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Dr.med. Ursula Davatz

21.11.2023

Substanzmissbrauch und Handling im Arbeitskontext
Audio

[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüssen zu dem Thema: Substanzmissbrauch und Handling im
Arbeitskontext.

[00:00:08.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin 1980 auf Königsfelden gekommen und habe dann das Suchtambulatorium übernehmen müssen.

[00:00:15.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe davor nicht so viel mit Sucht zu tun gehabt, aber ich habe über 40 Jahre, jetzt 43 Jahre mich mit
Suchtkrankheiten befasst.

[00:00:25.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch ein Buch darüber geschrieben, bin in der Drogenkommission gewesen und habe mit vielen
über Sucht diskutiert.

[00:00:32.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe den Aargauischen Verein Sucht, jetzt heisst er AGS, also Aargauische Gesellschaft Sucht
(Suchtberatung ags), der hat früher Aargauische Alkoholführersorgeverein geheissen.

[00:00:49.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann Alkohol-Sucht und Drogensucht zusammengelegt in eine Behandlungsinstitution.

[00:00:56.760] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn habe ich mich sehr viel mit Sucht befasst. Ich habe ein Buch darüber geschrieben: "Wie
bewahren wir unsere Kinder vor der Drogensucht?"

[00:01:08.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich probiere am Anfang ein paar grundlegende Prinzipien zur Sucht und Sucht Substanzen ihnen zu
sagen.

[00:01:18.320] – Dr.med. Ursula Davatz

Sämtliche Sucht Substanzen ob ob legal oder illegal, der Alkohol ist legal. Die Drogen von den Gasse
sind illegal und Medikamente, die von den Ärzten verschrieben werden, sind legal. Also die bekommt
man von der Krankenkasse bezahlt.

[00:01:37.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Substanzen, die suchtbildend sind, haben die Aufgabe, Emotionen zu regulieren.

[00:01:45.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind schnelle Emotionsregulierer, schnelle Emotionsregler.

[00:01:51.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Kind wird die Emotion noch von der Mutter geregelt und von den Vätern, also von den
Bezugspersonen.

[00:02:02.650] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät und man lernen, seine Emotionen selber zu regeln.

[00:02:07.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht immer so einfach. Das ist relativ schwierig.

[00:02:11.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen mit einer starken Impulsivität, die haben noch mehr Mühe.

[00:02:15.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären dann wieder die ADHSler, die mehr Mühe haben mit Emotionsregulation.

[00:02:21.890] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn weiss man auch, da gibt es Statistiken darüber, dass ADHSler- mehr
Abhängigkeitskrankheiten haben.

[00:02:30.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt mehr Drogensüchtige Suchtmissbraucher unter den ADHSlern.

[00:02:35.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Emotionsregler, die helfen einem die Emotionen wieder in das Gleichgewicht hineinzubringen.

[00:02:47.250] – Dr.med. Ursula Davatz

Es läuft so, dass wenn wir von aussen her Impulse auf uns bekommen, wenn wir Auseinandersetzungen
mit Menschen, wenn etwas verlangt wird von uns, was wir nicht können, dann geraten unsere Emotionen
aus dem Gleichgewicht.

[00:03:03.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist unangenehm.

[00:03:07.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Schuldgefühle sind etwas vom unangenehmsten, was man kann haben.

[00:03:10.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Aggression kann unangenehm sein, wenn man sich gut benehmen will.

[00:03:14.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist unangenehm, wenn wir starke Emotionen haben.

[00:03:20.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Die können wir nicht ganz so schnell wieder ins Gleichgewicht bringen. Mit den Sucht-Substanzen kann
man die Emotionen sehr schnell wieder ins Gleichgewicht bringen.

[00:03:33.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir prozessieren alle Einflüsse von aussen über unser emotionales Hirn, das Limbische System.

[00:03:42.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo wir stark unter Stress geraten, haben wir vier Reflex, vier automatische Reflex und das
ist: Kampf, Flucht, Totstell-Reflex und der letzte bringe ich jetzt auch immer dazu: Teasing, also Spiel-oder
Neckreflex, also Störreflex.

[00:04:10.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Über diesen Reflex passiert Lernverhalten und bei Jungtieren, also bei jungen Menschen, sieht man das
sehr stark.

[00:04:17.660] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät tritt viel von dem Verhalten auf, dass die jungen Menschen, also die Pubertierenden, tun
uns Erwachsene provozieren mit dem Spiel, mit dem Teasing.

[00:04:32.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann nimmt man es zu ernst oder findet, die tun uns jetzt schlecht behandeln.

[00:04:38.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann tut man sie sofort runter disziplinieren, aber sie müssen lernen mit ihren Emotionen umzugehen.

[00:04:45.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen uns auch herausfordern, damit sie sehen, wie man reagiert.

[00:04:51.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gehört auch wieder zur Emotionsregulation.

[00:04:56.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Reflexe nicht mehr funktionieren, also wenn man den Stress nicht mehr abbauen kann, mit
Kämpfen, davonrennen, sich totstellen oder in ein Spielverhalten hinein kommen, wenn das nicht mehr
funktioniert, dann kommen wir wahnsinnig unter Stress. Das ist sehr unangenehm und dann müssen
andere Methoden verwendet werden.

[00:05:21.320] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Moment, wo es so unangenehm ist, da kann man natürlich dann chemische Substanzen
verwenden um sich wieder ins Gleichgewicht bringen.

[00:05:32.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Sucht auslösende Substanzen, also Suchtmittel sind ein guter Ausweg aus dem unangenehmen
Gefühl.

[00:05:41.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Sucht bildende Substanzen sind euphorisierend, also geben einem ein gutes Gefühl, sind
schmerzbekämpfend, also nehmen den Schmerz weg, das wären dann die Opiate, die nehmen den
Schmerz weg und geben einem auf eine Art ein Pseudosicherheitsgefühl.

[00:06:03.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie organisieren einem ein Wohlgefühl und dann wirkt es, als ob man wieder im Gleichgewicht sei.

[00:06:15.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mal einen Drogensüchtigen gehabt, der ist Opiumsüchtig gewesen oder sogar
Schmerztablettersüchtig und hat gesagt, ich muss Schmerztabletten nehmen, damit ich unter die Leute
gehen kann.

[00:06:26.950] – Dr.med. Ursula Davatz

Er ist sehr scheu gewesen und wollte nur mit diesen Schmerztabletten zu seinen Kameraden gehen.

[00:06:35.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hergestellte Gleichgewicht über diese Suchtsubstanzen, das täuscht etwas vor, das täuscht eine
Selbstsicherheit vor, das täuscht eine Zufriedenheit vor.

[00:06:49.460] – Dr.med. Ursula Davatz
An dieser Stelle mache ich mich immer lustig über die Definition der Gesundheit von der WHO. Die
sagen, ein Mensch ist gesund, wenn er sich körperlich wohlfühlt, wenn er sich psychisch wohlfühlt und
wenn er sich sozial wohlfühlt.

[00:07:03.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer, der Heroin zu sich genommen hat, fühlt sich körperlich wohl, hat keine Schmerzen, fühlt sich
seelisch, psychisch wohl und sozial braucht er nichts.

[00:07:13.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Er ist auf niemanden mehr angewiesen.

[00:07:16.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Gesundheit definiert über die Gefühle, ist man eigentlich verloren.

[00:07:22.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die jungen Menschen beginnen in der Pubertät am meisten mit Suchtverhalten.

[00:07:36.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wenn man ein unangenehmes Gefühl hat, dann einfach eine Droge konsumiert, dann
kann man das unangenehme Gefühl gerade wieder wegbringen. Und was passiert dann? Man lernt nicht.

[00:07:51.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich müssten wir, wenn man ein unangenehmes Gefühl hat, schauen woher kommt das?

[00:07:57.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum bin ich jetzt so traurig?

[00:07:59.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum bin ich verrückt?

[00:08:00.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum fühle ich mich verletzt? Man müsste eigentlich zurückgehen und die Ursache finden.

[00:08:06.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man eine Tablette schlucken kann, muss man das nicht mehr.

[00:08:10.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann lernt man nichts.

[00:08:11.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerade heute Morgen habe ich mit einem geredet, der regelmässig Alkohol konsumiert, seine Frau
regelmässig haschisch. Da habe ich gesagt, es ist in dem Sinne nicht gefährlich, man stirbt nicht davon,
aber man lernt nichts mehr.

[00:08:25.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann ein bisschen extrem, man verblödet schon früher.

[00:08:30.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn wird nicht herausgefordert zum Lernen.

[00:08:37.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier komme ich wieder zu der Hirnstruktur zurück.

[00:08:42.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir tun alles prozessieren als erstes über unser emotionales Hirn.

[00:08:48.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das tut auch ständig neue Zellen generieren.

[00:08:52.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Man redet da von adulter Neurogenese.

[00:08:56.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, das Hirn kann ständig neue Zellen produzieren.

[00:09:02.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Hirn zu überladen ist mit Stress, dann wird es Müde und dann verkümmert es.

[00:09:09.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt das Buch "Das erschöpfte Gehirn" oder man sagt das müde Gehirn.

[00:09:15.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir uns ständig mit Stress beladen und dann Suchtmittel konsumieren, dann lernen wir nichts.

[00:09:22.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sind wir nicht so anpassungsfähig.

[00:09:25.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem wir ständig neue Sachen rein nehmen, indem wir uns Zeit nehmen zum Prozessieren in unserem
Grosshirn, also schauen, was hat mich eigentlich gekränkt, was hat mich gestört, was hat mich verrückt
gemacht?

[00:09:41.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann können wir das bearbeiten, dann kann man es im Grosshirn ablegen als Erfahrung und dann ist
das emotionale Hirn wieder frei für neue Erfahrungen.

[00:09:52.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man es ablegt, wird unser wunderbares Grosshirn, wird ständig komplexer und
anpassungsfähiger.

[00:10:06.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Je komplexer es wird, umso besser kann es mit schwierigen Situationen umgehen.

[00:10:11.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat untersucht, wie männliche Gehirne auf Stress reagieren und wie weibliche Gehirne auf Stress
reagieren. Da hat man herausgefunden, dass die weiblichen Gehirne, dass die eher komplexer werden,
also dass die verschiedene Verschaltungen machen im Gehirn, das heisst, sie lernen, sie wollen lernen.

[00:10:34.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Also offensichtlich wollen die Weiblichen gerne lernen. Mit den Ratten hat man es untersucht.

[00:10:40.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind noch nicht bei den Menschen.

[00:10:43.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Medikamente werden an Ratten ausprobiert.

[00:10:48.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das männliche Gehirn unter Stress anschaut, dann was macht das? Es verliert an
Komplexität. Es macht nur noch Einbahnstrasse und fährt in die Wand.

[00:11:02.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist jetzt meine Interpretation.

[00:11:04.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sieht man in der modernen Politik und in der Kriegsführung. Da wird nur noch geradeaus gefahren
und möglichst einfach den anderen zerstören.

[00:11:13.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das können wir uns nicht mehr leisten.

[00:11:16.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich sollten wir eher komplexere Gehirne machen, lernen, vernetzen und dann auch raffiniertere
Lösungen finden.

[00:11:28.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten Probleme kommen aus Beziehungsproblemen.

[00:11:40.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kommt nicht in den Gang mit seinem Vorgesetzten, man kommt nicht in den Gang mit seinem
Kollegen, mit seinen Eltern, weiss ich nicht was.

[00:11:49.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Beziehungsprobleme machen uns den grössten Stress.

[00:11:53.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Medizin schaut nur immer, was sonst stressig ist.

[00:11:56.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Chemie, Luftverschmutzung ist alles auch schlimm.

[00:12:00.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Die soziale Luftverschmutzung, die wird nicht so angeschaut.

[00:12:03.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Psychiaterin sage ich das natürlich und als Familientherapeutin, wir müssen viel mehr schauen, was
macht uns eigentlich Stress?

[00:12:13.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es in die Behandlung geht. Suchtverhalten ist in dem Sinn Zwangsverhalten.

[00:12:22.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald der Stress kommt, greift man zum Suchtmittel, zwanghaft.

[00:12:29.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles Zwangsverhalten ist nicht mehr der bewussten Kontrolle vom Grosshirn unterworfen.

[00:12:36.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man rein Symptom bekämpfend mit den Menschen arbeitet, dann sagt man einfach, du musst
aufhören zu trinken, du musst aufhören Drogen zu konsumieren.

[00:12:45.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man geht erzieherisch vor.

[00:12:47.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Man tut die Leute stationär behandeln, wenn sie sich brav benehmen, dann haben sie alle möglichen
Freiheiten, wenn sie wieder konsumieren, wenn sie rückfällig werden, werden sie bestraft.

[00:13:00.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein reflexartiges Verhalten kann eigentlich nicht vom Grosshirn her gesteuert werden und darum reicht es
überhaupt nicht, wenn man als Therapeut versucht, Suchtverhalten zu verbieten, zu unterbrechen.

[00:13:19.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Im ambulanten Sektor, da wissen die ambulanten Therapeuten, ja, ich kann nicht sagen, jetzt kannst du
nicht mehr zu mir kommen, weil du jetzt wieder rückfällig geworden bist, dann bricht die ganze Therapie
zusammen.

[00:13:33.740] – Dr.med. Ursula Davatz

Im stationären Bereich kann man sagen, du musst raus. Du bist ein fauler Apfel, du steckst alle an und
dann kann er wieder vorne anfangen.

[00:13:41.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat da schwierige Konzepte, die eigentlich gar nicht funktionieren.

[00:13:48.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Systemtherapeutin probiere ich bei jedem Süchtigen herauszufinden, wo ist eigentlich der Störfaktor?

[00:13:59.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Was verletzt dich? Was kränkt dich? Was hat dich früher kränkt?

[00:14:05.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Also dass man all die Muster anschaut, wo sie verletzt hat.

[00:14:09.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geht es darum, dass man sie begleitet in ihrem Suchtverhalten.

[00:14:17.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Immer wenn ein Rückfall ist, fragt man, was ist vorne dran gewesen? Wie hast du Suchtmittel eingesetzt?
Für was hast du es gebraucht?

[00:14:25.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht ohje, jetzt hast du wieder einen Rückfall gemacht.

[00:14:28.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe jahrelang die vom AGS supervidiert.

[00:14:34.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann immer gesagt, es macht nichts wenn man einen Rückfall hat.

[00:14:38.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Anhand vom Rückfall kann der Patient lernen und ich kann lernen, indem ich immer wieder frage: Was ist
vorne dran passiert?

[00:14:46.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier gibt es auch so ein bisschen zwei Methoden.

[00:14:50.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig wird das Suchtmittel eingesetzt als Stressbewältigung.

[00:14:55.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird auch eingesetzt als Enhancement, wie man so sagt, zum Erhöhen vom schönen Gefühl.

[00:15:02.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, wenn ich eine Prüfung bestanden habe, dann kann ich mich besaufen oder wenn irgendwas
gut gelaufen ist, am Abend muss ich mich belohnen.

[00:15:11.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt dann solche, die sich jeden Abend belohnen müssen.

[00:15:14.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es reicht ihnen nicht, dass sie etwas gut gemacht haben. Das ist nicht genügend Belohnung.

[00:15:22.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Manager, der trinkt seinen Whisky und der Jugendliche raucht seine Haschisch Zigarette.

[00:15:29.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird als Belohnung eingesetzt und als Stressbewältigung eingesetzt.

[00:15:35.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Beides sobald es zur Gewohnheit wird, schadet es natürlich und man lernt nichts. Man lernt nicht.

[00:15:45.480] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn muss man immer bei jedem Süchtigen nach der Ursache fragen, also nach der Ursache vom
Missgefühl und nicht einfach nur Befehlen: Du musst aufhören.

[00:16:00.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her geht für mich Verhaltenstherapie überhaupt nicht.

[00:16:03.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann passt er sich an und es gibt viele, die in der Suchtklinik sind, zum Beispiel Klinik Hasel, die sind
zwei Tage draussen und rückfällig.

[00:16:13.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zeigt, es ist nichts passiert. Man hat nur etwas verhindert.

[00:16:17.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es nur Jugendliche sind, probieren die Eltern oft zu verhindern, die Mütter.

[00:16:22.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss dann immer sagen, bringt nichts, das sind dann Co-Süchtige.

[00:16:25.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss an den Ursprung der psychosozialen Ursachen gehen.

[00:16:32.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gehört dann dazu, ich kann mich nicht durchsetzen, ich werde nicht gehört, mit mir wird schlecht
umgegangen etc.

[00:16:42.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt muss ich zu Ihnen kommen, denn sie sind ja Arbeitgeber und nicht Therapeuten.

[00:16:52.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will sie auch nicht zu Therapeuten machen.

[00:16:56.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können dennoch ihren Angestellten fragen, es heisst ja auch Handhabung im Arbeitskontext; wenn
sie Sucht bemerken, wenn sie merken, dass einer eine Fahne hat oder dass er gläserige Augen hat oder
rote Augen, wie beim Haschisch, wenn sie merken, dass eine/r Sucht Symptome zeigt, dann dürfen sie
etwas sagen dazu.

[00:17:34.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Nichts Bestrafendes, sondern etwas Exploratives.

[00:17:38.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen sagen: Ich sehe, du hast rote Augen oder ich sehe, du hast Stecknadel Pupillen, das wäre bei
den Opiat, Opioid.

[00:17:49.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sagen: Was ist gewesen in deinem Leben oder jetzt gerade vorne dran, dass du Suchtmittel
konsumieren musstest.

[00:17:59.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Du machst mir den Eindruck, als ob du konsumiert hast.

[00:18:03.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, nein, ich habe nichts genommen.

[00:18:05.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist gleich. Ich muss nichts herausfinden. Ich muss auch nicht beweisen. Ich muss auch kein Urin haben
aber ich habe den Eindruck

[00:18:12.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ein bisschen Erfahrung hat, dann sieht man es. Sie sind ja so ein bisschen komisch dann.

[00:18:18.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man fragen, was hat dich verletzt, dass du das gebraucht hast, um dich wieder gut zu fühlen?
Was hat dich geärgert, dass du das gebraucht hast, um dich wieder gut zu fühlen? Vor was hast du
Angst?

[00:18:30.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kann Angst haben vor ihnen, dass sie verrückt werden mit ihm und mit schimpfen.

[00:18:38.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Inwiefern fühlst du dich besser, wenn du Suchtmittel genommen hast?

[00:18:43.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre das Problem weg machen mit Suchtmittel.

[00:18:50.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat das Suchtmittel für dich sozial für eine Bedeutung?

[00:18:54.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Inwiefern bist du ein besserer Kumpan, ein Super Typ, wenn du ein bisschen angeheiterter bist oder eben
Suchtmittel genommen hast?

[00:19:05.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können nach Ursachen fragen.

[00:19:07.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit zeigen sie, sie denken über den Suchtmittelkonsum aus und gehen nicht nur auf den Konsum ein.

[00:19:16.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er am Arbeitsplatz natürlich völlig zu ist und sie arbeiten mit Maschinen, dann müssen sie sagen:
So ist es ein Risiko am Arbeitsplatz. Ich muss dich nach Hause senden.

[00:19:27.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Du darfst gerne wieder kommen, wenn du ein bisschen nüchterner bist.

[00:19:31.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nie absolut sagen, wenn du total nüchtern bist. Vielleicht bringt er das nicht hin. Ein bisschen
besser ist schon gut.

[00:19:39.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bestimmen und sagen: Jawohl, jetzt kannst du kommen.

[00:19:43.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind nicht verantwortlich für sein Suchtverhalten.

[00:19:47.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Er oder sie ist verantwortlich.

[00:19:49.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Eltern, aber auch Fachleuten übernehmen oft die Verantwortung für die Abstinenz, Verantwortung für das
Suchtverhalten.

[00:19:58.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man nicht. Das muss es immer der Süchtige selber machen.

[00:20:03.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sagen, in dem Zustand kann ich dich nicht haben. Du störst oder du bist eine Gefahr, also
Verletzungsgefahr.

[00:20:13.410] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn dürfen sie ihn heimschicken.

[00:20:17.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber sagen, wenn du dich besser fühlst, dann darfst du gerne wieder kommen.

[00:20:25.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit ihren Fragen veranlassen sie ihren Angestellen, ihren Süchtigen, ihre Süchtigen Angestellen zu
reflektieren und er muss die Arbeit leisten, nicht sie für ihn.

[00:20:38.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen nichts für ihn erreichen. Das kann er von mir aus mit seinem Therapeut besprechen. Sie
sagen nur in dem Zustand kann ich dich da nicht beschäftigen.

[00:20:49.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollen reflektieren. Sie können dann auch wieder fragen: Was ist dir durch den Kopf gegangen? Hast
du etwas gelernt daraus? Sucht-substanzen verhindern Lernen.

[00:21:00.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie fragen, hast du etwas gelernt? Zeigen sie, sie glauben an den Menschen, dass der lernen kann
und dass etwas besser werden kann.

[00:21:10.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Lernen ist etwas ganz, ganz, ganz Wichtiges.

[00:21:13.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand Rückfall hat, lerne ich als Therapeutin etwas wie es gegangen ist und er lernt etwas.

[00:21:23.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie steigen in eine Lernatmosphäre ein und das ist wichtig.

[00:21:29.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das soziale Lernen kann er dann reflektieren, dann kann er seine emotionalen Verletzungen
verarbeiten.

[00:21:38.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage immer er, es gibt mehr süchtige Männer, aber es gibt auch Frauen.

[00:21:43.500] – Dr.med. Ursula Davatz

Über das Reflektieren kann er dann sein emotionales Hirn wieder freimachen und weiter lernen.

[00:21:51.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kann verarbeiten und kann mit ihnen zusammen verarbeiten.

[00:21:55.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum kann es hilfreich sein, dass sie als Arbeitgeber fragen: Ja, jetzt hast du drei Tage gefehlt, was ist
dir durch den Kopf gegangen?

[00:22:04.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast du etwas gelernt dabei? Hast du etwas herausgefunden?

[00:22:07.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss nichts abliefern, aber sie zeigen ihm, sie wollen, dass er reflektiert.

[00:22:14.080] – Dr.med. Ursula Davatz
So haben sie eine therapeutische Wirkung.

[00:22:17.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mal eine Weiterbildung gemacht für eine Firma zum Thema Suchtverhalten.

[00:22:23.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hat meistens das so gehandhabt, dass sie gesagt haben, wenn du noch einmal betrunken an die
Arbeit kommst, dann verlierst du deine Stelle.

[00:22:34.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist negativ konditionieren und sicher hat der Süchtige dann immer die Stelle verloren.

[00:22:40.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn es ist ja ein reflexartiges Verhalten, das er gar nicht steuern kann.

[00:22:45.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kann es nur lernen zu steuern, wenn er lernt, wenn er seine Probleme verarbeitet.

[00:22:51.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann gesagt nein, man muss es umkehren.

[00:22:54.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit du bei uns weiter arbeiten kannst, wollen wir, dass du daran arbeitest.

[00:22:58.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre wieder das Lernen. Also man motiviert das Lernen und man arbeitet nicht mit Bestrafung.

[00:23:06.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Suchtbereich mit Bestrafung zu arbeiten, kann man vergessen. Aber es wird gemacht, wird immer
noch gemacht, es wird im stationären Bereich gemacht.

[00:23:14.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Im ambulanten geht es nicht.

[00:23:16.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber der stationäre Suchtbereich ist für sich und es wird immer noch mit Bestrafung gearbeitet.

[00:23:25.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, ich will nicht gegen den stationären Bereich negativ reden.

[00:23:38.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Im stationären Bereich, wenn ein fauler ein Apfel darunter ist, steckt er alle anderen an.

[00:23:46.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum muss man halt sagen: Wenn du da ständig Suchtmittel hinein bringst, dann steckst die Anderen
an, dann können wir unsere Arbeit nicht machen und darum muss ich dich rausnehmen.

[00:23:58.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht mit der Haltung, ich tu dich jetzt raus und dann lernst du dann nicht mehr zu konsumieren.

[00:24:03.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert überhaupt nicht.

[00:24:06.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist jahrelang gemacht worden.

[00:24:08.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte jetzt schon länger nicht mehr mit dem stationären Bereich zu tun.

[00:24:11.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich solche dann ambulant habe, dann höre ich es wieder.

[00:24:16.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man meint immer mit Bestrafung und Belohnung können wir Sucht wegbringen.

[00:24:21.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht stimmt das.

[00:24:23.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es nur wegbringen mit Lernen.

[00:24:28.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären so ein bisschen meine theoretischen Ausführungen und jetzt möchte ich sie gerne dazu
auffordern, dass sie mehr Fragen stellen, mir widersprechen oder was auch immer.

[00:24:39.330] – Bemerkung 1
Ich hätte gerne ein Beispiel, das geblieben ist, damit man etwas lernen kann. Damit wir einen Ansatz
haben, wie man etwas lernen kann.

[00:25:47.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einen Drogensüchtigen gehabt, der ist im Methadon Programm gewesen.

[00:26:06.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Offiziell hat es geheissen, wenn der Süchtige zusätzlich zum Methadon Programm konsumiert, dann
muss ich ihn rausschmeissen.

[00:26:16.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Bestrafen mit rausschmeissen aus dem Programm.

[00:26:20.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er ab und zu dazu konsumiert und dann hat er mich immer ganz schüchtern gefragt:
Schmeissen sie mich jetzt raus?

[00:26:26.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich gesagt: Nein, ich schmeisse sie nicht raus, denn ich sehe, sie machen kleine Fortschritte.

[00:26:34.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit musste ich seine Geschichte ein bisschen aufarbeiten.

[00:26:37.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Der ist ein Adoptiv-Kind gewesen. Die Mutter hat sehr negativ geredet von diesen Kindern.

[00:26:45.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihn dazu gebracht, dass er mehr von seinen Gefühlen sprechen konnte, was ihn verletzt, was
ihn stört.

[00:26:56.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Also dass er über sich und seine Gefühle sprechen konnte.

[00:26:57.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach zwölf Jahren sozialem Lernen, es hat lange gedauert, konnte er dann das Methadon absetzen,
konnte seine Schmerzmittel absetzen, er hat an Gewicht verloren, er hat Schlafmittel abgesetzt und als er
die Suchtmittel abgesetzt hatte, hat er gesagt: Jetzt erlebe er die Welt viel besser als vorher, also
intensiver als wenn er Suchtmittel konsumiert.

[00:27:33.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat sein normales Gehirn wieder gehabt und die Welt ist wie neu für ihn wieder aufgegangen.

[00:27:37.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einen anderen gehabt, das ist ein Erwachsener gewesen, Alkoholiker, und dem habe ich immer
sagen müssen, was hat sie verletzt, wo sind sie gekränkt worden?

[00:27:50.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Der hat mit der Zeit Kontakt zu seinen Gefühlen bekommen und hat dann auch reden können, hat das
sagen können in der Beziehung zu seiner Frau und hat dann mit Freude schlussendlich sagen können:
Ja, ich fühle mich jetzt richtig gut.

[00:28:07.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor der Zeit hat er sich nur immer schuldig gefühlt und schlecht gefühlt.

[00:28:10.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist natürlich eine sorgfältige therapeutische Begleitung gewesen.

[00:28:14.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht zwölf Jahre gegangen und es hat ein paar Abstürze dazwischen gegeben.

[00:28:18.860] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich ist das Lernen gelaufen über das, dass ich immer nach seinem Zustand gefragt habe.

[00:28:27.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist hinten dran? Was hat sie bedrückt? Was hat sie aus dem Gleichgewicht gebracht?

[00:28:42.720] – Bemerkung 1
Das ist ein guter Ansatz, Danke.

[00:28:51.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wissen sie, in dem sie ihn fragen, ja, was hast du jetzt gelernt? Was hast du dir überlegt? Sie müssen
nicht ewig mit ihm reden. Sie geben ihm nur den Anstoss und da passiert schon viel.

[00:29:05.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben dann wieder Kontakt mit ihm in der Arbeit und dann vielleicht fällt das und jenes Wort.

[00:29:11.680] – Dr.med. Ursula Davatz
So läuft dann das Soziale Lernen weiter.

[00:29:15.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind mehr mit dem Patient, also mit dem Mensch dann zusammen, wo man kann merken, ob er sich
mehr für sich selber einsetzt.

[00:29:29.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur indem sie die paar Fragen fragen, die ich gesagt habe und dann fragen, was hast du gelernt von
deinem letzten Absturz, motivieren sie ihn zum Lernen.

[00:29:44.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gehen sie zur Arbeit.

[00:29:46.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss keine langen Litanei bringen.

[00:29:49.480] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie geben einen Reiz, indem sie fragen.

[00:29:53.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem zeigen sie auch, er ist ihnen nicht gleich. Sie sind interessiert.

[00:30:03.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Denken Sie, das geht neben der Arbeit her?

[00:30:07.630] – Bemerkung 2
Ich habe jemanden der versagt hat gefragt: Und was machst Du jetzt mit dem?

[00:30:17.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ok.

[00:30:19.920] – Bemerkung 2
Ich habe gemerkt, er hat sich Gedanken dazu gemacht. Er hat begonnen sich damit
auseinanderzusetzen.

[00:30:29.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist genau das Beispiel.

[00:30:36.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, er hat sich Gedanken gemacht und Gedanken machen, Reflektieren ist lernen.

[00:30:43.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man den Inhalt ins Grosshirn tun und dort ablegen und dann braucht es viel weniger Platz, als
wenn es ständig im emotionalen Hirn umher schwirrt.

[00:30:57.730] – Bemerkung 2
Danke.

[00:31:12.420] – Bemerkung 3
Jemand versucht den ganzen Tag nur seine Beziehung zu klären und ist dann den ganzen Tag damit
beschäftigt, weil seine Beziehung ungeklärt ist. Wie kann man ihm mit seiner Beziehung helfen?

[00:32:10.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser emotionales Hirn ist zuständig für die Beziehung.

[00:32:11.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn in dieser Beziehung etwas nicht gut ist, dann geht es ihm nicht gut.

[00:32:21.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagen er braucht viel Zeit um seine Beziehung zu klären. Da würde ich sagen, sie sind nicht
verantwortlich für die gute Beziehung.

[00:32:36.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass sie die Beziehung nicht abbrechen, dass sie aber auch nicht verantwortlich sind, dass er
klar damit kommt.

[00:32:48.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen in dieser Beziehung, die sie haben mit dem Mitarbeiter, dürfen sie ihre Position beziehen,
sagen, wie sie es sehen.

[00:32:57.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können ihn fragen, wie er es sieht. Wenn er es nicht sagen kann, dann können sie sagen OK, ich
lasse dir Zeit, du kannst darüber nachdenken, aber jetzt beginnen wir mit der Arbeit.

[00:33:06.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht den ganzen Tag die Beziehung klären.

[00:33:12.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man sonst das Problem.

[00:33:17.420] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Psychoanalyse, da geht man viermal in der Woche und tut nur immer an der Beziehung arbeiten.
Der Therapeut sagt nicht viel und der Patient ist frustriert. Sie sind nicht verantwortlich für sein
Wohlbefinden.

[00:33:35.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind nur verantwortlich für ihren Teil in der Beziehung.

[00:33:39.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie irgendetwas gemacht haben, wo sie ihn verletzt haben und sie haben eine Idee, das hätte ihn
verletzen können, dann können sie sagen: Habe ich dich verletzt mit dem und dem?

[00:33:51.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Habe ich dich verärgert? Habe ich dich beschämt?

[00:33:53.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können das alles fragen nach diesen Gefühlen.

[00:33:56.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht sagt er etwas, vielleicht nicht.

[00:33:58.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben doch gefragt.

[00:34:01.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Patient nichts sagen kann, dann kann man sagen Okay, ich habe jetzt mal gefragt, du darfst
überlegen und jetzt wird gearbeitet.

[00:34:10.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen dann nicht an der Beziehung hängenbleiben.

[00:34:13.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Es genügt, wenn sie sich öffnen, dass sie über das reden können, dass sie nicht Angst haben dafür.

[00:34:20.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen nicht Verantwortung übernehmen für sein Wohlbefinden.

[00:34:25.380] – Bemerkung 3
Es blockiert ihn fast den ganzen Tag. Ich bin immer dran mit ihm die Beziehung zu klären.

[00:34:36.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können nicht stundenlang mit ihm dran sein, um seine Beziehung klären.

[00:34:44.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind sie schon ein Co-Süchtiger.

[00:34:47.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind sie schon eingestiegen ins Suchtverhalten.

[00:35:06.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er die Beziehung nicht klären kann, kann er nicht weiter arbeiten?

[00:35:14.490] – Bemerkung 3
Ja.

[00:35:16.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht ihr Auftrag, dass sie dann immer weiter Beziehung klären.

[00:35:22.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier müssen sie dann sagen, ich habe jetzt gesagt, was ich kann. Wenn das nicht genügt, dann springe
dreimal ums Haus herum oder mach irgendwas anderes Motorisches.

[00:35:34.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Gefühle kann man nicht mit Intellekt in den Griff bekommen.

[00:35:40.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nur sein Verhalten in den Griff bekommen im Sozialkontext.

[00:35:45.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Gefühle kann man nie mit so rum studieren in den Griff bekommen.

[00:35:50.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann würde ich abbrechen und sagen, ich glaube jetzt bringt es nichts mehr, jetzt drehen wir uns im
Kreis.

[00:35:54.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt geh, weiss ich nicht was, Kniebeugen machen oder ums Haus springen. Einfach etwas ganz
anderes. Geh in die Handlung.

[00:36:06.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie häufig meinen Menschen, sie können ihre Gefühle steuern über ihren Intellekt.

[00:36:12.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, geht nicht.

[00:36:15.200] – Dr.med. Ursula Davatz

Das meint man.

[00:36:16.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man mehr darüber redet, dann hat man es besser im Griff. Nein, nicht.

[00:36:19.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nur über das Geschehen reden.

[00:36:22.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Gefühle kann man nicht im Griff haben.

[00:36:24.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Die, die kommen und gehen.

[00:36:26.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Gefühle kann man verscheuchen, indem man in eine Handlung geht.

[00:36:34.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können sie ihm sagen, jetzt wird nicht mehr darüber nachgedacht, jetzt gehen wir in die Handlung.

[00:36:41.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind sie der Chef. Macht das Sinn? Was denken Sie?

[00:36:52.430] – Bemerkung 3
Ja, das habe ich verstanden. Ich würde ihm gernen einen Tipp mitgeben.

[00:37:07.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, aufhören. Da wollen Sie schon helfen. Geht nicht.

[00:37:14.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Tipp ist: jetzt reden wir über die Handlung, jetzt reden wir nicht mehr über die Gefühle.

[00:37:21.260] – Bemerkung 3
Ok.

[00:37:22.160] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ist ein Tipp. Das ist ein Befehl sogar, denn sie sind ja der Arbeitgeber.

[00:37:28.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sage ich, jetzt gehen wir in die Handlung.

[00:37:32.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht: was könnte er machen? Denn dann sind sie der Therapeut. Das müssen sie nicht. Sie können ihm
befehlen: jetzt gehen wir in die Handlung.

[00:37:43.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er das nicht kann, dann sagen sie dann: renn um das Haus rum, also irgendetwas Motorisches,
denn er geht gedanklich immer wieder in das gleiche Zeug hinein.

[00:37:55.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Was man noch machen könnte, wenn es jemand ist, der schreiben kann, okay, hier du hast ein Blatt
Papier, jetzt schreibst du auf, was der Verlauf ist.

[00:38:04.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber sie machen dann etwas anderes. Sie dürfen sich nicht hineinziehen lassen in das Karussell. Macht
das Sinn?

[00:38:15.480] – Bemerkung 3
Ja, auch.

[00:38:17.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Tipp ist der Befehl, dass man in die Hand geht.

[00:38:23.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum sage ich, sie dürfen nicht helfen.

[00:38:27.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen nur ihre Position beziehen.

[00:38:30.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Position ist, ich bin dein Vorgesetzter und jetzt gehen wir in die Handlung.

[00:38:34.480] – Dr.med. Ursula Davatz

Jetzt haben wir genügend geschwatzt. Kann ich es da stehen lassen?

[00:38:47.720] – Bemerkung 3
Ja, das ist gut?

[00:38:50.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Traumatherapie, wenn man ein Trauma hat, da kommen einem immer wieder die negativen Gedanken.
Da macht man etwas ganz einfaches, da macht man das EMDR, die motorische Bewegung, die ich auch
schon gezeigt habe, dass man die Finger hin und her bewegt, mit den Augen nachgeht und den Kopf
ruhig halten muss. Drei koordinatorische Bewegungen.

[00:39:16.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo ich die Koordination mache, kann ich nicht denken.

[00:39:19.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Schwatzen kann ich, denken nicht.

[00:39:22.160] – Dr.med. Ursula Davatz
So einer, der den ganzen Tag die Beziehung klären will, der will alle Probleme mit dem Denken lösen,
funktioniert nicht.

[00:39:29.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es ja den Spruch, probieren geht über Studieren.

[00:39:34.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss in die Handlung gehen. Das lenkt einem dann wieder ab von dem Hamsterrad, von dem
gedanklichen Hamsterrad.

[00:39:44.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist das noch etwas?

[00:39:48.970] – Bemerkung 3
Ja, das ist für alle wichtig.

[00:39:53.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer hat noch Fragen?

[00:40:02.010] – Bemerkung 4
Wir haben eine Person bei uns, die sich nicht korrekt abmeldet wenn sie nicht kommt. Ich habe schon viel
probiert, SMS schreiben, Strafen, mit Beziehung. Irgendwie geschieht nichts. Wir sind seit Jahren am
gleichen Ort. Haben Sie einen Ratschlag?

[00:40:56.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist er süchtig?

[00:41:06.960] – Bemerkung 4
Er ist nicht voll süchtig. Es ist schon auch ein Thema.

[00:41:19.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sich einer nicht abmeldet, der ein Suchtproblem hat, dann hat er ja vielleicht ein Reissen, jetzt
muss ich unbedingt Suchtmittel konsumieren gehen, sonst halte ich es nicht aus. Er kann ihnen nicht
sagen: Ich muss jetzt gehen, ich muss jetzt Suchmittel konsumieren. Da würde er sich schämen.

[00:41:30.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde ihn mal fragen: meldest Du Dich nicht ab, weil Du das reissen hast und weil du nicht zu dem
stehen kannst?

[00:41:56.420] – Bemerkung 4
Am Wochenende ist er im Ausgang. Er postet das in seinem Status, wir sehen das. Dann kommt er am
Montag nicht.

[00:42:15.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, man kann es trotzdem verwenden. Wenn er am Sonntag einen Absturz hat und er kommt am
Montag nicht oder irgendetwas ganz anderes.

[00:42:24.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kann sich nicht abmelden, denn wenn er sich abmeldet, dann heisst das, er funktioniert nicht recht.

[00:42:30.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihnen gegenübertreten und sagen ich habe einen Hangover oder ich habe das oder das oder jenes. Da
muss er zugeben, dass er ein Problem hat.

[00:42:41.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind wir wieder bei der Sucht.

[00:42:45.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht ist eine Schande. Man hat sich nicht im Griff. Es ist ein Kontrollverlust.

[00:42:51.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können sie ihn einmal fragen: genierst du dich, dich abzumelden, weil du es eigentlich ja richtig
machen willst und weil du Angst hast, du bekommst von mir einen Zusammenschiss. Oder gibst du dir
einen Zusammenschiss, dass du es wieder nicht geschafft hast?

[00:43:08.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man dann sagen, wir wollen ja zusammen lernen.

[00:43:13.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Ärzte sagen das erste ist, dass man Freundschaft schliessen muss mit seinem Symptom.

[00:43:19.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn wenn man nicht Freundschaft schliesst mit seinem Symptom, dann schafft man immer dagegen.

[00:43:24.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerade bei solchen Sachen, die nicht so akzeptiert sind, dann will man das immer loswerden und dann
kann man nicht damit umgehen.

[00:43:32.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen ihm dann sagen: Mir macht es nichts, aber es wäre hilfreich wenn du zu deinem Tief oder
deinem Absturz oder was es auch immer gewesen ist, stehen.

[00:43:46.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihn fragen, ist es ein Schande für dich, wenn du es nicht kannst?

[00:43:49.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es einem geniert, dass man sagen muss: Ich kann dann nicht kommen, dann fühlt man sich
schlecht, man schämt sich und dann macht man gar nichts. Das ist ein Ausweichverhalten.

[00:44:01.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Süchtler sind natürlich Ausweicher.

[00:44:04.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht gegen sie. Er weicht vor seinem eigenen schlechten Gewissen aus. Er will nicht damit
konfrontiert werden.

[00:44:15.880] – Bemerkung 4
Ja doch, das macht Sinn. Das ist gut.

[00:44:20.040] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn dürfen sie ihn fragen, kannst du nicht anrufen, weil du dich genierst?

[00:44:27.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Schüler Absentismus zeigen und wenn sie eine Woche oder zwei nicht mehr in die Schule
gegangen sind, dann können sie nicht mehr gehen, weil sie sich genieren, wieder in die Schule zu gehen.
Wie könnten die anderen darauf reagieren? Darum schicke ich immer den Vater mit als Autoritätsfigur,
der ihnen den Rücken deckt, dass sie sich nicht so genieren müssen.

[00:44:51.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Scham ist etwas ganz Wichtiges bei der Sucht.

[00:44:59.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Suchtkrankheit ist natürlich nicht eine arrivierte Erkrankung.

[00:45:02.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Krebs Erkrankung ist eine Heldensache. Da schämt man sich nicht dafür. Vielleicht gewisse auch.

[00:45:08.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Suchtkrankheit ist moralisch verwerflich, denn man sollte ja eigentlich alles unter Kontrolle haben,
aber man hat es nicht. Das ist ein Reflex.

[00:45:19.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Griff zum Suchtmittel ist ein Reflex.

[00:45:25.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Gibt ihnen das ein bisschen eine Handhabung?

[00:45:31.820] – Bemerkung 4
Das ist ein guter Input.

[00:45:32.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist keine Unhöflichkeit, sondern ein Genieren vor sich selber, dass man sich nicht besser benimmt.

[00:45:42.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Scham ist etwas von Schlimmsten.

[00:45:47.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat man gar nicht gerne, ein unangenehmes Gefühl.

[00:45:53.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Prima. Weitere Fragen?

[00:45:56.770] – Bemerkung 5
Ich vermute, dass jemand ein Problem hat. Ich will aber die gute, langjährige Zusammenarbeit nicht auf
das Spiel setzen. Wir haben einen Verdacht. Wie soll ich das angehen?

[00:46:29.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist immer das Problem vom sogenannten fälschlicherweise verdächtigen.

[00:46:41.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist in einer Interaktion und ich sage allen, sie müssen nicht Angst haben, dass sie fälschlicherweise
verdächtigen.

[00:46:49.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nur von sich aus ausgehen.

[00:46:52.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen sagen: Hör zu, ich habe das Gefühl, ich habe den Eindruck, einfach von ihrer Wahrnehmung
her, dass da irgendetwas nicht stimmt.

[00:47:03.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das Gefühl, da ist irgendeine Suchtsubstanz im Spiel.

[00:47:09.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen nicht sagen: Ich meine, du bist süchtig oder du hast das und das konsumiert. Sie dürfen es
sagen.

[00:47:16.110] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann wird es natürlich vom Süchtigen geleugnet. Er geniert sich ja. Nein, nein, nein, gar nicht. Du tust
mich fälschlicherweise verdächtigen.

[00:47:25.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man sagen, ich gehe nur nach meinem Gefühl. Ich habe etwas vorgenommen, ich habe
etwas geschmeckt oder so ähnlich.

[00:47:35.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dir das sagen müssen.

[00:47:37.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das nicht einfach so im Raum stehen lassen wollen.

[00:47:39.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, wir lassen es stehen.

[00:47:41.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie zeigen, dass sie mit dem umgehen können und sie gehen von ihrem Gefühl aus, dann gibt ihm
das schon ein bisschen die Chance, dass er vielleicht später mal etwas sagen kann.

[00:47:54.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie wieder das Gefühl haben und wenn sie halt wieder irgendwas merken, dann sagen sie es
wieder.

[00:47:59.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können es nicht jeden Tag sagen. Sie müssen es ihm auch nicht beweisen aber sie dürfen nach ihrer
Wahrnehmung gehen.

[00:48:07.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihre Wahrnehmung ist ihre Wahrnehmung. Punkt.

[00:48:12.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Mindestens hat er dann gemerkt, sie nehmen etwas war.

[00:48:16.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er merkt, sie nehmen etwas wahr, gibt das ein bisschen den Anstoss um etwas zu machen
dagegen.

[00:48:27.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind kein Detektiv, sie sind keine Richter, sie müssen nicht richten.

[00:48:32.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe es schon gehabt mit einem sexuellen Missbrauch, wo ich dann gesagt habe, Mutter, du darfst
sagen, ich habe den Eindruck, da läuft irgendetwas.

[00:48:44.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man nur schon sagt, ich spüre irgendetwas, ja, da hört man auf seine Sinne, man tut seine
Wahrnehmung nicht einfach runter drücken und der Betroffene kann damit machen, was er will.

[00:48:58.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er sagt, du tust mich fälschlicherweise verdächtigen, dürfen sie sagen, nein, mache ich nicht. Ich
höre auf mein Gefühl. Sie haben das Recht auf ihr Gefühl. Er kann ihnen nicht sagen, du darfst das nicht
haben.

[00:49:11.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das Sinn?

[00:49:13.480] – Bemerkung 5
Ja, sicher. Das ist eine gute Idee.

[00:49:15.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind fast zu vorsichtig. Sie wollen ihn nicht verletzen. Aber sie tun dafür ihre Gefühle runter drücken
und das ist nicht gut.

[00:49:26.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen authentisch sein.

[00:49:29.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann ihnen niemand vorwerfen, dass sie das Gefühl haben. Das haben sie jetzt auch. Vielleicht ist
man auch falsch gelegen.

[00:49:38.950] – Bemerkung 5
Danke, super!

[00:49:43.060] – Bemerkung 6

Ich habe eine ähnliche Situation. Ich habe einen Teilnehmer, der meldet sich auch nicht ab, der kommt
dann einfach nicht. Wenn er wieder kommt, dann kommt er zu mir und sagt: Es ist nicht gut gelaufen.
Wenn ich ihm anrufe, dann erreiche ich ihn nicht. Ich will, dass er mich einfach anruft und sagt, dass er
krank ist. Dann höre ich wenigstens etwas.

[00:50:52.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Den würde ich, wenn er dann wieder kommt und sagt, es ist scheisse gewesen und es tut mir leid, aber
ich will nicht drüber reden.

[00:51:11.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde ihn fragen: hast du Dich geniert und darum nicht angerufen. Hier kommt wieder die Frage der
Scham.

[00:51:18.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, das verstehe ich. Ich hätte es aber trotzdem gerne, denn ich akzeptiere es.

[00:51:32.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nicht sagen, du kannst irgendetwas sagen, ich bin krank gewesen. Ich wäre da genauer.

[00:51:39.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde sagen, auch wenn du nicht darüber reden willst, was es gewesen ist, es ist nicht mein Auftrag,
ich bin nicht ein Therapeut.

[00:51:46.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage trotzdem, was ist gewesen? Was hat dich in die Scheisse hinein gedrückt? Kannst du das mal
für dich anschauen?

[00:51:55.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Also ich würde trotzdem diese Fragen stellen.

[00:51:59.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht darüber hinweg wischen und sagen ja, ja, du kannst mir einfach anrufen. Sie wollen beides. Sie
wollen, dass er anruft. Sie müssen zuerst fragen warum er nicht anruft? Weil er sich geniert.

[00:52:13.515] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie stauchen ihn nicht zusammen.

[00:52:13.830] – Dr.med. Ursula Davatz

Er kann sagen: ich kann nicht, ich bin im Loch oder ich habe einen Rückfall gehabt.

[00:52:19.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen auch noch, dass er darüber nachdenkt.

[00:52:22.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das dürfen sie. Macht das Sinn?

[00:52:25.760] – Bemerkung 6
Ja, ich hoffe es. Er erzählt mir immer sofort, weshalb er nicht gekommen ist.

[00:52:44.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat es ihnen schon erzählt. Dann sagen sie ihm, dass er noch darüber nachdenken soll, was ihn in die
Sache reingeritten hat.

[00:52:47.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Und sie sagen natürlich: Ich will, dass Du mir schneller anrufst, damit ich informiert bin. Dann kann man
noch nachfragen: Was ist der Grund, dass du das nicht kannst? Was hindert Dich dort?

[00:52:47.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir gehen immer genauer auf die Situation ein.

[00:53:16.640] – Bemerkung 7
Ich habe zum Beispiel einen begleitet, der hat zwei Tage durchgeschlafen, weil er Drogen konsumiert hat.
Wie findet man ein Lösung, dass er überhaupt fähig ist, zum Telefon zu greifen?

[00:53:32.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er so zu ist, dann ist er nicht fähig. Nein, dann ist es gefährlich.

[00:53:40.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich einen gehabt, der hatte dann eine Nervenlähmung am Fuss, weil er so lange geschlafen hat,
da hat er den Nerv abgedrückt.

[00:53:49.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, da können sie nicht so viel machen. Da kann man höchstens fragen, wer ist um dich herum? Gibt
es jemanden, der das wahrnimmt? Da kann man sagen, dann darf der anrufen.

[00:53:59.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht mehr in ihrem Bereich, das ist dann medizinisch.

[00:54:09.220] – Bemerkung 8
Ich habe einen Teilnehmer, da ist bekannt, dass er eine Suchtproblematik hat und man weiss, wenn er
Geld in die Finger bekommt, dann braucht er das, um seine Sucht zu befriedigen.

[00:54:21.430] – Bemerkung 8
Er arbeitet in einem Arbeitsbereich, wo es dann ab und zu wenig Geld gibt, wo er dann auch mitbekommt,
dass die Finanzen streng geregelt sind. Er ist noch zusätzlich in einem betreuten Wohnen.

[00:54:35.420] – Bemerkung 8
Da finde ich manchmal die Handhabung schwierig. Alle anderen bekommen Trinkgeld.

[00:54:40.790] – Bemerkung 8
Was macht der Arbeitsbereich? Soll man ihn bevormunden und ihm keine Trinkgeld geben?

[00:54:56.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, würde ich nicht. Also ich würde nie das Geld zurückhalten, damit er nicht Sucht-Substanzen kaufen
kann.

[00:55:04.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich ihm das Geld gebe, würde ich sagen, wenn man ihm das Trinkgeld gebe, würde ich fragen, für
was willst du es brauchen? Was hast du im Sinn damit zu machen?

[00:55:17.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht sagen, gib es nicht aus für Sucht-Substanzen, sondern intrinsische Motivation: für was willst du es
brauchen?

[00:55:26.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich vor kurzem ein Beispiel gehabt, das ist eine geistig Behinderte gewesen und die
Sozialpädagogin wollte, dass sie lernt zu Sparen.

[00:55:35.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat sie nicht gesagt, gib es nicht aus, sondern sie hat gesagt, sie haben miteinander abgemacht, dass
sie spart, um ihre Mutter einzuladen zu einem Kaffee.

[00:55:49.320] – Dr.med. Ursula Davatz

Es ist ein positives Ziel gewesen und nicht ein negatives. Negative Ziele funktionieren in der Regel nicht.

[00:55:57.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Patientin hat dann das hin gebracht, sie hat sparen können und sie hat die Mutter eingeladen. Sonst
hat sie immer alles einfach ausgegeben.

[00:56:05.450] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn können sie ihn fragen, für was willst du es ausgeben? Für das oder für das?

[00:56:10.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er dann ausweicht oder einfach nicht darüber reden möchte, weil er weiss, er will es wieder für
Sucht-Substanzen verwenden, dann können sie ihn fragen, für was anderes könntest du ihn ausgeben,
das dir eine nachhaltigere Befriedigung gibt?

[00:56:28.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute ist gerade das Wort des Jahres gekommen: Nachhaltigkeit.

[00:56:33.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch so eines.

[00:56:35.380] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn können sie ihn fragen, was würdest du noch gerne machen?

[00:56:39.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Langfristig und mit ihm schauen, was ihm Spass machen würde.

[00:56:45.650] – Bemerkung 9
Ich hatte schon die Idee, ihn intrinsisch zu motivieren. Spar auf das, dann kannst Du Deiner Tochter
etwas zu Weihnachten schenken. Ich habe einfach die Befürchtung, dass wenn man dann darauf
eingehen will und er das dann nicht schafft und dann zusätzlich in eine negative Spirale reinkommt, weil
er es nicht geschafft hat. Das Versagen wird dann grösser.

[00:57:15.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben ihm das schon vorgeschlagen, das ist dann schon nicht mehr ganz intrinsisch.

[00:57:18.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde noch eine Stufe zurückgehen und fragen: Was würde dir nachhaltig Freude machen, wenn du
was mit dem Geld machen könntest?

[00:57:27.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass er selber überlegen muss, was er will.

[00:57:30.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kann auch für sich etwas kaufen, oder der Frau.

[00:57:30.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss überlegen: Was will ich damit machen. Wir denken immer viel für unsere Klienten. Dann tun wir
sie mit dem bevormunden und dann gehen sie dagegen.

[00:57:49.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht mehr ganz intrinsisch.

[00:57:51.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee ist richtig gewesen, aber sie verstehen, was ich meine.

[00:57:55.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich weiss es nicht. Nein, wird nicht akzeptiert. Er muss überlegen, was er tolles machen könnte. Dann
kann er sich das zum Ziel setzen.

[00:58:00.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dann positiv motivieren, aber selber.

[00:58:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke fürs Mitmachen und ich hoffe, sie können ein paar von diesen Sachen nutzen, ausprobieren und
verwenden am Arbeitsplatz.

[00:58:24.940] – Bemerkung 10
Super, danke vielmals Frau Dr.med. Davatz für Ihre Zeit und für den interessanten Austausch. Es war
wirklich spannend.