Vortrag bei Hota zum Thema „Geschichte der Sozialpsychiatrie bezogen auf die aufsuchende Familienarbeit“
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
13.6.2022
Die Geschichte der Sozialpsychiatrie
Audio
Dr.med. Ursula Davatz (00:01)
Mein Referat lautet: "Geschichte der Sozialpsychiatrie, bezogen auf die aufsuchende
Familienarbeit". Ich bin 1980 aus Amerika zurückgekommen, nach fünf Jahren Aufenthalt in
Amerika. Am letzten Ort bei Professor Murray Bowen in Washington DC am Family Center. Und
habe am 1. April angefangen im sozialpsychiatrischen Dienst von Kanton Aargau. Damals unter
Dr. Sameli. Ich habe dort eine grosse Aufbruchsstimmung wahrgenommen. Man wollte viel
machen in Deutschland und der Schweiz. Alle sind sehr engagiert gewesen. In Deutschland gab
es die grosse Psychiatrie-Enquête. In der Deutschschweiz gab es die Ausbildung in
Sozialpsychiatrie, also die Zusatzausbildung in Sozialpsychiatrie, haben wir auf die Beine gestellt.
Zusammen mit dem Professor Uchtenhagen und ich war auch in diesem Komitee. Der Dienst, den
ich gescha t habe, der hiess damals noch Sozialpsychiatrischer Dienst. Heute heisst es, dann
nachher hat man gesagt, externer Psychiatrischer Dienst. Und die Leute, also die Ärzte, die nicht
im Sozialpsychiatrischen Dienst gearbeitet haben, haben gefunden, wir machen doch alle
Sozialpsychiatrie. Ihr müsst euch nicht extra noch benennen. Aber es war schon ein Unterschied.
Dann hat man gesagt, die Psychiatrie Krankenschwestern, die in der Klinik gelernt haben, die sind
nicht genügend ausgebildet gewesen, also nicht genügend gewa net gewesen um im
ambulanten Sektor zu arbeiten. In der Klinik ist man immer eingebunden in ein grosses Team.
Wenn man nicht mehr weiter weiss, kann man jemand anderes fragen.
Dr.med. Ursula Davatz (01:54)
Hingegen, wenn man nach Hause geht zu der Familie, dann ist man der Situation ausgesetzt und
man muss selber wissen, was man machen muss. Darum haben wir dann auch die
Zusatzausbildung in Sozialpsychiatrie auf die Beine gestellt. Abgekürzt hat es geheissen
"ZASCHP". Von diesen Weiterbildungs Tagungen habe ich damals auch in Königsfelden gemacht.
Und ich weiss nicht mehr genau, was genau der Titel war. Es hat so ungefähr gelautet
"Sozialpsychiatrie als Netz zwischen den Institutionen". Also wir haben die Sozialpsychiatrie als
eine Funktionstüchtigkeit, die sich mit verschiedenen anderen Institutionen vernetzt. Mit anderen
Gesundheits- und sozialen Institutionen. Wir haben vorher eine Philosophin gehört. In diesem
Sinne sage ich, was ist die Philosophie der Sozialpsychiatrie ist. Es ist schon eine Philosophie und
eine Haltung dahinter. Es ist nicht einfach nur ein Wort. Die Idee der Sozialpsychiatrie war, dass
man Patienten im natürlichen Umfeld behandelt. Das heisst, dass man nach Hause geht, dass
man auf Augenhöhe arbeitet, dass man sie nicht einfach in grossen Institutionen unterbringt,
sondern dass man sie zu Hause lässt und mit seiner professionellen Intervention in die Familie
oder ins natürliche Umfeld geht. So dass sie nicht in eine fremde Umgebung kommen müssen,
wo alles neu ist. Wenn man sich einen Psychotiker vorstellt, der ohnehin schon verwirrt ist, und
dann muss er noch in eine fremde Umgebung kommen mit noch ganz vielen andere schwierige
Leute, die ein bisschen gestört sind, also sich komisch verhalten, dann gibt das eine riesige
Intensität und ist nicht unbedingt sehr gesundend.
Dr.med. Ursula Davatz (03:58)
Wir hatten weiter zum Ziel, Patienten zu entlassen, d.h. Patienten, die 40 Jahre hospitalisiert
waren, die einen schweren Hospitalismus hatten, hat man versucht heraus zubegleiten. D.h. Man
hat Wohngruppen gemacht, innerhalb der Klinik hat man sie ein halbes oder ein Jahr oder länger
begleitet, also sie vorbereitet aufs Leben draussen in der freien Gesellschaft. Zum Teil ist das sehr
gut gegangen, zum Teil gab es auch Unfälle, bei denen es nicht so gut ging, aber das war ein sehr
ambitiöses Ziel. Weiter hatten wir das Ziel, die psychiatrischen Patienten wieder in das Arbeitsfeld
zu integrieren. Da gab es das berühmte Möbel sterprojekt, welches immer noch läuft. Der
Möbelp ster hat 10 Plätze zur Verfügung gestellt, wo Psychiatriepatienten arbeiten konnten. Man
hat nicht xe Plätze gewählt, sondern man hat mit dem Patienten zusammen ein
Motivationsschreiben gemacht und dann hat der Möbelfester innerhalb seiner Institution einen
Platz gesucht. Als letztes hatte ich eine Patientin, die eine bipolare Störung hatte, so mit 21, 22
Jahren. Die kam dann auch ins Möbel P ster Projekt. Sie hat Marketing gemacht und ist jetzt voll
integriert in ihrem Beruf als Marketingfachfrau. Ich habe natürlich längst nicht alle verfolgt, das ist
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jetzt ein erfolgreiches Beispiel, aber es hat funktioniert. Das Projekt kam auch im Fernsehen
gekommen und es gab sogar einen Film darüber gegeben.
Dr.med. Ursula Davatz (05:53)
Frau Dr. Riedinger hat vorhin gesagt, ich sei auch am Dingleton Hospital gewesen. Das stimmt.
Ich habe 9 Monate lang am Dingleton Hospital in Melrose gearbeitet. Das war eine therapeutische
Gemeinschaft von Maxwell Jones. In Schottland hatte man Maxwell Jones als grossen Initiator
von neuen Bewegungen. In Italien war es Franco Basaglia. Die Idee in diesen therapeutischen
Gemeinschaften war, dass man mit den Patienten auf Augenhöhe arbeitet. Wir hatten alle
Rapporte mit den Patienten zusammen. Jeden ersten oder zweiten Tag hatten wir eine Sitzung mit
Patienten und Personal. Das hat man "CC", Community Council genannt. Da ging es hoch zu und
her. Sehr emotional, viel diskutiert etc. Weiter, die Idee hintendran war, also die Philosophie,
therapeutische Administration. Sie haben uns geholfen zu administrieren. Wenn jemand
eingesperrt war oder keinen Ausgang hatte, haben alle miteinander diskutiert. Was ndest du,
dürfte er jetzt rausgehen oder nicht? Ist er schon bereit oder nicht? Über solche Procedere hat
man zusammen diskutiert. Die Professionellen und die Patienten. Man ist auch immer zu zweit,
wie bei der Hota, da sind ja immer zwei Personen verantwortlich für eine Familie. Zuerst fand ich
das une zient. Jetzt nde ich es eine gute Sache. Am Dingleton Hospital sind wir immer zu zweit
ausgerückt. Wir sind in der Nacht zu zweit ausgerückt, damit wir uns hinterher besprechen und
kontrollieren konnten.
Dr.med. Ursula Davatz (07:50)
Wenn der eine sich verloren oder verrant hat, konnte der andere helfen, das zu korrigieren. Wir
waren alle per Du, also First Name. Sie nannten einen Ursula und nicht Dr. Davatz. An das konnte
man sich gewöhnen, aber deswegen war man nicht weniger professionell. Gruppentherapie kam
in zu dieser Zeit auch stark in Mode und wurde in vielen Spitäler und auch ambulant mehr
verwendet. Ursprünglich natürlich, um mit einer Sitzung mehr Leute zur erreichen. Das was
Monika Riedinger jetzt vielleicht macht für ADHS Patienten. Dann der grosse Slogan, als ich eben
aus Amerika gekommen bin, hatte ich die Haltung "Ambulant vor Stationär". Also schon in den
1980er Jahren war das mein Slogan. Und die Idee war, dass man zum Beispiel bei schizophrenen
Patienten sofort die Familie dazu bestellt, mit denen beratet, sie unterstützt. Und das kranke
Individuum gleich wieder nach Hause lässt. Ich hatte ein paar, bei denen das funktioniert hat. Es
hat nicht bei allen funktioniert, aber "Ambulant vor Stationär" ist unsere Philosophie in der
Sozialpsychiatrie gewesen. Die Idee war auch die Bettenreduktion. In Amerika habe ich noch mit
dem Community Mental Health Act erlebt, ich habe in einem Spital mit 3000 Betten gearbeitet. Da
haben wir den Auftrag der Politik erhalten, dass man die Bettenzahl auf ein Drittel reduzieren
sollte.
Dr.med. Ursula Davatz (09:41)
Also auf 1000 Betten. Das war natürlich schwierig. In diesem Sinne hat man extra Triage
gemacht. Man hat Notfälle entgegengenommen. Und man wurde geschimpft, wenn man
jemanden hospitalisiert hat und nicht wieder ins ambulante Setting zurückgehen konnte. Auch das
ging nicht immer, aber das war die Philosophie. Hier in der Schweiz hatte ich das Gefühl, dass
sehr viel Enthusiasmus da ist. Es ist eine grosse Begeisterung, ein grosser Einsatz. Aber der
tragende therapeutische Hintergrund, das therapeutische Konzept, der konzeptionelle Unterbau,
der hat ein wenig gefehlt. Viele von diesen engagierten Psychiatern sind Analytiker gewesen, denn
das war die therapeutische Methode, vielleicht noch ein paar Verhaltenstherapeuten. Und ich, die
drei Jahre als Familientherapeutin ausgebildet wurde in Amerika, beim beim Ackermann Institut
und beim Murray Bowen, habe gefunden, das wäre eine bessere Theorie, um die Sozialpsychiatrie
zum Leben und zum Erfolg zu bringen. Und in dem Sinn habe ich dann die Familientherapie,
heute sagt man auch systemische Therapie oder Systemtherapie, habe ich allen meinen
Assistenzärzten beigebracht, also die mussten sich dem alle unterziehen. Ich habe zweimal in der
Woche mit Assistenzärzten, Sozialarbeitern und Krankenschwestern Supervision gemacht. Wer
konnte, kam in diese Supervisions-Sitzung und ich versuchte, ihnen mein Wissen weiterzugeben.
Die Haltung war, dass auch die Krankenschwestern die sogenannte Therapie machen durften, das
durfte man der Krankenkasse nicht sagen.
Dr.med. Ursula Davatz (11:33)
Die Ärzte reagierten auch sehr vehement, die Krankenschwestern können doch keine Therapie
machen, sie können nur begleiten. Aber hier habe ich keinen Unterschied gemacht. In diesem
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Sinne habe ich auch Mütterberaterinnen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in der Gemeinde,
einen Polizisten in der Ausbildung, allen habe ich versucht, die Systemtherapie beizubringen. Also
Arbeit mit dem ganzen System. Wenn ich heute schaue, wie die Assistenzärzte ausgebildet
werden, da gibt es eine neue Richtung, und alles Moderne ist auf Englisch, und das heisst
"Entrustable Professional Activities". Das heisst, der Assistenzarzt, die Assistenzärztin, muss nicht
eine Prüfung ablegen und erhält eine Note durchgekommen oder nicht, sondern man begleitet die
Lernenden und schaut, wie weit sie sind. Entrustable Professional Activities, EPA, heisst, man
beobachtet den jungen lernenden Menschen, wie weit ist er und wie gut kann er schon die und
die Situation beherrschen. Wie kann er damit umgehen? Ich denke, das ist etwas, das auch in der
HOTA praktiziert wird. Mitarbeiter, die noch nicht so erfahren sind, dass sie schon praktisch
arbeiten dürfen, aber dass sie immer jemanden im Hintergrund haben und dass sie jederzeit den
Supervisor oder die Supervisorin hinzuziehen können, um Hilfe zu holen, wenn sie nicht mehr
weiter wissen. Das ist ein learning in progress, also ein vorzu lernen und nicht, man hat ausgelernt
und jetzt kann man alles machen.
Dr.med. Ursula Davatz (13:30)
Zu dieser Zeit war auch ein Assistenzarzt bei mir, das war Philipp Hauser. Er war ein Jahr bei mir
und hat natürlich auch an meinen Supervisionen mitgemacht. Er hat vorher schon eine Ausbildung
in Familientherapie gemacht beim Gunthern im Wallis, ein Studienkollege von mir. In dem Sinn
habe ich ihn natürlich weiter unterstützt, dass er die Idee von Familie unterstützen und nicht nur
das Kind therapieren, er ist ja Kinderpsychiater, das habe ich weiter gefördert und er hat das auch
beibehalten. Er war dann der Gründer, zusammen mit den anderen Personen, mit der Regula
Berchthold, der Hota. Er hat mich damals angefragt, ob ich in das Patronatskomitee komme. Ich
habe natürlich sofort gesagt ja. Denn das hat genau meine Haltung wieder verkörpert und bin
dann ins Patronatskomitee gegangen. Jetzt kann ich weiter die Frage stellen, warum braucht es
eine aufsuchende Familienarbeit und was ist das eigentlich? In meiner Ausbildung als
Familientherapeutin beim Ackermann Institut und bei Murray Bowen am Georgetown Family
Center haben wir gelernt, die Familie möglichst objektiv anzuschauen. Wenn man eine Familie zu
sich ins Büro bestellt, dann ist das die eigene Domäne, das eigene Territorium. Sie sind Gäste, sie
sind zugezogene Leute. Dann können sie sich relativ gut an einem anpassen und vielleicht auch
verstellen.
Dr.med. Ursula Davatz (15:16)
Also sie wollen ja einen guten Eindruck machen, wenn man zum Arzt geht, will man einen guten
Eindruck machen und dann sieht man nicht unbedingt die wirkliche Realität. Hingegen, wenn man
zu einer Familie nach Hause geht zu einer Familie, dann wird man ins System genommen, es wird
einem etwas angeboten etc. Dann kann man schnell eingesaugt werden vom System und
verwendet werden vom System, ohne dass man es merkt. Und in dem Sinn hat man allen Ärzten,
die gelernt haben, Familientherapie zu machen, geraten, sie müssten mindestens einmal einen
Hausbesuch machen, also nach Hause gehen zur Familie, um zu sehen, wie sich das anfühlt,
wenn man in der Familie steckt. Die Hota macht das nicht nur einmal, sondern das ist ihr
Handwerk. Sie geht immer zu der Familie nach Hause. Ich denke, das ist etwas sehr, sehr
E zientes. Es ist wichtig, wenn man als systemische Therapeutin, dass man zuerst das
Familiensystem kennenlernt, gut beobachtet, sich ein Bild macht, bevor man gleich zur
Intervention schreitet. Wir Ärzte sind in der Regel Handlungstypen. Es ist vorher schon gesagt
worden, es ist alles auf E zienz angelegt und es pressiert. Man muss möglichst schnell ein
Resultat haben. Dann macht man sich nur schnell einen Eindruck, also eine Diagnose und dann
wird gehandelt. Das geht in der systemischen Therapie nicht.
Dr.med. Ursula Davatz (17:04)
Man muss wirklich das System kennenlernen. Jedes Individuum ist einzigartig und jede Familie ist
einzigartig. Und da muss man sich genügend Zeit lassen, um zu schauen, was eigentlich hier
läuft, was die Abläufe sind, etc. Bevor man zu einer therapeutischen Massnahme und einer
Handlung schreitet. Wie gesagt, im Büro ist man so ein bisschen in einer Allmachtsstellung und
dann ist es einfacher, Dinge zu verordnen. Manchmal sagen die Patienten "Ja, ja, mache ich" und
gehen nach Hause und denkste, sie machen gar nichts davon. Sie wollten es ihnen einfach recht
machen. Sie haben einem nach dem Maul gesprochen, aber das bringt natürlich nicht so viel. Die
Familie hat auch die Tendenz, ihre bestehenden pathologischen Prozesse einerseits zu verstecken
und andererseits einen reinzuziehen, sodass man blind wird. Aber dann sind die Interventionen,
die man macht, nicht mehr wirksam. Dann ist mehr vom Gleichen. Dann macht man das Gleiche
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weiter, wie man es in der Familie schon macht. Es braucht also eine grosse Standfestigkeit bei der
aufsuchenden Familienarbeit, bei der Systemtherapie, wenn man ins natürliche Umfeld geht. Aber
ich denke, wir haben in der HOTA viele erfahrene Berufsfrauen und Männer mit der Zeit, die sich
sich nicht mehr einfach nur reinziehen lassen und dann auch wirksam sein können.
Dr.med. Ursula Davatz (18:45)
Was der Vorteil ist, wenn man als Fachperson in die Familie geht, man sieht, wie die Leute
miteinander interagieren, wie sie am Tisch sitzen. Man sieht, wie die Zimmer verteilt sind. Dadurch
hat man einen schnelleren Einblick in die Funktionstüchtigkeit der Familie.
Dr.med. Ursula Davatz (19:15)
Als Schlussbemerkung und dann haben wir noch Zeit für Fragen: In der HOTA arbeiten zum Glück
alle erfahrene Systemfachfrauen und Systemfachmänner, die sich nicht so in den Prozess ziehen
lassen und dann mehr Pathologie vom Gleichen mit der Familie zusammen machen. Und sie
haben die Situation, dass sie zu zweit einander beraten können, oder wenn sie nicht
weiterkommen noch die anderen Fachpersonen reinholen, also die Ärztinnen, sodass die
Objektivität viel eher gewahrt ist, als wenn man alleine mit einem Patienten mit der Zeit in eine Art
Symbiose gerät. Die Idee der Therapie ist nicht eine Bekämpfung der Krankheitssymptome, wie
das in der Medizin der Fall ist. Die Idee ist, Eltern zu unterstützen in ihrer Kompetenz, in ihrer
Erziehungskompetenz, in ihrer Interaktion mit dem Kind. Und was auch von Frau Bleisch gesagt
wurde, nicht alle Kinder passen gleich gut zu allen Eltern. Und wenn ein Mismatch zwischen den
Kindern und den Eltern besteht, dann muss man versuchen, diesen Mismatch zu korrigieren, und
zwar nicht einfach das Kind korrigieren. Wir erwachsenen Menschen meinen, dass das Kind
korrigiert werden muss. Wir erwachsene Menschen meinen immer, das Kind sei noch jung und es
muss sich anpassen. Wir wissen alles, wie es geht. Aber wenn man Kinder hat, die sehr
eigenwillig sind, dann geht das überhaupt nicht. Wenn man solche hat, die sehr anpassungsfähig
sind, das sind meistens Mädchen, aber auch nicht alle. Dann passen die sich an und nachher,
wenn sie erwachsen sind, wissen sie nicht, wer sie sind. Denn sie haben es nur immer ihrem
Umfeld recht gemacht und das bringt ihnen gar nichts. Frau Bleisch wurde schon gefragt, was die
beste Erziehung ist. Die Erziehung, die das Kind sich grösstenteils sich selbst sein lassen lässt.
Aber doch präsent ist und führt, wenn Not am Mann, Not an der Frau ist. Das ist ein grosser
Balanceakt, eine Kunst, dass man das Kind genügend sich selber sein lässt und aber doch auch
die nötige Führung geben kann, dort wo es wichtig ist. So gehöre ich zum Teil zu einem jungen
ADHS Mann, der gesagt hat, er habe zu wenig Führung von seinen Eltern bekommen, sie hatten
eine Wirtschaft und die hatten natürlich nicht viel Zeit, also er war ein Restaurantkind. Andere
erzählen einem, wie sie viel zu eng gehalten wurden, sodass sie dann rebellieren mussten, als sie
ins Erwachsenenalter gekommen sind. Und zum Teil Rebellieren bis zum Punkt einer Krankheit.
Dr.med. Ursula Davatz (22:23)
Was gibt es Besseres oder Wichtigeres als die aufsuchende Familienarbeit im Sinne von
Prävention? Und immer seit ich hier in den Kanton Aargau zurückgekommen bin, habe ich mich
im Bereich der Drogenarbeit für Prävention interessiert, aber auch allgemein für Prävention. Und in
dem Sinne sage ich, dass die aufsuchende Familienarbeit die wichtigste, e zienteste und
e ektivste Prävention ist, die man einer Familie und einem Individuum zukommen lassen kann. In
diesem Sinne habe ich auch die Mütterberaterinnen, die in die Familie hineingehen, die machen
auch aufsuchende Familienarbeit. Die habe ich die jahrelang supervidiert und auch jahrelang
Weiterbildung gemacht für sie. Die aufsuchende Familienarbeit ist eine ganz e ziente, e ektive
Präventionsarbeit. Das heisst, man unterstützt ein anfälliges oder ein schwaches System, bevor
die Kinder schon krank werden oder die Eltern auch noch zusätzlich krank werden, sodass sich
die Familie besser weiterentwickeln kann und die Kinder gesund aufwachsen können. In diesem
Sinne sage ich, und es ist auch das Wort "Investition" gefallen. Ich habe ein paar Vorträge
gehalten über "Investition Erziehung" und Kind als Projekt. Also in diesem Sinne sage ich,
Investition in ein gesundes Aufwachsen von unseren Kindern ist die wertvollste, die kostbarste
Investition in unsere lebendige Zukunft. Also nicht die technische Zukunft, sondern die Zukunft
der Menschen.
Dr.med. Ursula Davatz (24:15)
Und in dem Sinn möchte ich der HOTA ganz herzlich gratulieren zu ihrem 10. Geburtstag und sie
fest dazu aufmuntern, dass sie weiter die wertvolle Präventionsarbeit machen.
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Bemerkung 1 (24:40)
Herzlichen Dank, für diesen überzeugenden Vortrag über die Zeitgeschichte. Ich habe in den 90er
Jahren Familientherapie gelernt und ich bin immer wieder beeindruckt, dass du das in den 80er
Jahren sehr strukturiert hast lernen dürfen. Bei uns in den 90er Jahren war das nicht der Fall.
Sondern wir haben uns sozusagen von Idee zu Idee gehangen.