Transkript
Dr.med Ursula Davatz
21.10.2022
Hota als Erziehungsmediation zwischen Kind, Eltern und Schule.
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Dr.med. Ursula Davatz (00:01)
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüssen zu diesem heutigen Abend. Ich habe mir
selber den Titel gegeben und ich könnte sagen "Hota als Erziehungsmediation zwischen
Kind, Eltern und Schule." Aber ich fange beim Kleinkind an. Ich sage, Erziehung zur
Gesundheit fängt schon beim Kleinkind an und zur Gesundheit kann man eigentlich nicht
erziehen. Erziehung ist immer Beziehungsarbeit. Und in diesem Sinne fängt Beziehung
natürlich schon, wenn das Kind geboren wird, nein, es fängt sogar schon in Utero, also
wenn das Kind noch im Bauch ist, läuft schon eine Interaktion zwischen Mutter und Kind
und natürlich auch zum Umfeld. Ich als Familientherapeutin bin sehr darauf ausgerichtet
Beziehungen anzuschauen und wie sie schon gesagt hat, HOTA hilft dann die
Beziehungen zu verbessern. In der Medizin sind die Gene sehr hoch gewertet, aber und
das als Gegensatz zum medizinischen Verständnis von Krankheiten und Gesundheit, und
es geht ja heutzutage um den Gesundheitstag heutzutage. Im Rahmen des
Gesundheitstages ist das organisiert. Der Mensch ist ein soziales Wesen und er überlebt
nur im Sozialverband. Das hat man schon untersucht mit dem berühmten Experiment von
René A. Spitz, wo man Kinder genährt, gefüttert, gewärmt hat und so weiter, gewickelt,
aber keine Beziehung hergestellt hat. Und die Kinder wären alle gestorben, wenn man
nicht aufgehört hätte damit, wenn man nicht mit denen wieder eine Beziehung hergestellt
hätte.
Dr.med. Ursula Davatz (01:53)
Jetzt, man kann denken, Beziehung ist an sich etwas Einfaches, das kann jeder, aber es
kommt immer darauf an, ob die beiden Personen zueinander passen. Und es gibt gute
Passungen zwischen Mutter, Vater und Kindern und später dann Lehrer und Kinder. Und
es gibt auch nicht so gute Passungen. Und im Augenblick, wo die Passung nicht so gut ist
zwischen Kind und Eltern, ich sage jetzt mal Mutter, dann kann es Schwierigkeiten geben.
Und als Eltern hat man den Auftrag an sich selber, dass das, was man macht, immer gut
sein muss. Und wenn es nicht klappt und das Kind nicht richtig funktioniert, dann kommt
man unter Stress. Je mehr Eltern unter Stress kommen, umso mehr kommt das Kind auch
unter Stress. Im Augenblick, wo man unter Stress kommt und nicht mit dem Kind in Gang
kommt, dann ist das in der Regel mit Scham besetzt, also dass die Eltern sich nicht
trauen, Hilfe zu holen, denn sie müssten ja das können. Das müsste man ja von Natur her
können. Aber da sage ich, für alles holt man sich Hilfe, für Innenarchitektur, Berater, für
das Auto Auto, für alle möglichen Sachen holt man sich Hilfe. Aber zum Kinder erfolgreich
erziehen, da ist oft eine lange Leidensperiode, bis Eltern sich Hilfe holen gehen.
Dr.med. Ursula Davatz (03:28)
Ich habe gerade bei der letzten Veranstaltung mit einer der Ärztinnen gesprochen, mit
Frau Dr. Grobauer. Sie hat gesagt, wenn Kinder noch… Sie hat es mit der Säuglinge, also
sie hat die kleinen Kinder sehr gerne, sie ist Kinderärztin, also ja, Kinderpsychiatrin. Und
sie hat gesagt, wenn man mit den Eltern arbeitet, schon wenn das Kind ganz klein ist und
sieht, was nicht gut läuft und dann den Eltern einen Tipp gibt, wie sie es vielleicht ein
bisschen anders machen könnten. Nicht weil sie es falsch machen, aber es passt halt
nicht so gut zusammen. Dann kann man oft mit kleinen Korrekturen ganz schnell etwas
hinbekommen. Und von dort her sage ich, es ist wichtig, dass man sich so früh wie
möglich Hilfe holt und nicht stolz ist und denkt, ich müsste doch das alles können. Ich bin
eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater, wenn ich es mit meinem Kind nicht auf die
Reihe bringe. Jetzt bin ich ein bisschen kritisch mit dem Gesundheitssystem. Das
Gesundheitssystem ist relativ stark oder ausschliesslich auf das Individuum ausgerichtet,
auf das Kind. Und wenn das Kind Probleme hat, dann macht man an dem Kind etwas
herum. Und als Familientherapeut, als Systemtherapeut, und so ist die HOTA ausgerichtet,
schaut man immer Beziehungen und Interaktionen an.
Dr.med. Ursula Davatz (04:55)
Und in dem Sinn geht man ja in die Familie und schaut, wo funktioniert es nicht und kann
dann helfen, Veränderungen zu machen. Sie hat vorhin gesagt, es ist nicht top down oder
patriarchal, wird befohlen so und so wird es gemacht, sondern es ist immer Consent
Decision Making. Das kommt jetzt langsam auch in der Medizin. Man findet mit den Eltern
zusammen heraus, was gut für das Kind ist. Es ist also nicht ein patriarchaler
Erziehungsstil, der sagt, das ist richtig und das ist falsch, sondern man erarbeitet es
miteinander. Und das ist etwas ganz, ganz Wichtiges. Eigentlich wollen ja die Eltern
Experten sein von ihrem Kind und sie mögen es nicht so, wenn man ihnen dreinredet.
Aber wenn man es eben partnerschaftlich macht, dann sind sie sehr wohl froh um einen
Tipp. Und wenn sie dann noch merken, dass es gut geht, dann lassen sie sich natürlich
mehr sagen. Sie hat auch das Wort Prävention genannt. Seit ich seit 1980 im Kanton
Aargau tätig bin, habe ich immer für Prävention plädiert. Und Prävention läuft eben nicht
über Wissen. Ich habe dann so den Spruch kreiert: "viel Wissen um Gesundheit macht
noch nicht gesund". Sonst wären wir Ärzte speziell gesund, aber das stimmt überhaupt
nicht. Wir sind eher eine Risikogruppe. Viel Wissen und Krankheit macht noch nicht
gesund. Wir wissen sehr viel um Krankheit, aber wissen nicht so viel wie Gesundheit
entsteht. Da lege ich den grössten Wert auf die Interaktion, auf die Beziehung. Eine gute
Beziehung hilft stark bei der Gesundheit. Es gibt immer mehr Forschungen. Es gibt ein
Buch von Joachim Bauer, das sagt klar, eine gute Beziehung zwischen Kind und Eltern
und eine gute Beziehung zwischen Mann und Frau, allgemein eine gute Beziehung,
fördert Resilienz, fördert das Immunsystem, fördert Gesundheit. Und aus diesem Grund
legen wir am meisten Wert auf Beziehungsarbeit.
Dr.med. Ursula Davatz (07:24)
Wenn eine schlechte Passung ist, braucht man ein wenig Unterstützung und dazu ist die
Hota hier, dass sie einem hilft, einen anderen Stil herauszufinden. Im Titel heisst es
"Erziehungsmediation". Ich gehe jetzt weg von den kleinen Kinder und gehe zu
öffentlichen Erziehungssystemen. Heutzutage sind viele Kinder schon von klein auf in
einer Krippe, in einer Kita, im Kindergarten und dann in der Schule. Gestern war gerade
eine Veranstaltung des Dachvereins "Mittagstisch" oder "Begleitete Familien". Es sind alle
Mitarbeiterinnen gekommen, die die Kinder stellvertretend für die Eltern begleiten und
erziehen und mit ihnen zusammenkommen mussten. Da mussten wir viele Möglichkeiten
erarbeiten, sobald man Kinder in einem Haufen hat, also in einem Kollektiv, wird alles
etwas schwieriger.
Dr.med. Ursula Davatz (08:38)
Man kann es nicht genau gleich machen, wie wenn das Kind als Einzelkind oder mit zwei
Geschwistern zu Hause ist. In diesem Sinne braucht es immer mehr Wissen um
geschickte Erziehungsarbeit auch bei den Ersatzeltern, bei den Stellvertreter-Erzieher. Die
Eltern können nicht alles machen, viele sind auch berufstätig. Dann muss man auf das
zurückgreifen. Dann sind zum Teil die Erziehungsvorstellungen der Eltern und der
professionellen Erzieher nicht immer gleich. Dort kommt die Mediation rein, wo die HOTA
vermitteln helfen könnte, weil sie Erfahrung mit vielen unterschiedlichen
Erziehungssystemen hat. Wenn ich schaue, was das Herzensanliegen der Eltern ist, sie
wollen sicher das Wohl des Kindes, das emotionale Wohl, die emotionale Entwicklung, ein
gutes Sozialverhalten. Viele Eltern sind auch sehr am intellektuellen Wohl der Kinder
interessiert. In unserer westlichen Gesellschaft, sind wir eine sehr stark intellektualisierte
Gesellschaft. Man kommt nur weiter, wenn man eine gute Ausbildung hat. Je nachdem fällt
das einem Kind leicht, je nachdem halt nicht so. Und wenn dann die Eltern etwas vom
Kind wollen, das nicht geht, dann passt es nicht mehr. Dann ist diese Passung nicht so
gut. Und von dort her ist es auch wieder wichtig, dass man als Eltern lernt, auf das Kind
einzugehen und nicht nur das Kind als Verwirklichung der eigenen Sachen zu sehen.
Entweder verpasste Dinge, die man nicht erreichen konnte, oder dass es mindestens so
gut herauskommen muss wie wir selber, oder ein bisschen besser.
Dr.med. Ursula Davatz (10:36)
Wir Menschen wollen ja immer vorwärts kommen, es muss immer ein bisschen besser
werden, und das kann je nachdem dann zur Überforderung kommen. Wenn das Kind dann
in die Schule geht, dann haben wir hier das Schulsystem, und unser Schweizer
Schulsystem, oder mindestens deutschschweizer Schulsystem ist zum Teil ziemlich im
Argen. Man hat riesigen Lehrermangel. Ich weiss das vom Kanton Zürich, ich denke, im
Aargau ist auch Lehrermangel. Man holt jetzt irgendwelche Fachkräfte rein, die nicht
einmal ausgebildet sind. Und da frage ich mich, warum kommen nicht genügend
Menschen, Erwachsene in den Lehrerberuf? Und ich denke, es ist nicht nur Geld, sondern
es ist auch weil man offensichtlich nicht so gut weiss, wie man mit den Kindern heutzutage
umgeht. Früher war die Erziehung autoritär, alle mussten einfach folgen. Man hat
eingeschüchtert, wenn das Kind nicht gefolgt hat. Heute geht das nicht mehr. Heute will
man eigentlich individuelle Erziehung und dann hat man noch ein integriertes
Schulsystem. Dann sollten alle Kinder gut bedient sein. Das kann schwierig werden. Dann
haben die Eltern noch Erwartungen an die Lehrer und die Lehrer haben Erwartungen an
die Eltern. Da kann es dann leicht passieren, dass Eltern und Lehrer hintereinander
kommen, anstatt dass sie ja zum Wohl des Kindes also am gleichen Strick ziehen, also
das gleiche Interesse haben.
Dr.med. Ursula Davatz (12:31)
Eigentlich haben beide die gleiche Absicht, sie wollen beide das Kind gut erziehen, sodass
es eine verantwortungsvolle, erwachsene Person wird, dass es möglichst viel lernt. Aber
sie wollen mit verschiedenen Methoden vorgehen. Im Augenblick wo Eltern und Schule
und Eltern miteinander kämpfen, geht es dem Kind nicht so gut. Ich erlebe das viel. Ich
berate viele Eltern, die klagen einem, wie sie nicht verstanden werden im Schulsystem.
Und wenn ich mit den Lehrern spreche, dann sagen sie, die Eltern haben viel zu viele
Ansprüche, die sind grenzenlos und ich habe 24 Kinder und nicht nur eins. Und die Eltern
haben zu Hause nur eins. Und das wäre ein Moment, in dem man dann die Mediation
machen müsste. Und sich quasi auf den kleinsten gemeinsamen Nenner treffen. Denn
beiden wollen wirklich nur das Beste für das Kind. Und das wäre ein Moment, in dem die
Hota reinkommen kann. Und in dem ich dann eben sage, da können sie Mediation
machen. Die Präsidentin des Schweizer Lehrverbandes hatte mal einen Artikel in der
Zeitung. Ich glaube, es war sogar die "NZZ am Sonntag", in dem sie sagte, die Eltern
kämen rein wie Kampfschiffe oder Flaggschiffe. Ich weiss nicht, ob es jemand gelesen hat.
Haben Sie es gelesen?
Dr.med. Ursula Davatz (14:03)
Und dann habe ich gedacht, hoppla, das ist auch nicht so eine gute Beziehung. Und ich
habe sie dann interviewt und habe das auch auf meiner Webseite publiziert. Und sie hatte
dann auf eine Art die Haltung, das läuft alles gut laufe und ich sei von gestern, es sei jetzt
alles wunderbar. Leider treffe ich immer wieder, und nicht wenig, Eltern, die verzweifelt
sind. Und wo man das Kind dann sogar rausnehmen muss. Ich hatte ein Kind, das ein
ganzes Jahr zu Hause war. Die Mutter war fast verzweifelt. Die Schulpflege auch. Aber ich
habe immer die Hand über das Kind gehalten und gesagt, nein, wir probieren, wir
schauen. Wir haben immer wieder neue Pläne entwickelt. Und schlussendlich konnten wir
das Kind in eine andere Schule wechseln. Und jetzt läuft es bestens. Also eben, nicht
jedes Kind passt zu seinen Eltern, nicht jedes Kind passt zu jeder Schule. Respektiv, nicht
jede Schule passt zu jedem Kind. Und ich denke, da ist es wichtig, dass wir lernen, diese
Passungen zu verbessern. Und ja, da sehe ich eine potenzielle Rolle für die HOTA. Wir
sind am Anfang davon, aber ich denke, da gibt es noch sehr viel zu machen. Eine meiner
Spezialitäten ist der Umgang mit ADHS.
Dr.med. Ursula Davatz (15:38)
ADHS Kinder sind schwierigere Kinder. Man sagt, sie seien vulnerabler. Sie haben zwei
Eigenschaften, die die Erziehungsaufgabe schwierig machen. Sie sind einerseits
hochsensibel, sie merken alles gerade. Und andererseits hochreaktiv, und impulsiv reaktiv.
ADHS Kinder, wenn man denen querkommt, wenn man von denen etwas verlangt, was sie
nicht wollen, dann werden sie aggressiv oder sie laufen davon, sie rufen aus, sie zerstören
etwas. ADS Kinder, die ziehen sich eher zurück. Und dann bis zum Punkt, dass man dann
sagt, das ist ein autistisches Kind oder das ist Asperger. Und Mediziner kommen dann
immer wieder mit neuen Begriffen, aber aus meiner Sicht ist es eigentlich immer das
Gleiche. Es ist ein hochsensibles Kind, das sich dann stark zurückzieht. Bis zum Punkt,
wo es nicht mehr kommuniziert. Und das ist der Moment, wo man dann schauen muss,
wenn das sich zurückziehende Kind eine Mutter oder ein Geschwister hat, das sehr
kommunikativ ist und immer den Platz einnimmt, dann muss man die zurücknehmen,
damit das sensible Kind, das sich zurückzieht, wieder Platz hat. Aber häufig hat man ja
keine Zeit und man will, dass das doch endlich vorwärts geht. Und je mehr man an dem
Kind herummacht, umso kränker wird es. Es geht quasi in einen Teufelskreis hinein.
Dr.med. Ursula Davatz (17:14)
Das das wäre der Moment, wo man verlangsamen muss, beobachten und dann vielleicht
wieder neu einsteigen. Und die, die den Film "Horse Whisperer" gesehen haben, dort hat
man gesehen, wie man nicht so viel sprechen darf. Die Mutter hat viel zu viel gesprochen
und der Horse Whisperer hat gesagt, jetzt seid mal ruhig. So kann sich das Pferd nicht
beruhigen, wenn du so viel sprichst. Anhand der Tiere kann man oft besser lernen, weil
man dort besser beobachten kann. Wenn es um den Menschen geht, meint man immer
schon, man weiss wie es sein muss, man kommt mit seinen Prinzipien rein, man hat mehr
Mühe objektiv zu sein. Bei der Erziehung, wir kommen alle aus einem Elternhaus, wir
haben gewisse Erziehungen erlebt, und da ist natürlich die Erziehung, die der Vater erlebt
hat, die Erziehung, die die Mutter erlebt hat, die Wertvorstellungen, die der Vater hatte und
die Mutter gelernt hat, nicht immer gleich. In einer multikulturellen Gesellschaft ist es
nochmals schwieriger. Als Liebespaar geht alles wunderbar. Und wenn dann die Kinder
kommen und man kommt aus einer albanischen Familie, sagen wir mal, der Vater kommt
aus einer albanischen Familie, die Mutter aus einer Schweizer Familie, dann sind die
Vorstellungen, wie man umgehen soll mit dem Kind, mit der Partnerschaft etc, sind recht
unterschiedlich.
Dr.med. Ursula Davatz (18:55)
Ich denke, dort müssen wir Systemtherapeuten, also auch wieder die HOTA, müssen wir
dann auch Kulturübersetzung machen. Und keine Kultur ist besser als die andere. Auch
wenn wir hier sind, können wir nicht sagen, unsere Kultur ist besser ist als die andere. So
funktioniert es, dann wird nur gekämpft. Man muss die Kulturen, die Unterschiede
zusammenführen und den Leuten helfen, dass sich gegenseitig wertschätzen. Das Kind
kann an sich beide Stile lernen, wenn die unterschiedlichen Stile nicht einander
reinsprechen. Es ist nicht immer möglich, dass man einen Konsensus heranbringt.
Manchmal muss ich den Eltern auch sagen, an dem Tag, an dem die Mutter zuständig ist,
hat sie die Führung und der Vater darf nur helfen, wenn die Mutter ihn reinholt. Und
umgekehrt, wenn der Vater zuständig ist, darf die Mutter nicht reinreden, dann darf der
Vater nur helfen, wenn die Mutter ihn holt. Und ich habe bei Ehepaaren, wo einer von
ihnen ADHS ist und das Kind ist auch ADHS, hat das wie ein Wunder gewirkt. Also indem
sie sich gegenseitig respektiert haben, wer die Zuständigkeit hat, hat sich das
Familienklima beruhigt und das Kind hat sich auch beruhigt. Also ADHS Kinder sind von
dort her Kinder, die kleine Probleme zum Eskalieren bringen.
Dr.med. Ursula Davatz (20:33)
Sie verlangen eine höhere Selbstkontrolle und eine bessere Kommunikation, eine bessere
Zusammenarbeit. Das Gleiche dann auch, wenn das Kind in der Schule ist, verlangt das
ADHS Kind auch eine bessere Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern. Und häufig
erzählen die Kinder nicht, was in der Schule läuft. Aber sie leiden zum Teil, weil sie Angst
haben, wenn sie zu Hause etwas erzählen, dann würde die Mutter oder der Vater in die
Schule gehen und dann würde das Kind nachher bestraft dafür, weil die Mutter in die
Schule gegangen ist. Da sieht man, wie da schon eine gewisse Feindschaft ist oder eine
Angst voreinander zwischen Eltern und Lehrer. Und das Kind merkt die. Und das Kind
steckt dann seine Bedürfnisse zurück, damit die zwei Parteien ja nicht Krach miteinander
bekommen. Und stellt sich vor, es wird dafür bestraft, wenn Eltern und Lehrer dann Krach
miteinander haben. Und das ist natürlich keine gute Voraussetzung. Also in dem Sinn ist
das ganz eine wichtige Sache, dass die beiden Erwachsenen Erziehungsbeauftragten,
Erziehungsverantwortlichen, dass sie eine gute Beziehung miteinander haben können. Da
gibt es heute auch schon Elternräte und alle möglichen Sachen. Ich habe zum Teil auch
Supervision gemacht bei solchen, aber irgendwo trennt sich das immer wieder.
Dr.med. Ursula Davatz (22:16)
Die Situation ist anders, wenn man ein oder drei Kinder zu Hause hat, als wenn man 24
Kinder hat. Es gelten ein wenig andere Regeln. Aber die unterschiedlichen Regeln kann
man durchaus anschauen und vertreten. Man muss die beiden Parteien nicht
gegeneinander aufhetzen, die Situation streitig machen sonder sie müssen Respekt
füreinander haben und das ist manchmal nicht so einfach. Eltern können Lehrer
aufmerksam machen auf Bedürfnisse der Kinder. Manchmal haben die Eltern viel Wissen
über ADHS. Aber die Lehrer lassen es sich oft nicht so gerne sagen, denn sie gehen
davon aus, dass die Eltern sich nur für das Kind einsetzen wollen.
Dr.med. Ursula Davatz (23:16)
Wenn aber eine fremde Fachperson, wie die Vertreterin der HOTA, etwas sagt, können es
die Eltern besser entgegennehmen. Darum sage ich eben, dass Mediation zwischen
Eltern, Schule und Kind. Wichtig ist, dass man das Kind als erstes gut erkennen lernt, das
Kind gut verstehen lernt, in seinen Reaktionsmustern, speziell jetzt beim ADHS Kind, und
nicht gleich von Anfang an das Kind der Norm anpassen will. ADHS Kinder lassen sich
schlecht erziehen. Man kann sie nicht gut der Norm anpassen. Man kann sie gar nicht der
Norm anpassen. Und ich gehe sogar so weit, dass ich sage, ADHS Kinder darf man gar
nicht erziehen. Mit ADHS Kindern darf man nur Beziehung pflegen, ein gutes Vorbild sein
und führen.
Dr.med. Ursula Davatz (24:19)
Und führen ist etwas anderes als erziehen. Wenn man erzieht, dann sagt man, du musst
das machen und ich will das und dies und jenes. Hingegen, wenn nur eine Beziehung
pflegt und führt, dann sagt man, mir ist es wichtig in dieser Situation, dass man das so und
so macht. Und ich mache das so und so. Man ist ein Vorbild. Oder man spricht gar nicht
so viel, man macht es. Ich unterscheide, man darf nicht das Kind stossen, man darf es
ziehen. Man kann es führen und es folgt dann. Wenn man mit dem Kind rausgehen soll,
dann muss man ein bisschen vorher sagen, jetzt ist die Zeit zum Anlegen, wir wollen dann
und dann rausgehen. Und wenn man selber noch etwas macht und sagt, mach dich schon
bereit, ich komme dann, dann geht das meistens nicht. Man muss sagen, ich mache mich
schon bereit, ich bin bereit, ich gehe schon mal zur Tür. Das wäre dann die Führung.
Eigentlich will das Kind die Beziehung behalten und es kommt dann gerne mit. Vielleicht
braucht es ein wenig Zeit, bis es selber entschieden hat und dann läuft es mit. Hingegen
wenn man sagt, mach jetzt bereit, du musst, dann macht es Widerstand und hat man eine
riesigen Krach.
Dr.med. Ursula Davatz (25:53)
Das wäre so ein ganz kleines Beispiel. In diesem Sinne ist es wichtig, dass man weiss,
wie das Kind funktioniert. Und wenn ich sage, ADHS Kinder darf man gar nicht erziehen,
man kann sie nur führen, man kann nur Beziehungen mit ihnen aufbauen und aus der
Beziehung heraus folgen sie einem dann. Wenn man eine gute Beziehung hat, sind sie
fast wie Lämmchen. Sie fressen einem aus der Hand, könnte ich sagen. Wenn man eine
schlechte hat, machen sie nur Widerstand. Und das kann auch bei den Lehrern passieren,
das kann auch bei den Krippen passieren. Ich versuche den professionellen Erziehern
immer wieder Methoden beizubringen, wie sie das Kind führen können, wie sie in eine
Interaktion mit dem Kind kommen können und wie sie ihr Selbstvertrauen auch behalten
können. Man ist stärker. Je nachdem muss man sich auch durchsetzen. Aber durchsetzen
heisst nicht, du musst mir jetzt folgen, du musst das machen, sondern man setzt sich
durch. Also vielleicht müssen wir anhand von einem Beispiel das anschauen. In diesem
Sinne sage ich, ADHS Kinder müssen intrinsisch, also von sich aus motiviert sein und man
muss ihnen immer ein bisschen Zeit lassen, dass sie selber zu dieser Situation kommen
können, dass sie sagen, okay, ich mache das so.
Dr.med. Ursula Davatz (27:17)
Wenn man sie sofort drängt, dann hat man Widerstand. Das wären so ein paar Gedanken.
Und was ich vorher versucht habe zu sagen, wenn man Konflikte zwischen Eltern und
Lehrern hat, dann ist das Kind wie zwischen einem streitenden Ehepaar und dann
übernimmt das Kind die Verantwortung für das Wohlbefinden, sowohl von den Eltern als
auch des Lehrers. Viele Eltern, die miteinander Erziehungskonflikte haben, sagen, sie
hätten keinen Streit, sie hätte nur wegen dem Kind Streit. Das ist überhaupt nicht gültig.
Und dasselbe passiert dann zwischen Eltern und Lehrer. Ab und zu höre ich dann von
Eltern, wenn das Kind schon erwachsen ist, dann sagen die Eltern, das Kind habe mir gar
nie etwas gesagt. Und es hat eben nichts gesagt, weil es Angst hatte vor einem
potenziellen Konflikt. Und Kinder sind so wahrnehmend, also die nehmen emotionale
Gewitter oder potenzielle Gewitter besser wahr, respektive tun sie vorher schauen besser
als wir Erwachsene. Wir können uns immer so ein bisschen auf die Sprache zurückziehen.
Und argumentieren und intellektualisieren. Die Kinder können das noch nicht so gut. Aber
die merken sehr gut, was für ein Glitter in der Luft ist. Und ADHS Kinder ganz speziell.
Und wenn ich z.B. Mütter frage, welches Kind am ehesten merkt, wenn es ihnen nicht gut
geht, dann sagt sie immer, das ADHS Kind.
Dr.med. Ursula Davatz (29:05)
Die haben feine Antennen, die spüren alles. Ich komme wieder zur Kritik von unserem
Gesundheitssystem. Wie gesagt, unser Gesundheitssystem und auch das psychiatrische
Gesundheitssystem ist hauptsächlich medizinisch orientiert, individuell orientiert. Und
wenn man dann mit dem Kind nicht mehr zu Gang kommt, wenn man völlig verzweifelt ist,
dann gibt man es der Psychiatrie ab. Und die Psychiatrie sollte dann das Kind zu einem
Normkind zu einem gesunden, normalen Kind bringen. Und das ist natürlich schwierig.
Erstens mal ist es dort ein Haufen von gestörten, psychisch kranken Kindern, und dann
kommt man dort häufig auch mit irgendeinem Erziehungsstil. Und wie gesagt, man kann
eigentlich nicht zur Gesundheit erziehen, sondern die Gesundheit kann sich nur
entwickeln. Und aus diesem Grund läuft ja heute der Slogan "Ambulanz vor Stationär" und
die HOTA vertritt das. Wir versuchen eigentlich, indem wir nach Hause ins System gehen,
indem wir die Eltern beraten, indem wir sie möglichst früh beraten, versuchen wir zu
verhindern, dass das Kind ausgegliedert werden muss und ins Krankensystem reinkommt.
Frau Aljana hat vorhin gesagt, dass wir eine Diagnose stellen müssen. Offiziell läuft ADHS
unter der Diagnose. Ich bin so frech und sage, für mich ist es keine Diagnose. Es ist ein
Genotyp, also ein genetisch vererbter Neurotyp, Hirntyp, Persönlichkeitstyp, der etwas
schwieriger und vulnerabler ist.
Dr.med. Ursula Davatz (31:03)
In meiner Erfahrung sehe ich dann immer mehr, wie so vulnerable ADHS Kinder in eine
Krankheit schlittern. Sie können in eine psychische oder somatische Krankheit schlittern.
Sie sind ein Gesundheitsrisiko. Da hat man heute immer mehr Statistiken. Darum liegt es
mir am Herzen, dass man bei ADHS Kindern möglichst früh präventiv und hilfreich eingreift
und das System unterstützt, damit es lernt, mit den Kindern umzugehen. Und wenn man
lernt, mit den Kindern umzugehen, Lehrer wie auch Eltern, dann ist es ein Gewinn. Also
dann hat man einen Vorteil. Und wenn man Familientherapie macht mit einer Familie, mit
den Eltern, und wenn es gut verläuft, dann sagen sie immer, dank dem Kind habe ich so
viel gelernt. Also dann wird der Störfaktor wieder zu einem Lernfaktor. Das chinesische
Zeichen heisst "Krise" und bedeutet einerseits "Gefahr" und "Chance für Entwicklung". In
diesem Sinne werden ADHS Kinder zum Teil, auch in Büchern, sogar hausiert, also
verkauft, als "Das sind unsere grossen Entwickler". ADHS Kinder können über Grenzen
hinausdenken, sie halten sich nicht so gut an Regeln. Sie können nicht so gut fokussieren,
aber sie haben eine ganz breite Aufmerksamkeit. Und dadurch können sie Out of the Box,
also können sie über Grenzen hinausdenken und dadurch sind sie kreativ. Und viele
gehen auch in kreative Jobs oder machen ihr eigenes Business auf.
Dr.med. Ursula Davatz (33:22)
Und es ist schade, wenn man diese Kreativität zerstört, nur weil der Erziehungsstil nicht
passt zu dem Kind. In diesem Sinne sollte sich nicht nur das Kind der Gesellschaft
anpassen, sondern das Erziehungssystem sollte sich auch dem Bedürfnis des Kindes
anpassen. Das heisst nicht, dass das ADHS Kind dann später völlig quer drinnen liegt,
sich über alles hinwegsetzt, im Gegenteil. Wenn man, solange das Kind noch in
Entwicklung ist, wenn man auf das Kind Eingehen kann, ihm entsprechend entgegnen
kann, seinem Temperament entsprechend erziehen kann, ist es nachher viel besser in der
Lage, sozial zu sein und sich den Situationen anzupassen. Denn die starke Sensibilität
und die Fühler, die sie alle draussen haben, befähigen das ADHS Kind sehr gut auf die
Situation einzugehen. Aber wenn man ihre Bedürfnisse übergeht, dann sind Sie nur noch
auf Abwehr und das Leben lang auf Abwehr. Und das wollen wir sicher nicht. Und der
Carlos, der in allen Medien gehandelt worden ist, war ein hundertprozentiges ADHS Kind,
auf seine Bedürfnisse ist man nicht eingegangen und entsprechend schlecht ist es
herausgekommen. Und solche Fälle möchte ich natürlich nicht provozieren. Man weiss
heute auch, dass auch ungefähr 30 bis 40 Prozent in den Gefängnissen ADHS sind. Damit
will ich Ihnen nicht Angst machen, sondern damit will ich Ihnen Mut machen, dass Sie sich
getrauen, falls Sie ein ADHS Kind haben oder von einem hören, getrauen sie sich, auf die
speziellen Bedürfnisse dieses Kindes einzugehen.
Dr.med. Ursula Davatz (35:15)
Wenn Lehrer und Eltern auf diese speziellen Bedürfnisse des Kindes eingehen, haben sie
einen Profit. Ich lande hier auch wieder beim sokratischen Lernen. Sokrates sagte, er
lerne von seinem Schülern am meisten. Und wenn ich nicht von meinem Schüler lerne, bin
ich kein guter Lehrer. In diesem Sinne sind wir soziale Wesen, die immer wieder etwas
lernen können. Die Auseinandersetzung mit schwierigen Kindern bringt uns weiter. Das
wären ein paar Ideen. Jetzt möchte ich Ihnen die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen,
Ergänzungen zu machen, zu kritisieren, die Dinge einbringen.