Sie dem Lehrer oder der Lehrerin
gegenüber zu gehorsam. Da kann man sagen, er hat es noch nicht, er hat es noch nicht hingebracht. Wer
sagt denn schon, er muss es mit 10 schon können? Er hat ja eine Lärmschwäche auf diesem Gebiet.
Nein, er kann es noch nicht. Sie haben recht. Ich muss, damit ich das erreiche. Wenn er merkt, dass es
für sie nicht so wichtig ist, dass man es hinbringt, dann wird er auch wieder freier und kann es eher
lernen. Nein, dann kann er es einfach nicht. Und dann sagt man der Lehrerin man konnte es nicht.
[02:22:17.040] – Bemerkung 52
Meistens haben die Eltern dann Angst vor den Konsequenzen.
[02:22:17.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber heute weiss man ja, dass es Lernbehinderungen gibt, Lernstörungen und dass man halt sagt, ja,
das Kind kann das noch nicht. Und ADHSler können es zum Teil nicht, oder Lese- und
Rechtschreibensstörung und es geht einfach nicht oder in der Mathematik, Dyskalkulie, dann geht es halt
noch nicht. Und bei einem kleinen Kind, man stellt es auch nicht schon mit drei Monaten auf die Beine,
weil es das einfach noch nicht kann. Das Hirn reift da versteckt, und die Hirne sind nicht alle gleich reif
und manche haben gewisse Schwierigkeiten. Und ja, dann kann man es einfach noch nicht. Und es
macht nichts, wenn man es noch nicht kann. Da kann man eigentlich sagen, das kannst du jetzt noch
nicht, vielleicht später. Also nicht den Druck. Den Druck spürt er von innen und dann blockiert er. Er spürt
dann den Druck im emotionalen Hirn. Und dann blockiert er alles. Dann geht gar nichts mehr. Und dann,
okay, haben wir jetzt halt nicht fertig gemacht. Wir schreiben darauf, konnten es nicht lösen. Punkt. Adieu.
[02:23:39.590] – Bemerkung 53
Ich bin auch darin gefangen. Ich wollte es immer allen Recht machen. Es ist doch wahnsinnig schön,
wenn das Kind merkt, dass die Mutter Verständnis hat für das Kind und seine Lernschwierigkeiten. Bei
ihm geht es in den Körper und er hat dann Kopfschmerzen. Bin ich es wirklich und wie bring is das weg.
[02:24:32.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ist nicht so einfach! Sie können aussen sagen, dann lässt du es einfach. Die Kinder merken mehr das
Emotionale.
[02:24:45.490] – Bemerkung 53
Die Zwischentöne spielen eine grosse Rolle. Was lebe ich vor.
[02:25:08.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihr Vater lebt noch? Jetzt können wir zwei Dinge machen. Sie können mit ihrem Sohn sagen, okay, jetzt
haben wir das nicht gekonnt, jetzt schreiben wir einfach darauf, schreiben kann er schon. Wir haben wir
es versucht, es ist nicht gegangen. Punkt. Und dann bringen wir das so in die Schuhe. Und dann gehen
sie das dem Vater erzählen. Und sagen, du! Ich habe eine Erkenntnis. Ich wurde von dir so gut von dir
erzogen worden. Und ich wollte alles immer recht machen. Aber mein Sohn kann das jetzt noch nicht. Ich
stehe nicht zu dem, das er es nicht kann und nicht recht macht. Findest du das nicht auch gut? Es ist ein
bisschen provokativ. Aber ja, dass sie es sich wirklich getrauen zu sagen, nein, das konnten wir nicht, wir
haben es probiert, wir haben uns reidlich bemüht. Es ist nicht gegangen, wir sind verrückt geworden. Er
ist verrückt worden, ich bin noch ein bisschen verrückt geworden. Sie werden auch verrückt? Ja, ja. Dann
können sie sagen, jetzt sind wir beide verrückt worden, aber das hat auch nichts gebracht, wir konnten es
nicht. Und dann schreibt man zusammen auf, man konnte es nicht miteinander.
[02:26:30.000] – Bemerkung 53
Ich habe schon alles probiert, aber es geht einfach nicht weg.
[02:26:40.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat eine Lernstörung. Diese Lernstörung ist genetisch. Man kann Gene nicht erziehen. Gen können wir
nicht erziehen, auch nicht mit den besten Erziehungsmethoden. Und darum sagen wir, wir haben es
probiert, wir sind beide verrückt. Man kann sogar alles aufschreiben. Es gibt eine kleine Geschichte.
Wenn er gerne schreibt, könnt er es sogar schreiben. Also er könnte ein Aufsatz schreiben und das
dazugeben und dran heften und das Blatt leer lassen. Wirklich. Und dann noch ihrem Vater erzählen,
damit sie sich desensibilisieren gegen die autoritäre Erziehung. Getrauen sie sich das? Beginnen wir mal
mit dem Lehrer.
[02:28:13.520] – Bemerkung 54
Ich habe eine Tochter, die hatte Legasthenie, Logopädie, Dyskalkulie, alles. Ich habe mein Kind
geschützt, wie ein Bulldozer gegen das Lernprogramm. Ich habe mit den Lehrern richtig gestritten. Ich
wollte, dass meine Tochter die Zeit kriegt.
[02:28:40.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Also, man darf hinstehen. Als erstes wird an die Lehrerin geschrieben, wir haben es probiert, es ist nicht
gegangen. Bei der Pferdedressur hat der Sohn vom Zirkus Knie gesagt, gewisse Pferde sind ganz willig,
machen alles recht und andere sind eigenwillig und die machen falsch. Und wenn es nicht geht, dann
üben wir es wieder am Mittwoch Nachmittag. Und wir haben noch X Möglichkeiten. Ist das gut?
[02:29:19.790] – Bemerkung 55
Ist das nicht auch ein Verantwortungs-Abgrenzungs-Ding, zwischen Mutter Sohn und Lehrer?
[02:29:43.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie will es auch dem Lehrer recht machen. Hier übernimmt die Mutter für ihn, weil er es ja nicht kann.
Darum geben wir das Blatt ab mit dem Satz darauf. Er ist erst 10 Jahre alt. In diesem Alter darf sie das
noch. Wenn es ein Teenager wäre, dann nicht.
[02:30:25.670] – Bemerkung 55
Ist nicht einfach auch Verantwortung, die beim Kind bleiben muss?
[02:30:26.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht in diesem Alter. Wenn er 16 Jahre alt wäre und je nachdem wie er gegartet ist, dann muss er es
selber machen.
[02:30:34.630] – Bemerkung 55
Also dass er auch die Möglichkeit hat, die Aufgaben überhaupt selber machen zu dürfen, oder versuchen
dürfen zu machen.
[02:30:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ihn hier alleine lassen lässt, ist das noch nicht gut. Dann fühlt er sich zu sehr alleine gelassen,
den anderen gegenüber ausgesetzt. Da muss sie als Mutter noch hinter ihm stehen. Darum schreiben sie
miteinander. Wir haben es probiert, aber es ist nicht gegangen. In diesem Alter muss sie schon noch
hinter ihm stehen. Aber nicht, dass er mehr vorwärts kommt, weil es gar nicht geht. Nicht schürgen. Sie
muss unterstützen, dass es akzeptiert ist, dass er es noch nicht kann.
[02:31:24.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor ein paar Tagen hatte ich eine Situation aus einem Hort. Das Kind sollte einen Aufsatz über sein
Kinderalter schreiben. Das Kind war vor seinem Blatt und konnte nicht schreiben. Das Kind sagte, die
Eltern haben mir gesagt, ich dürfe gar nichts von zu Hause erzählen. Folglich konnte es keinen Aufsatz
schreiben. Die Frau, die geholfen hat, sagte, ich sage dir etwas und dann schreibst du das. Das Kind
sagte, es gehe nicht. Das Kind wollte es dem Lehrer und den Eltern recht machen. Es blieb einfach
stecken. Ich sagte, sie dürfen das Kind nicht so schnell zu einer Lösung drängen. Sie müssen sagen,
jetzt haben wir ein Dilemma. Das ist ein Dilemma. Ich sehe, du musst es dem Eltern recht machen und du
willst es auch dem Lehrer recht machen. Aber das geht nicht. Sie hätte dieses Dilemma mit dem Kind
aushalten müssen. Das wäre wieder in das emotionale System gehen. Man muss es mit dem Kind
zusammen aushalten. Und einfach nur aushalten. Man sagt ja, geteiltes Leid ist halbes Leid. Geteilte
Freude ist doppelte Freude. Und dass man das mit dem Kind aushaltet. Und sie muss mit ihren Sohn
aushalten, er kann es nicht. Wir können es nicht miteinander. Wir streiten nur. Es bringt gar nichts. Wir
schreiben drauf, wir haben es versucht. Es geht nicht. Und das ist die Situation, wie sie ist. Aushalten und
akzeptieren. Und nicht irgendetwas anderes daraus machen wollen.
[02:33:14.210] – Bemerkung 56
Ich bin auch immer auf die Bremse gestanden, bezüglich abklären. Einfach abwarten. Ich habe das
gesehen bei der Nichte, die hatte auch eine Lese- und Schreibeschwäche, sie ist aber sehr
aufnahmefähig. Beim jüngeren Sohn ist es anders, der ist sehr gut in der Schule. Er denkt, es geht immer
nur um die Noten. Mit ihm habe ich fast mehr Probleme, weil er denkt es geht nur um die Noten. Man
kann nicht beide Kinder gleich behandeln.
[02:34:18.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, kann man nicht. Ja, also die Kinder, die sehr begabt sind, die ganz schnell lernen, die haben
gerade alles drin und machen es in einem Aufwasch und dann ist es fertig und können danach etwas
anderes machen. Wenn die dann später an die Uni kommen oder vielleicht nur schon das Gymnasium,
dann muss man ein bisschen lernen. Aber okay, dann müssen sie es dann lernen. Ein Teil davon scheitert
und andere merken, jetzt muss ich eben. Aber er kann nicht im Trockenen lernen, auch wenn ihm der
Schulstoff so leicht fällt. Dann kann höchstens der Lehrer etwas Schwierigeres geben, also ein bisschen
mehr Anforderungen. Oder sie geben ihm andere Sachen zu tun. Es muss ja nicht alles im Grosshirn
sein. Es können ja auch noch soziale Situationen sein.
[02:35:41.170] – Bemerkung 56
Er geht ins Fussball und würde am liebsten noch mehr Stunden Gamen.
[02:35:43.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier würde ich sagen: Beim Gamen lernt man nur die Geschwindigkeit und nur die beiden Daumen. Man
hat im Hirn Areale von den fünf Fingern und wenn man nur noch das tut, dann geht das Areal zurück.
Wenn man z.B. nur sechs Wochen zwei Finger zusammenbindet, dann schrumpfen diese zwei Areale,
weil es nicht mehr gespiesen wird. Diese Games haben nur einfache Problemlösungsstrategien. Es ist
immer Geschwindigkeit, Geschwindigkeit lernen sie. Da sind sie viel schneller als wir. Aber kompliziertes
Zeugs anschauen, emotionale Nuancen und so, alles weg. Das ist eine flache Welt und eigentlich eine
langweilige Welt. Und es geht immer um Gewinnen und Verlieren. Dabei ist es im Leben, man sagt ja
jetzt, wir haben nur noch einen Globus und es wird nicht gewonnen und nicht verloren. Wir müssen
eigentlich alle für den Globus sorgen. Also, da muss man neue Strategien dazu lernen. Bei einem so
gescheiten Kind, muss man dann schauen, ja, was gibt es noch anderes, das er lernen kann.
[02:37:20.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ihm ja dann langweilig, wenn er nicht gamen kann. Und da kann man sagen, das ist gut.
Langeweile macht kreativ. Da muss dir etwas anderes in den Sinn kommen.
[02:37:30.200] – Bemerkung 56
Genau in diesem Moment bin ich aufgestiegen zu der blödesten Mutter, die es gibt auf dieser Welt.
[02:37:40.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht gar nichts. Von einer blöden Mutter kann man sich besser ablösen. Wenn man die liebste
Mutter ist, dann hat der Sohn grosse Probleme sich von dieser abzulösen. Ja, das ist gar nicht so gut.